Geteiltes Sorgerecht und zwei Haushalte – wenn Eltern eine „richtige“ Entscheidung treffen müssen


Geteiltes Sorgerecht: Wenn alles gut läuft, gibt es eigentlich keinen Grund zu meckern. Wenn allerdings die ersten Schwierigkeiten zwischen Mama und Papa entstehen, fragt man sich: Ist dies das Beste für das Kind?

Folgender Sachverhalt kam in der Tollabea Community auf: Eine alleinerziehende Mutter erzählte, dass der Vater ihres dreijährigen Kindes darum bittet, seine Tochter öfter als geplant bei sich zu Besuch zu haben.

„Er möchte, dass sie jede 2. Woche quasi 5 Tage bei ihm verbringt (wir leben in derselben Stadt). Meine Tochter liebt Ihren Vater und er ist definitiv eine Bezugsperson, zu Hause ist gefühlt aber bei mir. Das kommuniziert sie auch so. Sie möchte zum Papa, aber es ist ihr zu lange. Er wiederum sagt, sie wird nie ihr zweites Zuhause als zu Hause empfinden, wenn sie nicht länger dort ist und nicht nur zu Besuch. Ich denke, es ist alles ok wenn sie bei Papa ist, aber sie freut sich jedesmal sehr und ist super anhänglich, wenn sie wieder zu Hause ist und sagt mir das auch so – dass sie nicht so lang von mir getrennt sein möchte.“

Jedoch befand die Mutter eine solche Regeländerung als zu viel Stress für das Kind.

Ich empfinde es als zu lange Trennung, für uns beide. Und ich weiß aktuell nicht, welche die beste Lösung ist. Außerdem habe ich Bedenken, dass ich meine Tochter ungewolltem Stress aussetze, indem ich versuche herauszubekommen, was das Beste für sie ist. Er wollte von Anfang an auf das Wochenmodell hinaus, ich sehe es aber eher so, dass sie eine feste Homebase braucht, von der sie starten und wieder ankommen kann.“

Etwas überfordert und ratlos nun bat sie um euren Rat:

„Welche Erfahrungen habt ihr mit diesem Modell? Wie geht Ihr als Mütter mit dem sich-vermissen um? Wird das irgendwann mal besser? Wie erklärt ihr das bzw. beantwortet ihr die Fragen? Vor allem: Wie vermittelt man trotz allem Sicherheit und Stabilität – ohne das Kind zu belasten?“

Hier sind einige Erfahrungsberichte und Lösungsvorschläge der Community

Klar, dass ein solches Thema polarisiert – selten bei uns – aber diesmal gab es eine kleine Lagerspaltung und zwar mit gegensätzlichen Meinungen:

JA, das Kind darf öfter zu Papa (14 Kommentare)
oder
NEIN, das Kind sollte nicht öfter zu Papa (16 Kommentare)

Aber ob JA oder NEIN – am besten können dies diejenigen beurteilen, die eine solche Situation hautnah erlebt haben, und deswegen geben wir hier die aus unserer Sicht wertvollsten Erfahrungsberichte wieder: 

Tanja Gellner erzählt: „Meine „Stieftochter“ ist jetzt 28 und darum kann ich dir nicht nur bei der Betrachtung der derzeitigen Situation berichten, sondern auch von den Spätfolgen. Wir haben das immer genauso gehalten, wie ihr es auch macht. Wir haben die Modelle auch immer mal wieder angepasst. Wir haben wirklich gedacht, wir tun dem Kind etwas Gutes – aber am Ende hatte ich das Gefühl, dass sie „heimatlos“ gewesen ist.“ Sie schlussfolgert daher: „Ich glaube, dass eine verlässliche, zentrale Bezugsperson wichtiger gewesen wäre als ein für die Eltern „gerechter“ Zeitplan. Ein echtes Zuhause, ein Fixpunkt im Leben – sowas darf man auf keinen Fall unterschätzen. Und wenn das deine Tochter mit ihren jungen Jahren  schon so konkret formulieren kann, solltest du sie wirklich ernst nehmen! Ich würde es jedenfalls nicht wieder so machen.“

Harte Worte. Allerdings gibt es auch positive Erfahrungen mit dem geteilten Sorgerecht.

Martina Görler erzählt von positiven Erfahrungen, in der eine ausgeglichene Wohnzeit bei beiden Eltern klappt: „In meinem Freundeskreis gibt es auch eine, bei der die Tochter im Wechsel eine Woche bei Mama ist und eine Woche beim Papa ist. Beide haben neue Partner und es klappt gut.“ Sie rät außerdem, es einfach mal auszutesten: „Versuchen und ggf. abbrechen. Sag der Kleinen,  dass du sie lieb hast und versuch ihr zu vermitteln, dass das für dich okay ist, dass sie bei Papa ist.“

Viele bedenken auch die Rolle und Rechte des Papas.

Melanie Schlieper sagt: „Wenn keine triftigen Gründe dagegen sprechen (wie Verwahrlosung etc.) sollte der Vater dieselbe Zeit mit seinem Kind verbringen dürfen, wie die Mutter. Kinder können auch zwei  Heime haben und niemand sollte bevorzugt werden.“

Einige merken auch an, dass die „Trennung“ zwischen Mutter und Kind zu einer nicht objektiven Wahrnehmung führen könnte.

„Ich glaube, die Mutter hat hier ein deutlich größeres Problem mit der Trennung und sucht für sich Gründe, ihr Kind nicht öfters abgeben zu müssen. Ich verstehe den Trennungsschmerz der Mutter, aber fair wäre tatsächlich, wenn das Kind mit Mutter und Vater gleich viel Zeit verbringen darf, damit er überhaupt die Chance hat, dem Kind ein zweites Zuhause zu geben“, sagt Melanie Schieper.

Aber bei genauem Hinschauen gibt es auch eine dritte Lösung. Wie wärs, wenn das Kind einfach selbst entscheiden würde? Immerhin waren 13 Leute dafür. 

„Einfach auf das hören was die Kleine gut findet!“ kommt es von Bianca Barth.

Yvonne Beyer ergänzt dazu: „Ich finde, dass die Kindmeinung zählt. Da ist die Entscheidung eigentlich schon gefallen, wenn es ihr zulange ist.“

Auch Janney Begemann rät: „Ich würde mich dem Kind anpassen und aus deiner Position dann auch das Kind in seinem Gefühl unterstützen.“

Allerdings ist hier auch mit absoluter Vorsicht vorzugehen (Anmerkung Béa): Es geht darum, zu verstehen und aufzuspüren, was das Kind will und es nicht mit direkten Fragen zu überfordern. Eine direkte Frage, bei wem es lieber wie lange sein möchte, kann es in einen totalen Gewissenskonflikt stürzen – es wird schnell das Gefühl bekommen, dass es darum geht, auszusprechen, wen es am liebsten hat. Und das ist unfair!

Also liebe Eltern: Es ist eine verdammt schwere Entscheidung. Aber vor allem an die lieben Papas: Manchmal lassen Mütter völlig außer Acht, dass ihr eure Kinder genauso liebt und euch wünscht, sie oft bei sich zu haben. Auch ihr habt natürlich, auch wenn sie nicht 9 Monate in eurem Bauch gehaust haben, eine starke Bindung zu euren Kindern. Das könnt ihr, mit Liebe und Besonnenheit, immer wieder anfügen!

Für mich hat eine aufgeteilte Wohnsituation zwischen beiden Eltern ganz gut funktioniert. Und als das absolute „Papa-Kind“  verstehe ich die enge Verbindung  zu dem Papa sehr gut, ich weiß, aber auch, dass meine Mama sich anfangs auch sehr schwer mit der Trennung getan hat.

Klar war nicht alles rosig. Nervig war machmal, dass ich manchmal nicht wusste, wo meine Lieblingshose ist – bei Mama? Bei Papa in der Wäsche? Oder in Papas Schrank? Vielleicht aber auch bei Mama in der Wäsche… Manchmal hatte ich mein Mathebuch (wirklich!!) bei jemandem verlegt und wusste nicht mehr, wo das war. Das wurde natürlich in der Schule nicht akzeptiert, aber das ist eine andere Geschichte.

Hauptsache das Kind wächst mit viel Liebe und Geborgenheit auf. Wenn es zwei Heime hat, in denen es sich wohl fühlt, was spricht dann schon dagegen? Wichtig ist, dass es immer das solide Gefühl hat, dass es von beiden Eltern geliebt wird – und sein Wohl wichtiger ist als alles andere. Ihr könnt auch den Brief an die Scheidungseltern bekommen, wofür Béa bereits von Ernstings Family mit dem Familienblogger-Award ausgezeichnet wurde!

Schließen möchte ich noch mit den liebevollen und ermunternden Worten von Zäärah Irona:
Du wirst dich mit der Zeit daran gewöhnen. Anfangs ist es hart, aber versuche das Positive daran zu sehen, wenn es so weit ist. Die Kleine hat euch zu gleichen Teilen, das klappt bei Trennungen ganz selten. Und du kannst mal ganz du sein, das ist auch wichtig. Du bist zwar in erster Linie Mama und das ist auch gut so, dennoch bist du auch eine eigenständige Frau die das Recht hat, auch mal was für sich zu tun und ihr Leben zu leben. Es ist eine reine Gewöhnungssache die Zeit braucht, aber es ist der richtige Weg! Sei lieb gegrüßt!“

Liebe Grüße,

Mounia

Mounia Jayawanth
About me

Ich - 23 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und reise- und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten. Und durch ein Praktikum bin ich nun bei Tollabea gelandet und werde hoffentlich weiterhin viel lernen und den Blog damit erweitern. :)

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3 Kommentare

Jana
Antworten 21. April 2017

Hallo, ich habe das Wechselmodell selbst in meiner Kindheit für 6 Jahre gelebt (8-14 Jahre) und kann der ersten hier zitierten Stimme zustimmen: Für mich wäre EIN festes Zuhause besser gewesen. In der Rückschau stelle ich fest, dass die wöchentlichen Umzüge sehr gestresst haben. Meine Eltern waren bemüht, aber diese Zerrissenheit zwischen zwei Hafen konnten sie nicht auffangen - sie haben es häufig wohl noch nicht einmal gemerkt, weil ich mir als Kind ebenfalls viel Mühe gab, dass alle zufrieden waren. Mir wurde erst im Erwachsenenalter klar, wie anstrengend dieses Lebensmodell für mich und meinen Bruder war. Das widerspricht keinem geteilten Sorgerecht und auch nicht der Möglichkeit, zu beiden Eltern eine enge Bindung zu pflegen (Stichwort Wochenende, Ferien, Telefonieren). Meiner Wahrnehmung nach scheuen Eltern mit dem Wechselmodell den Konflikt untereinander auf Kosten der Kinder. Die-/Derjenige, der sein Kind liebt, sollte ihm meiner Meinung nach eine feste Basis ermöglichen, auch wenn es nicht unter dem eigenen Dach ist.

Jeanette
Antworten 12. Juli 2017

Mein Sohn lebt seit fast 5 Jahren in einem Wechselmodell. Und ich muss sagen, meine Kraft ist langsam verbraucht. Mein Akku ist leer.

Das liegt daran, dass zwischen beiden Heimen eine Entfernung von 25 km liegt und das in der Großstadt.
Einigungen kann ich selten mit meinen Exmann treffen, er schiebt alles weit nach hinten. Rechtlich ist er aber so im Rahmen, dass ich keinerlei Dinge anfechten könnte. Will ich auch eigentlich gar nicht. Ich würde nur gerne die Entfernung verringern. Habe ihn gebeten näher zu ziehen. Es tut sich nichts. Die Innenstadt ist kein Wohnort für mich. Ich bin damals auch weggezogen, weil ich dort depressiv werde und immer ängstlicher.
Die Kita und jetzt auch die Schule ist genauso weit von mir weg. Ich fahre jeden Tag (in meiner Woche) fast 4 Stunden Auto zusätzlich zu meiner Arbeit.
Alles nur, weil Einigung nicht möglich ist.
Mein Sohn würde vermutlich am liebsten bei seiner Großtante bleiben, die ihn fast 100% betreut wenn er bei seinem Vater ist. Vater ist wenig da und für meinen Sohn auch nicht an erster Stelle.
Ich habe ihn letztens gefragt, wo er lieber sein würde.
Sein Zimmer bei mir ist ihm zu klein, kam als Antwort. Vermutlich auch nur, um mir nicht wehzutun.
Mir ist zum Heulen zumute, ich weiß einfach nicht weiter.

    Béa Beste
    Antworten 12. Juli 2017

    Vielen Dank für dieses Kommentar, wir würde dir gern tausend Kraftpakete schicken... Liebe Grüße, Béa

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