Streiten will gelernt sein – wie lernen Kinder, mit Konflikten umzugehen?


„Du bist nicht mehr meine Freundin!“ oder „Du blödes A****!“ – Menschen, auch welche, die sich sehr lieben, geraten in Streit – weil Meinungen nun mal unterschiedlich sind. Wie lernen Kinder, mit Konflikten umzugehen? Ich beobachte meistens, dass wir eigentlich recht unbewusst einfach nur unsere typischen Streitmuster weitergeben. Kinder beobachten uns und machen das nach. Hier einige Gedanken zu diesem Thema. 

Wie geraten Kinder in Konflikte – und wie auch wieder heraus?

Konfliktsituationen zwischen Geschwistern, mit Freunden oder auch mit den Eltern gehören für Kinder zum Alltag. Wer kennt das nicht: die erhobene Sandschippe, die als „Waffe“ eingesetzt wird, der Fuß, der im Vorbeigehen mal eben einen mühsam aufgebauten Bausteinturm zerstört, Puppenhaare, die abgeschnitten oder Kuscheltiere, die weggenommen werden? Und dann kommt die Eskalation. Spannend ist, was danach kommt. Wie lösen eure Kinder ihre Konflikte? Gehören sie zu denen, die keine Schuld eingestehen wollen und stur behaupten, die anderen waren’s? Oder lavieren sie sich charmant raus? Meine Nichte Cosi, Nesthäckchen unter vier Geschwistern und eine sonnige Natur, hat die “Tzsuldigung!” – Methode drauf, inklusive Süßgucken für Fortgeschrittene. Meistens verzeihen ihr alle alles – sofort. Sie weiß genau, dass sie damit meistens durchkommt.

Es macht Sinn, mit Kindern über solche Verhaltensmuster zu reflektieren und sich selbst kennen zu lernen: Sich entschuldigen zu können, ist eine große Fähigkeit. Es nur als Trick einzusetzen ist wirksam, aber irgendwann durchschauen die anderen das Muster. Aber auch dann bietet es eine pazifistischere Grundlage, um den eigentlichen Konflikt zu lösen. Hauptsache, man ist bereit, darüber zu reden und sich in Ruhe zu erklären! 

Streiten sollte wie das Fahrradfahren gelernt sein

Die Familie ist der erste und beste Ort, um von kleinen Kabbeleien bis zum ungehemmten Wutausbruch alles erleben zu können. Laute und deutlich rügende Worte – auch von Mama und Papa – sind dabei durchaus normal und angemessen. Auch Eltern haben Gefühle, und diese wahrzunehmen trainiert Kinder im Umgang mit anderen Menschen. Für Kinder ist es aber enorm wichtig, ihnen die Endlichkeit dieser Gefühle zu versichern: „Jetzt gerade bin ich wütend und sauer. Ich brauche etwas Zeit. Aber spätestens heute Abend vertragen wir uns wieder.“ 

Übrigens, in diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, mit welchen Glaubenssätzen die Kinder aufwachsen. Ich habe dafür gesorgt, dass dies einer der wichtigsten Glaubenssätze für meine Tochter stets war: „Mein Kind, ich möchte, dass du mir immer erzählst, was mit dir los ist: Wenn du Mist gebaut hast, werde ich dich da rausholen. Ich kann nicht versprechen, dass ich nicht sauer werde. Aber ich verspreche dir, dass auch wenn ich total sauer bin, werde ich dir helfen!“

Glaubenssätze

Am schönsten war es für mich, als sie mir das gespiegelt hat. Sie war in der 4. Klasse und hatte tatsächlich ziemlichen Mist angestellt, was ihr ziemlich viel Ärger mit der ganzen Lehrerschaft eingebracht hat. Sie kam zu mir und sagte: „Mama, ich erzähle dir was, da wirst du wahrscheinlich so erstmal 5 Minuten schreien. Aber danach musst du mir helfen. OK?“ Das hat mich glücklich gemacht. Und ja, ein wenig schreien musste ich schon – aber zwischendrin sogar lachen.

Fürsorge kann Zünder geben

Noch eine typischen Situation: Ein Freigeist geht seinem Entdeckungsdrang nach und vergisst, dass sich die anderen fürchterliche Sorgen machen oder dass er sich gar in Gefahr begibt. Klassische Rotkäppchen-Situation, nicht? Redet mit eurem Kind darüber, wenn es darum geht, sich an Absprachen zu halten, nicht einfach zu verschwinden und bescheid zu sagen, wenn sich etwas verzögert. Da Kinder jedoch im Hier und Jetzt leben vergessen sie das oft… deswegen müsst ihr oft erzählen, wie es euch geht, wenn ihr nicht wisst, wo euer geliebtes Kleines ist. Irgendwann rafft es auch der widerspenstigste, augenrollende Teenager. 

Übrigens, bei uns in der Familie gibt es noch zwei ganz wichtige Gesetze, die ich euch auch ans Herz lege:

VEREINBART EINE NULL-SCHIMPFWORT-REGEL

Familien mit einer guten Streitkultur verzichten auf gegenseitige Beschimpfungen in Streit- situationen. Darüber kann man sich nur verständigen, wenn Harmonie herrscht. Und da
ist das Einzige, was diese Kultur aufrecht erhält, mit gutem Beispiel voranzugehen. Also: Alles von „blöde Kuh“ bis „Idiot“ inklusive Fäkalausdrücke haben einfach nichts in euren Gesprächen verloren – so hitzig es auch zugehen mag.

EIN AUSDRUCK DARF KEINE PERSON MEINEN

Damit es nicht zu spießig wird – ein Ausdruck zum Dampf- und Luftmachen sollte erlaubt sein, z.B. „Verdammte Axt!“ oder „Zum Muffelfurzteufel!“. Je derber und zugleich fantasievoller dieser Ausdruck ist, desto entspannender wird seine Wirkung sein. Falls ihr Ideen braucht: Die Olchis können helfen.

Wie lernen Kinder, mit Konflikten der anderen umzugehen?

Das ist ein sehr schwieriges Thema – denn wenn andere sich streiten, kann es sogar Spaß machen, da auf dem Laufenden zu sein. Gerade Mädchen genießen Zickenkrieg als Tratschthema ganz besonders – und schlagen sich auf die eine oder andere Seite. Auch hier lernen die Kinder von uns Erwachsenen – und können uns erleben, wie wir uns verhalten, wenn Freunde von uns Streit haben, oder – der Klassiker – wenn befreundete Paare sich trennen. So etwas macht doch die Runde im Freundeskreis, und unsere Kinder bekommen das mit. Ich habe immer tunlichst vermieden, zwischen die Fronten zu geraten.

Mein Sprechtext ist in so einem Fall: „Ganz klare Aussage für dich und XXX: Ich habe mitbekommen, dass ihr Schwierigkeiten habt! Ich werde mich aber garantiert weder auf die eine noch auf die andere Seite ziehen lassen. Ich möchte ganz bewusst neutral bleiben und empfehle euch eine professionelle Mediation. Egal, was für Schwierigkeiten zwischen euch sind, möchte ich nicht dazwischen geraten. Ich bin gern für dich und deine Probleme da, wenn wir uns darauf einigen können, dass ich Stopp sagen kann, wenn du mir Dinge über die andere Person erzählen willst, die ich nicht hören möchte. Und wenn du Hilfe brauchst, oder Unterstützung, Ermunterung, helfe ich gern. Aber in einen Disput zwischen zwei Menschen, die ich beide kenne und schätze, möchte ich mich nicht einmischen. Ich habe übrigens diese Regel immer beherzigt. Sie war gut – auch wenn nicht alle das sofort verstanden haben. Aber auf lange Sicht hat sich bislang jeder für diese Haltung bedankt.“

Und wie löst ihr das mit dem Thema Streit und Co? Habt ihr eigene Erfahrungen, wie ihr euren Kindern geholfen habt, mit Konflikten gut umzugehen? 

beabeste
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2 Kommentare

Amon Cornelia
Antworten 7. Juli 2016

Ich habe, als ausgebildete Mediatorin, ein Projekt bei mir in der Kindergartengruppe zum Thema gemacht. Ein tolles Thema und es ist wunderschön zu sehen wie sich der Umgang der Kinder in der Gruppe miteinander ändert nach Angeboten zu den Themen eigene Grenzen, Selbstvertrauen, Aktives zuhören, Gewaltfreie Kommunikation usw.
Wenn dann auch noch die Eltern daheim dahinter sind, dass Konflikte auch als Chance gesehen werden können tut sich bei den Kindern noch mehr.

    beabeste
    Antworten 8. Juli 2016

    Vielen dank für diese Rückmeldung. Konflikte als Chance zu sehen ist schlau - denn sie klären ja Missverständnisse auf... Danke für dein Kommentar!

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