Mit den Händen reden


"Jenseits der Stille"… dieser Film ist den meisten Menschen eingefallen, wenn ich von meiner Arbeit mit Kindern gehörloser Eltern erzählt habe.


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Ich bin Martina, auf dem Foto sehr Ihr mich mit meinem Lieblingszitat aus dem Buch von Stefan Klein "Die Glücksformel". Bevor ich zur Tollabox gekommen bin, war ich einige Jahre sprachliche Frühförderin für hörende Kinder, die in einer gehörlosen Familie aufwachsen. Das ist schon eine besondere Situation: die Kinder lernen als Muttersprache die Gebärdensprache, parallel die Lautsprache, sie wachsen bilingual auf. Im Idealfall zumindest. Denn leider gab es in Deutschland eine lange Tradition der Unterdrückung der Gebärdensprache, sie war verboten, wurde nicht benutzt in der Erziehung gehörloser Kinder. Man sagte, es hält sie vom Sprechen lernen ab. Absurderweise wurden gehörlose Schüler in Lautsprache unterrichtet. Wie viel Inhalt hier bei den Schülern ankommen konnte, kann man erahnen. Das ändert sich glücklicherweise seit ein paar Jahren, leider langsam und zäh.

Seit 2002 ist die Deutsche Gebärdensprache eine anerkannte Sprache. Durch diese lange Zeit der Verpönung, sind manche gehörlose Eltern unsicher, mit ihren Kindern zu gebärden. Ordentlich sprechen zu lernen war schon in ihrer Erziehung oberstes Ziel. Dabei haben diese Kinder ein riesiges Glück: sie lernen von Beginn an eine wunderschöne Sprache, lernen von klein auf, ihren Händen geschmeidig eine sprachliche Bedeutung zu geben. Wie schwierig dieses Unterfangen als Erwachsener werden kann, habe ich erlebt…

Aber Coda Kinder (so werden Kinder gehörloser Eltern genannt: Children of Deaf Adults) wachsen nicht nur in zwei sprachlichen, sondern auch in zwei kulturellen Welten auf. Gehörlose sind wahnsinnig gut organisiert, es gibt Kulturvereine in jeder größeren Stadt, dazu Sportvereine, sehr aktive Jugendgruppen und hier und da einiges mehr. Jährlich gibt es Kulturtage, Jugendfestivals, es gibt Gebärdenpoesie, Gebärdenchor,  Gebärdentheater und jetzt auch den Deaf Slam. Sind die Eltern aktiv in der Gehörlosengemeinschaft, sind natürlich auch die Kinder Teil dieser Gemeinschaft, gleichzeitig bewegen sie sich in der hörenden Welt. Diese Welten haben ganz viel und ganz wenig gemeinsam.


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Wenn ich neue Menschen kennengelernt habe, sind aus der Frage, was ich arbeite, meistens sehr lange Gespräche entstanden. Viele Menschen finden dieses Thema interessant, wissen aber wenig darüber. Die Fragen und Reaktionen waren meist recht ähnlich. Die absolut am meisten gestellte Frage war und ist, ob die Gebärdensprache eigentlich international ist.

Hier ist meine Hitliste der meisten und interessantesten Antworten:


Jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache, ja es gibt sogar regionale Dialakte.

Natürlich dürfen Gehörlose Auto fahren.

Die Schriftsprache ist für Gehörlose eine Fremdsprache.

Gebärdensprache hat eine eigene Grammatik.

Das Wort Taubstumm ist veraltet und wird oft als Beleidigung empfunden. Gehörlose sind nicht stumm.

Berlin hat einen gehörlosen Parlamentarier! Martin Zierold ist Bezirksverordneter bei den Grünen in Mitte.

Es gibt Wecker mit Vibrationsalarm am Bett und Haustürklingeln mit Lichtsignalen.
Wenn ein Baby schreit, wird die gehörlose Mutter durch Lichtsignale aufmerksam.

Auch gehörlose Mütter gebärden in ähnlicher Weise "anders" mit ihren Babys, wie hörende Mütter mit ihren Babys "anders" sprechen. Die Gebärden sind größer und langsamer. Man nennt das in beiden Fällen "Motherese" bzw. Baby Talk.

Die meisten gehörlosen Kinder haben hörende Eltern.
Die meisten gehörlosen Eltern haben hörende Kinder.
Es gibt erblich bedingte Gehörlosigkeit.

Es bringt nichts, übertrieben laut, deutlich und langsam mit gehörlosen Gesprächspartnern zu sprechen. Dabei wird das Mundbild sogar noch undeutlicher.

Ein geübter Lippenleser versteht ca. 30% des Gesagten.

Nur knapp 16% aller Fernsehsendungen sind untertitelt.

Es gibt Gebärden, für die es kein adäquates Wort in Lautsprache gibt. Alle Übersetzungsversuche sind Kompromisse.

Kennt Ihr auch Menschen, die gehörlos sind? Seid ihr selbst gehörlos? Wir freuen uns auf Ansichten und Erfahrungen!

Liebe Grüße,

Eure Martina

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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