Digitaler Burnout – ein bedenkenswertes Buch von Alexander Markowetz


„Digitaler Burnout“ ist der Titel eines spannenden Buches, dessen Autor ich kennengelernt habe. Denn wenn ich nicht blogge und die liebe Tollabea Community manage, bin ich oft in spannenden Projekten eingespannt. In diesem Herbst durfte ich eine Veranstaltung der Boston Consulting Group in Wien unterstützen zum Thema „Zukunft:Jetzt!“ – es ging darum, wie klug unsere „smarte“ digitale Welt wirklich ist.

Auf dem Podium eingeladen war unter anderen Dr. Alexander Markowetz, Junior Professor für Informatik an der Uni Bonn. Er hat ein Buch geschrieben, das ich eigentlich am liebsten weit von mir weisen wollte: „Digitaler Burnout“. Ich las den Titel und dachte: „Hach Gottchen, schon wieder einer, der mir meine schöne digitale Welt und mein Smartphone kaputt reden will!“ Ich hatte gar keinen Bock, das Buch zu lesen…. und hätte ich als Koordinator nicht ein Telefongespräch zur Vorbereitung der Podiumsdiskussion mit ihm führen müssen, hätte ich das Buch nicht mit einem Blick gewürdigt! Wiederwillig fing ich an zu lesen… und wurde nachdenklich, dann angeregt und dann fühlte ich mich sogar in meinem Verhalten ertappt – aber auf eine humorvolle Weise. Verdammt gutes Buch… sage ich jetzt, und bin froh, dass ich es gelesen habe. Es hat auch eine Botschaft für Eltern.

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Darum geht es im Buch: Alex Markowetz hat mit seinem Team eine App entwickelt, die das Verhalten der Smartphone-Nutzer trackt. Die App merkt sich, wie oft ein Nutzer sein Smartphone einschaltet und was er so damit macht. Mutig habe ich versucht, sie im Apple Store zu finden, aber die gibt’s nur für Android. Es hätte bei mir nicht besser ausgesehen als beim Durchschnitt seiner Probanden: Drei Stunden täglich befassen wir uns im Schnitt mit unserem Smartphone, 55 Mal am Tag nehmen wir es zur Hand. Ständig sind wir abgelenkt, unkonzentriert, gestört. Was heißt das für uns, für die Gesellschaft, für unsere Kinder?  Diesen Fragen geht Alexander Markowetz in seinem brisanten Buch mit sehr flottem Schreibstil auf den Grund.

Ich habe an dem Abend der Podiumsdiskussion Alex als einen brillanten Redner und smarten Gesprächspartner kennengelernt (unter dem Link hier lohnt es sich, das Video anzuschauen – nicht nur er, sondern auch die anderen haben Kluges von sich gegeben). Deshalb habe ich ihm angeboten, euch hier das Buch näher zu bringen. Es liest sich leicht und liegt trotz allen Impulsen nicht schwer auf den Gehirnwindungen, sondern gibt gute Tipps, die man auch als Elternteil verfolgen kann.

Mit Einverständnis seines Verlages darf ich an dieser Stelle vier Passagen aus dem Buch zitieren, die ich für euch ausgesucht habe und sehr gehaltvoll und richtungsweisend finde:

Unsere Kinder müssen zum digitalen Wandel befähigt werden

Wir bilden unsere Kinder derzeit für Jobs aus, die demnächst wegfallen. Das ist eine Erkenntnis, die unter Vordenkern der Digitalisierung inzwischen als unumstößliche Wahrheit angesehen wird. Wir stehen vor einer Entwicklung, die gesellschaftlich gesehen nur mit der Industrialisierung des 19. und 20. Jahrhunderts zu vergleichen ist. Sie wird unsere Wirtschaft und Gesellschaft auf den Kopf stellen, und zwar radikal. Die erste Automatisierungswelle betraf vor allem manuelle Tätigkeiten, die mit Muskelkraft ausgeführt werden. Die Maschinen und Algorithmen, die menschliche Arbeitskräfte ersetzen, haben aber in den letzten Jahren durch Fortschritte in der Robotik und vor allem die exponentiell wachsende Rechnerleistung eine ungeahnte Leistungskraft entwickelt. So sind inzwischen nicht nur die Arbeitsplätze von Kassierern und Mechanikern durch Maschinen und Programme gefährdet, sondern auch Tätigkeitsfelder, von denen wir dies bisher nicht für möglich hielten: Einfache intellektuelle Fragen wie »Welche Finanzstrategie passt zu einem Kunden?«, »Was ist die schnellste Reiseroute von A nach B?« oder »Welches Buch ähnelt dem, das ich gerade gelesen habe?« können heute schon ohne weiteres von Computern beantwortet werden. Die nächste Welle der Automatisierung wird daher vor allem geistige Tätigkeiten betreffen und Jobs, bei denen es auf mehr als reine Muskelkraft ankommt. Durch den Einsatz von Robotern und anderen Technologien sind in Deutschland 59 Prozent aller Stellen gefährdet. Das haben Volkswirte der Bank ING DiBa auf Basis einer wissenschaftlichen Studie von Carl B. Frey und Michael A. Osborne errechnet. Besonders bedroht seien Sachbearbeiter und andere Berufsgruppen, die hauptsächlich typische Verwaltungstätigkeiten erledigen. Aber auch mehr als zwei Drittel der Stellen von Mechanikern, Fahrzeugführern und Maschinenbedienern sind bedroht, genauso hoch ist der Anteil im Einzelhandel und in anderen Dienstleistungsberufen. Als Eltern und Lehrer haben wir die Verpflichtung, unsere Kinder auf diese veränderte Welt vorzubereiten. Wir müssen die kommende Generation so ausbilden, dass sie die Chancen des technischen Fortschritts nutzen kann, statt ihm zu erliegen.

Kreativität und Aufmerksamkeit sind die Fähigkeiten des 21. Jahrhunderts

„Die Computer sind inzwischen zu perfekt geworden –es besteht kaum noch die Notwendigkeit, in der Freizeit daran herumzuschrauben. Was unsere Kinder brauchen, sind andere, »nichtperfekte« Freiräume, damit sie ihre Fähigkeiten auf spielerische Weise erweitern können. Kreativität ist essentiell, und sie kann auf vielerlei Arten hervorgelockt werden. Sie in die Curricula einzubinden, muss eine vordringliche Aufgabe sein. Denn nur mit einer Quelle der Kreativität in sich werden unsere Kinder später in der Lage sein, ihre Zukunft eigenständig zu gestalten und auf die wechselnden Anforderungen zu reagieren. Letztlich ist das Zusammenspiel aller genannten Faktoren wichtig: Denn selbst mit genügend Selbstbewusstsein und gemanagter Zeit bekommen unsere Kids später keinen Job, wenn ihnen Kreativität und Skills fehlen. Und umgekehrt laufen alle kreativen Schübe ins Leere, wenn ein junger Mensch nicht mehr zur Ruhe kommt, keinen Flow mehr findet, in dem er sich mit seinen Fähigkeiten austoben kann. Die Zeit, die Lehrpläne zu ergänzen und neue Formen des Unterrichts zu entwickeln, ist jetzt : Wenn wir uns nicht jetzt um die Zukunft unserer Kinder kümmern, steuern wir auf eine massive soziale Problematik zu. Ignorieren wir die Gefahren und setzen wir die Kinder ungeschützt und unkontrolliert einer Technik aus, die sie ihre gesamte Aufmerksamkeit kostet, lassen wir sie offen in den Digitalen Burnout laufen. Machen wir unsere Kinder also fit, um in einer Umgebung klarzukommen, die das von ihnen will, was in Zukunft den meisten Wert hat: die eigene Aufmerksamkeit.

Wichtig ist es, ihnen beizubringen, dass sie trotz oder gerade wegen ihrer Ecken und Kanten geliebt werden

„Es entsteht ein Success Theatre – ein Theater des Erfolgs. Diese geschönte Wirklichkeit kann jeden von uns unter Druck setzen. Und sie wirkt auf Jugendliche in der Findungsphase des eigenen Ichs noch viel belastender als bei Erwachsenen. Was ist der tiefer liegende Wunsch hinter diesem Verhalten? »Ich denke, dass Menschen ein Verlangen in sich tragen, auszudrücken, wer sie sind. Und ich denke, dass es das schon immer gegeben hat«, sagt Facebook-Gründer Mark Zuckerberg. Zuckerberg hätte auch sagen können: Wir wollen geliebt werden. Und deswegen versuchen wir mit allen Mitteln, Aufmerksamkeit zu erheischen –um den eigenen Narzissmus zu befriedigen und das Selbstwertgefühl zu boosten. Kinder müssen lernen, dass die Aufmerksamkeit, die ein soziales Netzwerk ihnen gibt, keine echte Liebe ist. Wichtig ist es, ihnen beizubringen, dass sie trotz oder gerade wegen ihrer Ecken und Kanten geliebt werden –und auch dann, wenn es bei ihnen im Leben mal nicht so gut läuft. Dass es stark sein kann, auch mal eine Niederlage einzugestehen, und dass wir durch Fehler am meisten lernen. Dass der Wert eines Menschen und seine Würde nicht in Klicks auszurechnen sind und auch ohne Likes nicht in Frage stehen.

Informatik lernen mit Schwerpunkt auf das, was nur Menschen können

»Eltern würde ich empfehlen, ihre Kinder etwas lernen zu lassen, was Maschinen nicht sehr gut können«, rät Andrew McAfee, der mit seinem Kollegen Erik Brynjolfsson vom Massachusetts Institute of Technology ( MIT ) mit The Second Machine Age ein Standardwerk zum Problem der Digitalisierung vorgelegt hat. »Computer sind zum Beispiel immer noch lausige Programmierer. Sie sind schlecht darin, herauszufinden, welche Fragen am dringendsten beantwortet werden müssen.« Ich kann dem nur zustimmen, vor allem, was das Programmieren angeht. Ich wäre kein Informatiker, wenn ich nicht glauben würde, dass meine eigene Disziplin bestens dazu geeignet wäre, unsere Kinder auf die Zukunft vorzubereiten. Informatik kann unsere Kinder mit den Mechanismen und Fallstricken der Digitalisierung vertraut machen. In der Informatik geht es letztlich darum, Probleme zu lösen. Dazu lehren wir algorithmisches Denken, um Prozesse und Vorgänge in einzelne Schritte zu zerlegen, Klarheit zu gewinnen und Lösungen zu entwickeln. Dies gilt nicht nur für Einsen und Nullen, sondern für alles, was uns umgibt. Der Informatiker findet eine komplexe und ungeordnete Welt vor, und wenn er sie fertigmodelliert hat, kann er sie durch Kästchen und Pfeile beschreiben. Eine solche Klarheit des Denkens ist ein gutes Rüstzeug –denn nichts ist in der künftig immer volleren und unstrukturierteren Welt wichtiger, um seinen Weg zu finden.“

Bringt schon ein wenig zum Grübeln, oder? Das Buch gibt es auch als Kindle-Ausgabe…. zum Lesen auf Tablets und Smartphones 😉

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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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