Ein Haustier namens Wutigel – Marlene Hellene über Trotzphase und Wut bei Kindern


Trotzphase und Wut bei Kindern ist ein nervenrzermürmendes Thema. Mit unserer Kolumnistin und Buchautorin Marlene Hellene könnt ihr darüber schmunzeln! 

Habe ich Ihnen schon von unserem Haustier erzählt?

Er ist uns zugelaufen. Ich habe ihn wirklich nicht angelockt oder so. Aber ich kenne ihn noch. Aus meiner Kindheit. Da hat er in meinem Bauch gewohnt. Und jetzt hat er es sich in den Bäuchen meiner Kinder gemütlich gemacht. Da liegt er, zusammengerollt und niedlich, voller lustiger Stacheln. Doch lassen Sie sich nicht von seiner Putzigkeit täuschen, er ist jederzeit zum Kampf bereit und nimmt dabei keine Rücksicht auf Uhrzeit und Ort.

Vor allem aber nimmt er jeden Anlass, seine Stacheln einzusetzen, dankbar an:

DER WUTIGEL

Beinahe täglich stürze ich mich mit den Kindern in das Vergnügen des Supermarktbesuches. Ein durchschnittlicher Supermarkt führt 1.500 Produkte. Das sind also 1.500 potenzielle Gründe für ein Kleinkind, auszurasten. Und dabei handelt es sich nur um die angebotenen Waren. Waren, die das Kind unbedingt will oder unbedingt nicht will, die angeschaut, ausprobiert, aufgegessen oder ausgespuckt werden wollen. Sofort und auf der Stelle! Hallo? Wenn das Kind den Joghurt gleich essen will, dann bietet man als gute Mutter natürlich Zeige- und Mittelfinger als Löffel an. Oder man ist ich, verweigert es, menschliches Besteck zu sein und schaut zu, wie sich das Kind kreischend vor Wut über den Boden rollt.

Wut

Da stehe ich dann also und träume vom zufällig vorbeilaufenden Castingdirektor, der jemanden für die Rolle des besessenen Kindes in der Neuauflage des Exorzisten sucht. Meist vergeblich. Dafür bekomme ich Blicke anderer Kunden, die irgendwo zwischen Mitleid und Abscheu angegliedert sind. Und an einem richtig schlechten Tag, dem Freitag, den 13. im Wutkalender, mischt sich Hilde Müller ein. Vielleicht heißt sie auch nicht Hilde Müller, vielleicht heißt sie Erna Schmidt oder Anneliese Schneider. Aber ich denke, sie haben ein Bild vor Augen: Hilde Müller ist +/- 70 Jahre alt, von Kopf bis Fuß in beige gekleidet und hilft, wo sie kann. „Was hat es denn? Hat es Hunger? Bestimmt ist es müde! Wann geht es denn abends ins Bett? Jetzt kaufen Sie dem armen Bobbele doch das Messerset…“.

In diesen Momenten bedarf es der Selbstbeherrschung eines tibetanischen Schweigemönches: Schließen Sie die Augen, atmen Sie ein, atmen Sie aus, wiederholen Sie das immer wieder und denken Sie dabei ans Meer. Nach etwa fünfzehn Minuten hat sich die Situation dann meist entspannt und mit etwas Glück, haben Sie auch nicht die Männer mit der lustigen weißen Westen abgeholt.

Aber der Supermarkt ist natürlich nur ein Lockmittel für den Wutigel. Es gibt Trilliarden weitere. Passen Sie da auf! Der Wutigel ist schnell und wachsam. Bereits die kleinste falsche Bewegung lässt ihn aufschrecken. Dabei lässt er sich auch nicht in die Karten schauen. Sie können ihm nicht trauen. Was ihn heute noch kalt lässt, kann ihn morgen schon die Stacheln spitzen lassen.

Versuchen Sie gar nicht erst taktisch zu handeln, denn SIE KÖNNEN NUR VERLIEREN.

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Das ca. dreijährige Kind fordert eine Apfelschorle. Natürlich ist es gerade ein schlechter Moment, weil Sie zum Beispiel auf der Toilette sind oder ein wichtiges Telefonat mit dem amerikanischem… ähm besser: kanadischen Präsidenten führen, indem es um nichts Geringeres als die Zukunft der Menschheit geht. Um den Wutigel aber nicht zu reizen, lassen Sie sofort alles stehen und liegen und eilen dem Kind zu Dienste. Sie schütten also Apfelsaft und danach Wasser… HALT! RENNEN SIE WEG! DER HÖLLENSCHLUND ÖFFNET SICH. Die Reihenfolge! Es ist die falsche Reihenfolge. Das Kind tobt, kreischt, schreit und windet sich, ob ihres fatalen Fehlers. Denn natürlich muss zuerst das Wasser und dann der Apfelsaft ins Glas. Was? Das wussten Sie nicht? Ja, können Sie ja auch nicht. Die richtige Reihenfolge ändert sich immer wieder. Und die Regeln macht ganz allein der Wutigel. Er wird Sie Ihnen aber nicht sagen. Er wir Ihnen auch nicht sagen, ob Sie heute gefahrlos das Brot in zwei Hälften schneiden, den roten Pulli auswählen oder das Kopfkissen im Kinderbett aufschütteln dürfen.

Anfangs dachte ich, ich könnte den Wutigel verscheuchen. Das ist natürlich Quatsch. Der Wutigel ist ein wahnsinniger Dickkopf. Wenn Sie mit ihm schimpfen, ihm drohen oder ihn zwangsräumen wollen, dann wird er stärker. Lassen Sie das besser. In manchen Momenten lässt er sich bestechen, da kann ein Gummibärchen ihn zum Rückzug überreden.

Aber wissen Sie, wie ich den Wutigel am besten entwaffne? Durch kuscheln.

Genau, ich halte das Kind, das ja die Behausung des Wutigels ist, so lange im Arm, bis der Wutigel ganz friedlich in seinem Nest einschläft. Dazu noch ein kleines Lied oder ein paar sanfte Worte und der Wutigel wird zum niedlichen Schmusekätzchen.

Seit der Wutigel sich sein Nest in den Bäuchen meiner Kinder gebaut hat, erinnere ich mich wieder sehr deutlich an meinen eigenen Wutigel. Ich hatte mir damals, vor über dreißig Jahren, einen ziemlichen großen, ziemlich zornigen eingefangen. Er hatte eine Macht über mich, die ich gar nicht richtig steuern konnte. Er überfiel mich und löste eine Wut aus, aus der ich ohne die Hilfe von Erwachsenen kaum raus kam. Schön war das nicht. Ich stand diesen wahnsinnigen Emotionen völlig hilflos gegenüber. Vielleicht habe ich deswegen auch viel Verständnis mit meinen Kindern, wenn der Wutigel sie besonders plagt. Und nein, das ist nicht immer leicht. Ich bin auch nur ein Mensch und der Wutigel ärgert mich bisweilen sehr. Aber tatsächlich richtet Liebe gegen den Wutigel mehr aus, als Strafe.

Bei Ihnen ist das alles ganz anders? Ja, bestimmt sogar.

Das ist gut so. Jedes Kind, jeder Mensch ist individuell. Daher bin ich auch kein Fan von Erziehungsratgebern. Ich denke, jeder sollte seinen persönlichen Weg finden. Holen Sie sich Rat, aber hoffen Sie nicht auf eine Pauschallösung nach dem Motto: „Fünf Wege aus der Trotzphase“.

Überhaupt finde ich das Wort „Trotzphase“ doof. Richtig doof sogar. Es ist so negativ behaftet. Als ob Trotz etwas schlechtes sei. Etwas, das schnell vorbei gehen soll.

Wikipedia sagt, Trotz sei ein Verhalten des Widerstandes. Das hört sich doch toll an, oder?! Stark und unabhängig. Und ist es nicht das, was wir uns für unsere Kinder wünschen, dass sie stark und unabhängig sind?!

Begleiten wir sie also dadurch.

Und wenn es mal ganz schlimm wird: Ans Meer denken und weiteratmen.

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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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