Rankings in der Abizeitung? Warum gibt es sie noch?


In Berlin endet gerade für viele die Abizeit. In vielen Schulen wird ein Jahrbuch als Erinnerungsstück verkauft. Auch ich hatte eins, erinnere mich aber noch an die Rankings (Schönstes Mädchen der Schule etc.), die ich aus heutiger Sicht sehr problematisch finde.

Je älter ich werde, desto mehr reflektiere ich mein Leben. Dabei stoße ich immer wieder auf Erinnerungen, die ich damals gar nicht hinterfragt habe und heute das Gesicht darüber verziehen muss.


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Jahrbücher …

Eigentlich sind sie ein Ding aus den USA, aber wie so vieles irgendwann eingedeutscht worden. Der Hintergrund ist, ein Erinnerungsstück an die Schule zu haben.

Auch wir hatten eins, in dem jede:r Schüler:in eine Seite mit einem Steckbrief zum Ausfüllen bekommen hat, und außerdem noch eine eigene Seite mit Fotos und Sprüchen gestalten durfte. Da ich damals schon bastelaffin war, machte mir letztere Seite am meisten Spaß, ich weiß aber auch, dass sie bei vielen nicht so Bastelfreudigen ziemlich viel Druck auslöste, und bei den Mädchen am Ende auch ein stiller Vergleichskampf (Wer bastelt die schönste Seite?) entstand. Das würde vermutlich keine von ihnen zugeben, aber es war so.

Außerdem gab es noch die sogenannten Rankings, die man schon fast als Award betiteln könnte. Es war nämlich so, dass es eine Auflistung von „Auszeichnungen“ für einzelne Schüler:innen gab.

Hier mal ein paar typische Ranking-Beispiele:

Auszeichnungen, die sich auf die Schulzeit beziehen
Lehrerliebling
Klassenclown
Größter Streber

Auszeichnungen, die sich auf die Zukunft beziehen
Diese Person wird als erstes heiraten
Diese Person wird als erstes reich werden
Diese Person wird im Lotto gewinnen

Auszeichnungen, die sich auf das Aussehen beziehen
Schönstes Mädchen
Bester Style
Schönster Arsch (Ja, es gab tatsächlich diese Kathegorie)

Hier mal ein Ausschnitt unserer Auswertung vom Abi 2014

   

Pupularity Show?

Ich habe mal eine Freundin gefragt, die dieses Jahr Abi gemacht hat. Auch sie hatten solche Rankings – wobei die weniger oberflächlich waren. Sie war ganze dreimal aufgelistet und gab zu, dass es für sie schon ein erfreulicher Ego-Booster war, so oft erwähnt zu werden. Für ihre Freund:innen hingegen, die nirgendwo standen, war es eher nicht so schön…

Und genau das ist das Problem:

Rankings schließen andere aus.

Und zwar nicht nur einige, sondern die meisten! Die beliebtesten kommen auf die Liste, und die anderen werden nicht erwähnt. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber bei mir hinterlässt diese Hierarchie einen ganz bitteren Beigeschmack.

Es ist aber nicht nur das …


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Rankings diskreminieren.

„Wer scheitert bei der 5o€ Frage bei Wer wird Millionär?“ Das ist voll gemein, und von den „Du bist nicht gerade helle“-Fragen gab es etliche. Wie soll sich denn die Person fühlen, die vom ganzen Jahrgang als dümmstes Kind ernannt wurde?

Und dann gibt es noch Leute wie mich, die diese Auflistung auf eine ganz andere Weise traf.

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich die letzten Seiten aufschlug, und die Rankings nach meinem Namen überflog. Ich stand nirgendwo, und noch heute erinnere ich mich an den stechenden Schmerz in meiner Brust.

„Niemand wird sich an mich erinnern“, dachte ich.

„Ich bin unwichtig. Es gibt nichts, wo ich jemals herausgestochen bin. Die Leute werden der Schule den Rücken kehren und mich einfach vergessen.“

Danach schloss ich das Buch hastig und redete mir ein, dass diese Rankings sowieso total albern waren. Aber die Kränkung war trotzdem real, und ich bin sicher, dass es vielen ähnlich ging. Denn wer will schon ausgeschlossen werden?

Heute frage ich mich:

Wem bringen diese Rankings was?

Wer profitiert eigentlich von ihnen?

Eigentlich niemand, außer die wenigen, die es auf die Liste geschafft haben. Und auch nur die, die positiv in Erinnerung bleiben. Lehrerliebling oder Landet im Knast sind auch nicht gerade schmeichelnde Bezeichnungen. Ich bin ziemlich sicher, dass wenn unser Jahrgang demokratisch entschieden hätte, die meisten gegen so ein Ranking gewesen wären. Denn im Grunde bringen sie einem nichts.

Wer trotzdem nicht auf sie verzichten möchte:

Wie wäre es mit neutralen und wertschätzenden Rankings?

Ich persönlich würde Rankings abschaffen, verstehe aber auch, wenn andere ihre Freude an ihnen haben. Dennoch würde ich dazu raten, auf die verletzenden zu verzichten oder sie ggf. vorher mit der jeweiligen Person abzusprechen.

Nach dem Motto: „Johannes, ist es okay, dass du auf die Liste GRÖSSTER STREBER kommst?“

Oder auch „Tina, du wurdest beim Ranking als GRÖSSTE SCHNORRERIN ernannt. Macht es dir was aus,  wenn wir das aufs Jahrbuch drucken?“

Einige von euch denken sich jetzt vielleicht: Das ist doch alles gar nicht so schlimm!

Aber wir können nie wissen, wie die Emotionswelt von anderen ist, vor allem nicht bei verletzlichen Teenagern. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie verletzend es für eine Freundin war, als sie bei der Kategorie „Hat die ansteckendste Lache“ gerankt wurde. Damals dachte ich, dass es sie freuen würde, aber sie, die ihr ganzes Leben für ihre Lache aufgezogen wurde, fand es weniger lustig, so in Erinnerung zu bleiben. Fragt also lieber nach …

Und den Sexismus braucht es auch nicht!

Ich meine: Schönstes Mädchen? Bester Körper? Und dann wundern wir uns, warum viele von uns aufgrund unseres Körpers unter unserem Selbstwert leiden?

Rankings wie „War nie krank“ oder „War immer für andere da“  finde ich relativ neutral und wertschätzend – wobei auch das individuell ist, denn es wird immer welche geben, denen solche Rankings eine Menge Druck machen.

Deshalb bleibe ich auch bei meinem Standpunkt, dass ich solche Rankings zusammenfassend blöd finde, und es sie nicht wirklich braucht!😊 Da finde ich Fotos oder kleine Texte viel schöner als Erinnerung.

Was haltet ihr von Jahrbuch-Rankings?

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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