Los lassen! Sitzen bleiben!


Eine Mutter in USA bloggte mal, dass sie nicht zu faul sei, auf dem Spielplatz aufzustehen, wenn Ihre Kinder hinzufallen drohen. Sondern, dass sie aus Überzeugung sitzen bleibt – und das weckte immer wieder eine ganz Debatte.

Unser Gast-Blogger Dominik Wind teilt diese Meinung – er plädiert für „unbeobachtetes Spielen“ – oder wenigstens „unbehütet“…

Mit dem Blog Post „Please don’t help my kids!“ weckte Kate Bassford Baker in USA eine ganze Diskussion, Nido griff es bei uns auf. Über 148.000 Likes und über 1,200 Mio Tweets später diskutieren alle Eltern übers Loslassen und Erziehung zur Selbständigkeit. Gastblogger, werdender Vater und Gruppendynamik-Experte Dominik Wind macht Mut zum Loslassen…


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„Ich weiß gar nicht, ob man das noch sagen darf ohne in den Augen der restlichen drei Millionen Berliner augenblicklich jegliche Glaubwürdigkeit einzubüßen, aber ja, ich wohne gerne hier im Prenzlauer Berg. Wenn gleich ich tagsüber arbeitsbedingt die meiste Zeit in Kreuzberg und im Wedding verbringe, mag ich es hier. Sehr. Sicher liegt es daran, dass ich vor 5 Jahren aus der bayerischen Provinz zugezogen bin (womit der letzte Rest Glaubwürdigkeit endgültig weg wäre). Aber es gibt hier eine Sache, die mir von Tag 1 an in Berlin aufgefallen ist: die Spielplätze sind überwacht.

Überwacht von mindestens zwei, nicht selten auch drei, Erwachsenen. Pro Kind. Während ein Elternteil in den umliegenden Cafés und „Spätis“ die Versorgung mit Mate, Latte und gerne auch dem einen oder anderen Radler sicherstellt, wechselt der Rest der Mannschaft am Sandkastenrand hektisch zwischen Kind- und Smartphonebeobachtung. Wenn er nicht direkt selbst mitspielt.

Um eventuellen Missverständnissen gleich vorzubeugen: Natürlich will und muss man auf die Kids aufpassen und natürlich spricht auch nichts dagegen, sondern sehr viel dafür, mit ihnen gemeinsam zu spielen, aber: nicht ständig! Nicht schon eingreifen beim ersten „am Förmchen ziehen“, nicht als Streitschlichter aktiv werden und zur Entschuldigung „zwingen“, wenn Gleichaltrige den Fußball des eigenen Zöglings wegschießen oder die Tochter in der Schlange vor der Schaukel um einen Platz betrogen wird. Oder sich selbst vormogelt.


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„Unbeobachtetes Spiel“ ist essentiell für die kindliche Entwicklung. Es macht den Nachwuchs selbstbewusst und mutig, sich unter Gleichaltrigen behaupten zu müssen, Kompromissfindung zu erlernen, Allianzen zu schmieden, die eigenen Fähigkeiten und deren (aktuellen) Grenzen auszuloten. Und vor allem: es macht ihn kreativ. Wenn die Spielkameraden für den Tag gefunden sind kann aus dem Klettergerüst das Piratenschiff werden, mit dem man sich auf Schatzsuche durch den tosenden Sturm wagt und ihn mit letzter Kraft übersteht. Ganz ohne Mamas oder Papas Hosenbein, und oft auch erst nach einer durchgemachten Phase der Langeweile, entfaltet sich ein offenes, fantasievolles Spiel. Das Kind „taucht ab“, ist ganz bei sich und nutzt die eigene Vorstellungskraft voll aus, um neue Spielewelten zu kreieren. Und das sind Welten, aus denen wir sie durch Ermahnung oder direktes Eingreifen nur dann rausholen sollten, wenn es unbedingt nötig ist.

Wir wollen unsere Kinder beschützen und das ist richtig. Aber es ist auch richtig, ihnen nicht übermannt von den eigenen Sorgen Entwicklungschancen zu nehmen.

„Kinder und Uhren dürfen nicht beständig aufgezogen werden. Man muss sie auch gehen lassen.“ Jean Paul, Schriftsteller (1763-1825)

Mit der Botschaft „Du findest mich genau hier wenn Du mich brauchst“ ist die sichere Basis am Spielplatz gesetzt, von der aus das Abenteuer des Tages beginnen kann.

Lasst die Kinder (aufeinander) los!“

… sagt Dominik Wind, der Sozial- und Medienpädagogik in Darmstadt studierte. Nach fünf Jahren in der kommunalen Jugend- und Schulsozialarbeit machte er sich in Berlin mit einer Kreativagentur selbstständig. Seit 2008 gestaltet er Workshopformate mit einer Dauer von 3 Stunden bis 6 Wochen und veranstaltet Innovationscamps.  Das aktuelle Herzensprojekt heißt Open State.

Und klar: Er bloggt und twittert.

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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