„Ich bin nicht krank, ich bin Sinéad O’Connor!“ – Gastbeitrag von Stephanie Neumann über ihren Weg von Diagnose Brustkrebs zu einem Hilfsangebot


Jede achte Frau erkrankt in Deutschland an Brustkrebs. Stephanie Neumann war eine davon. In diesem Text nimmt uns die ehemalige Modejournalistin mit auf die Reise vom Tag der Diagnose bis in ihr neues Leben nach der Krankheit… 


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„Das Leben ändert sich schnell. Das Leben ändert sich in einem Augenblick. Man setzt sich zum Abendessen und das Leben, das man kennt, ist vorbei.“

Mit diesen Worten beginnt ein berühmtes Buch der amerikanischen Autorin Joan Didion. „The Year of Magical Thinking“. Ich erlaube mir, mir ihre Worte auszuleihen, weil es keine treffendere Formulierung gibt für das, was ich erlebt habe. Weil ich jedes Mal Gänsehaut bekomme, wenn ich diese vier Sätze lese. Weil ich weiß, wie es ist, wenn…

2018

Der Tag, an dem Joan Didion das Abendessen für ihren Mann vorbereitete, was er nie mehr essen würde, ist bei mir der 9. Februar 2018. In meiner Erinnerung besteht er aus drei Abschnitten. Meine Fahrt mit der U-Bahn quer durch Berlin bis zur Arztpraxis am Kurfürstendamm. Meine Ohren, die die Worte hören „Es ist gut, dass Sie noch einmal gekommen sind. Es ist bösartig“, aber sie nicht verstehen. Meine U-Bahnfahrt zurück mit Sinnen so scharf wie Chirurgenmesser. Jedes Detail schneidet sich tief in mein Gedächtnis ein. Das kalte, fahle Licht dieses Freitagnachmittags. Die nackten Bäume vom Gleisdreieckpark. Der bettelnde Obdachlose, der mir seine Hand entgegenhält. Die Bilder sind bis heute so präsent, als sähe ich sie in einem Video, das auf Pause geschaltet wurde. Die Zeit steht still, nur für mich. Und als die Welt wieder anfängt, sich zu drehen, ist nichts mehr so wie zuvor.

Bei meinem nächsten Termin in der Praxis begrüßt mich das Team mit Namen. Wie bitte? Ich bin verwirrt. Ich bin doch noch ganz neu hier. Erst viel später verstehe ich, was mit dem Moment meiner Brustkrebsdiagnose passiert ist:

Ich bin eingetreten in eine andere Welt, die Welt der Kranken.

Ein Paralleluniversum, das gesunde Menschen nur als Besucher passieren. Das aus Taxifahrten mit Mundschutz, mitleidigen Blicken, vollen Wartezimmern, kalten Untersuchungstischen, Desinfektionsmitteln, Nadeln, Spritzen, Schläuchen und Kanülen besteht. Und aus ganz vielen Menschen, denen es genauso geht wie mir. Von jetzt an habe ich einen neuen Job: Ich bin krank. Und ich habe viele Termine: Kardiologe, Radiologe, Onkologe. Nuklearmedizin, Biopsie, Ultraschall, Labor. Onkologe, Onkologe, Onkologe. Fashion Weeks, Launchpartys, Shopopenings und Interviews mit berühmten Designern? Das war einmal. Ich bin nicht mehr Modejournalistin. Und ich bin auch nicht mehr für Cartier, Hermès oder Gucci am Ku’damm, sondern für Paclitaxel, Epirubicin und Cyclophosphamid, meine Therapien.

Zehn Tage nach der Diagnose geht es los mit der Chemo. So schnell. Aber ich bin schneller.

Mein Kopf ist kahl, meine Gedanken sind klar. Am Abend vorher habe ich mir in Beisein meines Freunds und meiner besten Freundin in einem feierlichen Akt die Haare abrasiert. Ich bin nicht krank, ich bin Sinéad O’Connor! Ich setze die Mütze ab und präsentiere dem Praxisteam an der Rezeption voller Stolz meine Glatze. „Hallo Frau Neumann!“ Man führt mich in ein helles Altbauzimmer, das für die nächsten eineinhalb Jahre mein neues Zuhause sein wird. Ich blicke mich um: eine Wand mit weißen Schubläden, einige Chromstühle, ein unbenutzter Schreibtisch, eine Balkontür, eine Durchgangstür zum Behandlungszimmer, vier schwarze Lederliegen und unzählige Tropfbäume, die ihre metallenen Äste in Richtung Decke strecken und deren Früchte Plastikbeutel voller Chemie sind, die Leben rettet.

Ich nehme auf eine der Liegen Platz. Es ist ein Dienstagnachmittag, als mir die Schwester die erste Infusionsnadel in die Vene schiebt. Mein Freund hält meine Hand. Ich blicke nervös auf die vielen Flaschen und Beutel über mir und frage mich, wie das wohl alles Platz finden soll in mir und wie ich mich wohl fühlen werde, wenn es drin ist. Denn ich weiß es nicht. Ich habe nichts gegoogelt, nichts nachgelesen und außer mit meinem Onkologen mit niemandem über die Details meiner Therapie gesprochen. Und ich werde auch nichts zu diesem Thema hier schreiben, weil ich weiß, dass Nebenwirkungen genauso individuell sind wie die Menschen, denen ich in dieser Zeit begegnet bin. Ich habe in meinen Monaten im Chemoraum alles erlebt: Frauen, die kaum noch laufen können, und Frauen, die am nächsten Tag joggen gehen.


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Und so zieht Tropfen für Tropfen der Alltag ein im Balkonzimmer am Ku’Damm.

Dienstags ist Chemotag. Meist komme ich mit der Bahn angefahren, eine große Tasche vollgepackt mit allem, was ich zum Wohlfühlen brauche, hängt über der Schulter. Routiniert gehe ich den verwinkelten Gang bis ganz nach hinten und gehe gleich links rein. Vom Nebenzimmer ertönen Föhngeräusche. Das sind die Damen mit den Kältehauben gegen Haarausfall, die sich nach der Behandlung den Kopf aufwärmen. Ein bisschen wie beim Friseur hier. Ich muss schmunzeln. Ich setze mich auf eine der Liegen, klappe die Fußlehne hoch und sortiere meine Sachen so, dass ich sie mit einer Hand nachher gut erreichen kann, die andere wird die nächsten Stunden ruhig mit der Innenseite nach oben auf der Armlehne liegen. Die Schwester rollt den Tropfbaum zu mir: „Welche Seite soll es sein?“ Ich blicke auf meine Ellenbogenbeugen. Welche war es nochmal letzte Woche? Ich glaube, die linke. Ich strecke ihr – Abwechslung muss sein – meinen rechten Arm entgegen, stelle meine Tasche auf die linke Seite und atme tief ein, während sich der kalte Desinfektionsspray auf meiner Haut ausbreitet.

2021

„Zeigen Sie mir mal die Brust.“ So nüchtern spricht nur einer mit mir: mein Onkologe. Seit meiner zweiten Operation im Februar 2019 überprüft er alle drei Monate, ob alles gut ist. Ob alles gut ist? Na klar doch! Denn das habe ich mir fest vorgenommen. Ja, ich habe meine Haare in der Chemotherapie verloren. Ja, ich habe meine rechte Brust verloren und heute ein Implantat und viele Narben. Und ja, ich habe die Chance verloren, jemals eigene Kinder zu haben. Aber: Ich habe ein neues Leben gewonnen. Und das möchte ich feiern, genießen und nutzen, um damit etwas Sinnvolles zu tun. So bin ich heute zwar offiziell als Patientin in die Praxis gekommen, aber ich fühle mich nicht mehr wie eine. Ich habe Flyer im Gepäck: rosarote Smiley-Aufkleber auf denen der Name meiner neuen Firma steht:

Happie Haus, die App bei Brustkrebs.

Als ich mit meiner Nachsorge fertig bin und die Flyer stolz ich im Wartezimmer auslege, spricht mich eine Frau an: „Kann ich auch einen haben?“. Wir schauen uns an, es dauert einen Moment, dann erkennen wir uns wieder: „Stephanie?“ Ich traue meinen Augen kaum: Es ist Barbara (Name geändert), die Frau, mit der ich gemeinsam viele Monate der Chemotherapie durchgestanden habe. Mit der ich gelacht, geweint, geflucht, Angst gehabt und Fred-Ferkel-Süßigkeiten genascht habe, um den Geschmack der Medikamente zu übertünchen.

Als sie mir erzählt, warum sie hier ist, kommen mir die Tränen: Sie hat ein Rezidiv.

Der Krebs ist nach drei Jahren zurückgekommen. Und ich weiß einmal mehr, warum ich jetzt nicht mehr Modejournalistin bin, sondern mit 46 Jahren ins eiskalte Wasser springe und ein Gesundheits-Startup auf die Beine stelle:

Ich möchte helfen. Ich möchte allen helfen, die da durchgehen, wo ich durchgegangen bin.

Und dieser Gedanke trägt mich durch all die Herausforderungen, Überraschungen und unerwarteten Situationen, denen man begegnet, wenn man nach schwerer Krankheit in der Mitte des Lebens ein neues anfängt.

Aber ich weiß: Ich bin auf dem richtigen Weg.

_____

Über die Autorin: Stephanie Neumann arbeite fast 20 Jahre lang als Modejournalistin im In- und Ausland. Heute unterrichtet sie Yoga für Krebsbetroffene, ist Gründerin der Charity-Organisation Yoga for Cancer und bringt im Oktober die Brustkrebs-App Happie Haus heraus.

Und jetzt meine Bitte: Könnt ihr helfen, dass möglichst viele Betroffene von diesen Angeboten erfahren? Könnt teilen, kommentieren, – etwas tun, was die Algorithmen der Social Media Kanäle dazu bringen, diesen Beitrag ein wenig mehr unter die Leute zu bringen?

Selbstverständlich bringe ich auch diesen Beitrag hier komplett ohne mehr Leistung als dieser wunderschön bewegende Content. Ich hatte beim Lesen Tränen in den Augen…

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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2 Kommentare

Bianca
Antworten 11. September 2021

Sehr stark. Starke Frau, starke Geschichte. Mir gefällt besonders gut der positive Umgang. "Fu..Cancer" ist der falsche Weg. Jede Krankheit hat auch eine Botschaft. Gut, dass Stephanie ihre Botschaft nutzt, um anderen zu helfen :) Alles Liebe!

    Mel
    Antworten 12. September 2021

    Ich bin selbst gerade betroffen und muss mich noch bis Mitte November mit der Chemotherapie durchschlagen. Es ist sehr belastend für alle Familienmitglieder. Ich bin froh, wenn ich alles überstanden habe und mit voller Energie das kommende Jahr und alle danach genießen kann!

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