Arbeitgeber, hört auf, die Mütter zu diskriminieren. Bitte.


In den letzten Tagen reden wir hier viel über Vereinbarkeit und wie Eltern mit ihren Kindern ein gutes Leben führen können. Jetzt müssen wir mal über den Wiedereinstieg nach der Kinderzeit reden und den Schwierigkeiten, die die meisten Mütter von mehreren Kindern begegnen, wenn sie wieder arbeiten wollen und sich bewerben. Und es mit einem Appell koppeln: Arbeitgeber, hört auf, die Mütter zu diskriminieren! 

Hierzu ein konkreter Fall und die Meinung von Sandra Runge, Arbeitsrechtlerin, Gründerin des „Co-Working Toddler“ und Autorin des Buches: „Don’t worry, be Mami.“

 (Mini-Werbung für Sandra an dieser Stelle ist hoffentlich OK!)

Diese Fragestellung einer Mutter hat uns über die Tollabea Community erreicht:

„Im ersten Quartal 2014 fiel ich (gemeinsam mit ca. 80 weiteren KollegInnen) – nach 14 Jahren Betriebszugehörigkeit – einer betriebsbedingten Kündigungswelle ‚zum Opfer‘. Den Beginn meiner zweiten Schwangerschaft hat sich das Schicksal bis ca. 4 Wochen nach Unterzeichnung der Aufhebungsvereinbarung aufgespart. Geschicktes Timing.!

Nach einer ausgedehnten Elternzeit suche ich nun seit einigen Monaten hochmotiviert, mit interessantem Werdegang und sehr guten Zeugnissen, den Wiedereinstieg in die Arbeitswelt. Aber irgendwie… es scheint schlicht, ich habe zwei Kinder zu viel. Immer wieder werde ich mit den gleichen Fragen konfrontiert: ‚Wer kümmert sich um die Kinder, im Falle von Krankheit, Ferien, Schließzeiten der Einrichtung?‘

Beiliegendes, sehr freundlich formuliertes, Schreiben habe ich vor 8 Tagen als Antwort auf meine gefühlt 6.247ste Bewerbung erhalten.

Vereinbarkeit_Personalabteilung

Es ist das erste Mal, dass ein Arbeitgeber soweit geht, diese ohnehin nicht erlaubten Fragen, auch noch schriftlich zu stellen. Ich habe tagelang überlegt und mich beraten lassen, was mit dieser Antwort anzufangen sei. Von ‚ignorieren‘ über Anwalt einschalten bis zur Presse waren alle Vorschläge dabei. Es handelt sich in diesem Fall um ein sehr kleines, regionales Unternehmen (< als 10 Angestellte), welchem ich schlicht Unwissen darüber unterstelle, dass diese Art von Fragen nicht gestattet sind, Schwindeleien meinerseits hingegen als Antwort erlaubt wären. Ich habe (für mich) entschieden, dass es nicht richtig wäre, dieses Unternehmen stellvertretend für all die größeren Firmen, welche mich im Laufe der letzten Monate mit ähnlichen Fragen im Gespräch konfrontiert haben, verantwortlich zu machen oder gar zu schädigen. Dennoch ist es mir ein Anliegen, es nicht stillschweigend hinzunehmen, sondern das Thema nochmals aufzurollen und Arbeitgeber und Mütter dahingehend zu sensibilisieren, dass es weder rechtens noch fair, sondern laut AGG diskriminierend ist, einer Frau den Wiedereinstieg in den Job dermaßen zu erschweren. Ich kann mir schließlich nicht vorstellen, dass sich ein Mann den gleichen Fragen im Vorstellungsgespräch gegenüber sieht. In meinem Bekanntenkreis – viele Mütter mit kleinen Kindern – kann beinahe jede Mutter von ähnlichen Begegnungen berichten.

Fragen an Sandra Runge von SmartMama– und die Antworten:

Liebe Sandra, die Fragen sind klar, unzulässig. Aber sind sie nicht irgendwie auch legitim?

Natürlich möchten Arbeitgeber gerne wissen, wie „verlässlich“ ein Arbeitnehmer ist und ob er den Anforderungen der freien Stelle gewachsen ist. Das darf jedoch nicht dazu führen, dass eine Mutter zur Kinder-Betreuungsfrage ins Kreuzverhör genommen wird und aufgefordert wird sich schriftlich dazu zu äußern. Jeder Bewerber sollte eine faire Chance in einem Bewerbungsverfahren haben – unabhängig von Anzahl, und Alter der Kinder, Betreuungssituation und Familienstand. Das Informationsinteresse des Arbeitgebers muss hinter den Persönlichkeitsrechten der Mutter und ihrem Recht auf ein diskriminierungsfreies Bewerbungsverfahren zurücktreten.

Wie kann man als Mutter mit dieser Situation umgehen?

Tatsächlich steckt die Bewerberin jetzt in einer schwierigen Situation. Aus meiner Sicht gibt es drei Möglichkeiten:

1. Die Bewerberin weist den Arbeitgeber in die Schranken und leitet rechtliche Schritte ein (Achtung, Ansprüche auf Schadensersatz wegen einer Geschlechterdiskriminierung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz müssen innerhalb von zwei Monaten nach Kenntnis der Benachteiligung geltend gemacht werden). Anmerkung Béa: Dagegen hat sie sich ja entschieden. Aber machbar wäre es. 

2. Sie antwortet ehrlich auf die unzulässigen Fragen – möglicherweise kommt man ja doch noch irgendwie zusammen. Das würde ich jedoch keinesfalls schriftlich, sondern mündlich in einem Gespräch klären, da die vom Arbeitgeber vorgeschlagene Verfahrensweise absolut unüblich ist. Falls die Betreuungssituation nicht optimal ist, wird sie den Job aber wahrscheinlich nicht bekommen.

3. Sie lügt und beschönigt die Betreuungssituation um ihre Chancen auf den Job zu erhöhen – was rechtlich zulässig ist. Dann bekommt Sie möglicherweise den Job, geht aber das Risiko ein, dass der Schwindel irgendwann auffliegt. Das kann ein Arbeitsverhältnis sehr stark belasten – schlimmstenfalls bis hin zu einer Kündigung aus vorgeschobenen, rechtlich nicht angreifbaren Gründen.

Sollte man nicht eher proaktiv die Kinder thematisieren und bereits Lösungen aufzeigen, bevor die Fragen entstehen?

Das kommt ganz auf die individuelle Situation an. Generell ist es sicherlich die beste und ehrlichste Lösung, die Betreuungsthematik proaktiv anzusprechen und aufzuzeigen, wie man die Betreuung der Kinder organisiert. Wenn man jedoch nur Absagen erhält, nicht zu Bewerbungsgesprächen eingeladen wird und dringend auf den Job angewiesen ist, kann ich es auch gut verstehen, dass man aus lauter Verzweiflung die Kinder aus dem Lebenslauf streicht, oder im Bewerbungsgespräch schwindelt um seine Chancen auf einen Arbeitsplatz zu erhöhen.

Was ist eigentlich die Lösung für die Zukunft – für Eltern und Arbeitgeber?

Eine Mandantin sagte neulich zu mir: „Wenn ich Überstunden bis 18 Uhr machen soll, aber die Kita um 16:30 Uhr schließt, dann ist das nicht nur mein Problem, sondern auch das Problem meines Arbeitgebers.“ Ich finde dieser Satz zeigt genau auf woran es hakt – und wo der Ansatz für die Lösung liegt: Arbeitgeber müssen Eltern bei ihren alltäglichen Herausforderungen, die Kind und Job mit sich bringen, aktiv unterstützen, mehr Verantwortung übernehmen und das Thema Vereinbarkeit zur gemeinsamen Sache erklären.

Vielen Dank, liebe Sandra, für diese Aufklärung! Und vielen Dank, liebe anonyme Mutter, dass du diesen Fall mit uns geteilt hast! 

Habt ihr auch so etwas erlebt?

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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4 Kommentare

Esther
Antworten 10. März 2017

Unglaublich! Mir wurden die Fragen zum Glück nie gestellt, weil ich immer von Anfang an klar gemacht habe, dass die Kinderbetreuung geregelt ist. Wahrscheinlich bin ich den Fragen zuvorgekommen. Wir leben seit 4 Jahren Das Modell Room and Care . WWW.room-and-Care.com. Unsere Mitbewohnerin wohnt mietfrei bei uns und unterstützt uns mit der Kinderbetreuung nach Absprache. Win-win für alle. Und wenn sie mal nicht kann, wenn Not am Mann ist, sprechen mein Mann und ich uns ab. Über die Seite www.room-and-Care.com können ab 1.mai alle Eltern Unterstützung finden. Schaut mal rein und helft mit die Seite zu verbreiten, damit viele win-win Partnerschaften entstehen können

Astrid
Antworten 10. März 2017

Nachdem ich selbst den Bewerbungswahnsinn als alleinerziehende Mutter erlebt habe, machte ich die Not zur Tugend und habe vor 8 Wochen Mama-sucht-Arbeit gegründet. Eine Personalberatung für Mütter. Meine erste Mutter ist bereits vermittelt und gerade ist eine weitere zu einem spontanen Bewerbungsgespräch unterwegs. Mit mir als "Türöffner" funktionierts also.
Was mir wirklich Sorgen macht ist die Kinderbetreuung. Einige Vermittlungen sind daran gescheitert, dass keine Randzeitenbetreuung vorhanden war oder der Weg von Wohnung, Kita und Arbeitsplatz eine halbe Weltreise wäre. Hier ist definitv von Seiten der Politik noch Verbesserungsbedarf. Denn das Recht auf einen Krippenplatz heißt noch lange nicht, dass die Krippe in der Nähe des Wohnortes oder Arbeitsplatzes liegt oder die Betreuungszeiten flexibel genug sind.

Christine
Antworten 11. März 2017

Ich wurde bei einem Vorstellungsgespräch gefragt wie es denn mit der Familienplanung aussieht. Da habe ich gesagt dass ich nichts dazu sagen werde.

Regina
Antworten 21. März 2017

Dass es heute immer noch so viel Diskriminierung gibt!...
Vor 40 Jahren sagte mir ein von seinen drei Schwangerschaften im Kollegium genervter Schulleiter: "Wenn Sie vorhaben, in den nächsten drei Jahren schwanger zu werden, bewerben Sie sich an einer anderen Schule!" (Er wurde übrigens mein erster und ansonsten tüchtiger erster Chef). Als ich dann aber 8 Jahre später meinem nächsten Chef von meiner zweiten Schwangerschaft Bescheid gab, freute er sich mit mir! Ich war eine von SIEBEN Schwangeren in einem ähnlich großen Kollegium einer anderen Schule. Sein Credo: "Eure Kinder sind unsere späteren Schüler/innen und damit Jobsicherung!" Seinem Vorbild habe ich versucht, als Schulleiterin selber zu folgen.

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