Nicht jede Hilfe ist auch hilfreich – Was brauchst du?


Heute habe ich für euch eine sehr wertvolle Reflexion über Hilfe – von unserer Kolumnistin mindfulsun. Auch ich muss zugeben, ich befinde mich im Lernprozess, besser zuzuhören, zu fragen und nicht einfach beherzt etwas zu machen… Aber lest und versteht.

„Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“

„Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

Kant

Das kennen sicher fast alle.

Dieser Artikel ist eine kleine Reflexion, ich schreibe von mir. Das hält jeder so, wie es den eigenen Werten entspricht.

Für mich gilt das im Grundsatz eigentlich nur dafür: Füge niemandem Schaden zu.

Denn was ich als OK empfinde und vertrage, verträgt ein anderer Mensch noch lange nicht und umgekehrt. Wie ich behandelt werden möchte, so möchten andere vielleicht nicht behandelt werden.

Für mich spielt hier Empathie eine große Rolle. Empathie und die Fähigkeit, Bedürfnisse kommunizieren.

Worauf ich diese „Regeln“ allerdings nie bewusst angewendet habe, war auf das Thema: Hilfe.

Je achtsamer ich wurde, desto mehr fiel es mir auf: Manchmal denke ich, ich helfe Menschen, dabei ist es überhaupt nicht so! Was ich als Hilfe empfinde, was mir guttut, tut anderen Menschen eben manchmal nicht gut. Und ja, das betrifft auch meine Kinder. Ich war teilweise übergriffig in meinem Hilfe Verhalten. Gerade bei meinen Kindern dachte ich oft, ich weiß, was gut für sie ist und ihnen guttut.

Heute gibt es für mich eine wichtige Leitfrage beim Thema Hilfe: „Was brauchst du?“

Die Situation, jemand ist traurig und ich möchte helfen: „Möchtest du meine Hilfe und was brauchst du?“ Und manchmal, ist es eben einfach da zu sein, die Hand zu halten. Gerade bei meinen Söhnen ist es mir dann wichtig, dass sie selbst spüren, was ihnen helfen kann.
Ich kann nicht von außen in jemanden rein schauen! Ich kenne Menschen, die mir nahe stehen und trotzdem kann ich nicht wissen, was jemand genau in einem Moment braucht. Das kann sich auch ändern und was mir heute hilft, hilft mir vielleicht morgen nicht.

Kennt ihr das, wenn es euch nicht gut geht: „Lass uns raus an die frische Luft gehen, du musst unter Leute. Das hilft dir ganz bestimmt!“

Ich möchte aber nicht raus. Menschen sind gerade zu viel. Und ich möchte das sagen können: „Nein, danke! Mir würde es mehr helfen, wenn du mir einfach nur zuhörst und wir einen Kaffee trinken.“
Gerade das ist allerdings sehr schwer. Denn ganz schnell schleicht sich das Gefühl ein, vielleicht auf beiden Seiten: Undankbar! Und ich möchte niemanden vor den Kopf stoßen.

Doch genau hier liegt es für mich: Was ich als Hilfe anbieten kann, braucht der andere Mensch vielleicht nicht. Was er braucht, habe ich vielleicht nicht zu bieten. Was mir hilft, hilft vielleicht dem anderen nicht.

Und das ist ok! Genauso habe ich es meinen Jungs vermittelt: Es ist OK zu sagen, was ihr braucht. Und es ist auch OK mir zu sagen, wenn ihr etwas nicht braucht und möchtet! Nur so lernen sie, in sich zu spüren und auch beherzt genug zu sein, etwas abzulehnen, was ihnen eben nicht guttut.

Denn was sicher oft passiert: Menschen nehmen Hilfe an, weil es ihnen unangenehm ist, sie auszuschlagen und fühlen sich hinterher noch schlechter.

Ich habe auch oft genug Hilfe angenommen, nur um Menschen zu zeigen: Es hilft mir nicht. Damit dann Ruhe ist und das Thema nicht mehr auf den Tisch kommt. Heute kommt das für mich nicht mehr in Frage.

Um Hilfe zu bitten, ist sehr schwer. Die Angst vor Ablehnung ist groß. Die Angst davor Hilfe zu bekommen, die mir nicht gut tut und ich kann es nicht sagen, eben auch. Ich bin noch dabei, das zu lernen. Und wenn es um andere Menschen geht, habe ich für mich erkannt: Nicht jede Hilfe ist wirklich hilfreich und ist das, was der andere Mensch gerade braucht. Auch im Umgang mit meinen Söhnen. Hier spielt für mich auch das Thema: Bedürfnisse erkennen und äußern rein. Selbst ich als Erwachsene habe damit noch ein Problem und lerne das erst jetzt Schritt für Schritt. Und Schritt für Schritt gebe ich es an meine Jungs weiter.

„Behandele andere so, wie du behandelt werden möchtest“ bedeutet also für mich beim Thema Hilfe: Hilfe anbieten, um Hilfe bitten können und nicht: Hilfe überhelfen und von mir auf andere schließen oder sogar anmaßend zu urteilen: Das hilft dir sicher!

Wie ist das bei euch? Denkt ihr auch manchmal, ihr wisst, was ein anderer Mensch braucht? Fällt es euch leicht, um Hilfe zu bitten und wie vermittelt ihr das euren Kindern?

Eure mindfulsun

P.S. von mindfulsun: Ja, der Fokus liegt auf dem Thema „emotionale Hilfe“ / Beistand. Auch für Hilfe bei praktischen Dingen ist das für mich anwendbar.

P.S. von Béa: Es kann ja sein, dass jemand um Hilfe bittet und ich selbst kann es oder will es so nicht leisten.
Es ist ein Zeichen von Menschlichkeit, das respektvoll abzusagen. Dazu ein anderes Mal mehr, von mir.

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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1 Kommentare

Beatrix
Antworten 1. Oktober 2019

Hallo liebe Tollabea-Gemeinschaft,
Ich lese eure Artikel immer wieder gerne und finde mich sehr häufig in ihnen wieder. So auch bei diesem. Ich bin die jüngste Schwester von 3 Töchtern mit großem Altersunterschied. Meine älteste Schwester ist 13 Jahre älter als ich und, als erstgeborene in einer alkoholkranken Familie, die jenige, die immer und überall hilft. Und sich dies auch nicht gerne aus der Hand nehmen lässt. Sie ist es gewohnt, dass, wenn sie hilft, es auf ihre Weise gemacht wird. Daher traue ich mich schon gar nicht mehr, sie um Hilfe zu bitten. Bei ihr fühlt es sich immer so an, als wolle sie mir dabei helfen, auf einem der '1000 Wege, die nach Rom führen' endlich einen Weg zu finden. Ich weiß aber, dass ich sprichwörtlich nicht nach Rom will. Sie schließt aber von sich auf andere und kennt quasi nur Rom als Ziel. Sich allerdings mal dafür zu interessieren, wohin ich will und mir dann zu helfen, kommt ihr nicht in den Sinn. Ist dann aber beleidigt, wenn man ihre Hilfe ausschlägt.

Ich hoffe, mein Text ist verständlich geschrieben. 😅🙈
In diesem Sinne spricht mir der Artikel aus der Sicht der 'Hilfesuchenden' total aus der Seele. Danke dafür! ❣️

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