Kinder haben Liebe und Respekt verdient – keine Demütigung und Gewalt


Ihr Lieben, das ist ein Gastbeitrag von einer wunderbaren Mutter, die ich persönlich kenne. Sie kann das unmöglich selbst publizieren, deswegen schreibt sie sich das anonym von der Seele. Bitte lesen und verbreiten – damit mehr Menschen verstehen, was dies in Menschen auslöst. 

„Nennt mich einfach Optimistin. So heiße ich natürlich nicht, aber ich möchte mich heute seelisch völlig vor Euch öffnen und Euch, dem Internet, der ganzen Welt Dinge von mir erzählen, die ich in ihrer Gesamtheit noch keinem gesagt habe. Das schaffe ich noch nicht mit echtem Namen. Warum ich es trotzdem tun möchte? Ich habe den wunderbaren und wichtigen Artikel von Frau Mirau zum Thema Gewalt gegen Kinder gelesen und heute noch den Blogpost von Mittsommar. Beides berührte etwas in mir. Ich selbst habe in meiner Kindheit Gewalt erlebt, obwohl ich (fast) nie geschlagen wurde. Ich möchte mit meiner Geschichte an der Blogparade auf geborgen-wachsen.de teilnehmen, weil sie für mich ein Grund für gewaltfreie Erziehung ist und ich es wichtig finde, sowas mal zu sagen. Denn die meisten Kinder, denen es zu Hause nicht gut geht, bleiben ja stumm.

Ich möchte mal den Mund aufmachen. Und habe ich die Möglichkeit, dies zu tun.
Ich bin euch dafür sehr dankbar!

Meinem Vater musste immer alles nach seinen Plänen gehen. Ein unperfektes, manchmal müdes oder launisches Kind brachte ihn da sehr schnell auf die Palme. Er fühlte sich nicht ernst genommen, nicht respektiert und dann schlug er los, meist nur verbal. Als ich zum Beispiel ein Mal in einem Imbiss zickte – ich erinnere mich heute nicht mehr, weswegen, wollte ich keine Pommes, oder doch ein Hähnchen? – schrie er mich vor allen Anwesenden zusammen, nannte mich unerträglich, eine Zumutung und unfähig. Natürlich musste ich ihm dann beim Essen zuschauen und bekam auch den Rest des Tages nichts mehr zu essen. Ich erinnere vor allem dieses Gefühl, nutzlos und ein furchtbarer Mensch zu sein, mit dem man nicht ein mal einen Döner essen gehen kann.

Eine andere Begebenheit, die ich nie vergessen konnte, ereignete sich einmal, als ich meine täglichen Pflichten erfüllte. Wir hatten nämlich einen Hund, der seine Notdurft immer in unserem Garten verrichtete und ich hatte jeden Tag mehrfach mit einem Buddeleimerchen und Schippe die Häufchen aufzuheben. Mein Vater schritt den Garten regelmäßig zur Kontrolle ab. Ein Mal habe ich ein etwa daumennagelgroßes Stück übersehen. Ich lachte, och, das kleine Bisschen. Um mir diese Respektlosigkeit auszutreiben, drückte er es mir ins Gesicht. Oder er verpasste mir, weil ich beim Essen nicht aufhörte zu zappeln, einen dermaßen Nackenhieb, dass ich (etwa 5) mit dem Kinn auf die Tischplatte knallte und ich musste den Rest des Essens leise vor der Tür stehen.

Ich möchte hier keine lange Liste dieser Ereignisse erstellen, es waren viele. Das bringt niemandem etwas. Der Punkt ist: Nein, er hat mich nicht verprügelt. Aber er hat meine Würde verletzt, meine Sicherheit, mein Gefühl, als Kind Rechte zu haben. Und das Schlimmste: Er gab mir immer das Gefühl, wertlos und eine schwere Prüfung für einen Vater zu sein, der doch nur das Beste wollte.

Erst jetzt, wo ich selber Mutter bin, sehe und verstehe ich besser, was Kinder ausmacht, wie Kinder sind und dass ich mich damals ganz normal kindlich verhalten habe. Er hatte kein Recht mich anzuschreien und herabzusetzen, weil ich langsamer lief, als er, oder neue Dinge nicht schnell genug lernte. Niemand hat das Recht, Menschen, egal wie jung oder alt, zu demütigen, herabzusetzen. Das ist keine Erziehung, das ist Qual.

Und falls sich jetzt jemand fragt, was solcher Umgang mit einer Kinderseele macht, was er mit diesem Kind gemacht hat, dem muss ich leider gestehen, dass ich ein Kind mit starken Suizidgedanken war. Wie oft dachte ich an stark befahrenen Straßen oder auf dem Bahnsteig: „Wenn ich jetzt einfach diesen einen Schritt nach vorne mache? Dann ist endlich Ruhe. Dann hört dieser Schmerz auf.“ Ich bin meinem kindlichen Ich heute dankbar, dass es diesen einen bewussten Schritt nach vorne nie gemacht hat. Denn ich habe ein Leben und es ist ein gutes Leben mit einer wunderbaren eigenen kleinen Familie, an der ich zeigen kann, dass ich es besser kann. Und doch werde ich immer unter meinem quasi nicht vorhanden Selbstbewusstsein leiden. Heute weiß ich, dass ich nichts für diesen Persönlichkeitsmakel kann. Schwierig ist das trotzdem manchmal.

Ich schreibe das hier nicht, um herumzujammern, sondern, um zu sensibilisieren.

Mein Vater hat meine Mutter und mich auch in der Öffentlichkeit gedemütigt und angebrüllt. Niemals ist jemand eingeschritten. Nie kam jemand auf die Idee, dass wir vielleicht Hilfe brauchen könnten. Denn wir hatten ja keine blauen Flecke, man sah uns nichts an. Aber auch ohne körperliche Misshandlung, kann man Kinder nachhaltig verletzen. Und Hilfe von Außen hätten wir gebraucht. Alleine schafften wir es nicht, uns aus dieser Situation zu befreien. Ich zog mich stattdessen immer mehr in mich selbst zurück, versuchte, nicht aufzufallen und keine Anlässe zu bieten. Meine Mutter meinte Jahre später, sie hätte immer das Gefühl gehabt, ich volle mich unsichtbar machen. Also bitte haltet die Augen und die Herzen offen! Wenn Ihr ein komisches Gefühl habt, zu dem Umgang einer anderen KiTa-Mutter, im Sportverein oder wo auch immer, oder Euch ein Kind zu unsichtbar erscheint dann fragt nach, knüpft Kontakte. Natürlich gibt es auch Kinder, die einfach so, ohne äußere Einflüsse einen eher ruhigen Charakter haben. Aber unser Bachgefühl ist meist sehr verlässlich und vielleicht braucht hier ein kleiner Mensch Eure Hilfe.

Ein weiteres Fazit, dass ich für mich gezogen habe: Ich sage meinem Kind nie „Du nervst! Du bist furchtbar!“, oder ähnliches, allerdings schon mal „Das was Du da gerade tust, nervt mich.“ Ich finde es wichtig, niemals das Kind im Gesamten, das Wesen des Kindes zu kritisieren. Ich darf die Handlungen doof finden, aber niemals das Kind. Diese kleine sprachliche Differenzierung hilft mir, das Selbstbewusstsein des Kindes nicht zu untergraben, auch wenn ich mal sehr genervt bin. Und natürlich passiert das. Aber: keine Gewalt in der Erziehung! Das werde ich nicht tun! Weder körperlich, noch durch Demütigungen.

Es grüßt Euch hoffnungsvoll

die Optimistin

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

8 Kommentare

Nicola
Antworten 9. August 2015

Auch mein Vater reagierte auf die geringste Provokation: Ausrasten, verprügeln, dann nach zwanzig Minuten die Reue, die Zwangsumarmung, die Zwangsversöhnung, sonst ging’s von vorne los. Unvergesslich die Lektion, die er so über Jahre in mich hineinprügelte: Nähe bedeutet Lebensgefahr. Auf Zärtlichkeit folgt Gewalt.

Man kann so etwas hinter sich bringen, man kann es später lernen, die Kampf-Flucht-Reaktion auszustellen; irgendwann steht man im Raum neben den Kollegen und misst nicht mehr automatisch, ob man in Schwungweite der nächsten Faust steht. Aber die Weichen sind eben gestellt.

Eltern sind oft überfordert. Ich weiß, dass mein Vater es war. Sicher hätte es ihm geholfen, wenn ihn einer unterstützend angesprochen hätte. Das gleiche gilt für meine Mutter, die ja ihre eigenen Sorgen hatte. Aber mir hätte es geholfen, wenn einer klar, deutlich und überhörbar gesagt hätte: So geht das nicht. Nichts rechtfertigt es, ein Kind zu hauen. Nichts rechtfertigt es, ein Kind gegen seinen Willen in den Arm zu nehmen.

Deswegen: mischt Euch ein! Nicht gegen die Eltern, sondern für das Kind. Denn oft hat es niemanden, der es schützt.

    beabeste
    Antworten 9. August 2015

    Yes my dear! Ich finde es auch sehr wichtig, da nicht wegzusehen - und aber auch Eltern nicht als Kriminelle zu behandeln - sondern ihnen Hilfe anzubieten...

eine Mama
Antworten 16. Februar 2017

Sehe ich auf der Straße Fremde, die ihre Kinder anschreien und vor allen anderen demütigen, habe ich Angst einzugreifen. Viel zu groß ist meine Sorge, damit noch alles schlimmer zu machen. Den Elternteil so zu verärgern, dass das Kind es später wieder abbekommt...

Heidi
Antworten 16. Februar 2017

Danke, liebe Optimistin, für Deine Offenheit! Ich bin über Deine Erfahrungen sehr bewegt, und Du hast Recht - kein Kind sollte so etwas erleben müssen. Es ist natürlich sehr schwierig, eine solche Situation gleich verlässlich von außen einschätzen zu können - ich denke da mal nur an Supermarktkassen - aber eine höhere Sensibilität muss her!

Sternchen
Antworten 20. Juli 2017

Ich habe Selbiges erlebt, aber nicht von meinen Eltern, sondern von meiner Pflegemutter. Einer Frau, die sich irgendwann mal in den Kopf gesetzt hat, Kinder aufzunehmen, die zu Hause vernachlässigt wurden. Jemand, der das also eigentlich besser machen sollte und den Kindern die stark benötigte Liebe geben sollte. Stattdessen bin ich ca 6 Jahre lang durch die Hölle gegangen. Ich war gerade mal 8 Jahre alt, als ich zu dieser Frau kam. Ich musste mir tagtäglich anhören, dass ich zu nichts gut bin. Das ich irgendwann wie meine Mutter ende. Das ich im Knast Lande, wie mein leiblicher Vater. Prügel waren nicht selten und damit meine ich nicht "nur mal ne Ohrfeige"(die allein ist natürlich auch schlimm genug), sondern minutenlang durch geprügelt zu werden. Die Unterhose, die vor lauter Angst oft Pipispuren enthielt, bekam ich ins Gesicht gedrückt, bis die Lippe geschwollen war. Es wurde an den Haaren gezogen, bis ich sie büschelweise herausziehen konnte. Hatte ein Kind mal eine Kleinigkeit zu essen geklaut, musste es Torten essen, bis es kotzen musste.. Ich musste minutenlang mit anhören, wie meine Pflegebrüder verprügelt werden. Aus dem Grubd kann ich heutzutage ganz schlecht Kindergeschrei ertragen. Das alles sind NUR Ausschnitte.. Mein Unterbewusstsein hat vieles verdrängt, so das ich mich nicht erinnern kann - aus Selbstschutz vermutlich.

Der Mann der besagten Frau hat sich umgebracht, als ich 13 oder 14 war, so genau weiß ich das nicht mehr. So schlimm das für uns war...ohne diesen Tod wäre ich niemals da raus gekommen und vermutlich sonst wo gelandet.

Heute bin ich 40 Jahre alt und habe 2 wundervolle Kinder, die behütet und mit viel Liebe aufgezogen und erzogen werden. Aber meine Angst, so zu werden wie sie...oder meine Kinder so zu vernachlässigen wie meine Mutter war extrem groß. Ich hatte immer das Gefühl, gegen dieses Kinderheimimage ankämpfen zu müssen, um aller Welt zu beweisen, dass ich anders bin und das ich's besser kann, als mein Eltern, Erzieher etc..

Peggy
Antworten 20. Juli 2017

Mein Vater war gewalttätig, meine Brüder und ich hatten nichts zu lachen. Mein Vater hatte eine perverse Art Spaß zu haben, indem er uns in Angst hielt. Meine Mutter wurde genauso behandelt. Ich bin 55 Jahre alt, schon als Kind schwor ich mir, meine Kinder nicht so zu behandeln.

Carina
Antworten 21. Juli 2017

Auch mein Vater schlug zu UD auch ich kenne das verbale Kleinmachen . Bin mittlerweile alt, aber ich knabbere immer noch dran. Und verzeihen kann ich ihm auch nicht!

Jaro
Antworten 21. Juli 2017

Es bewegt mich. Und ich danke dir für die Formulierung "dein schreien/... nervt mich"
Ich selber bin derzeit oft müde, ausgelaugt und erledigt. Wir versuchen hier zu Rande zu kommen, ich arbeite hartnäckig daran mein Schreien zu reduzieren, mir hier Kontakte aufzubauen und weiter zu kommen.
Professionelle Hilfe habe ich, bald ist ein Intensivmonat dran, mein Mann schaut dann nach unserem Kind, während ich tagsüber lerne, besser mit diesen Gefühlen umzugehen.
Das für mich traurige, ich verzweifele sehr daran mein Wunschkind anzuschreien. Vielfach bekomme ich zuhören das ich mich doch noch gut halte und es ja keine Ausschreitungen gab. Ich wünsche mir trotzdem sensibler unterstützt zu werden, für mich ist es schlimm zu schreien, mein Kind "grob" anzufassen (z. B. Hände festhalten, am Oberarm festhalten).
Es ist für mich an vielen Stellen besser geworden, trotzdem ist es noch ein langer Weg bis es mir wirklich gut geht.

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