Wenn man sich von den eigenen Eltern entfremdet – Teil 1


Wie ist das, wenn man sich von den eigenen Eltern entfremdet? Ich hätte nie mit so vielen Reaktionen zum Thema Distanzierung von den eigenen Eltern gerechnet!

Inspiriert wurde ich eigentlich von Frau Papa mit diesem Tweet:

 

Und dann startete ich diesen Aufruf bei Facebook:

Ich wollte wissen, wie das ist. Da ich meine beiden Eltern verloren habe, kann ich mir gar nicht richtig vorstellen, dass ich mich bewußt entscheiden könnte, den Kontakt zu ihnen abzubrechen. Aber die Geschichten, die ich lesen dufte, haben es in sich – da sind die Entscheidungen sehr nachvollziehbar.

Hier sind die ersten vier Geschichten, die per Privatnachrichten mit der Bitte um Anonymität kamen. Die Serie werde ich in den nächsten Tagen fortsetzen und auch die öffentlichen Antworten zitieren. Ich wähle bewußt die Teile oder die Geschichten, die zeigen, dass Menschen stark und selbstbestimmt sein können – vor allem, wenn sie selbst Eltern sind, können sie besser aus der Kind-Rolle ausbrechen.

Sehnsucht nach einer liebenden Mutter: Unbefriedigt

Eine anonyme Leserin schreibt: „Unsere Familiengeschichte ist auch schon vor meiner Geburt sehr schwierig und von Verlust, Trennung und Schmerz geprägt gewesen. Mit meiner Geburt fing jedoch ein neues Kapitel an. Meine Mutter trennte sich vor meiner Geburt von meinem Vater, der sie betrogen hatte – was sie nie verkraftet hat. Der Kontakt wurde verhindert und er immer nur schlecht gemacht. Bis es keinen mehr gab. Irgendwann habe ich heimlich zu ihm Kontakt aufgenommen und gehalten, was aus heutiger Sicht Gold wert war, denn ich habe ihn mit 16 Jahren verloren. Meine Oma war mein wichtigster Bezugspunkt, den meine Mutter immer wieder ausgenutzt hat. Einer von uns (Oma oder ich) spurte nicht wie gewünscht? Kontaktverbot. Wutausbrüche ohne Grund. Erpressung und Druck in alle Richtungen. Das hat sie mir schon als Kind sehr entfremdet. Aber was bleibt einem schon, wenn man klein ist? Als ich 15 war bekam ich noch eine Schwester, die mich sehr glücklich gemacht hat und mehr wie ein eigenes Kind war. Kurze Zeit darauf passierten Dinge, die jetzt ausufern würden, aber meine Mutter hat mich kurz nach Weihnachten auf die Strasse gesetzt. Glücklicherweise kam ich bei meinem Freund und seinen Eltern unter und sie war sehr überrascht, als ich nicht zurück zu ihr wollte, als ihre Wut verraucht war. Meine Oma hat mich und meinen Freund bei der Wohnungssuche unterstützt und so fanden wir bald unser erstes Nest. Es folgten immer wieder Streits und Versöhnungen, doch es wurde immer schlimmer. Meine Schwester war oft am Wochenende bei uns und wenn ich mal wieder nicht spurte, durfte ich sie wochenlang nicht sehen. Musste wieder Entschuldigungen aufbringen für Dinge, die von ihr ausgingen.

Eines Tages war mein Freund so wütend und verzweifelt, weil es mir dann immer so schlecht ging, dass er nach einem Telefonat mit ihr vor Wut die Faust an die Wand schlug und sich den Fingerknöchel zertrümmert hat. Die Jahre zogen nach gleichem Muster ins Land, doch ich emanzipierte mich immer mehr, bis ich mich zum Kontaktabbruch entschloss und damit auch dazu, keinen Kontakt mehr zu meiner Schwester zu haben, die gerade in der Schule war. Manchmal telefonierten wir heimlich, wenn ich wusste, dass sie nicht da war. Doch wer Kinder hat, weiß um die Qualität von Gesprächen mit Kindern in diesem Alter.
Aber es ging um mich. Sie oder ich? Ich drohte kaputt zu gehen. Es folgten auch hier immer wieder Annäherungen (Pausen von mehreren Jahren waren die Regel), da ich meine Mutter sehr vermisste. Ich lernte den Vater meines ersten Kindes kennen, von dem ich mich trennte, da er u.a. gewalttätig war. In dieser Phase hatten wir u.a. wegen ihm keinen Kontakt. Er kontaktierte alle Freunde, bettelte und drohte. Alle ließen ihn abblitzen. Nur meine Mutter nicht. Sie schmiedete hinter meinem Rücken Pläne gegen mich und feuerte ihn quasi noch an, während er mich terrorisierte und bedrohte. Lud ihn ein und machte bei ihm Urlaub. Abschließend war das der Bruch, obwohl es nicht die letzte Phase Kontakt war.
Dennoch konnte und kann ich das nicht verzeihen. In den letzten Jahren ging meine Mutter dazu über, mich in gewissen Abständen per Mail zu beschimpfen und zu bedrohen. Gerne, wenn wir meine Schwester zu Familienfeiern oder Weihnachten eingeladen haben. Nachdem ich nicht reagierte, schrieb sie meinen Mann an, um ihn über mich aufzuklären. Als auch er nicht reagierte, bedrohte sie auch ihn.

Irgendwann kehrte Ruhe ein. Meine Schwester wurde volljährig und es zerbracht der Traum vom Stichtag und der erwünschten Freiheit. Ich heiratete ohne sie. Mein Jüngster wurde ohne sie getauft. Der Kelch wurde nun an sie weitergegeben. Sie wollte zu mir? Terror zu Hause. Bis heute. Wir streiten uns jedes Jahr vor Weihnachten, weil sie den Druck nicht aushält. Den Terror, wenn sie gerne zu uns möchte. Und dann doch bei ihr bleibt. Es wird nie aufhören. Solange nicht, bis auch meine Schwester alle Bänder löst.

Wir werden immer gefangen sein. Manchmal wünschte ich, sie wäre tot. Würde es das leichter machen? Könnten wir dann um die Mutter trauern, die wir nie hatten? Die sie vielleicht gerne wäre? Würden wir trauern? Ja, bestimmt. Aber sie lebt und vielleicht wird sie sich eines Tages besinnen. Ein Teil in mir hofft es so sehr. Das schlimmste an all dem? Ich vermisse sie so unendlich. Sie, die sie sein könnte, aber nicht ist. Eine Mutter, mit der ich meine Kinder geboren hätte. Die mich ins Bett verfrachtet zum Stillen. Die Enkel in den Kindergarten bringt. Die Plätzchen backt. Die vermittelt. Für mich da ist. Mir sagt, dass alles gut wird. Ich lebe dieses Leben. Wie ein Blinder. Blind für Dinge, die in Familien üblich sind. Ertaste mir in all diese Dinge. Die Traurigkeit bleibt und nichts kann dieses Loch stopfen.“

Eigenes Kind schützen: Unbedingt

Bei einer Leserin hatte die Mutter jahrelang Psychodruck ausgeübt, bis sich die Tochter Distanz verschafft hat: „Ich habe mit meiner Mutter seit etwas über zwei Jahren keinen wirklich persönlichen Kontakt mehr. Ab und zu habe ich Geld von ihr auf meinem Konto, dass aber immer betont nur für meine Tochter gedacht ist. Letztes Jahr war sie eigentlich zum Geburtstag der Maus da, hat aber die ganzen vier Tage etwas anderes geplant und war am Tag selbst so unfreundlich und unhöflich, dass ich mich vor den anderen Gästen echt geschämt habe. Ab und an höre ich über meinen Vater etwas über sie, aber dann auch eher in dem Zusammenhang, dass er sich über sie Luft machen muss. Ich mache mich nicht mehr von ihr abhängig. Im Nachhinein ist es ein Segen, dass meine Eltern vor der Geburt meiner Tochter weg gezogen sind. Sonst hätte die Maus noch mit dieser Oma womöglich täglich Kontakt. Man sieht ja was es bei mir angerichtet hat (Depression, seit Geburt fehlende Bindung zur Mutter, Minderwertigkeitskomplexe usw.). Ich würde niemals zulassen, dass meine Tochter durch ihre Psychosen auch Schaden nimmt.“

Bei einer anderen wurde der Vater gewalttätig: „Mein Vater und ich reden seit ca. 4 Jahren nicht mehr. Er wollte mir meine Tochter weg nehmen und hat mir dann in einem Wutanfall fast die Nase gebrochen. Während meine damals 3-jährige Tochter daneben stand. Ohne meinen Mann hätte das wohl im Krankenhaus geendet. Man kann sicher sagen, dass wir keinen Kontakt mehr haben. Obwohl er immer noch Geschenke für meine Tochter vor die Tür legt und sie mit in Urlaub nehmen will etc. Ich reagiere aber nicht mehr. Meiner Meinung nach war das dann doch ein Schritt zu weit.“

Geldgeilheit: Unmoralisch

Und noch eine letzte Geschichte für heute: „Zu meiner Person: ich bin 28 Jahre alt, meine Eltern haben sich getrennt als ich 2,5 Jahre alt war. Im Kopf habe ich das nie verkraftet und gegen meine Mutter rebelliert bis ich fast 16 Jahre alt war und meine Ausbildung begonnen habe. Grund der Scheidung: Mein Vater hatte eine Affäre mit einer anderen Frau, die er im Jahr 2005 dann geheiratet hat.

Ich dachte immer, dass die Scheidung meiner Eltern auf das Konto meiner Mama ging. Als Kind war mein Papa der Größte für mich. Bei Wochenendbesuchen wollte ich nie mehr zurück nach Hause zur Mama, sondern bei ihm bleiben, sogar am liebsten zu ihm ziehen. Das lag vielleicht auch an dem neuen Freund meiner Mutter, der 12 Jahre älter war und als Kind fand ich das einfach nur ekelhaft. All das habe ich meine Mutter deutlich spüren lassen, vor allem durch echt mieses Verhalten und Regelbrüche. Im Jahr 2005 kam dann die große Wende: Mein Bruder (er war 21, ich 17) und seine Freundin sind im September bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Es ist mit Abstand die härteste Prüfung, die ich in meinem Leben bisher bestreiten musste.

Wahrscheinlich war es das für alle in der Familie. Direkt nach dem Tod kamen noch große Töne von der neuen Frau meines Vaters: Er ist euer gemeinsames Kind, ihr müsst zusammen entscheiden wie die Beerdigung laufen soll. Alle standen unter Schock, ich habe es geglaubt. Allerdings bekam meine Mama 6 Wochen nach dem Unfall bereits einen Brief vom Anwalt meines Vaters, dass er sie verklagen wird, wenn sie die Erbschaft noch weiter verschleppen würde. Ich war total geschockt, weil das letzte, an das wir dachten das Erbe war. Seit diesem Zeitpunkt habe ich nie mehr persönlich mit meinem Vater oder seiner Frau, die ich wirklich wahnsinnig mochte, gesprochen. Ich musste zu meiner Mama halten, sie war alleine und ich hatte das Gefühl, sie musste mich auf ihrer Seite wissen. Nicht zuletzt, weil mein Vater sofort mit Klage drohte. Meine Mutter hat mir dann auch alles über die Trennung erzählt: Erst seit 2005 wusste ich, dass mein Vater verantwortlich für die Scheidung ist. Dass seine Frau bereits verheiratet war und sich ihr damaliger Mann wegen der Scheidung umgebracht hat. Mein Bruder wusste Bescheid und nun auch ich. Meine Mama hat so lange geschwiegen, weil sie nicht wollte, dass ich ein schlechtes Bild von meinem Vater bekomme, doch sie musste es mir sagen. Ich habe dann heimlich alle Scheidungsunterlagen gelesen, es war wirklich eine dreckige Scheidung. Vor allem wegen dem blöden Geld. Irgendwie hat sich mit der Erbschaft dann alles geklärt, doch meinen Vater hat es wohl verärgert, dass er bei der Lebensversicherung meines Bruders nicht als Begünstigter stand und meine Mutter das Geld alleine bekommen hat.

Mit 19 (also im Jahr 2007) habe ich meine Ausbildung beendet, beschlossen mein Fachabitur nachzuholen und dann studieren zu gehen. Ich konnte BaföG beantragen, benötigte aber die Einkommensauskünfte meiner Eltern. Mein Vater hat sich geweigert, hat nur mit dem BaföG-Amt kommuniziert. Er kam nicht drum herum, aber das Amt musste zunächst in Vorleistung gehen und wollte sich das Geld von ihm dann zurückholen. Es war eine beträchtliche Summe, zumindest für mich. Als es um diese Rückzahlung ging, landeten wir schließlich sogar vor dem Familiengericht. Er zerrt also seine Tochter vor Gericht wegen einem Betrag, den er wahrscheinlich Netto in zwei Monaten verdient. Ich hatte große Magenschmerzen und Schlafprobleme, konnte weder essen noch schlafen, weil mich die Vorbereitung auf den Prozess psychisch so mitgenommen hat. Ich musste dann letztlich nicht vor Gericht aussagen, der Anwalt meines Vaters hat darauf verzichtet. Mir kam alles vor wie ein reines Psychospiel, vielleicht um mich zu brechen? Ich kann nicht sagen was der Zweck war, aber in gewisser Weise hat mich das schon gebrochen.

In mir reifte der Entschluss, dass ich mit diesem Menschen nichts mehr zu tun haben will. Als ich mein Studium begann, hat das zuständige BaföG-Amt zum Glück nicht lange gefackelt und sofort elternunabhängiges BaföG gezahlt. Somit blieb mir eine erneute Auseinandersetzung erspart. Ich könnte auch nicht sagen, was das mit mir psychisch gemacht hätte. Doch zu einer Verbesserung der gesamten Situation hätte es bestimmt nicht beigetragen. Mittlerweile bin ich gefestigt in meinem Leben, doch ich frage mich schon oft wie mein Leben verlaufen wäre, hätte es diesen Bruch mit meinem Vater nicht gegeben. Bestimmt hätte ich mich 2005 anders verhalten können, doch ich konnte es nicht. Mein Vater ist ein dominanter Mensch und ich hätte ihn nie persönlich auf die Klagedrohung an meine Mutter ansprechen können. Ich hatte in dieser Hinsicht einfach Angst vor ihm. Allerdings kam auch von ihm nie nie nie der Versuch alles zu klären und vor allem sein Verhalten zu erklären.

Ich habe im Jahr 2014 einen wunderbaren Mann geheiratet. Da unsere Familie groß ist und ich zu einem seiner Brüder guten Kontakt habe, muss er von der Hochzeit gewusst haben. Ich habe kein Geschenk, vor allem kein Geld, erwartet. Aber doch wenigstens seine Glückwünsche. Es kam nichts. Im Dezember 2015 kam dann unser kleiner Sohn auf die Welt. Er ist meinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten und er wäre mit Sicherheit Stolz auf seinen Enkel. Doch auch hier kam keine Reaktion. Oft denke ich an einen bestimmten Liedtext von einem wunderbaren Künstler: „Mit deinem Jet fliegst du über Berge aus Traurigkeit, mit deinem Schiff pflügst du den See aus Leid, was du auch tust, was du auch lässt, dreh es nur um und stelle fest, ob es sich mit dir noch Leben lässt.“ Ich kann nicht mehr mit ihm leben. Denkt er manchmal nach, was passiert wäre, wenn? Denkt er an mich, an seinen Enkel? Möchte er ihn gerne sehen, erleben, vielleicht sogar lieben? Im Moment kann ich nicht mal sagen, ob ich traurig wäre, wenn er irgendwann stirbt. Ein Mensch, der seit mehr als 11 Jahren keine Rolle mehr in meinem Leben spielt, kann er mir denn wirklich fehlen? Ich glaube nicht.“

So, ihr merkt, es sind hier nur vier Geschichten von über 80, die ich erhalten habe… es kommt bald noch ein Beitrag. Wenn ihr auch eine Geschichte habt, die ihr mitteilen wollt, die Kommentare werden hier oft und ausgiebig gelesen! 

beabeste
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