Traumschule Teil 2: Warum Lehrerfluktuation auch ein Segen sein kann


Ich habe euch versprochen, dass ich weiterhin zum Thema Traum-Schule blogge, immer ein Thema nach dem anderen. Heute will ich mich einem Mythos widmen und zwar dem Mythos Kontinuität. Oder anders herum angepackt, der Abneigung zur Lehrerfluktuation in Schulen.

Fragt man Eltern, fast alle wünschen sich stabile Klassenverbände und Lehrer, die möglichst lange diesen Klassen erhalten bleiben. Warum denn eigentlich? Argumentiert wird mit Bezugspersonen: Kinder binden sich an Menschen, und die sollen möglichst lange erhalten bleiben. Das ist zum Teil auch gerechtfertigt – aber meistens kommt dieser Wunsch aus der Erwachsenenperspektive und aus einem alten Verständnis von Schule.

Die Predigt habe ich bereits gehalten: Die meisten Eltern schauen ja beim Thema Schule stets zurück, auf das was sie kennen, nämlich die eigene Schulzeit. Dies war einmal und hat so unsere Generation mehr schlecht als recht auf die inzwischen massiv veränderte Welt von heute vorbereitet. Tja, die Kids von heute müssen aber im Morgen leben… und da wird sich noch mehr ändern. Das Delta ist ca. 50 Jahre zwischen unserer Schule von damals und den Arbeitswelten unserer Kinder, wenn sie mal groß sind. Mit diesem Verständnis müssen wir über Schule reden.

So, jetzt zu den Bezugspersonen in der Schule

Wenn ich schon die Mathe-Keule in der Hand habe, lasst mich euch ein wenig Prozentrechnung überbraten: Ein Jahr im Leben eines Achtjährigen ist ein Achtel, oder aber auch 12,5 Prozent seines Lebens. Also, empfunden, so lange wie 5 Jahre im Leben eines 40-Jährigen. 5 Jahre mit demselben Chef und den absolut gleichen Arbeitskollegen – gern, wenn sie nett sind! Aber 4 davon, genauso relativiert, sind dann mal locker 20 Jahre, ein halbes Arbeitsleben. Wer will das?

Ich bin inzwischen überzeugt, dass flexible Gruppierungen innerhalb von Jahrgangsstufen und Schulverbänden besser sind, und dass ein Wechsel von Lehrern idealerweise alle 1-2 Jahre stattfinden sollte.

Nicht nur, dass ich das in den innovativsten Schulen der Welt funktionieren gesehen habe, und zwar mit überragenden Ergebnissen. Sondern auch, weil ich im Zuge meiner Erfahrungen mit den neuen Arbeitskulturen gute Beobachtungen anstellen konnte. Ihr wisst ja, ich habe vier Wochen von Thailand aus gearbeitet: Gerade in einem Coworking-Space, bei dem viele Menschen kommen und gehen – Menschen mit sehr unterschiedlichen Nationalitäten und Berufen – habe ich eine wunderbare Beobachtung gemacht: Kaum waren wir da, wurden wir herzlich empfangen. Die anderen waren sofort dabei, uns zu integrieren, zum Abendessen an die coolsten Orte mitzunehmen, uns Tipps zu geben, wo es die günstigen Preise für den Bedarf des kleinen Digitalnomaden gibt (Datenkarten & Co.). Das fühlte sich gut an! Kaum waren wir einige Tage da und hatten einigermaßen einen Durchblick… zack… da waren schon neue Leute aufgeschlagen und wir gaben Tipps, nahmen sie mit zum Dinner, etc.
Wie einfach!

Die Homeschooling-Mama mit den Freilern-Kindern, die ich hier interviewt habe, bestätigt diese Beobachtung auch unter Kindern, die sich im Freilerngefilde tummeln – und das werdet ihr vielleicht auch in Urlaubsressorts beobachtet haben: Wenn ein ständiges Kommen und Gehen ist, werden Beziehungen schnell verknüpft und die Akzeptanz von Andersartigkeit ist wesentlich höher, als zu Hause, in festen Cliquen. Klar, um echte Freundschaften zu knüpfen, bedarf es schon einigem mehr, da komme ich noch dazu. Aber zunächst ist Integration ein sehr einfacheres Ding, wenn jeder noch die Erinnerung frisch hat, wie es ist, neu zu sein, sich einer neuen Situation zu stellen und mit neuen Menschen zu kommunizieren.

Je weniger verkrustet Strukturen sind und je mehr von der vielzitierten „Diversity“ erlebbar ist, desto einfacher ist es für den Einzelnen, sich mit seinen Eigenarten und gar Marotten zu integrieren.

Stellt euch eine Schulgemeinschaft vor, die nicht in Klassen zerstückelt und eingegrenzt ist. In der sich die Klassen untereinander gar nicht so gut kennen oder sich gar nicht grün sind… Stellt euch eher eine Schulgemeinschaft vor, die in flexiblen Projektgruppen arbeitet, die nach Lernzielen und Fähigkeiten (bereits vorhandene oder noch zu entwickelnde) zusammengesetzt werden. Natürlich hat jedes Kind eine Vertrauensperson – aber insgesamt kennt es verschiedene Menschen, kleine und große, in seinem Lernumfeld und kann sich nach Bedarf Rat, Wissen und Unterstützung von Vielen holen.

Die Erfahrung in einigen Schulen, die seit Jahren erfolgreich so arbeiten, zeigt, dass selbst scheue Kinder so besser ihre Probleme überwinden. Denn sie bleiben nicht in der starren Rolle als „das scheue Kind der Klasse“ – sondern stellen fest, dass sie es in manchen Momenten einfacher haben, auf Menschen zuzugehen. Sie erproben sich neu und spüren instinktiv, dass ein „neuer Gegenüber“ weniger belastet ist.

Menschen sind Gewohnheitstiere, sagt man?

Tja, so sicher bin ich nicht. Der Wandel ist Teil unserer Welt geworden, mit dem technischen Fortschritt ist das, was heute Standard ist, morgen schon überholt. Auch die Arbeitswelten bewegen sich in die Richtung, es wird in immer flexibleren Strukturen, über Distanzen hinweg, kommuniziert, auf Dokumenten gleichzeitig zugegriffen und Probleme kooperativ gelöst. Oft gibt es nicht nur den einen Chef, sondern Entscheidungsträger in flachen Hierarchien und Verantwortliche für Teilaufgaben.

Es ist längst an der Zeit, sich aus dem patriarchalischen System der typischen Schule zu verabschieden, mit Klassen und Klassenlehrern, mit gestandener Hackordnung und festen Cliquen. Liebe Eltern, die Welt eurer Kinder ist nicht mehr die aus eurer Kindheit. Wenn ihr als Hauptbezugspersonen genügend Liebe und Stabilität bietet, und dem Kind Selbstvertrauen vermittelt, wird es kein Problem haben, mit den unterschiedlichen Lehrkräften klar zu kommen. Am besten in flexiblen Gruppen. Wie Räume genau diesem Ansatz verhelfen können, erkläre ich euch bald in einem neuen Beitrag, in dem ich euch mehr von der Schule erzählen werde, in der ich das Titelfoto gemacht habe.

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

DAS KÖNNTE DIR AUCH GEFALLEN

Verdrehte Pubertät – Hilfe mein Kind ist komisch!
19. Oct 2017
Der Elternabend: Fluch oder Segen? – Überlebenstipps der Tollabea Community
16. Oct 2017
Mathe-Angst nicht einpflanzen und nicht züchten bitte!
21. Jun 2017
Hilfe, unser Lehrer ist ein Frosch! * Filmbesprechung * Verlosung * Werbung
15. Jun 2017
Große Kinder, große Schulrucksäcke – satch pack Verlosung: Yvonne’s Wahl für die weiterführende Schule (Werbung)
11. May 2017
Hausaufgaben sind nicht lustig – Nachlese der Blogparade #Hausaufgabenhilfe mit Studienkreis – Werbung
09. May 2017
Hausaufgaben – die Eltern sind der Buhmann, es reicht!
03. May 2017
Mit Kindern über Demokratie reden – oder: #DubistDemokratie
25. Apr 2017
Elternstories rund um Hausaufgaben gesucht! Blogparade #hausaufgabenhilfe und Werbung für Studienkreis
17. Apr 2017

1 Kommentare

Rosa
Antworten 15. Februar 2017

Einen Lehrerwechsel alle 2 Jahre finde ich auch gut. Allerdings ist es 1. auch Kind abhängig. Meine 2 sind vollkommen unterschiedlich, während der eine einen Wechsel gut wegsteckt, braucht der andere mehr Kontinuität. Wir haben jetzt 3 Klassenlehrerinnen in 2,5 Jahren erlebt und das ist nicht für jedes Kind einfach. 2. Ist es heute auch in Grundschulen ja nicht mehr so, dass die Kinder nur einen Lehrer/ eine Lehrerin haben, sondern es sind bedingt durch die verschiedenen Fächer durchaus 4-5. Eine Konstante zumindest für 2 Jahre finde ich da schon gut.
LG Rosa

Einen Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit einem Stern (*) markiert.