Was tun, wenn Jugendliche Depressionen und Selbstmordgedanken haben?


Vor einigen Tagen hat mich ein neuer Kommentar von einem jungen Mädchen zu dem alten Beitrag über den Suizid von Elternblogger Johannes Korten vom letzten Jahr erschüttert und in Alarmbereitschaft versetzt. Sie schrieb: 

„Hey. Ich leide selber an Depression. Ich mach aber keine Therapie, da es bis jetzt nur 2 Leute wussten. Meine Beste Freundin und ein guter Freund. Sie ist halt entstanden da ich Zuhause viel Stress hab. Ich fühl mich Zuhause einfach nicht willkommen oder so richtig Zuhause. Viele haben mir gesagt ich soll dann ins Heim aber ich trau mich nicht. Durch denn Stress Zuhause hab ich schlechte Noten bekommen. In der Grundschule 1/2 höchstens eine 3 und jetzt 3/4/5 und sogar 6. Ich hatte viele Selbstmordgedanken und wollte mich ritzen. Ich hatte einfach Panik auf den nächsten Tag. Konnte nicht schlafen, bin um ca. 1/2 Uhr eingeschlafen und wieder um 4/5 aufgewacht und es ging nix mehr. Ich weiß halt was täglich passiert wo ich jetzt nicht weiter drauf eingehen will. Und das krasse ist, ich bin erst 13. Ich dachte ich bekomm mein Leben in Griff aber nein. Ich weiß, dass ich eine Therapie brauche aber meine Mutter würde es nicht zulassen.“

Ich wollte schnell helfen und konnte mich dazu insbesondere mit meiner Bloggerkollegin Sarah Lojewski von Lotte&Lieke austauschen. Sie hat mir geraten, dass es am allerwichtigsten ist, dass die oder der Betroffene sich an das Kummertelefon für Jugendliche wendet unter der kostenlosen Rufnummer 116111. 

Damit diese Infos für Eltern und Jugendliche in Notsituationen aufzufinden sind, hier einige Fragen von mir mit Antworten von Sarah:

1. Wie kündigt sich eine Depression bei Jungendlichen an?

Das tückische an Depressionen bei Jugendlichen ist, dass die Symptome leider häufig gar nicht mit einer Depression in Verbindung gebracht werden. Vielmehr tun viele Erwachsene diese Symptome als „Begleiterscheinungen“ der Pubertät ab und dadurch bleibt sie oft unerkannt. Das wirklich tragische an dieser Sache ist, dass eine Depression bei Jugendlichen besonders gefährlich ist, denn sie neigen durch die Selbstfindungsphase der Pubertät eher zu Suizidgedanken. Sie kennen ihren Platz im Leben noch nicht und empfinden ihre Lage dadurch als noch viel auswegloser als erwachsene Menschen mit Depressionen. Dabei neigen Mädchen eher zu Selbstmordversuchen, wohingegen Jungs den Suizid vorwiegend auch wirklich durchziehen (Quelle: https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/depression-in-verschiedenen-facetten/depression-im-kindes-und-jugendalter).

In meiner Arbeit mit depressiven Jugendlichen habe ich verschiedene Ausprägungen der Krankheit erlebt. Gemeinsam hatten jedoch alle ein angeschlagenes Selbstbewusstsein, trauten sich weder etwas zu, noch glaubten sie daran für jemanden etwas wert zu sein. Die Null-Bock-Phase, die man ja auch aus der Pubertät kennt, ging jedoch über in Isolation. Sie verweigerten die Schule, blieben tagelang im Bett liegen und schlossen sich in ihrem Zimmer ein.

Viele Jugendliche, besonders Mädchen, wollten nicht essen und klagten ständig über Kopfschmerzen oder Übelkeit. Nicht selten nahmen die Jugendlichen dazu Drogen. Viele Mädchen ritzten sich.

Man sollte dazu wissen, dass Depressionen nicht nur als Krankheit an sich gesehen werden kann, sondern auch eine Begleit-Erkrankung von anderen psychischen Erkrankungen sein kann, wie die Borderline-Störung, eine Essstörung oder anderen Persönlichkeitsstörungen.

Eine problembelastete Familie oder traumatische Erlebnisse ziehen ebenfalls schnell eine Depression mit sich.

2. Was sollte ein Jugendlicher tun, wenn er spürt, dass er Selbstmordgedanken hat?

Das fatale an einer Depression ist eigentlich, dass die Betroffenen eher meinen, alles mit sich allein aus machen zu müssen. Sie halten ihre Probleme für unbedeutend, denken, dass sie von den Menschen um sie herum nicht ernst genommen werden, haben Angst sich zu öffnen oder schlichtweg keinen Antrieb, um etwas an ihrer Lage zu ändern. Deshalb ist ein wachsames Auge aus ihrem Umfeld viel wichtiger.

Sollte ein Jugendlicher dennoch merken: Mir geht es nicht gut und ich sehe aktuell keinen Ausweg mehr, dann sollte er/sie sich jemandem anvertrauen. Das kann irgendjemand sein, der ihnen nahe steht oder dem sie vertrauen. Oft sind es Freunde, manchmal tatsächlich eine Tante oder ein Onkel oder ein Lehrer/eine Lehrerin. Auch Schulsozialarbeiter/innen sind ein guter Anlaufpunkt.

Sollte es aber wirklich niemanden geben, bei dem sie das Gefühl haben, sich anvertrauen zu können, oder sie finden es vielleicht leichter anonym zu bleiben, dann gibt es dafür extra Anlaufstellen:

Die Nummer gegen Kummer 116111 (die übrigens auch eine Hotline für Eltern anbieten)

Chats und Foren, wie z.B. https://www.beratung4kids.de https://kummerchat.com oder https://www.jugendnotmail.de

…aber auch der Haus- oder Kinderarzt kann hier helfen und weiterleiten.

4. Was kann ein Jugendlicher tun, wenn die Eltern die Krankheit bagatellisieren?

Grundsätzlich kann ich aus meiner Arbeit mit Familien sagen, dass wenn Eltern die Sorgen und Nöte ihrer Kinder nicht ernst nehmen, tiefgreifende Probleme in der Beziehung bestehen. Diese Kinder und Jugendlichen suchen sich meist andere Vertrauenspartner, oftmals die Peergroup, also Gleichaltrige. Meistens ist das eh sehr sinnvoll (wird bei Selbsthilfegruppen auch oft genutzt), weil da eher eine Verbindung besteht. Die Jugendlichen können sich untereinander verstehen und sich miteinander identifizieren.

Wenn die Eltern eine diagnostizierte Depression bagatellisieren und tatsächlich keine Unterstützung bieten, damit es dem eigenen Kind besser geht, dann erfüllen sie ihre elterliche Pflicht nicht. Hier kommt dann das Jugendamt zum Einsatz….

Zwischenfrage: Müssen Jugendliche Angst haben, dass sie dann in ein Heim kommen?

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass das Jugendamt immer erst einmal beratend unterstützt. Viele denken zuerst an die Unterbringung in einem Heim, wenn sie vom Jugendamt hören. Die Wahrheit ist aber: die Unterbringung in einem Kinder- und Jugendheim kostet den Staat viel Geld und eigentlich sollen die Familien immer zuerst dabei unterstützt werden, zusammenzuwachsen.

Es gibt aber sehr wohl die Möglichkeit für Jugendliche zum Jugendamt zu gehen und darum zu bitten, nicht mehr bei den Eltern wohnen zu müssen. Das wird natürlich geprüft und auch nur erfüllt, wenn es wirklich keinen anderen Ausweg mehr gibt. Manchmal kann ein neues Zuhause auch bei Verwandten gefunden werden, bei denen die Jugendlichen sich besser aufgehoben fühlen und besser gesund werden können.

5. Was können Menschen tun, die vielleicht nicht zur Familie gehören, aber helfen wollen?

Na ja, das hängt ein bisschen davon ab, wie sie davon erfahren haben und wie man selbst damit umgehen kann.

Hat euch ein Freund oder eine Freundin erzählt, dass es ihm schlecht geht und er/sie Selbstmordgedanken hat? Dann seid für ihn/sie da. Nehmt ihn/sie in den Arm und seid ein guter Freund. Zeigt ihnen, dass ihr sie gern habt und dass sie euch wichtig sind. Sagt Ihnen aber auch, dass ihr dieses Geheimnis nicht allein tragen könnt und ermutigt sie dazu, mit einem Erwachsenen darüber zu reden, der weiterhelfen kann. Solltet ihr merken, dass sie trotzdem mit niemandem darüber reden, dann erzählt es euren Eltern und bittet sie um Hilfe.

Habt ihr nur irgendwo ein Gerücht gehört, hat euch jemand damit gedroht, wenn ihr Schluss macht, sich umbringen zu wollen oder habt ihr es in irgendeiner Gruppe im Internet gelesen, dann sprecht die Person privat darauf an. Sagt dieser Person, dass ihr euch Sorgen macht und ihr gern helfen wollt. Und auch wenn sie es abtun, sagen, dass es nur ein Scherz war, dann sprecht mit einem Erwachsenen oder vielleicht sogar dem besten Freund oder der besten Freundin dieser Person darüber. Nehmt es auf jeden Fall ernst, denn auch wenn diese Äußerungen vielleicht nicht ernst gemeint gewesen sind, können solche Drohungen auch immer ein Hilferuf sein. Vielleicht möchten diese Personen gar nicht sterben, aber sie möchten Aufmerksamkeit und damit sagen: mir geht es nicht gut!

Seid ihr jedoch Eltern, Lehrer, oder vielleicht sogar Familienangehörige, dann sprecht als erstes mit den Eltern darüber. Es sei denn, der Jugendliche hat es ausdrücklich verboten. Dann verletzt das Vertrauensverhältnis nicht. Er/Sie wird einen Grund dafür haben, seinen Eltern nicht zu vertrauen. Fragt den Jugendlichen, was er sich wünscht, was ihr mit dieser Information tut. Sie wissen oft ganz genau, was für sie geht und was nicht. Sagt Ihnen aber auch, dass ihr mit dieser Information auf jeden Fall etwas tun MÜSST. Auch ich unterliege in meinem Job nur so lange meiner Schweigepflicht, wie sich mein Gegenüber nicht selbst oder andere in Gefahr bringt.

Solltet ihr wissen, dass die Eltern vielleicht mit Unverständnis oder Ärger auf diese Information reagieren sollte, oder solltet ihr merken, dass sie ihrem Kind nicht helfen, dann könnt ihr diese Möglichkeit auch überspringen.

Ihr könnt gemeinsam mit dem Jugendlichen zum Jugendamt gehen und eine Beratung einholen. Die können wirklich am besten helfen, denn von dort aus kann der Familie geholfen werden, Therapeuten eingeschaltet werden oder sogar in dringenden Fällen die Polizei eingeschaltet werden.

Sollte das Jugendamt aber aus Angst doch keine Option sein, dann gibt es die Möglichkeit zu Beratungsstellen wie Profamilia, der Caritas, dem Roten Kreuz ö.ä. zu gehen und sich gemeinsam mit dem Jugendlichen beraten zu lassen.

Außerdem ist Aufklärung sehr wichtig. Ich finde in Schulen müsste über solche Dinge viel öfter gesprochen werden. Aber auch Eltern können ihre Kinder zuhause mit dem Thema konfrontieren. Sprecht mit euren Kindern über die Stimmungen in der Pubertät und was sie tun können, wenn es Ihnen oder auch Freunden über längeren Zeitraum nicht gut geht. Habt ein Auge auf eure Kinder. Wann hatten sie das letzte Mal wirklich ausgelassen Spaß? Haben Sie Freunde, mit denen sie reden können? Wie ist die Stimmung in ihrer Klasse? Bleibt in Kontakt zu euren Kindern, auch wenn sie sich pubertätsbedingt etwas zurückziehen.

Ganz wichtig ist aber: Hört auf euer Bauchgefühl.
Schreitet lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig ein.

Und wenn ihr der Meinung seid, dass dieser Jugendliche Hilfe benötigt, auch wenn er sie nicht annehmen will, dann schaltet lieber die Polizei oder das Jugendamt ein, anstatt nichts zu tun. Das Gefühl das ihr habt, kommt nicht von ungefähr. Vielleicht habt ihr die richtige Antenne für den Hilferuf des Jugendlichen und es tut ihm/ihr sicherlich gut, zu merken, dass sich jemand kümmert, als wenn alle wegschauen.

Vielen herzlichen Dank, liebe Sarah! Magst du uns noch kurz einiges zu dir sagen? 

Ja, gern! Ich arbeite seit fast acht Jahren als Sozialpädagogin in der Kinder-und Jugendhilfe, also immer eng mit dem Jugendamt, Therapeuten und der Schule zusammen. Ich habe als Familienhilfe problembelastete Familien beraten, habe mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen in einem Kinderheim bzw. Wohngruppe gearbeitet und jetzt vor meiner Elternzeit als Schulsozialarbeiterin. Dabei wurde immer besonders klar, wie wichtig es ist, die Probleme von Kindern und Jugendlichen ernst zu nehmen und sie als vollwertige Person wahrzunehmen. Wenn man mit ihnen auf Augenhöhe kommuniziert, dann öffnen sie sich auch leichter. Sie nehmen Rat eher an, wenn man sie nicht belehren oder übergehen möchte, sondern sie mit entscheiden lässt und ihnen und ihren Gefühlen respektvoll begegnet. Eigentlich muss man ihnen nur gut zuhören…

Béa: So, liebe LeserInnen, ich hoffe, dass euch das auch etwas bringt. Auch für gesunde Familien mit Kindern in der Pubertät, oder für Freunde, die sich gegenseitig helfen können: Lest zusammen das Interview, wenn es geht. Redet darüber. Nur wenn wir ein Bewusstsein schaffen für diese Art der Krankheit, helfen wir, dass sie weniger Tabu ist – und dass weniger darunter leiden… 

Liebe Grüße,

Béa

P.S. Ihr Lieben, Sarah hat ihr ihrer knappen Zeit zwischen Arbeit, Kinder und ihrem Blog Lotte & Lieke Zeit gefunden, diese wichtigen Fragen zu beantworten. Wenn ihr ihr ein Dankeschön zukommen lassen möchtet, dann schenkt doch ihrer Fanpage ein Like

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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3 Kommentare

Mi
Antworten 11. August 2017

Hallo! Ein wirklich guter und wichtiger Artikel. Was mir (als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin) noch fehlt, wäre eine kleine Sammlung, wo Eltern und Jugendliche Hilfe finden. Der Weg in eine Beratung oder Therapie ist nicht so einfach. Nur der Satz: Dann such dir Hilfe, das genügt oft nicht.
Vielleicht könntet ihr hier irgendwann so etwas veröffentlichen?

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