Zugehörigkeit zu mehreren Nationen: Was ist meine Identität? Gedanken von Béa


Nachdem Mounia mit diesem Thema angefangen hat, Zugehörigkeit zu mehreren Nationen, habe ich auch Gedanken dazu. Denn mich gibt es schon ein Weilchen länger als Mounia und daher hatte ich länger Zeit für den Reifungsprozess meiner Identität.

Wer schon länger den Blog liest, kennt meine Story als Flüchtling. 

Jetzt zur Geschichte meiner Identitätsbildung:

Ich bin in Rumänien geboren. Rumänen sind eh so ein Mix-Volk. Sie sind Nachfahren der Ureinwohner namens Daker (ein Stamm der Thraken) und der Römer, die unter Kaiser Trajan das Gebiet eroberten und zur Provinz Dacia ausriefen. Im Laufe der Geschichte mischten sich weitere Volksstämme unter der Bevölkerung, mehr oder weniger gewaltsam – von Hunnen über Ottomanen, von Slawen über Ungarn und auch Deutsche (Siebenbürgen etc.). Natürlich auch Sinti und Roma, die nicht alle weiterzogen. In Rumänien redet keiner über irgendeine „reinrassige Identität“ oder so etwas. Gibt’s einfach nicht. Und wer nicht mindestens zwei Sprachen beherrscht, gilt als ungebildet.

Bei mir kam zusätzlich hinzu, dass die Familie meines Opas väterlicherseits griechische Wurzeln hatte und die Mutter meines Vaters aus Paris stammte, also wieder ein Mix. Mein Papa sagte immer: „Wir sind Europäer“.

Am liebsten wären wir eigentlich West-Europäer gewesen, aber wir haben nach dem 2. Weltkrieg Pech gehabt und sind im Ostblock gelandet.

Das fühlte sich nicht wie „Zuhause“ an. Das fühlte sich wie „Gefängnis“ an.

Mit 15 kam ich da raus, zu den Kindern aus der ersten Ehe meines Vaters, meinen viel älteren Halbgeschwistern, deren Mutter wiederum Italienerin war. Diese lebten in Deutschland. Jetzt war ich (vor dem Mauerfall) endlich im freien Teil von Europa angelangt. Puh! Das war deutlich mehr „Zuhause“ – weil frei von Kommunismus und dem Schrecken des brutalen Geheimdienstes Securitate. Dass mir die deutsche Sprache gleich von Anfang an Glücksgefühle verschaffte, habe ich euch bereits erzählt. Das war zu diesem Zeitpunkt bereits meine vierte Sprache. Rumänisch, Französisch und Englisch hatte ich dank Familie, Kindergarten und dem rumänischen TV ohne Synchronisation gut drauf.

Als ich 1991 in Deutschland eingebürgert wurde, fragte mich der Beamte, wie ich mich fühle.

„Großartig, vielen lieben Dank!“ – sagte ich, was der Wahrheit entsprach. Die rumänische Staatsbürgerschaft hatte ich abgelegt, die war mir nicht wichtig. Was ich nicht mehr sagte, sondern dachte: „Ich hätte auch die französische, italienische oder englische Staatsbürgerschaft angenommen. Hauptsache eine westeuropäische.“ Na gut, heute würde ich die englische nicht mehr haben wollen, aber ihr versteht den Punkt. Ich fühlt mich nicht als Deutsche, aber mit einem deutschen Pass fühlte ich mich richtig als Teil von Westeuropa.

Was ist meine Identität also?

Ja, ich fühle mich als Europäerin und Weltbürger. Ich bin bunt und cosmopolit.

Ich bin eh ein bunter Hund, der lieber aus der Masse sticht als unbedingt dazu zu gehören. Ich finde schnell Gruppen von Menschen, mit denen ich mich verständige bzw. anfreunde und mit denen langfristige Freundschaften und schöne menschliche Beziehungen gelingen. Ich habe Freunde, die so sind wie ich, überall auf der Welt, von Australien bis USA und Südafrika. Ich arbeite gern an fernen Orten und reise gern.

Mein liebstes Zuhause sind Städte oder Strände, an denen es sommerlich warm ist (am liebsten über 25°) und die Internetanbindung funktioniert – in Ländern, die frei sind und die nicht Menschen für Meinungsäußerungen oder sexuelle Orientierungen oder fehlenden Schleiern etc. ins Gefängnis stecken. Ich wünschte, das wäre die ganze Welt – na gut, die Wärme nicht, brauchen ja nicht alle. Ich bin überzeugt, dass durch Bildung die Menschheit da hinkommen kann. Deswegen ist mein Beitrag zur Welt: Bildung. Schulen und Kitas, Begeisterung fürs Lernen.

Meine Identität wurde nicht durch ein Herkunftsland geprägt. Meine Identität beruht auf Weltoffenheit, Optimismus und der Fähigkeit, mich mit weltoffenen Menschen aus allen Ecken der Welt auszutauschen.

Übrigens, ich wurde nur ein einziges Mal in meinem ganzen Leben „Scheißausländer“ genannt. Das war in meinem Geburtsland, in Bukarest, am ersten Tag als ich nach über 14 Jahren zurückkehrte. Ich sprach mit Akzent Rumänisch und kam mit der Währung nicht zurecht. An einem Blumenstand! Da schlug es mir entgegen. Als ich erwähnte, dass das nicht stimmt und ich in Rumänien geboren sei, wurden die Vorwürfe noch schlimmer – ich hätte mein Land in Stich gelassen. Ich konnte nur mit der Schulter zucken und weitergehen … Einzelfall für mich. Wenn sich so etwas gegen Menschen richtet, die nicht mit den Schultern zucken und weitergehen können, kann ich das aber nicht tolerieren. Ich werde mich immer wieder dafür einsetzen, dass niemand so etwas erfahren muss – und Schlimmeres.

Kann jemand von euch diese Form von Identität nachvollziehen? Wie ist das bei euch?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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4 Kommentare

Fitz
Antworten 26. Dezember 2018

Hallo, ich habe gerade deinen bloq: ”Zugehörigkeit zu mehreren Nationen: Was ist meine Identität? Gedanken von Mounia" gelesen. Ich finde nationalbewusstsein ist ein sehr schönes und wichtiges Wort. Ich kann deine Gedanken verstehen, weil es eine schöne Vorstellung ist wenn alle Menschen sich gleich fühlen und nur wenn man zusammenarbeitet kommt man schnell voran. Diese Gedanken lassen mich auch gut fühlen. Ich bin jedoch der Meinung das wenn überall alle möglichen Menschen sind mit ihren Traditionen, Gebräuchen, baukünsten etc. Dann wäre es doch überall gleich und warum sollte man denn beispielsweise noch in ein anderes Land Reisen wollen.?? Wo bleibt die Neugier, Interesse und gespannt sein? Wie denkst du darüber, würde mich sehr interessieren.

    Mounia
    Antworten 28. Dezember 2018

    Lieber Fitz, ich sehe das ähnlich wie du. Andere Kulturen haben was sehr spannendes. Das Resien und Erfahren neuer Kulturen ermöglicht seinen Wissenshorizont zu erweitern. Ich fände es daher schade, wenn jeder einzelne Mensch und jede Kultur gleich wäre. Wir Menschen sind in unserem Wert alle gleich und sollten auch so angesehen werden. Aber dennoch sind wir individuell und facettenreich.
    Liebe Grüße, Mounia

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