„Ich habe doch gesagt, was ich fühle!“ – Über echte und über Pseudogefühle


Bislang hielt ich, Béa, mich für die Königin der Ich-Botschaften. Wollte mein Gegenüber was von mir, was mir nicht passte, zack: „Ich fühle mich unter Druck gesetzt!“ – und der andere soll gefälligst einen Back Off machen, aber dalli. Ich habe mir auf die Schulter getappt, dass ich das total gewaltfrei rübergebracht habe.

Tja. Und jetzt sitze ich hier mit diesem Text von mindfulsun und ich raffe was ganz Neues. Bin gespannt, wie es euch geht. Es lohnt sich, zu lesen!

Über echte und über Pseudogefühle

Persönliches Wachstum war eine treibende Kraft, mich auf den Weg der Achtsamkeit zu begeben.
Den Zugang zu meinen Emotionen und Gefühlen zu finden, ist ein wichtiger Baustein. Ich schreibe darüber was ich für mich gelernt und angenommen habe. Ich bin keine Psychologin. Weil es mir jeden Tag auffällt, in vielen Gesprächen und auch in den Medien, möchte ich heute noch mal „Pseudogefühle“ aufgreifen.

Pseudogefühle sind fest im Sprachgebrauch und somit auch in den Köpfen verankert. Das Programm läuft unbewusst ab. Mir ist es auch wichtig, dass ich das nicht mehr an meine Jungs weitergebe, sie den Unterschied kennen.

Wenn ich jetzt frage: „Könnt ihr Gefühle von Gedanken unterscheiden? Merkt ihr, wenn ihr das mischt? Könnt ihr eure Gefühle wirklich erkennen und kommunizieren?“ – wie würdet ihr antworten?

Meine Antwort war: Natürlich!

Ich bin hochsensibel und ich kann mich ausdrücken. Das war nur teilweise wahr. Mir war schon klar, dass Gefühle ein Kompass sind und auf Bedürfnisse hinweisen. Ich war mir bewusst, dass meine Gefühle mir Orientierung geben – Bauchgefühl nennt sich das wohl. Verstehen und verstanden werden, das ist mir so unheimlich wichtig.

Was ich jedoch oft auch kommunizierte, waren Pseudogefühle. Auch meine Denkprozesse waren oft von diesen Pseudogefühlen bestimmt und umgekehrt. Erst durch wirkliches Hinschauen – den Mut aufbringen, das wirklich sehen zu können – habe ich erkannt, wie schädlich das ist und was das für Auswirkungen hat.

Die Grundlage das zu verstehen, war: Was ist der Unterschied zwischen Gefühlen und Emotionen? Wo kommen sie her?

Das ist hier für mich verständlich ausgeführt: Ein Beitrag im „Leben und Lieben“ über Gefühle, Emotionen und Affekte. 

Denn obwohl sie oft synonym gebraucht werden, sind sie es nicht.

Der Anfang war gemacht. Und nun? Nun ging es ans Eingemachte, die Selbstreflexion. Einer der Gründe, warum die Kommunikation meiner Gefühle – gerade in Krisensituation scheiterte: Ich sprach nicht über meine echten Gefühle.

„Aber das fühle ich doch!“ – war meine trotzige Antwort an mich selbst.

Ich wollte es mir nicht eingestehen. Pseudogefühle sind eigentlich Gedanken, Vorurteile, Bewertungen – durch den Sprachgebrauch getarnt als Gefühl. Etwas, was ich mein Leben lang gelernt habe. Ich versuche es gleich in den Beispielen deutlich machen: Pseudogefühle auszudrücken, statt mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Damit zu beschäftigen, was wirklich in mir abläuft. Das ist eine Gewohnheit. Umso schwerer ist es natürlich diesen Kreislauf zu durchbrechen, mir das bewusst zu machen und daran zu arbeiten. Es ist Training und das jeden Tag!

Bei Pseudogefühlen lande ich stets beim anderen, nicht wirklich bei mir.

Wenn ich also merke, ich zeige auf jemanden anderen, teile ich nicht meine Gefühle mit.
Ich habe nun gelernt: Auch wenn das Wort „fühlen“ vorkommt, ist es kein echtes Gefühl.

„Ich fühle mich von dir abgelehnt.“

Was steckt dahinter? Es ist eine Vermutung, eine Bewertung.

Um auf das wirkliche Gefühl zu kommen, ist es wichtig, in MICH zu schauen. Wie fühlt es sich an, diese vermeintliche Ablehnung?

Was geht dabei in mir selbst vor? Was ich finde, sind vielleicht: Angst und Hilflosigkeit. Das sind meine Gefühle!

Eigentlich bin ich unsicher, ob mich die Person noch mag. Und mir ist die Verbindung wichtig. Und genauso würde ich das heute auch ausdrücken.

Weitere mögliche Beispiele:
– Ich fühle mich im Stich gelassen / hintergangen / in die Ecke gedrängt/ zurückgewiesen / bevormundet/ vernachlässigt / provoziert
– Ich habe das Gefühl, du nimmst mich nicht ernst / du nutzt mich aus / dass ich das nicht schaffe

Es gibt so viele dieser Gedanken, die ich mit wirklichen Gefühlen verwechselt habe.

Alte Prägungen und Muster verschwinden nicht über Nacht. Hier brauche ich Unterstützung! Als Hilfe habe ich mir online Listen mit „echten und Pseudogefühlen“ gesucht. Und ich habe hier auch eine Liste liegen. Ein wertvolles Werkzeug für mich(Affiliate Link, also Mini-Werbung an dieser Stelle)

Was nun passierte in mir, wenn ich an diesen „Pseudogefühlen“ festhielt? Meine wahren Gefühle habe ich nicht an die Oberfläche gelassen und ich habe die Verantwortung an die anderen abgegeben.

Denn diese Sätze oben könnten genauso gut lauten: Du hast mich im Stich gelassen / bevormundet / hintergangen!

Es waren nichts anderes als meine Bewertungen und Interpretationen. Für mich jedoch waren sie feste Realität. Zu diesen „Pseudogefühlen“ kamen dann weitere Gedanken obendrauf und oft genug vermischte sich das dann mit echten Gefühlen. Ich wurde vielleicht wütend. Meine Bewertungen wurden zu unangenehmen Gefühlen. Dabei war ich doch eher hilflos.

Was passierte in der Kommunikation dieser Pseudogefühle – Vermutungen, Annahmen – mit anderen? Menschen gingen in Verteidigungshaltung, ich löste auch Ärger aus. Wenn jemand mir gegenüber Pseudogefühle kommuniziert: Ich reagierte mit Ablehnung und war enttäuscht.

Diese Art der Kommunikation endet nicht mit Verständnis und Verbindung!
Oft genug endete sie mit dem verzweifelten Vorwurf: „Ich fühle mich nicht verstanden!“
Wieder ein Pseudogefühl kommuniziert. Dabei war ich einfach nur frustriert und traurig.

Ein guter Indikator für Pseudogefühle und darüber hatte ich auch hier schon geschrieben:

Gefühl oder Gedanke? Du nervig oder ich genervt? In der Kommunikation bei mir bleiben

Oder versucht mal „Ich fühle“ durch „Ich bin“ zu ersetzen:

„Ich bin im Stich gelassen.“ „Ich bin hintergangen.“
Das passt nicht. Funktioniert nicht zu 100 %: Mit der Zeit lerne ich, darauf zu achten.
Hier ist es für mich auch wichtig, in die Selbstbetrachtung zu gehen. Was der andere sagt oder tut, ist der Auslöser für meine Gefühle und nicht die Ursache. Die liegt in mir selbst. (Achtung: Ich spreche hier nicht von seelischer Gewalt! Die nehme ich aus!)

Bedeutet das jetzt, ich darf nicht mehr ausdrücken, wie es mir mit etwas geht? Und ich nehme alles hin? Im Gegenteil!

Es bedeutet, ich kann meine wahren Gefühle und die Bedürfnisse dahinter erkennen und kommunizieren. Verbindung passiert, wenn wir uns öffnen und mit dem Herzen sprechen. Erst jetzt – ohne Pseudogefühle auszudrücken – kommuniziere ich ja wirklich, was ich fühle.

Achtsam dafür zu werden ermöglicht es mir, in einen authentischen Kontakt mit Menschen zu gehen. Was ich fühle, was der andere fühlt: Das wissen nur wir selbst. Denn natürlich ist es mir ebenso wichtig, die Gefühle und Bedürfnisse der anderen Menschen zu (er)kennen. Ich kann jemanden fragen, was er fühlt. Ich achte darauf nicht mehr zu bewerten, zu unterstellen und zu interpretieren. Und ja es ist oft hart! Die Erkenntnis war der erste wichtige Schritt.

Könnt ihr euch erinnern, wann ihr das letzte „Pseudogefühl“ kommuniziert habt? Wenn ihr jetzt an die Situation denkt: Was habt ihr wirklich gefühlt? Was ging in euch vor?

Eure mindfulsun

PS: Ich liebe dieses wundervolle Gedicht, was für mich zu diesem Thema passt „Words Are Windows (or They’re Walls)“

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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