„Prost, Mama!“ – Jugendliche und Alkohol: Wie können wir unsere Kinder schützen?


Gerade an einem Feiertag mache ich mir Gedanken über das Thema Jugendliche und Alkohol.  Ich fuhr vor einiger Zeit Freitag nachts Bahn, so gegen 23:00 Uhr, Regionalzug zwischen Hamm und Münster, und der Zug war voll mit Kiddies, die höchsten 16 waren… und völlig hinüber. Besoffen. Hackedicht.

Die meisten konnten nicht mal aufrecht sitzen. Einige waren schon dabei, sich zu übergeben. Einer wäre vor dem Einsteigen fast auf den Bahngleisen ausgerutscht, hätte ihn ein älterer Herr nicht beherzt vor Ankunft der Lok an der Jacke gepackt.

Wem wird es ganz anders beim Gedanken, dass das sein geliebtes Kind, heute oder in Zukunft, sein könnte?

Daher stellt sich die Frage: Wie können wir als Eltern einen guten Umgang mit Alkohol bei unseren Kindern verankern? Um dies zu beantworten muss ich etwas ausholen: Ich fuhr nachts Auto, hörte Radio und plötzlich musste ich die Ohren spitzen. Eine Zuhörerfrage war, wann Kinder bzw. Teenager zum ersten Mal Alkohol kosten dürfen. Ein bekannte Psychologin (oder Soziologin? Leider habe ich mir den Namen nicht gemerkt…) holte aus: „Es kommt darauf an.“

Genauer: Bei Jugendlichen und Alkohol kommt es auf die Trinkkultur an!

Ihre Erklärung, wie und wieso, war interessant und einleuchtend. Die Expertin macht einen Unterschied zwischen den sogenannten „guten Trinkkulturen“ und den „schlechten Trinkkulturen“.

Als „gute Trinkkulturen“ gelten eher die südeuropäischen Kulturen wie Frankreich oder Italien, in denen Alkohol als Abrundung der Essqualität gilt.  In diesen Ländern ist – und da rede ich auch aus eigener Erfahrung, denn auch ich habe französische Wurzeln – das Betrunkensein eine peinliche Sache, gesellschaftlich nicht zu akzeptieren, auch nicht im Ausnahmezustand. In den „schlechten Trinkkulturen“, die man eher in nördlicheren Gegenden findet (Finnland!) hingegen sei dies anders: Viele tränken, mit der klaren Absicht, sich zu betrinken um besser drauf zu sein. Saufen sei da total cool.

Die Expertin erklärte, man könne die guten und die schlechten Trinkkulturen mit einem Test unterscheiden. Man beobachte die gesellschaftlichen Reaktionen, wenn ein junger Mensch erzählt, am besten ein Kerl, dass er mal „einen über den Durst“ getrunken habe. In einer „guten Trinkkultur“ sind die Zuhörenden peinlich berührt und erkundigen sich, ob man helfen könne. Es ist, als würde der junge Mann sich in die Hose gemacht haben. In einer „schlechten Trinkkultur“ dagegen gibt es Lob und Jubel. Man klopft dem Akteur jovial auf die Schulter und lacht über den Spaß mit dem Verlust der Sinne.

So, und nun zum „kommt darauf an“ mit den Jugendlichen und dem Alkohol:

In einer guten Trinkkultur könnten Heranwachsende schon mit 13-14 Jahren an den Weingläsern der Erwachsenen nippen oder daran riechen. Meistens bekommen sie etwas darüber erklärt, z.B. Rebsorte, Jahrgang, zu welchen Gerichten das passt und wie man die Aromen bezeichnet. Ich bin übrigens in so einer Kultur aufgewachsen. Ich war noch nie in meinem Leben betrunken. So habe ich meine Tochter großgezogen. Als sie 14 Jahre alt war, auf einer Reise in Südafrika, war sie in einer Weinschule für Kinder: Sie hat gelernt, wie Wein gemacht wird, und auch, wie man die verschiedenen Aromen am Geruch erkennt. Kein Wunder, dass sie dann an billigem Fusel kein Interesse mehr hatte!

Carina galt schon immer in ihren Schulkreisen als diejenige, die auf Feiern komplett nüchtern bleibt. Die anderen haben ihr Geld in die Hand gedrückt, damit sie sie, wenn sie komplett hinüber sind, in ein Taxi verfrachtet und auf den Heimweg schickt. Das hat sie gern gemacht, immer drei-vier Alkoholleichen in ein Taxi in der gleichen Richtung… (und ich habe mich noch gewundert, dass sie die Einzige war unter ihren Freunden, die mit ihrem Taschengeld gut auskam und nie nach mehr Geld bei Mama fragte…)

In einer schlechten Trinkkultur ist es besser und sichererer, wenn Jugendliche so spät wie möglich Erfahrungen mit Alkohol haben – am besten versucht man sie davon fernzuhalten bis sie volljährig sind. Hier können Eltern und Erwachsene eigentlich nur vernünftig helfen, wenn sie ihre Verhalten selbst ändern: „Kinder werden deinem Beispiel folgen, nicht deinem Reden.“ Das ist, zugegeben, ein recht schweres Unterfangen. Denn selbst wenn eine Familie beschließt, ihren Kindern etwas anderes vorzuleben, gibt es die liebe Familie, die Nachbarschaft, die Freunde. Kennt ihr das auch, dass man sich nahezu entschuldigen muss, wenn man kein alkoholisches Getränk nimmt?

Aber ich habe ein noch schwerwiegendes Problem identifiziert:

Die meisten Filme und Serien, die den Alkoholkonsum verherrlichen!

Gerade das liebe Hollywood verbreitet eine mega schlechte Trinkkultur!

„Hangover“ 1 und 2? Na klasse, die Jungs wissen nicht mehr, was sie getan haben und alle lachen sich schlapp. Johnny Depp und Konsorten in Fluch der Karibik – lauter sympathische Besoffene.

Und wenn es nur das wäre. Noch problematischer finde ich, wie das im Bereich Drama positioniert wird: Liebeskummer, Job-Probleme, Verluste und Schicksalsschläge werden meist selbstverständlich im Alkohol ertränkt! Geht’s noch??? Kaum hat ein Protagonist ein Problem, schon sieht man ihn vor der Flasche mit Hochprozentigem.

Selbst bei meiner Lieblingsserie Grey’s Anatomy, bei der Shonda Rhimes ganz bewußt das Thema Alkoholabhängigkeit lehrreich thematisiert (Chefarzt Richard Webber wird als trockener Alkoholiker schon mal rückfällig und muss zu „Meetings“ der Anonymen Alkoholiker), kommt das fast in jeder Folge vor. Fast jeder der Ärzte greift zur Flasche oder hockt an der Bar und lässt sich noch was einschenken, wenn irgendwas Doofes passiert, Albträume inklusive, und nach einer Nachtschicht auch mal gern in den Morgenstunden.

Für unsere Kinder eine gefährliche Botschaft:

Mit Alkohol ist die Welt lustiger. Und Probleme lassen sich darin ersaufen.

Von der Musik gar nicht zu reden! Ich sammelte Beispiele über Twitter mit dieser Frage…

– und hier kamen Antworten en Masse:

Und noch viel mehr hier im Thread.

Finden ihr als Eltern das ok? Wie steht ihr dazu? 

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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5 Kommentare

Melanie
Antworten 1. November 2017

Ich selbst bin in einem Weinbau und mit (noch heute bestehendem) Brennrecht im Haus groß geworden. Bei uns war und ist es Sitte dass zur Taufe der Schnuller in Wein getaucht wird und wir durften von klein auf am Weinglas nippen oder von Papis Bier mal nen Schluck abhaben. Hochprozentiges durften wir ab 14-15 Jahren probieren. Es war uns klar, dass unsere Eltern uns vertrauten und dass wir, würden wir ihr Vertrauen missbrauchen, von ihnen keinen Schluck mehr bekommen würden. Uns wurde ein verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol vorgelebt. Oder zumindest haben wir unsere Eltern nie betrunken erlebt. Zumindest als Kind. Das einzige Mal wo ich bewusst meinen Vater mit zuviel des Guten erlebt hatte war als ich bereits erwachsen war und wir gemeinsam an einer Veranstaltung getrunken haben. Und auch da waren wir noch Herr unserer Sinne und kamen heil zuhause an wo wir beide einfach nur müde einschliefen.

Mein Mann wurde ziemlich gleich erzogen und wir versuchen unsere Kinder genauso zu erziehen. Wir verstecken den Alkohol nicht vor ihnen. Wir haben ihnen erklärt, dass man von Alkohol Kopfweh und Schwindel bekommen kann und dass es giftig für uns ist, wenn wir zu viel davon trinken. Sie wissen dass das für Kinder sehr gefährlich sein kann. Hochprozentiges lassen wir sie nicht probieren, aber an Bier und Wein dürfen sie nippen. Dabei gilt: je trockener/herber desto besser. Denn diese Geschmacksrichtungen sind für Kinder nahezu ungenießbar und haben damit eine abschreckende Wirkung. Unsere Kinder zumindest möchten vorerst keinen Alkohol mehr probieren. Wir leben einen offenen Umgang mit Alkohol vor um möglichst den Reiz des Verbotenen nicht aufkommen zu lassen.

Karsten
Antworten 28. Dezember 2017

Da ich in meiner Jugend erleben musste, was Alkohol den Menschen antun kann, verzichte ich schon seit über 20 Jahren grösstenteils darauf. Mein Vater war Alkoholiker über viele Jahre und meine Freunde hatten in den 90ern viele Totalabstürze. Im Sommer beim Grillen gibts höchstens mal ein Radler bei uns. Wir haben 2 Flaschen Wein auf dem Kühlschrank stehen, die wir geschenkt bekamen und dort verstauben. Bei uns wird Alkohol aktuell nicht thematisiert. Gut.. unsere Tochter wird jetzt auch bald erst 7.

Allerdings ist mein Patenkind 16 und ihr Vater macht daa eher nach der Devise "Wenn sie schon säuft, dann wenigstens kontrolliert zu Hause." Er versorgte 16. Geburtstag auch mit hochprozentigem, was ich überhaupt nicht verstehen kann.

Holly_Holster
Antworten 12. Februar 2018

Auch meine Mutter ist alkolabhängig. Abgesehen von den körperlichen Folgen (Leberzhirrhose) hat sie uns nicht mitgeben können, wie man es gut macht. Ich habe einen Mann, der abstinent lebt und sich ständig rechtfertigen muss, ich trinke sehr selten und nie bis zum Volleausch. Mit Besoffenen kann ich schlecht umgehen.
Ich werde meinem Kind versuchen, einen gesunden Umgang mitzugeben, aber ich weiß nicht, ob mir gelingt, die Dänonisierung des Alkohols zu verhindern.

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