„Bei der Psychologin haben wir uns zum ersten Mal verstanden gefühlt“ – Gastbeitrag und Erfahrungen über ADHS und Medikamente von einer Mutter, die auch Erzieherin ist


Nachdem ich heute eines der wichtigsten Gastbeiträge dieses Blogs  über ADHS Asperger heute wieder in den sozialen Netzen gepostet habe, darf ich euch konkrete Erfahrungen einer Leserin wieder zugänglich machen:

<< Hallo Tollabea,


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ich finde das Thema ADHS und Ritalin sehr wichtig und es bedarf dringend weiterer Aufklärungen der Eltern und dem gesamten Umfeld.

Ich habe  selber den Horror-Trip mit meinem Kind durch.
Und ich finde es auch nicht richtig, dass viel zu schnell Ritalin verschrieben wird.

Es bedarf vorher eine Untersuchung über einen längeren Zeitraum mit Diagnostik.

Ich habe mal meine Erfahrungen aufgeschrieben. Vielleicht hilft es dem einen oder anderen in seinen Entscheidungen weiter. Gebe auch gern Tipps und Anregungen weiter!

Also, ich habe mit meinem Sohn ab dem 3. Lebensjahr den Kampf bei Ärzten und Therapeuten angetreten. Ich bin von Beruf Erzieherin und habe gemerkt, dass mein Kind „anders“ war als andere. Er konnte mit 8 Monaten schon laufen und hat die Krabbelphase „übersprungen“. Probleme kamen dann in der Auge-Hand-Koordination sowie beim Balancieren, das Gleichgewicht zu halten. Des Weiteren hatte er Probleme sich an Regeln zu halten, hatte eine sehr niedrige Frustrationstoleranzgrenze und war auch immer sehr unruhig.  Prinzip „Zappelphilipp“!

Also bin ich von Kinderärzten, Orthopäden bis hin zu Ergotherapeuten gewandert, um herauszufinden, was mit meinem Kind los ist.

Alle sagten nur, er ist sehr aktiv und bewegungsfreudig und braucht „strengere“ Regeln. Als Mutter habe ich mich damit nicht zufriedengegeben, zumal ich als Erzieherin auch wusste, dass seine Entwicklung nicht „normal“ ist.

Mein Verdacht war, ein hochbegabtes Kind zu haben, das vielleicht unterfordert ist.

Das bestätigte sich später auch in der Schule, aber dazu später.

Es kam die Einschulungsuntersuchung und da bin ich als Mutter das erste Mal so richtig explodiert. Mein Kind sollte sich auf einen Stuhl setzen, der eng zwischen einem Schrank und einem Tisch stand. Mein Kind kniete sich auf den Stuhl, weil es ihm sonst zu eng war. Daraufhin ermahnte ihn die Ärztin, er solle sich gefälligst richtig hinsetzen… Das tat mein Kind aber nicht. Während der Untersuchung stellte ich fest, dass mein Kind alles super gemacht hat und bei manchen Aufgaben andere Sichtweisen hatte (es kamen Antworten, die seinem Alter weit voraus waren). Aber die Ärztin es als falsche Antworten bewertete.

Bei der Endauswertung sagte sie nur, er müsste dringend zum Psychologen.

Begründung: Er hätte „nur rumgezappelt“ (bei dem Sitzplatz wäre ich auch bloß immer wieder aufgestanden) und er hatte eine komische Denkweise in ihren Augen. Sie empfahl mir eine Förderschule 😱. Ich hatte solch eine Wut im Bauch, dass ich sofort meine Kinderärztin angerufen und um einen Termin gebeten habe. Sie ist auch aus allen Wolken gefallen.

Wir bekamen schnellstens einen Termin bei der Psychologin und mein Sohn und ich haben uns beide zum ersten Mal richtig verstanden gefühlt.

Kurzer weiterer Werdegang zu meinem Kind im Laufe der Therapie:
Bei der Hirnstrommessung wurde festgestellt, dass die Synapsen zwischen den sensorischen und motorischen Nervenbahnen inaktiv sind (mögliche Ursache kann der Sauerstoffmangel während der Geburt sein).


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Er bekam daher mit Schuleintritt 1x täglich Equasym und war wirklich ausgeglichener und konzentrierter.
Die Lehrer erkannten sofort, dass er eine individuelle Mehrförderung benötigt.
Selbst in der Mittelschule würde er entsprechend gefördert.

Im Alter von 12 Jahren war er für 3 Monate in stationärer Behandlung. Grund dafür war die damalige Situation mit seinem Vater und mir (sind seitdem auch getrennt). Im Alter von 16 Jahren wurde das Medikament abgesetzt (Stück für Stück).

Trotz aller negativen Voraussagen von Ärzten, Therapeuten, Verwandten und Bekannten (nur die Psychologin stand immer hinter uns):
1. Mein Kind ging auf eine ganz normale Schule
2. Mein Kind hätte Gymnasium machen können, aber er hat sich für Realschule entschieden
3. Er hat seine Ausbildung zum Erzieher mit „sehr gut“ abgeschlossen
4. Ich habe damals viele Freunde und Bekannte verloren
5. Meine Beziehung zum Kindsvater ist an der ganzen Situation zerbrochen
6. Ich musste mein Kind (auf seinen eigenen Wunsch) im Alter von 14 Jahren zu seinem Vater ziehen lassen.

Alle um mich herum, bis auf meine Eltern, nehmen es mir bis heute übel, dass ich meinem Kind dieses Medikament gegeben habe.

Wenig Menschen sehen, wie ich durch die Hölle gegangen bin, was ich alles im Blick haben musste als Mutter und Erzieherin: Viele aus der Familie und Bekanntenkreis haben mich als Rabenmutter abgestempelt und verachtet, ohne nach Details zu fragen.

Bis heute ist die Beziehung zu meinem Sohn leider schwierig. Er nimmt es mir heute noch übel, dass ich ihn angeblich“ vergiften“ wollte mit den Medikamenten und ihn in die Klinik gesteckt habe. Ich denke, diese Meinung ist durch seinen Vater entstanden. Mehrere Gespräche zu diesem Thema werden von ihm geblockt, ich würde mir eine faire Kommunikation wünschen.

Ich sage mir immer, ich habe trotzdem vieles richtig gemacht, weil er heute mit 25 sein eigenes Leben führen kann, seinen Traumberuf ausübt und glücklich in einer Beziehung ist. All das wurde ihm nämlich ganz anders vorausgesagt: Förderschule, kein Berufsabschluss, usw… Es geht mir hier nicht damit recht zu haben oder nicht. Ich habe stets nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.

Und was am wichtigsten ist: Ich habe nie die Liebe zu meinem Kind verloren.

Ich erlebe, dass das Thema in der Öffentlichkeit eher einseitig diskutiert wird. Es wäre sinnvoller wenn alle gemeinsam, Ärzte, Therapeuten, Eltern und !!! Kinder das Thema bearbeiten würden. Jedes Kind ist anders und einzigartig, jedes Elternhaus ist anders, jeder Arzt sieht es aus einem anderen Blickwinkel.
Das vergessen die Menschen um einen herum oder die, die nicht betroffen sind.
Ich bin schon so dankbar, dass du das bei dir mit aufgenommen hast.
Man findet sehr schwer neutrale Gesprächspartner dazu.>>

Ihr Lieben, ich möchte euch um respektvolle Kommentare bitten. Wir können euch mit diesen Gastbeiträgen nur einen kleinen Einblick in die Erlebniswelten und Motive anderer geben, und dies nicht, um über sie zu urteilen. Sondern um Menschen, die sich in ähnlichen Situationen befinden, den Erfahrungshorizont zu erweitern.

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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1 Kommentare

Monika & Thomas
Antworten 12. Januar 2022

Danke für den spannenden Beitrag. Ja, wir Eltern dürfen noch viel stärker auf unser Urteilsvermögen und unser Bauchgefühl vertrauen. So oft erzählen uns Bekannte, Verwandte und Experten, was gut für uns und unsere Kinder ist. Wir begleiten Familien mit Kindern, die massive Lernprobleme haben. So häufig wird ihr Kind abgeklärt, diagnostiziert und dann ein Weg „empfohlen“ – ohne die Bedürfnisse des Kindes und der Eltern wirklich einzubeziehen. Die Eltern fühlen sich unverstanden, übergangen und alleine gelassen. Deshalb: Wir dürfen noch mehr für unsere Kind einzustehen und den Weg gehen, der für uns stimmig ist!

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