Belohnungssystem? Lobtafel? Oder Schamtafel?


Ich weiß nicht mal, wie sich das nennt, worüber ich heute schreiben möchte. Nennt sich das Belohnungssystem? Lobtafel? Ich nenne es heute einfach: Schamtafel!

Bevor ich darauf eingehe, warum ich diesen Begriff gewählt habe, möchte ich eine Geschichte aus meiner Kindergartenzeit mit euch teilen:


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Wir hatten im Kindergarten ein großes Blatt an der Wand und da standen die Namen aller Kinder unserer Gruppe drauf.
Das Blatt war in Wochentage eingeteilt und es war gut sichtbar für uns Kinder aufgehängt. Mehrmals am Tag haben die Erzieherinnen dann Bilder in die Spalten hinter den Namen gemalt: Sonne, Wolke oder sogar eine dunkle Regenwolke mit Regentropfen…

Ihr könnt euch sicher denken: Das Verhalten der Kinder wurde so bewertet, öffentlich für alle.

Ja, ich hatte auch Sonnen und habe mich gefreut. Oft genug war es auch eine Wolke, obwohl ich mich angestrengt hatte und dann war ich traurig. Auch der Mittagsschlaf wurde bewertet. Meine beste Freundin war noch „Bettnässerin“ und jedes Mal, wenn ihr Bett nass war, bekam sie diese dunkle Wolke mit den Regentropfen in ihre Spalte gemalt. Sie hat oft geweint, sich geschämt und ich war wütend.
So wütend, dass ich beim Mittagsschlaf manchmal absichtlich laut war und in einem extra Zimmer schlafen musste. Dann bekam ich natürlich auch eine Regenwolke verpasst. Wenigstens war dann meine Freundin nicht mehr alleine mit ihrer. Irgendwann war ich dann soweit und habe generell rebelliert, dieses große Blatt an der Wand hat mich nicht mehr interessiert.

Ich hoffe, ich konnte jetzt verständlich machen, warum ich solche Poster / Charts und ähnliche Systeme für mich als: mögliche „Werkzeuge der Scham“ – empfinde.

Als mein erster Sohn eingeschult wurde, hing ein ähnliches Blatt an der Wand in seinem Klassenzimmer: Bunt bemalt und die Sticker dazu waren Smileys. Die Lehrerin hat jedem Kind jeden Tag nach dem Unterricht einen Smiley angeheftet: Sichtbar für alle in Augenhöhe. Gleiches System – und ich bin mir sehr sicher mit den gleichen möglichen Auswirkungen:

Kinder, die „gut“ bewertet wurden…
– passen ihr Verhalten diesem System an und funktionieren (Ist das womöglich das eigentliche Ziel der ganzen Sache?)

Kinder, die „schlecht“ bewertet wurden, schämen sich, so vor ihren MitschülerInnen bewertet zu werden
– Kinder, benehmen sich so, wie es eben dann ihr „Ruf“ ist, wenn überwiegend nichts „Positives“ an solchen Tafeln sichtbar ist
– Kinder sind vielleicht traurig und gehen mit Bauchschmerzen nach Hause

Es ist mehr ein Mittel zur Spaltung als zur Verbindung zwischen den Kindern
– Kinder, die sich untereinander vergleichen und konkurrieren
– Pranger Wirkung: Stigmata schaffen

Vielleicht fallen euch noch mehr Punkte ein.

Was ich also Lehrerkräften und ErzieherInnen zum Thema „Sternetafeln“ gerne sagen möchte:

Ja, diese Systeme funktionieren vielleicht oberflächlich. Sonst würden sie wohl kaum so oft genutzt werden. Denkt ihr bitte auch daran, wie sich die Kinder damit fühlen? Wie es sich anfühlt, vor den andern Kindern „negativ“ bewertet zu werden? Denkt ihr an die Scham und daran, dass es eben respektvoller ist, bestimmte Dinge nicht öffentlich zu machen? Seid ihr euch bewusst, dass diese Bewertungen subjektiv sind und vielleicht mehr über euch aussagen, als über die Kinder?


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Möchtet ihr als Erwachsene auch jeden Tag mit solchen Smileys, Stickern und was auch immer bewertet werden: Für alle eure KollegInnen sichtbar? Wie würde sich das für euch anfühlen? Wenn eure Vorgesetzten kein Gespräch unter vier Augen mit euch suchen und euch öffentlich bewerten?

Die Gefühle, die ich auch damit verbinde: Erniedrigung, Scham, Frust, Verärgerung, Traurigkeit, Hilflosigkeit.
Und das große Bedürfnis nach: Respekt!

Ich empfinde diese Systeme nicht respektvoll gegenüber den Kindern.

Es kann die Gruppe spalten, anstatt zu verbinden. Ausgrenzung kann eine mögliche Folge sein oder Kinder benehmen sich der Rolle entsprechend, die sie auf diesen Postern wahrnehmen. Kinder verurteilen sich selbst und sind traurig. Andere Kinder versuchen vielleicht auch ständig zu „genügen“ und Ansprüche zu erfüllen, um eben auf diesem Poster einen lachenden Smiley, eine Blume oder ein Herzchen zu bekommen: Kleine Pawlowsche Hunde.

Ich hoffe, ich konnte meinen Punkt darstellen.

Wie geht es denn nun anders? Wie sollen Regeln befolgt werden?
Für mich lautet die oberste Regel: Empathie vor Bildung – Empathie ist die Grundlage

Und hierzu gehört auch gegenseitiger Respekt und der beginnt damit, dass Regeln gemeinsam mit den Kindern aufgestellt werden. So lernen sie auch Verantwortung zu übernehmen. Dass es keine öffentlichen Beschämungen gibt und wenn es etwas zu klären gibt, dann geschieht das unter vier Augen: Ein Gespräch mit der Lehrkraft und dem Kind. Strafen und Scham haben in der Schule und im Kindergarten für mich nichts zu suchen.

Ich habe den Artikel mit einem Beispiel begonnen und möchte ihn auch so beenden:

In der Klasse des Kindes einer meiner Freundinnen hing auch ein buntes Poster an der Wand und die Überschrift lautete: „Wie fühle ich mich?“

Dort konnte jedes Kind morgens vor dem Unterricht und danach selbst einen Smiley aussuchen.
Das war keine Pflicht, sondern ein Angebot der Lehrerin. Und sie hat dann mit den Kindern einzeln ein Gespräch geführt, wenn sie eben gespürt hat, jemand war traurig. Niemand sollte mit unangenehmen Gefühlen im Unterricht sitzen oder mit Bauchschmerzen nach Hause gehen.
Die Klasse hat auch darauf geschaut und sich dann gekümmert, wenn sich jemand nicht so gut fühlte. Das stärkte auch das Gemeinschaftsgefühl.
Wenn die Lehrerin eine Anmerkung zum Verhalten hatte, fand das unter vier Augen statt und nicht vor allen anderen.

Und das wünsche ich mir eigentlich überall: Orte der emotionalen Sicherheit, des Vertrauens und der emotionalen Unterstützung für unsere Kinder schaffen.

Ich schreibe nicht von: richtig oder falsch. Wie so oft gibt es verschiedene Seiten der Medaille. Solche „Systeme“ können an manchen Tagen auch sicher Freude verbreiten. Und es gibt diverse Graustufen dazwischen.

Ich wollte heute einfach mal ausführlich diese Seite beleuchten und zum Nachdenken anregen.

mindfulsun

PS: Habt ihr auch Erfahrungen mit solchen Tafeln und andere Bewertungssysteme gemacht und möchtet sie mit uns teilen? Wir sind gespannt!

mindfulsun
About me

Mensch, Mama zweier Jungs, die versucht ihre Werte zu leben und die innere Balance zu halten. Ich schreibe über Achtsamkeit, vegane Ernährung, Nachhaltigkeit und verbindende Kommunikation von Herzen. Was ich mir wünsche? Einander mit mehr Mitgefühl und Empathie zu begegnen, überall auf der Welt.

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2 Kommentare

E.m.
Antworten 16. Juni 2021

Ach ja, mein Sohn damals 7 und legasthen auf die Frage wieso er erst 4 Sterne hatte und andere schon so viel mehr... " Ach weißt du, Mama bei 10 Sternen darf man sich in Turnen (nur) ein Spiel aussuchen - aber die Anderen suchen sich auch lustige Spiele aus. Es ist also nicht so wichtig ,dass ich 10 Sterne bekomme" ... und da wusste ich er würde nie 10 Sterne erreichen. GUT SO.

    mindfulsun
    Antworten 18. Juni 2021

    Vielen Dank dafür! Ich mag das sehr, wie dein Sohn das gesehen hat. GUT SO! LG, mindfulsun

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