Unsere Kinder dürfen Fernsehen – die können das!


Das Thema Kinder und Fernsehen, ob und wieviel Kinder fernsehen dürfen, spaltet die Geister. Als mir Nina alias Frau Papa erzählte, dass sie sogar über dieses Thema ihre Diplomarbeit geschrieben hat, wusste ich, dass sie was zu sagen hat. Hier ist es! 

Nein, Nein und nochmals Nein!

Bevor ich Kinder hatte, war mir klar: Meine Kinder werden niemals fernsehen. Irgendwie erschien es mir einfach am besten, gar keinen Fernseher zu haben, und schon gar keine 200 Kanäle von denen 20 angebliches Kinderfernsehen bieten. Gut, das war in der Vor-Steinzeit der modernen Unterhaltungstechnik und ich war ausgesprochen naiv. Aber ich war mir sicher, dass Fernsehen mir nichts beigebracht hat, einfach viel Zeit stiehlt und ich stattdessen aus Büchern hundertmal klüger geworden wäre. Und außerdem hat Fernsehen meiner Fantasie geschadet. So etwas würde ich meinen Kindern niemals antun.

Überall Experten

Habt ihr schon mal im Internet eine Frage zum Thema Kinderfernsehen gestellt? Es ist erstaunlich, wie viele Meinungen man da auf einmal bekommen kann. Von Fernseher als Babysitter bis kompletter Ablehnung, jede Meinung ist vertreten. Und normalerweise würde ich auch nichts zu dem Thema sagen, aber gerade an Weihnachten und an den Feiertagen ist es irgendwie unvermeidlich. Ich setze mich also nun in das Wespennest voller Medienexperten und beschreibe euch, wie alles losging.

Die stillste Zeit des Jahres – auf Knopfdruck

Kurz bevor der Weihnachtsmann und das Christkind um die Wette Geschenke unter Bäume legen, ist die Geduld von Kindern und Eltern gefordert – denn da heißt es: Warten auf die Bescherung. Warten, warten und noch vielmehr warten, bis im Viertelstundentakt gefragt wird, wann es endlich Geschenke gibt.

Natürlich gibt es viele Möglichkeiten, die Kinder am Weihnachtstag zu beschäftigen, aber die meisten davon waren zumindest bei mir erfolglos. Der Spaziergang durch die Stadt endete nach einem Regenguss an einem geschlossenen Marktstand für Glühwein und Punsch. Der Versuch eines Bastelnachmittags endete damit, dass die Kinder einen Wettbewerb machten, wer die meisten Maisflocken in den Mund stopfen kann. Plätzchenbacken scheiterte daran, dass in der Küche nicht genug Platz die Vorbereitung des Festmahls und die Bleche voll Plätzchen war…

Als vor einigen Jahren dann drei Kinder (ein paar Jahre später sogar vier Kinder) in unterschiedlicher Lautstärke ihrer Langeweile freien Lauf ließen und ein Streit unvermeidbar schien, griff ich beherzt zur Fernbedienung und machte den Fernseher an. Schlagartig herrschte Ruhe und ich konnte durchatmen. Dabei war mir ganz egal, was gerade lief – Hauptsache ein paar Minuten ohne Krach.

Ja, ich habe meine Kinder mit TV ruhig gestellt und ich schäme mich nicht dafür.

Aus dem Feind wird ein Freund

Die Sendeplanung in den Weihnachtsferien berücksichtigt die Bedürfnisse von Eltern hervorragend. Kaum ein Film wird nicht zehnmal wiederholt und zu jeder Tageszeit läuft sogenannte kindgerechte Unterhaltung. Was ich früher als Hirnzellen-Shredder betrachtet hatte, zog langsam bei uns ein. In den letzten Jahren war das Wetter nach den Feiertagen nicht gerade verlockend und dank unseres Flimmerfreundes waren die wenigen freien Tage am Jahresende viel entspannter. Ja, eigentlich hat es mit dem Weihnachtsprogramm angefangen, dass die Kinder mehr als nur Sandmännchen und Sendung mit der Maus anschauen durften.

Hauptsache mal Ruhe

Irgendwann vor ein paar Jahren, ich kann es beim besten Willen nicht mehr genau sagen, stand ein Kind am Sonntagmorgen an unserem Bett. In so einem Fall versuche ich, Zeit zu gewinnen – wertvolle Zeit im Bett. Also den kleinen Mitbewohner ins Bett holen, aber er war zu wach und überdreht. Mal hatte ich einen Fuß im Gesicht, mal steckte er seiner Mutter einen Finger ins Ohr, es war Unruhe pur. Also glitt ich elfengleich aus dem Bett, nahm in an der Hand, setzte mich mit ihm auf die Couch und machte den Fernseher an. Augenblicke später hatte ich keinen Platz mehr am Sofa. Alle Kinder waren mehr oder weniger wach und blieben so ruhig, dass ich noch eine halbe Stunde ins Bett konnte. Oh, wie herrlich!

Seitdem ist viel passiert. Unter der Woche läuft das TV-Gerät selten. Erst am Abend, vor dem Abendessen, schalten wir den einzigen Fernseher in unserem Haushalt ein und die Kinder dürfen eine Sendung auswählen, die sie schauen wollen. Was geschaut wird, bestimmen die Kleinen weitgehend selbst.

Am Wochenende hat sich ein eigenes Ritual eingebürgert: Es ist erstaunlich ruhig, denn die meisten Familienmitglieder schlafen eher länger. Hier rennt niemand durch die Zimmer und weckt andere, wenn es keinen triftigen Grund gibt. Irgendwann tapsen aber kleine Füße sehr, sehr leise durchs Wohnzimmer, ins Schlafzimmer, direkt ans Bett und eine Stimme flüstert: „Ich kann nicht mehr schlafen, darf ich fernsehen?“ Und meistens sage ich dann: Ja.

Ja, ihr habt richtig gelesen!

Unsere Kinder dürfen selbst den Fernseher einschalten und selbst wählen, was sie ansehen. Damit das klappt, mussten wir, die Erwachsenen, erstmal verstehen, was Kinder gerne sehen und die technischen Rahmenbedingungen schaffen, damit ein sicheres Medienumfeld besteht.

Was ist ein sicheres Medienumfeld?

Schaltet man unseren Fernseher ein, hat man die Auswahl zwischen den fünf frei empfangbaren Kindersendern in unserem Kabelnetz. Es ist eine Favoritenliste, die man zwar leicht umgehen kann, aber morgens ist genau auf diesen Sendern eine Auswahl von Sendungen, zwischen denen die Kinder problemlos frei wählen können. Nun haben wir aber so ein kleines technisches Gimmick, das erlaubt, auch Filme und Serien zu streamen. Alt fühle ich mich, seit mein sechsjähriger mir gewisse Funktionen der Fernbedienung erklärt hat. Die kindliche Neugierde ist ein wunderbarer Triebmotor beim Erlernen von technischen Fertigkeiten. Entsprechend ist es kein Wunder, dass unsere Kinder auch mal etwas anderes, als einen der Kindersender, anmachen.

Damit die Kinder keine Filme und Serien anschauen, die für ihr Alter nicht geeignet sind, haben wir erstens eine Kindersicherung einprogrammiert und zweitens eine „Wunschliste“ mit Kinderprogrammen zusammen gestellt.

Aber das ist doch pädagogisch ein Albtraum!

Als ich meine Diplomarbeit (ich habe digitales Fernsehen studiert) schrieb, habe ich mich lange mit den Mechanismen bei Kinderfernsehen auseinandergesetzt, und noch schlimmer: Ich habe versucht, heraus zu finden, warum Kinder gerne fernsehen. Ja, Sesamstraße, Sendung mit der Maus, WOW, die Entdeckerzone usw. haben durchaus Bildungsinhalte, aber der Grund, warum die Sendungen so erfolgreich sind, ist ganz einfach: Die Kinder haben Spaß daran.

Kinder wissen sehr genau, was ihnen gefällt und was nicht.

Was den pädagogischen Wert von Fernsehen angeht, gehen die Meinungen der Forscher sehr weit auseinander. Während einige jeden Medienkonsum abseits des gedruckten Wortes, verteufeln, sagen andere, dass Kinder über Fernsehen kaum Lerninhalte speichern, und wieder andere finden es furchtbar, welche Inhalte Kindern vermittelt werden, da die jungen Medienkunden alles aufnehmen, was sie sehen. Die Wahrheit liegt sicher irgendwo dazwischen.

Warum muss es immer so etwas wie Bildungsfernsehen sein?

Ich kann ziemlich gut begründen, warum ich mich kaum ich die Auswahl der Kinder einmische: Der Alltag der Kinder ist voll mit Bildung, voll mit Lernen, voll mit Pädagogik jeder Art. Wenn ich ehrlich bin, hab ich nach einem langen Tag nicht gerade das Bedürfnis, nur intellektuell hochwertiges Bildungsfernsehen anzusehen. Warum sollen unsere Kinder nur Programme ansehen, die ihnen Lerninhalte vermitteln? Warum hat die Unterhaltung im Kinderfernsehen einen so geringen Stellenwert bei Erwachsenen? Warum maßen wir Eltern uns so oft an, zu wissen, was den Kindern zu gefallen hat?

Fernsehen ist niemals wertfrei

Natürlich vermitteln viele Sendungen Inhalte und Werte, die ich nicht unbedingt gut heiße. Ganz ehrlich, wenn ich das Radio anmache und die Nachrichten laufen, sind das auch Inhalte, die ich am liebsten in der Welt der Kinder nicht hätte. Kinder können lernen Medien kritisch zu betrachten, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, Medien auch zu nutzen.

Freie Programmauswahl bedeutet nicht, die Kinder allein zu lassen!

Unsere Kinder sind beim Fernsehen aber niemals unbegleitet. Sie können zwar frei auswählen, aber wir lassen sie dabei nicht unbeaufsichtigt. Wir hören genau zu, was läuft, schauen neue Sendungen immer mit und wir beobachten sehr genau, ob gerade die Kleinen mit dem Programm emotional zurechtkommen. Wenn wir bemerken, dass eine Sendung Unruhe auslöst, setzt sich eine von uns dazu. Denn manch spannende Handlung ist leichter zu verarbeiten, wenn man an einen schützenden Arm gekuschelt sein kann und als Familie gemeinsam über Paulchen Panther lachen, macht einfach mehr Spaß.

Danke, Frau Papa!

Und wie ist das bei euch? Wir freuen uns über Kommentare!

beabeste
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8 Kommentare

Julia
Antworten 27. Dezember 2016

Vielen Dank für diesen Artikel, da fühl ich mich nicht mehr so alleine 😉 Ich war von Anfang an der Meinung kein Tamtam um den Fernseher zu machen, denn das würde ihn nur noch interessanter machen. Ich bin ganz natürlich damit umgegangen indem ich ungefragt den TV eingeschaltet habe und auch wieder aus. Es ist nun mal so, es gehört zum Alltag, genau so wie alle anderen technischen Geräte wie Handy, Computer, Tablet etc. Wenn der TV den ganzen Tag aus ist, ist er eben aus es stört meine Tochter nicht bzw. sie verlangt einfach nicht danach. Wenn ich eine Sendung einschalte dann schaut sie oder auch nicht. Wir haben den TV sozusagen entmagnetisiert. Ich denke ebenso, dass Kinder sehrwohl dazu in der Lage sind zu entscheiden was ihnen Spaß macht und womit sie sich im hier und jetzt auseinander setzten möchten.

    beabeste
    Antworten 27. Dezember 2016

    "entmagnetisiert"! Wunderbare Bemerkung, Dankeschön! Liebe Grüße, Béa

kinderdok
Antworten 27. Dezember 2016

Ob das Herrn Spitzer gefällt?
Heute gehts nur kaum noch ums Fernsehen, sondern Tablet und Handy bestimmen die Bildschirmzeit - das kann man kaum voneinander trennen. Hier ist es viel schwieriger, eine geschickte Steuerung zu leisten.
Die Peergroup steuert mit.
Ansonsten: Unterschreib.

    beabeste
    Antworten 27. Dezember 2016

    Ob uns die Meinung von Herrn Spitzer gefällt? Sitze gerade an einem Blogbeitrag über Kinder und Medien... Danke für dein Kommentar, lieber Kinderdoc! Liebe Grüße, Béa

    Nina Jaros
    Antworten 29. Dezember 2016

    Hallo Kinderdoc,

    ich freue mich sehr über deinen Kommentar. Ich stimme vollkommen zu, dass es mit den zusätzlichen medialen Einflüssen immer schwieriger ist, die Steuerung im Griff zu behalten. Die extrem pessimistische Interpretation ist sicher die von Herrn Spitzer.

Martin
Antworten 28. Dezember 2016

Ich glaube (ja, leider kann hier wohl keiner mit Gewissheit zu diesem Thema etwas sagen) das es hier sehr stark an den Eltern liegt. Auch ich habe den Herrn Spitzer gelesen und auch ein Hr. Hüther ist mir nicht fremd.

Eins sollte mansich immer vor Augen führen. Warum lasse ich die Kinder fern sehen. Ist es, weil ICH ruhe haben will oder wollen es die Kinder? Wollen die Kinder vielleicht lieber etwas mit mir/den Eltern spielen?

Wenn ich mir den Betrag so durchlese komme ich zu dem Entschluss das hier bewusst das Medium Fernsehen gewählt wurde aber man sich davor auch dementsprechend auseinander gesetzt hat. Das Problem, liegt meist darin das sich die Eltern nicht darum kümmern und einfach bloß Ruhe haben möchten. Wenn ich Ruhe haben möchte, darf ich keine Kinder in die Welt setzten. Ich muss mir darüber im klaren sein, dass ich hier über Jahre eine große Verantwortung habe. Und solange ich mich mit meinen Kindern bewusst im Umgang mit den neuen Medien befasse ist ist aus meiner Sicht alles gut.

    beabeste
    Antworten 28. Dezember 2016

    Das ist ein sehr smartes Argument, und eigentlich genau das Problem, wenn Kinder zu viel glotzen... Dass es keine bewußte Entscheidung ist, sondern einfach nur "laufenlassen". Liebe Grüße, Béa

    Nina Jaros
    Antworten 29. Dezember 2016

    Hallo Martin,

    ja, es passiert bei uns definitiv eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen. Zu unserem Alltag gehört genauso das gemeinsame Spielen und auch kreative und sportliche Betätigung. Verantwortungsvoller Umgang mit Medien ist schwer zu vermitteln. Ich hoffe, dass ich das mit meinen Kindern schaffe.

    Liebe Grüße, Nina - Frau Papa

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