Baby sagt Nein zur Taufe: Wie ich zum ersten Mal im meinem Leben bewiesen habe, dass ich mich nicht unterkriege lasse


Ich habe euch hier schon einiges aus meiner Kindheit erzählt, jetzt kommt eine lustige Anekdote: Mit knapp 10 Monaten habe ich bewiesen, dass ich mich nicht unterkriege lasse! Bei meiner eigenen Taufe.

Wie ihr wisst, bin ich im kommunistischen Rumänien geboren und aufgewachsen. Der Diktator Ceausescu war an der Macht, die Kirche hatte politisch nicht viel zu sagen, aber war Teil des täglichen kulturellen Lebens. Rumänien hat eine orthodoxe Kirche – nicht griechisch-orthodox, nicht russisch-orthodox, sondern eine kleine eigenständige rumänisch-orthodoxe Kirche mit einem eigenen Oberhaupt: dem Metropolit.

Als ich geboren wurde, arbeitete mein Vater, Professor für Architektur- und Kunstgeschichte, an der Restauration diverser Kirchen in Rumänien, im direkten Auftrag des Metropoliten. Ich kam in Dezember zur Welt, im darauffolgenden Frühjahr arbeitete mein Vater an Rumäniens größtem und wichtigstem Kloster, Cozia (hier habe ich eine ziemlich schöne Bilderstrecke entdeckt).

Mein Vater war Atheist und sah Kirchen als pures Kulturerbe an, deswegen plante er keine Taufe für mich. Er fand das orthodoxe Prozedere auch irgendwie komisch: Kinder werden im Alter von einigen wenigen Wochen bei der Zeremonie völlig ausgezogen und komplett durch ein Becken mit lauwarmen Taufwasser getaucht. Mit dem ganzen Körper. Kopf inklusive. Mini-Babyschwimmen sozusagen. Mein Vater fand das im Winter indiskutabel, zumal ich als Frühchen lungentechnisch nicht so stabil war.

Aber als im Frühjahr der Metropolit selbst sich anbot, mich zu taufen, konnte mein Vater nicht mehr nein sagen – zumal meine Mutter, auch nicht wirklich gläubig, irgendwie schon der Fraktion „man-weiß-ja-nie-schaden-wird-es-nicht“ in Sache Taufe angehörte.

Also stand der Beschluss, nach den Restaurationsarbeiten des Klosters eine große Taufe für das damals winzige Ich zu veranstalten.

Tja. Wer ein Haus gebaut hat, weiß, dass sich Baustellen dramatisch verzögern können. Ob meinem Vater auch etwas Absicht unterstellt werden kann, weiß ich nicht. Aber die Baustelle dauerte bis in den September hinein. Das winzige Ich war inzwischen laut Aussage meiner Familie (sorry, hab keine Fotos), zu einem kräftigen Wonneproppen aufgepeppelt worden, mit ordentlich Muskelmasse vom Krabbeln durch Klostergarten und -gänge.

Der arme Metropolit hingegen war ein alter Mann von deutlich über 80 Jahren und angeblich hatter er wegen einer Krankheit in dem Sommer etwas Lebenskraft und Gewicht verloren… Er war klein, schmächtig und zittrig.

Wonneproppen versus alter Mann

Als der Tag der Feierlichkeit Ende September kam, so erzählt meine Familie, wurde ich, gesund, munter und vor Kraft strotzend, dem Metropoliten überreicht… der mich kaum halten konnte. Er schaffte es gerade noch, mich ins Taufbecken zu hieven und dann verlor er die Kontrolle über mich. Ich soll mich mit beiden Händchen am Beckenrand festgeklammert und aus Leibeskräften schreiend jede weitere Taufhandlung an mir verhindert haben. Das klassische Untertauchen stand außer Debatte. Der Metropolit hatte keine Chance mich wie vorgesehen unterzutauchen, erzählte meine Familie meist unter Lachtränen. Einzelne Besucher des Klosters sollen Beifall geklatscht haben.

Der Metropolit lies sich dann einen goldenen Becher geben und entgegen allen orthodoxen Kirchenregeln taufte er mich, indem er Wasser aus diesem Becher über meinen Kopf ausgoß. Was ich auch mit lautem Brüllen quittierte.

Später soll die ganze Familie und der Freundeskreis darüber debattiert haben, ob das wirklich als Taufe galt.

Wie auch immer, mein Vater war mächtig stolz auf die Story und erzählte sie gern und ausladend. Hätte er bei meiner Hochzeit gelebt, hätte er bestimmt genau die Story erzählt.

Ich frage mich, ob solche Geschichten nicht auch eine großartige Wirkung auf die Selbstwahrnehmung von Kindern haben: Obwohl ich eigentlich ein zartes Frühchen mit einer schwachen Lunge war, hat mein Vater mich gern wahrgenommen als Kraftpaket, das sich dem Kirchenoberhaupt widersetzt. Vielleicht ist das auch eines der vielen Dinge, die mich stark gemacht haben

Ein Dank an meinen Vater schwebt nach oben zu der Wolke auf der er gerade jetzt über diese Geschichte schmunzelt und sich freut, dass ich euch hier davon erzähle.

Welche Helden-Geschichten über sie selbst erzählt ihr euren Kindern?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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3 Kommentare

Annie
Antworten 22. Juli 2018

Das klingt wirklich nach einer Geschichte, die man gerne erzählt :)

Die Heldengeschichte über meine Kinder? Bei der Kleinen (zwei Monate) gibt es noch keine, aber bei der Großen (zwei Jahre) ganz klar wie sie ihre kleine Schwester mit vollem Einsatz vor fremden Kinderwagengrabschern beschützt. "Lass das! Die darfst du nicht anfassen! Das ist MEINE kleine Schwester, nicht deine!"

Helena
Antworten 22. März 2019

Über meinen Sohn gibt es noch keine großen Heldengeschichten zu erzählen. Allerdings hatte meine Mama mir immer eine von mir erzählt. Vorneweg: ich bin in einer tollen Großfamilie mit 7 älteren Brüdern aufgewachsen. Als ich so ungefähr 2 Jahre alt war, hat meine Nachbarin, die als Erzieherin in einem Kindergarten gearbeitet hat, meine Mama gefragt, ob sie mich denn nicht mal Nachmittags mitnehmen soll in den Kindergarten. Ich wäre ja so gut verträglich mit anderen und meine Mama wäre dann mal kurz etwas entlastet. Also ging klein Helena mit der Nachbarin nachmittags in den Kindergarten. Es war eine katholische Einrichtung in der zu dieser Zeit auch Nonnen gearbeitet haben. Es war ein schöner Tag und wir waren im Sandkasten spielen. Irgendwann kam ein Junge ca. 5 Jahre alt zu mir und hatte mir mein Schippchen und mein Sandeimerchen geklaut. Die Nonne wollte schon eingreifen, aber meine Nachbarin hielt sie zurück: "Solange die Helena nicht weint, gehen wir nicht dazwischen. Ich will zuerst sehen, was sie macht."
Klein Helena hat auch nicht geweint. Ich habe abgewartet, bis sich der Junge, der einen Kopf größer war als ich, hingesetzt hatte und in seinem Spiel vertieft war. Ich bin dann wohl zu ihm hin. Habe ihm eine Ohrfeige gegeben und gesagt: "Das ist mein Schippchen und Eimerchen" und bin abgerauscht. Der Junge war so perplex, dass er nichts weiter getan hat.
Meine Mutter hat mir das und auch jedem anderen immer gerne erzählt. Sie war wohl stolz darauf, dass ich schon so früh für mich und meine Rechte einstehen konnte. Der Junge soll übrigens eine Zeit land keinem anderen Kind mehr was geklaut haben ;-)

    Béa Beste
    Antworten 22. März 2019

    Das ist eine klasse Geschichte! <3 Danke dir fürs Aufschreiben! Die Grundlage aller Selbstverteidigungskurse: Ruhe bewahren und zuschlagen, wenn der Gegner es am wenigsten erwartet. Liebe Grüße, Béa

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