„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!“ – Ich mag morgen lieber! Sprichwörter und ihre andere Seite der Medaille


Béa hat mich gebeten, einen Beitrag über Sprichwörter zu schreiben. Hier ist er nun. Auch das Sprichwort, bei dem sie dezent mit den Augen rollt, ist hier dabei.

Sicher kennen sie die meisten von uns, sind wir doch mit ihnen aufgewachsen:


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Manche Sprichwörter haben uns geprägt, andere haben wir als Glaubenssätze übernommen.

Und ich habe irgendwann angefangen, sie zu hinterfragen.

Oder auch anders ausgedrückt: Wenn mir in so manchen Lebenssituationen noch jemand ein Sprichwort (sei es gedacht zum Trost spenden, Hoffnung oder Mut machen) entgegenbringt, hat sich das meistens nicht gut angefühlt.

Heute antworte ich manchmal auf Dinge wie „Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn!“: „Nicht hilfreich.“
(Beispiel)

Wie ich mir das jetzt auch vorstelle, wie einige dieser Sprichwörter oder auch Lebensweisheiten entstanden sind?

Irgendwer saß mal vor vielen Monden mit einem Glas zu viel Met in der Taverne und philosophierte über sein Leben. Denn obwohl diese Sprichwörter (Lebensweisheiten) wahrscheinlich auch auf manchen und seine Situation zutreffen. Sie sind irgendwann jemanden in den Kopf gekommen: nach seinen Erfahrungen, Empfindungen und Beobachtungen.

Mit diesem Beitrag möchte ich nicht ausdrücken: Nutzt diese Sprichwörter nicht! Sondern ich möchte eine andere Seite aufzeigen.

Denn jedes dieser Sprichwörter hat eine oder mehrere Kehrseiten. Und manchmal hängt auch das eine oder andere im Kopf und hallt lange nach. Und fühlt sich dabei auch nicht wirklich stimmig an. Besonders in Situationen, wenn es jemandem wirklich nicht gut geht, der Mensch Kummer hat: Für mich ist da immer die Empathie am wichtigsten. Zuhören! Und nicht versuchen, Lebensweisheiten und Sprichwörter wie ein Pflaster drüber kleben. Auch wenn viele Menschen das wohl aus dem Bedürfnis tun, jemandem helfen zu wollen. Diese Sprichwörter ihnen selbst Kraft und Mut geben und vielleicht schon eine lange Zeit durch ihr Leben begleiten: Wie ein Anker.

Ich kenne auch einige dieser Sprichwörter aus meiner Kindheit, auch aus der Schule: zur Erziehung, quasi.

Nehme ich also gleich eines davon als Erstes:

„Der Klügere gibt nach!“

Zu Hause habe ich das besonders dann gehört, wenn ich mich mit meiner Schwester gestritten habe. Ich war die große Schwester, die ältere eben. Dabei habe dann ich oft meine Bedürfnisse hinten angestellt. Was soll das sein: „Der Klügere“? Was macht das aus dem anderen Menschen? Für mich sind die Bedürfnisse aller Menschen gleichwertig. Auch Konflikte können so gelöst werden, dass sich alle Beteiligten damit wohl fühlen. Das zu lernen, ist so wichtig und wertvoll.

„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“

Auch so ein Beispiel aus meiner Schulzeit. Hausaufgaben sofort erledigen! Entsprach das meinen Bedürfnissen? Nein. Ich bin ein Mensch, der kurz vor knapp die notwendige Energie, den Fokus und die Motivation aufbringt. Und mit „kurz vor knapp“ meine ich: Wenn das für andere Menschen so aussieht. Für mich ist kurz vor Abgabetermin meist beste Zeitpunkt etwas zu erledigen.

„Jeder ist seines Glückes Schmied!“

Manchen Menschen hilft das dabei, etwas zu schaffen. Ich kann anpacken, mein Leben gestalten! Die Kehrseite ist: Es gibt auch äußere Umstände, die auch dazu beitragen. Die Dinge schwerer machen oder sogar unmöglich. Und für manche Menschen fühlt sich das vielleicht auch wie eine Schuldzuweisung an: „Wenn du wolltest, könntest du! Du musst dich nur anstrengen.“ Das gehört für mich in die gleiche Kategorie.

„Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen!“

Wir sitzen alle in dem Glashaus. Niemand hat das Recht, andere Menschen zu verurteilen. Und trotzdem werden diese Steine geworfen. „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.“ Sie fliegen diese Steine – jeden Tag. Werden die eigentlich mehrmals benutzt oder nimmt jeder immer einen neuen ersten Stein?
Hier passt auch für mich: „Jeder soll vor seiner eigenen Tür kehren.“ So oft auch ausgesprochen von Menschen, die gerade kräftig mit dem Besen vor der Tür eines anderen rumwedeln. Projektion! 😉

„Jeder Topf findet seinen Deckel/ Auf jeden Topf passt ein Deckel.“

Was wahrscheinlich Menschen trösten soll, die sich eine Partnerschaft wünschen oder vielleicht gerade eine Trennung hinter sich haben: Manche Deckel passen auf mehrere Töpfe, manche Deckel sind so weit weg, die finden sich überhaupt nicht mit dem Topf zusammen. Mancher Topf mag den Deckel vielleicht nicht, auch wenn er passen würde. Und (irgendwo im Internet aufgeschnappt, genaue Quelle kenne ich leider nicht): „Jeder Topf findet seinen Deckel. Ich glaube, ich bin ein Wok!“

„Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“

Achtsamkeit für den Moment, ja. Dankbarkeit, ja. Wenn mir dann trotzdem etwas fehlt, ist das so. Und da hilft auch das Sprichwort nicht. Manche Menschen sind auch ein Leben lang verdammt dankbar für den Spatz in der Hand und werden die Taube auf dem Dach nicht ansatzweise auch nur sehen. Jemanden zur Genügsamkeit und Dankbarkeit auffordern? Da höre ich doch lieber zu, wie sich jemand mit dem fühlt, was ihm fehlt.


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„Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heiteren Stunden nur.“

Hier sage ich: Auch die unangenehmen Gefühle gehören zum Leben dazu. Diese zu unterdrücken, zu verdrängen: nicht hilfreich. Wie der Deckel auf einem Schnellkochtopf: Ist der Druck zu groß, fliegt das Ding irgendwann durch die Decke. Überall eine große Sauerei. Das Leben ist ein Auf und Ab. Lernen mit Schmerzen umzugehen: So wichtig. Zuhören, wenn jemand Schmerzen hat und einfach nur da sein: unbezahlbar. Empathie!
Und ja, ich mag die heiteren Stunden auch lieber als die anderen.

„Reden ist Silber – Schweigen ist Gold.“

Könnte ich mit einem anderen Spruch beantworten: „Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ Tue ich nicht. 🙂

Oder auch: Kommunikation ist für mich die Grundlage jeglicher gesunden Beziehung. Schweigen gehört auch dazu. Ich kann mich auch mit dem Schweigen des anderen Menschen verbinden. Er hat ja Gründe für sein Schweigen.
Manchmal wird Schweigen allerdings benutzt: zur Manipulation oder als Strafe.
Manchmal ist Schweigen auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit und der andere Mensch findet keine Worte oder den Mut zu sprechen.
Manchmal ist Schweigen zu bestimmten Dingen auch: Etwas nicht verändern, obwohl ich es könnte.
Die Angst, etwas auszusprechen und ein Wegschauen.

In manchen Situationen passt es wieder für mich: Ich versuche ja erst zu reflektieren, bevor ich antworte. Um nicht sofort zu reagieren. Pause zwischen Reiz und Reaktion.

Wieder mehrere Seiten bei diesem Sprichwort!

„Wer rastet, der rostet.“

Ruhe ist ein wichtiges Bedürfnis. Auch Auszeiten sind manchmal notwendig und wichtig. In dieser Zeit kann ich Kraft schöpfen. Und dann mit voller Kraft weiter.

„Jeder erntet, was er sät.“

In so mancher Situation habe ich mir gedacht: „Ich kann mich nicht erinnern, Schei$%* angebaut zu haben!“

Auch hier können äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Und nicht in jedem Fall bekomme ich auch das zurück, was ich gebe.
Manche Menschen ernten auch von anderen, ohne jemals selbst etwas angebaut zu haben.

„Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“

Wo das mit dem Toilettenpapier in der Pandemie endete, haben wir ja gesehen …

„Aus den Augen aus dem Sinn.“

Hat für mich auch manchmal etwas von Verdrängung und Erinnerungen wegschließen. Manche Menschen, die ich nicht mehr in meinem Leben habe, haben mich geprägt. Die Beziehungen zu anderen sind ein Teil von mir geworden. Ob ich sie nun noch sehe oder nicht. Das bleibt mir oft.

„Die Zeit heilt alle Wunden.“

Manche Wunden heilen nie. Manche werden auch dauerhaft schmerzen, auch wenn sie vernarben.
Manches wird anders. Manchmal bleibt auch eine Sehnsucht. (bei Trennungsschmerz)
Dieses Sprichwort fühlt sich für mich nicht gut an, gerade in Zeiten von akutem Schmerz und Trauer. Und auch später noch ist mir ein: „Wie fühlst du dich gerade?“ Lieber als ein: „Bist du etwa immer noch traurig? Das ist doch schon so lange her?“ Für mich ist dieses Sprichwort auch mit Druck verbunden. Fühlt sich auf sehr vielen Ebenen nicht gut an. Anerkennen, wie es dem Menschen in diesem Moment geht! Was später kommt, weiß doch niemand.

„Angriff ist die beste Verteidigung.“ oder „Zahn um Zahn.“

Bis alle keine Zähne mehr haben?
Oder gleich in die Vollen gehen, bevor mich jemand verletzt?
Was steckt eigentlich hier dahinter?
Für mich fühlt sich das nicht gut an. Ich begegne Menschen lieber auf Augenhöhe. Weder aus der Verteidigungshaltung noch aus der Angriffshaltung.

„Nur die Harten kommen in den Garten!“

Komme ich eben in den Wald. Da ist es auch wunderschön.

Meine Oma hat übrigens sehr oft gesagt: „Du glaubst wohl auch, ich bin auf der Wurstsuppe daher geschwommen.“ Das ist übrigens ein Spruch, der mich ein Leben lang begleitet. In Erinnerung an meine Oma und ich habe immer ein Lächeln dabei auf den Lippen, wenn ich daran denke.

Zum Abschluss (ich könnte noch viele dieser Sprichwörter hier anbringen), übergebe ich mal an Béa:

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“

So, jetzt ich, Béa: Das ist die Totalabsage an die Lernfähigkeit von Menschen und die Neuroplastizität des Gehirns.
Einfach das „nimmermehr“ streichen und lieber mit „Im Internet“, „Auf dem zweiten Bildungsweg“, „mit seiner ersten Liebe“ oder schlichtweg „wenn er das wirklich lernen möchte!“. Und das englische „You can’t teach an old dog new tricks“ stimmt auch nicht. 

Mein Fazit: Wenn diese Sprichwörter jemandem selbst helfen. Wunderbar! Helfen sie in jedem Fall auch anderen Menschen? Nein!

Glaubenssätze können auch manchmal ein Hindernis auf dem Wege der Veränderung sein. Eingefahrene Muster können sich auf Beziehungen auswirken. Manche diese Sprichwörter, wenn sie verinnerlicht sind, halten uns vielleicht auch davon ab, unsere Bedürfnisse zu äußern. Oder uns liebevoll um uns selbst zu kümmern.

Ich wünsche mir in den Kommentaren Beispiele von euch, die euch geprägt haben. Welche, die euch guttun und welche, mit denen ihr euch nicht wohlfühlt. Was ist hilfreich für euch und was nicht? Ich bin gespannt! 🙂

mindfulsun

mindfulsun
About me

Mensch, Mama zweier Jungs, die versucht ihre Werte zu leben und die innere Balance zu halten. Ich schreibe über Achtsamkeit, vegane Ernährung, Nachhaltigkeit und verbindende Kommunikation von Herzen. Was ich mir wünsche? Einander mit mehr Mitgefühl und Empathie zu begegnen, überall auf der Welt.

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1 Kommentare

Emily Wilbrand
Antworten 2. September 2022

"Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm."
Ähm, doch, manchmal fällt auch eine Birne herunter. Na klar, Genetik, Epigenetik und Erziehung hat einen großen Einfluss. Dennoch haben Kinder von Anfang an eine eigene Persönlichkeit, deren Akzentuierungen von allen möglichen Dingen in der Entwicklung beeinflusst werden (z.B. Milieu, Peers, Autoritätspersonen, eigene Interessen und Fähigkeiten, Zufall), nicht nur von der eigenen Familie. Mein Bruder und ich könnten auf allen erdenklichen Ebenen unterschiedlicher nicht sein. Sehr großer Radius vom Stamm mit diametraler Fallrichtung.
Danke für den schönen Artikel, ihr Zwei. :-)

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