„Wie – das weiß doch jeder!“ – Was ist „Dumm-Shaming“?


Es gibt da eine Sache, die sehr häufig im Alltag vorkommt und mir jedes Mal aufs Neue einen winzigen Stich der Demütigung verpasst. Eine Sache, die ich manchmal selbst von mir gebe, und mir in diesem Moment nicht der Tragweite meiner Worte bewusst bin. Die Rede ist von „Dumm-Shaming“.

…oder wie Béa das nennt: Bildungs-Shaming. Sie hat schon mal hier darüber geschrieben, ich möchte noch einige Ansichten hier meinerseits teilen. Und einige Erfahrungen.


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Kennt ihr diesen Moment, in dem ihr bei einem Gespräch etwas nicht wisst, oder etwas Falsches sagt, und dann kommen Begriffe wie:

„Waaaas, das wusstest du nicht?“

„Waaaas, du kennst den nicht?

„Waaas, wie kannst du das trotz Abi/Studium/Ausbildung nicht wissen?“

Ihr tappt in eine Situation, in der ihr etwas nicht wisst, wovon der Kreis, in dem ihr euch befindet, ausgeht, dass ihr das nicht wisst. Wenn jemand beispielsweise sagt, er wisse nicht, wer Goethe war, und das Echo schreit: „Wie kann dieser berühmte Name all die Jahre an dir vorbeigegangen sein?“

Wisst ihr, was ich meine? Vermutlich schon, denn dieses Phänomen sehr tritt häufig auf, und wie so oft liegt meist keine böse Intention hinter solchen Nachfragen. In diesem Moment ist man einfach nur überrascht (oder schockiert), dass man in diesem Bereich keine Ahnung hat.

„Dumm-Shaming“

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich einst nicht wusste, was das Wort „Prosa“ bedeutete. Für mich war es so etwas Ähnliches wie Poesie, dabei war das Gegenteil der Fall.

„Waaas? Wie kannst ausgerechnet DU das nicht kennen?“

„Und du willst mal Schriftstellerin werden?“

Die Lacher waren groß und ich schloss mich an – weil ich wusste, dass sie es nicht böse meinten. Und weil ich nicht zeigen wollte, wie gekränkt ich war. Fortan schloss ich den Mund, und brachte mich nur noch in Gespräche ein, wenn ich wirklich, wirklich sicher war, dass ich recht hatte.

Ein anderes Mal – und das werde ich nie vergessen – sollten wir in der Uni einen Text lesen und Fragen bei Themen schicken, die wir noch nicht verstanden hatten. Diese würden dann im Seminar durchbesprochen werden.

Als meine Frage an die Reihe kam, las die Tutorin sie laut vor – und sofort lachten alle. Weil die Frage wohl ziemlich „dumm“ war. Die Tutorin überging die Frage, weil die Antwort wohl ziemlich offensichtlich war, und ich begriff, dass es wohl offenbar doch sowas wie „dumme“ Fragen gibt.

Hier kurz einen kleinen Schwenk zum Lehrsystem:

Ich finde es schwierig, wenn Lehrkräfte Fragen verweigern, weil sie „offensichtlich“ sind.

Denn ich glaube, dass das einer der Gründe ist, warum sich viele gar nicht erst trauen, nachzufragen.

Aber es ist natürlich auch falsch, wenn alle anderen lachen. Damals im Sexualunterricht dachte ein Junge, dass Menschen mit Uterus nur ein „Loch“ hätten, aus dem gepieselt, menstruiert und vergnügt wird. Der ganze Raum kreischte vor Lachen, und ja, auch ich, weil ich nicht fassen konnte, wie man das nicht wissen konnte. (Nicht cool, Vergangenheits-Mounia…)

Aber wisst ihr, worauf ich hinauswill?

Wie soll man in einer solchen Atmosphäre, in der Lehrkräfte Antworten verweigern, und Schüler:innen lachen, „dumme“ Fragen stellen können?

Wissen ist ein Privileg

Außerdem – und dieser Punkt wird oft übersehen – ist der Zugang zu Wissen ein Privileg, das nicht alle haben. In gutbürgerlichen, akademischen Kreisen, in denen mehr gelesen wird, ist das Wissen oft größer als in anderen. Darunter leiden beispielsweise viele Kinder mit Eltern, die einen Migrationshintergrund haben und selbst einige Wissenslücken haben.


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Etwas nicht zu wissen, bedeutet nicht, dass man „dumm“ ist

Im Gegenteil. Danach ist man schließlich schlauer. Und ich glaube, dass das Zusammenleben viel harmonischer wäre, wenn man sich wegen einer „dummen“ Frage nicht gleich aufs Kreuz nimmt.

Denn sonst neigen wir zu lügen, um uns nicht anmerken zu lassen, dass wir unwissend sind. Zumindest habe ich mich schon oft dabei erwischt, wie ich: „Klar, kenne ich“ gesagt habe, damit die Leute nicht wieder ausrasten.

Aber natürlich kommt es auch auf die Situation an und überhaupt sind Menschen unterschiedlich. Nicht alle nehmen „Dumm-Shaming“ persönlich, viele lachen und amüsieren sich darüber. Aber viele auch nicht. Und wie so oft glaube ich, der Ton macht die Musik. Wir könnten genau dasselbe sagen, nur weniger abwertend betonen – und dann gäbe es überhaupt kein Problem.

Was ich mir auch angewöhnt habe, ist, das Wort „interessant“ in die Nachfrage einzubringen, denn so stoßen wir die Person nicht weg, sondern bekunden unser Interesse. Vielleicht entstehen dann viele tolle Gespräche.

Niemand ist allwissend, und das müssen wir auch nicht. Aber es ist immer schön, wenn wir uns gegenseitig bereichern und voneinander lernen.

Abschließend noch eine letzte Sache: ich habe  das Wort „dumm“ meist in Anführungsstriche gesetzt, weil ich kürzlich gelernt habe, dass es ein ableistischer Begriff ist, der geistig behinderte Menschen diskriminiert und oft sehr leichtfertig verwendet wird. Aber genau darum geht es ja im Artikel –dass es sowas wie „dumm“ und „dumme Fragen gar nicht gibt.

Wie steht ihr zu dem Thema?

Mehr dazu findet ihr hier:

„Wer dumme Fragen stellt, bekommt dumme Antworten!“ – Meine Reaktion auf beleidigende und diskriminierende Bemerkungen

Lasst uns Schluss machen mit Bildungs-Shaming – überall, nicht nur in der Schule!

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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