Warum ich gegen Vokabellernen bin – als Schulgründerin und Sprachlernbegeisterte


Ob Englisch, Französisch, Spanisch, Latein oder Chinesisch, alle Kinder hassen Vokabellernen. Und wisst ihr was? Sie haben Recht. Ich habe mir über Jahre eine Meinung gebildet, seit ich 2006 die bilingualen Phorms Schulen mitgegründet habe. Ich bin komplett gegen das Vokabellernen!

Ich bin der Meinung, dass Vokabellernen kontraproduktiv ist für ein gutes Erlernen einer Sprache!

In nahezu allen Schulen und Sprachschulen der Welt wird so gebüffelt und auch die meisten Sprachlern-Apps machen einen grandiosen Fehler: Sie nehmen eine bekannte Sprache als Krücke und erklären dann mit Regeln völlig rational, wie die andere Sprache geht. Das spricht in der Tat auch eine kleine Minderheit von Linkshemispheriker an, die das tatsächlich brauchen. Bei den anderen Menschen und vor allem bei Kindern erreicht die Methode vor allem eines: Frust.

Denn den anderen, natürlichen Weg, eine Sprache zu lernen, ist schon jeder von uns einmal erfolgreich gegangen: Als Kleinkind.

Eigentlich haben wir unsere Muttersprache bereits im Mutterleib zu hören bekommen…  Als wir auf der Welt waren, haben sich Mama, Papa und die Geschwister nicht über unsere Wiege gebeugt und uns Vokabeln eingepaukt. Sie haben mit uns ganz normal gesprochen. Na gut, einige sind auch vor Entzücken ob unseres wonneproppigen Aussehenes in einen kurzfristig grenzdebilen Duziduzi-Sprachstil verfallen, aber im Großen und Ganzen haben alle, spätestens als sie uns nicht mehr unbedingt am Kinn kitzeln mussten, wie normale Menschen gesprochen.

Wir haben situativ und vor allem mit allen Sinnen gelernt: Die FLASCHE mit der MILCH haben wir geschnappt und den HUNGER damit gestillt, hinter dem BALL sind wir her GEKRABBELT… und MAMA und PAPA waren warm, weich und groß für uns da. Ein Wort gesellte sich zum anderen.

Wir haben gesehen, gefühlt, gerochen, geschmeckt – und abgespeichert.

Das Vokabelpauken schickt uns stets auf einem längeren und nicht so unmittelbaren Weg der Information.

Indem stets der Umweg über die Krücken-Sprache erfolgt (zum Beispiel Deutsch, wenn man Englisch lernt), haben die Lerner buchstäblich eine „lange Leitung“. Denn wenn sie sprechen müssen, übersetzen sie stets was sie in der eigenen Sprache denken. Wort für Wort quälen sie sich – und meisten liegen sie daneben, weil die neue Sprache meistens auch noch einen anderen Satzbau hat.

Dann auch noch jahrelang Grammatikregeln fleißig büffeln und schon haben wir das grandiose Ergebnis: Menschen, die jahrelang eine „Fremdsprache“ in der Schule hatten können jetzt am Flughafen des Ziellandes nicht mal nach dem Bus fragen.

Ja, sie haben damals ihre verhassten Vokabellisten für viele, viele Tests gelernt. Und jetzt vergessen so wie die Grammatik auch. Vor allem, weil das Gelernte auch was falsches im Kopf abgespeichert hat:

Vokabellisten ankern bei den Lernern sogenannte „Pseudowörter“ im Gehirn.

„Flasche-Bottle“ oder „Milch-Milk“ gehören nicht zusammen abgespeichert. Es stimmt zwar nicht, dass wir unterschiedliche Sprachzentren für die diversen Sprachen haben. Wir haben nur einen Sprachzentrum im Gehirn, das mit jeder neuen gelernten Sprache, mit Lesen, Kommunikation, etc. immer mächtiger wird. Aber wir haben unterschiedliche „Ein- und Ausgänge“ dazu, und die gehören nicht vermischt. Flasche und Milch gehören in die deutschen Ein- und Ausgänge und Bottle and Milk in den englischen.

Das Vokabelpauken der Schule ist ein isoliertes Lernen mit vielen Korrekturschleifen, die frustrieren.

Als wir damals als Kleinkinder lustige Worte à la „Tote Lilly“ statt Tortellini von uns gegeben haben, haben uns die Großen lachend korrigiert und einen ganzen Satz bejahend von sich gegeben: „Ja, es gibt zu Mittag TORTE-LINI!“ Sie haben uns nicht mit Rotstift irgendwo was angekreidet. Sie haben uns nicht noch mal eine Vokabelliste aufgegeben. Wie soll bitte was kleben bleiben, wenn alles theoretisch auf dem Papier steht?

Ich bin für Immersion: Ein natürliches Sprachlernsystem, das Sinn und Spaß macht.

Das ist Eintauchen in die Sprache. Das setzt voraus, dass die Lehrperson völlig darauf verzichtet, die Krückensprache zu nutzen und einfach in der Zielsprache plappert. Mit freundlicher Stimmung und großen Gesten sollte sie einfach erstmal ein gutes Gefühl und eine gute Beziehung zum Lernenden etablieren. Und dann gilt es: Dinge zeigen, umschreiben, den Lernenden zum Nachahmen zu animieren.

Wisst ihr, wer das perfekt drauf hat? Gute Italienischen Gastwirte!

Genau das machen sie. Alle Lehrer, die Sprache unterrichten, sollten deren herzliche ausholende Gesten beobachten gehen, finde ich…

Was meint ihr, soll ich euch zu diesem Thema mehr erzählen? Seid ihr bei mir und meiner Aversion  gegen Vokabellernen? Habt ihr Fragen?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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11 Kommentare

Uli Ni.
Antworten 6. Juni 2018

Also ich finde das ist ein spannendes Thema und würde gerne wissen wie man seinem Kindern besser dabei helfen kann Sprachen zu lernen denn heuzutage ist es bestimmt immer gut nicht nur eine Sprache zu können.

Su se
Antworten 8. Juni 2018

Auf jeden Fall möchte ich mehr darüber hören. Anmerken muss ich allerdings, dass "mother es", also die bestimmte Art, wie man mit Babys spricht, auf keinen Fall "grenzdebil" ist, sondern auch gerade dazu dient, die Sprache zu lernen. Große Gesten und so...

Christiane Leemhuis-Grashof
Antworten 8. Juni 2018

Danke, Du sprichst mir aus der Seele, allerdings ist das dann in meinen Augen auf viele andere Fächer ebenfalls zu beziehen, wo nur stoisch auswendig und nicht individuell gelernt wird.

Lena Busch
Antworten 10. Juni 2018

Ich bin absolut bei dir, liebe Bea. Nur dass das nicht nur für das Sprachenlernen gilt, sondern für alles andere auch. Schreiben, lesen, rechnen - und auch von dort aus immer weiter. Auch da: eine kleine Zahl von Menschen lernt es gut so, wie es gelehrt wird. Die meisten nicht - und wenn man sie lässt, lernen Menschen auch weiter wie die Kleinkinder.

    Béa Beste
    Antworten 10. Juni 2018

    Dankeschön. Genau meine Meinung! Sinnvolles Lernen! Liebe Grüße, Béa

Fee Lizia
Antworten 13. Juni 2018

Ich denke, dass dieser Artikel Unsinn ist. Zum einen bleibt eine Sprache nicht durch die Art und Weise haften, wie man sie gelernt hat. Wenn man eine Sprache nicht benutzt, dann vergisst man sie, ob man sie durch Vokabeln oder als Kleinkind gelernt hat ist dabei völlig irrelevant. Das sehe ich an mir und noch deutlicher an den Kindern. Da wir alle drei Deutsch im Alltag weniger nutzen, als Französisch, haben wir alle drei immer wieder Probleme das richtige Wort im Deutschen zu finden. Diese Sprache haben wir aber alle als Kleinkinder gelernt. Nebenbei, Schwedisch haben die Kids komplett vergessen. Auch das haben sie nur durch Immersion und nicht durch Vokabel lernen gelernt.

Zum anderen ist auch Vokabeln lernen durchaus sinnvoll um sich eine Sprache anzueignen. Ich spreche fließend Englisch, das habe ich mit den üblichen Methoden in der Schule gelernt. Erst nach dem Abi habe ich es durch Bücher, Filme und aktives Sprechen verfeinert, aber auch nur mit dem Niveau aus der Schule war ich in der Lage mich mit fremden Menschen zu unterhalten, oder Teile unseres Tauchkurses zu übersetzen, wenn wir mal wieder mit der englischsprachigen Tauchlehrerin allein gelassen wurden. Auch jetzt benutze ich immer wieder Vokabelkarten, um meinen Wortschatz im Französischen zu erweitern. Bis ich zum Beispiel das französiche Wort für "demzufolge" per Immersion gelernt habe dauert es sicher deutlich länger, als wenn ich diese Vokabel ein paar mal durchgehe.

Und wenn man im Urlaub nach dem Weg fragen will, dann ist es ehrlich gesagt egal, ob die Grammatik stimmt "Bus zu Zentrum?" wird sicher jeder als Frage nach dem Bus verstehen, auch wenn das so kein richtiger Satz ist.

Wichtiger als Vokabel listen und Grammatikerklärungen komplett zu streichen wäre es, dass mehr aktives sprechen und zuhören in den Unterricht eingebaut wird und dass ab einem gewissen Sprachlevel tatsächlich nur noch diese Sprache im Unterricht gesprochen wird, aber ein Grundlevel aufzubauen ist mit der Krückensprache auf jeden Fall schneller.

PS: Entschuldige meine Rechtschreibung, die wird auch immer schlechter, je weniger ich Deutsch schreibe ;)

Schmitz and Sylvia
Antworten 12. August 2019

Liebe Bea, seit längerem lese ich mit Schmunzeln deine Texte. Hier in diesem Beitrag stimme ich mit dir teilweise überein. Ich lebe mit meinem Mann und 2 Söhne in Ostbelgien. Das ist der deutschsprachige Teil des Landes. (ca 70.000 deutschsprachige Belgier) So wie es in Frankreich den Elsass gibt. Wir müssen Französisch lernen, denn falls wir studieren wollen, dann geht das nur im frankophonen oder flämischen Teil des Landes. Wenn wir in Deutschland studieren werden die Diplome oft nicht anerkannt Yeah es lebe Europa! Ausserdem gibt es immer weniger deutschsprachige Ärzte oder in verschiedenen Ministerien deutschsprachige Mitarbeiter. Also nimm dein Leben in die Hand und lern Französisch! Nun habe ich einen 13 jährigen Sohn-er liebt Landwirtschaft und möchte Landwirt werden so wie Papa. Er ist ein begnadeter Handwerker aber ein weniger begnadeter Schüler. In Belgien muss ein Landwirt aber ein Abitur haben. Egal ob allgemein, technisches oder berufsbildenden.. So und ich will dass er Französisch lernt. Das muss sein. Ich selbst habe die Sprache erst richtig im Berufsleben gelernt, da ich den Meister in meiner dualen Ausbildung als Versicherungskauffrau im frankophonen Teil des Landes gemacht habe. Die Lösung:Er besucht nun eine auf Landwirtschaft spezialisierte Schule +Internat im frankophonen Landesteil. Sie ist ca 1 Stunde Autofahrt von zu Hause entfernt.(1Weg) Das erste Schuljahr habe ich ihn druckfrei dort hin geschickt - mit seinem Einverständnis natürlich. Nach dem Motto :Wenn du nicht besteht nicht schlimm - du hast die Sprache erlernt und somit ist das Jahr nie verloren. Mittwoch Nachmittag kommt er nach Hause (rechnet euch mal meine Fahrstunden in Gedanken aus! Am Donnerstag Morgen fahr ich ihn wieder ins Internat und Freitags kommt er dann wieder nach Hause ) Das erste Jahr ist rum und siehe da - er spricht und versteht Französisch... Mit dem Lesen und Schreiben hapert es noch - aber ehrlich gesagt ist mir das Wurst. Er will sowieso in die berufliche Klasse und dort ist das Pensum an Theorie geringer... Ich bin stolz auf ihn. Wir haben hier in den Grundschulen native speaker Lehrer für Französisch. Das ist leider aber nicht die Lösung. Wenn Kinder mit Lernschwächen einen solchen Lehrer bekommen und dieser nicht in der Lage ist den Kindern Erklärungen in ihrer Muttersprache zu geben, findet leider der komplette Unterricht zu Hause statt. Ich habe meinem Sohn den kompletten Kram zu Hause erklärt! Weil ich mittlerweile bilingual bin. Deshalb bin ich der Meinung dass nur eine komplette Immersion hilft beim Sprachen lernen.
Jetzt im Sommer hatten wir Besuch von seinem Zimmerkameraden. Dieser lebt ca 2 Stunden von uns aus entfernt. Wir haben bewusst ein wenig Deutsch mit ihm gesprochen. Und siehe da einige Brocken Deutsch kamen Ende der Woche über seine Lippen.. Ich kann nur das eine Bestätigen :eine Zweitsprache spricht man erst gut, wenn man vor der Aussprache sich keine Übersetzung mehr im Kopf machen muss, und die Wörter einfach so aus dem Mund sprudeln... Und schmeißt die Angst vor Fehlern über Bord... Der große Vorteil der Franzosen und Frankophonen ist dass Sie dich nie aber wirklich nie auslachen wenn du versuchst ihre Sprache zu sprechen... In diesem Sinne :Au revoir et à bientôt,

    Béa Beste
    Antworten 12. August 2019

    Oh, liebe Sylvia, ich bin dankbar, dass du deine Erfahrungen teilst! Es gibt viele Wege, eine Sprache zu erlernen. Und ich freue mich, immer davon zu hören, was klappt. Der frankophone Sprachraum kann auch zäh sein... Liebe Grüße, Béa

Sandra
Antworten 12. August 2019

Ja bitte unbedingt... denn ich war so frustriert vom Vokabeln lernen. Theoretisch habe ich 4 Fremdsprachen gelernt. Aber außer einem großen passiven Wortschatz hat es mir kaum was gebracht. Erst im Arbeitsleben habe ich tatsächlich die Sprache gelernt.

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