Alleinerziehend mit Zwillingen: Über Schwerkraft und die Kraft, die eine Mutter entwickelt – Gastbeitrag von Katja Klauss


Für alle Menschen, die allein mit Kind sind oder waren: Dieser Gastbeitrag ist für euch. Von einer Mama, die ihre harte Geschichte, allein mit Zwillingen, erzählt. Und am Ende mutmachende Worte voller Liebe für alle Alleinerziehenden hat:

Alleinerziehend mit Zwillingen: über Schwerkraft und die Kraft, die eine Mutter entwickelt – Gastbeitrag von Katja Klauss

Meine Schwangerschaft begann mit einem großen Schock, da der Vater der Kinder und ich gerade, sagen wir, im Aufbau einer Beziehung waren. Dachte ich zumindest. Wir kannten uns erst sechs Wochen. Nun saß ich da, auf dem Klodeckel, und hielt die zwei Streifen in der Hand. Verdammt. Ich, 37 Jahre, beruflich sehr gut aufgestellt, leitende Position im Fluggeschäft…


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…und ein Bekennender: „Ich mache einen großen Bogen um kleine Kinder“.

Der größere Schock kam dann allerdings erst beim Frauenarzt. „Herzlichen Glückwunsch, es sind zwei!“

Die Welt hörte auf sich zu drehen und ich antwortete auf alles in den nächsten Stunden mit „zwei“.

Ich hatte dem Vater bis jetzt noch nichts gesagt, da ich erst sicher sein wollte das ich wirklich schwanger war. Ja jetzt war ich es, mit doppelter Gewissheit. Inzwischen war ich schon in die 11.te Woche gerutscht, und fand an dem Tag allerdings noch den Mut mit dem Vater zu sprechen.

Das große Verliebtsein und Dutzi Dutzi endete an diesem Abend.

Er, 10 Jahre älter, beruflich erfolgreich, geschieden und schon Vater eines neunjährigen Sohnes, wollte mit den Kindern, inklusive mir, nichts mehr zu tun haben. Er würde sich finanziell um alles kümmern, aber mehr auch nicht. Super, wenn Du glaubst, es geht nicht weiter runter, huiiiiiiiiii und dann kommt die Rutsche. Es machte die Situation wahrscheinlich auch nicht besser, dass ich an diesem Abend auch ziemlich explodiert bin und ihm beim Herausgehen dann noch um die Ohren gehauen habe:

„Ach ja, es sind übrigens zwei!“

Tja, aber der Gesichtsausdruck war es mir dann echt wert.

Meine Schwangerschaft verlief, wie sie begann, absolut katastrophal.

Zu Beginn wog ich 58 kg bei einer Größe von 168 cm. Ich wurde ein Wal, nur nicht so elegant. Zudem war ich wahnsinnig ängstlich. Ich hatte ständig Angst, dass ich meine Babys verlieren könnte, dass sie unterversorgt sind oder dass ich irgendwas falsch mache. Ich hatte in der 16. Woche wahnsinnige Schmerzen im Unterleib. Im Krankenhaus wurde ein Hämatom in der Gebärmutter diagnostiziert. Nicht weiter schlimm, nur ab jetzt hieß es Füße ruhig halten…

Natürlich hatte ich eine ganz tolle Hebamme und war auch regelmäßig beim Frauenarzt, aber der ist ja auch nicht 24 h, rund um die Uhr bei einem. Es wurde etwas besser als ich meine Babys das erste Mal gespürt habe. Es war ganz kurz, ganz zaghaft und unbeschreiblich schön. Trotz des regelmäßigen „Meldens“ meiner Zwillinge machte ich mir weiterhin viele Sorgen.

Leider gab es diese Seite zu dieser Zeit noch nicht, bzw. war sie mir noch nicht bekannt, das hätte mir definitiv viele schlaflose Nächte erspart. Der Vater der Kinder meldete sich wieder, entschuldigte sich und schlug vor sich vorsichtig wieder anzunähern, allerdings wollte er nichts überstürzen, und erst abwarten bis die Kinder da waren.

Bis zur 30. Woche ging es relativ gut, ab da war es nur noch ein Leidensweg.

Der Sommer kam und mit ihm die Wassereinlagerungen. Ich hatte inzwischen fast 30 kg zugenommen und mein Rücken gab langsam aber sicher auf. Ab diesem Zeitpunkt waren Krücken mein ständiger Begleiter. Ich brauchte auch in der Nacht Schienen für meine Handgelenke, da sich da ebenfalls das Wasser bemerkbar machte. Kurz vor der Geburt hatte ich, wie jede Nacht zu dieser Zeit, wieder einmal eine sehr, sehr kleine Blase. Nur das „aus dem Bett rollen und auf das Klo walzen um danach wieder im Bett eine passende und vor allem bequeme Position finden“ waren die Hölle. Einmal überlegte ich wirklich ins Bett zu pinkeln. Ich hatte einfach keine Lust mehr und wollte nur noch meine Ruhe und nicht mehr diese Masse an Gewicht, die ich mit mir rumschleppte.

Ich kam in die 37.te Woche und an diesem Tag begann mein Unterleib stark an, zu brennen. Der Krankenwagen brachte mich und meinen monströsen (inzwischen 93 kg schweren)Körper ins Krankenhaus.


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Es war ziemlich schnell klar, dass an diesem Tag, der 15. Juli 2019, die Babys geholt werden müssen per Kaiserschnitt.

Ich lag da also allein in diesem OP-Saal, darauf wartend, dass die PDA anschlägt, dass die OP beginnen kann. Ich hatte Angst und war unfassbar nervös. Keine 15 Minuten später waren die beiden Mädels gesund auf die Welt gekommen, ich durfte sie allerdings nur kurz sehen, dann wurden sie weggebracht. Ich hatte von meiner Liegeposition einen Blick auf die Uhr, und mir wurde bewusst, dass sie schon viel zu lange an mir rum operierten.

Dann wurde es mir klar: Ich wurde müde, also verlor ich Blut, zu viel Blut.

Die Ärztin sagte mir, noch sie müssten mir jetzt eine Vollnarkose geben, da sie die Gebärmutter entfernen müssten, dann schlief ich ein.

Ich erwachte auf der Intensivstation, ziemlich platt und mit einer Gebärmutter weniger. Mein Blutverlust war ziemlich besorgniserregend und diverse Blutkonserven retteten mir das Leben. Der Grund war wohl, dass meine Gebärmutter kurz vor dem Reißen war. Nach drei Tagen durfte ich die Intensivstation verlassen und konnte endlich meine zwei Babys in den Arm nehmen. Sie waren kerngesund und haben von Anfang an super aus der Flasche getrunken. Die Ärzte zwangen mich am vierten Tag aufzustehen und einmal um das Bett herumzulaufen, mit Hilfe natürlich.

Seit diesem Zeitpunkt weiß ich wirklich, was die Schwerkraft bedeutet, Halleluja, da sacken auf einmal gefühlt 100 kg gen Erdboden!

Ich redete mit den Schwestern, weil ich trotzdem unbedingt stillen wollte. Ein schwieriges Unterfangen, da mein Körper ja genug mit den riesigen Wundflächen zu tun hatte. Aber ich gab nicht auf, ich setzte sie immer wieder an, und sagte mir, wo ein Wille ist, da ist auch ein Busch… äh Weg. Am siebten Tag zogen sie mir endlich den Katheter, die Drainage und den ZVK.

In dieser Nacht kam der Milcheinschuss. Ich hätte nie gedacht, dass Brüste so groß werden können. Dennoch musste ich meine Zwillinge weiterhin mit der Flasche zufüttern.

Der Vater kam nun auch regelmäßig, und ich hoffte wieder auf eine glückliche Familie.

Nach über zwei Wochen durften wir endlich nach Hause. Mein HB war immer noch sehr niedrig und selbst das Treppensteigen wurde zur Herausforderung. Das Stillen klappte immer besser und auch das Verhältnis zum Vater war meines Erachtens super. Es war Mitte September, als ich endlich die Flaschen verräumen konnte. Ich hatte genug Milch…

Es war ungefähr auch zu der Zeit als mich der Vater der Zwillinge fragte, ob ich ein Problem damit hätte, wenn er jetzt eine Freundin hätte?

Und, nein damit hat er nicht mich mit gemeint.

Nun bin ich 40, wir haben Ende 2021. Ich bin alleine mit meinen Kindern. Aber es ist völlig in Ordnung.

Ich habe alleine eine Zwillingsschwangerschaft durch gezogen, bin alleine gewesen bei der Geburt und eben auch danach. Ich habe alleine alles eingerichtet, gekauft, mich gekümmert. Meine Firma gibt es dank Corona nicht mehr. Ab nächstes Jahr Herbst fange ich eine Umschulung als Erzieherin an.

Ich will allen Mut machen, die allein da draußen sind, und denken sie schaffen das nicht.

Doch das tut ihr. Ihr seid Mamas, egal ob mit einem Kind, Zwilling Mamas, oder mehreren Kindern. Es gab in meiner Schwangerschaft und auch in den letzten zwei Jahren wirklich unendlich viele Nächte in denen ich nur geweint habe, und mich so alleine gefühlt habe, so verletzlich.

Ich wollte nie Kinder. Nun habe ich zwei wunderbare Töchter, die mein Leben bedeuten, und für die ich alles geben würde.

Alle Mamas, die das allein da draußen meistern, sind etwas ganz Besonderes – egal ob allein oder mit Partner!

Den diese Aufgabe schaffen nur ganz besondere Menschen.

Auch wenn ihr in manchen Situationen verzweifelt seit und nicht weiterwisst, denkt daran, dass irgendwo da draußen auch gerade eine Mama, die allein ist, genauso denkt. Unsere Kinder sind etwas ganz Besonderes.

Ich für meinen Teil bin nun wirklich glücklich, denn erst, wenn man sein eigenes Kind in den Armen hält weiß man, was wahre Liebe ist…

Danke, dass es diese Gruppe gibt und danke fürs Lesen,

In Liebe
Tara&Sophia mit Mama Katja

Danke liebe Katja, für deine Geschichte als Alleinerziehende mit Zwillingen und dafür, dass du dich entschieden hast, sie hier im Blog zu erzählen!

Wenn auch ihr eure Geschichten erzählen wollt, meldet euch bei mir… sie geben vielen Müttern ganz viel Kraft!

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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4 Kommentare

Franziska
Antworten 2. Januar 2022

Es tut gut, zu lesen, dass es anderen Frauen auch so geht. Ich habe gerade Tränen in den Augen. Ich wurde in der Schwangerschaft verlassen und war auch mit Zwillingen schwanger.
Unglaublich was sich manche Männer leisten

Papalapapi
Antworten 3. Januar 2022

Es braucht andere Manner. Klar. Aber vielleicht auch wachere Frauen. Mein Lesetipp: "Die Wahrheit uber Eva"!

Erik
Antworten 24. Mai 2022

Meine Frau ist vor einem Jahr gestorben und nun erziehe ich meine Mädels alleine (3j). Das Leben ist trotzdem schön und lass dir nix erzählen: alles wird einfacher mit der Zeit.

Carina
Antworten 19. November 2022

Ich danke dir für diesen Bericht. Der hat mir Mut gemacht.
Ich bin aktuell auch schwanger. Der Vater hatte mich direkt verlassen als er von der Schwangerschaft erfahren hat.
Ich habe so viele Tränen vergossen, mich dann aber irgendwann mit der Situation abgefunden.
Vor ein paar Tagen (ich bin in der 13. Woche) dann der Schock: Es sind Zwillinge!
Wie soll ich das denn schaffen?!
Aber meine Familie und meine Freundinnen stehen hinter mir und ich werde jede Hilfe annehmen, die ich bekommen kann.
Alles wird gut! Das wünsche ich mir zumindest so sehr…

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