„Betrug ist das Schlimmste!“ – Warum wir unsere verinnerlichten Moralvorstellungen hinterfragen sollten


Das Thema Betrug ist wie ein gefährliches Minenfeld, bei dem es schnell knallt. Wir reden nicht lang darüber, denn „Betrug ist das Schlimmste“, was man in einer Beziehung tun kann … oder?  In diesem Beitrag möchte ich darüber reden, warum wir selbst bei einem Thema wie diesem unsere Moralvorstellungen hinterfragen sollten.

Seit der Geschichte mit dem Tagebuch beschäftigt mich das Thema Moral. Ich hinterfrage meine Normvorstellungen, die sich über die Jahre als „das Wahre“ manifestiert haben. Denn eigentlich kann man doch nichts pauschalisieren, oder? Jeder Fall ist irgendwie anders. Ich möchte bestimmte Situationen nicht mehr ohne Hintergrund gutheißen oder abwerten.

Lasst uns über Betrug reden!

Ein heiß diskutiertes Thema, das immer wieder aufkommt. Jede*r kennt irgendwen, der/die mal betrogen wurde – leider. Viele Freund*innen von mir haben Eltern, die sich aufgrund von Betrug getrennt haben. Früher dachte ich, dass Betrug das Schlimmste war, das in einer Ehe passieren konnte. Wie konnte man nur?, fragte ich mich. Wie konnte man eine andauernde Beziehung und das gesamte Familienleben für einen Betrug hinschmeißen? Wie konnte man so egoistisch sein? Und – auf diesen Gedanken bin ich keineswegs stolz – wie konnte man mit einer Person zusammen sein, die einen betrogen hatte? Hatte man denn keine Achtung vor sich selbst?

Wie naiv ich jung und naiv ich noch war…

Wie definieren wir Betrug eigentlich?

Vielleicht sollte man das Ganze erst mal damit beginnen, dass das Wort Betrug schon eine Wissenschaft für sich ist. Woran denken wir als erstes bei Betrug? An einen Kuss? Oder an körperliche Intimität?

Und was ist mit „geistigem“ Betrug? Was, wenn es einen Menschen gibt, dem wir uns eher anvertrauen, als unserer liebsten Person? Was ist mit „intimen“ Telefonaten, oder kurz gesagt: Was, wenn unser Herz sich in ein anderes verguckt? Für mich ist das streng genommen das Gleiche. Betrug ist Betrug – ob körperlich oder geistig.

Dennoch scheint mir, als würden wir viel strenger damit umgehen, wenn Körper mit ihm Spiel sind – oder wie seht ihr das?

Betrug kann Familien auseinanderreißen.

Wie bereits gesagt kenne ich viele Menschen in meinem Freundeskreis, dessen Eltern sich aufgrund von Betrug getrennt haben. Diese „Tat“ war so schlimm, dass sie sogar Auswirkungen auf das Familienleben hatten. Oft haben die Kinder Partei für das Familienteil ergriffen, dass betrogen wurde. In den meisten Fällen waren das die Mütter, die von ihren Männern betrogen wurden. Fortan lief die Beziehung zwischen Vater und Kind sehr verheerend. Betrug war schließlich was Schlimmes, was die Familien auseinandergerissen hatte. Alles wurde auf ihn, den Betrüger geschoben, der egoistisch genug war, das gesamte Familienleben zu zerstören.

Die Frage nach dem „Warum?“

Doch auch hier müssen wir über den Tellerrand hinausschauen und uns nach dem „Warum“ fragen. Warum hat er/sie das getan? Gab es einen bestimmten Auslöser? War ein einmaliger Ausrutscher? Gab es schon vorher Probleme? Hat die Person sich schlicht und einfach neu verliebt? Oder war es wirklich ein Akt purem Egoismus?

Damit möchte ich natürlich nicht sagen, dass Betrug gerechtfertigt werden soll. Betrug hinterlässt nämlich tiefe Narben. Nicht selten macht sich das betrogene Elternteil viele Selbstvorwürfe. Betrug tut weh. Er tut weh, ist erniedrigend und wirklich nicht schön. Wie die Person damit umgehen will, ist ihr überlassen. Sie darf vergeben oder nicht vergeben. Wichtig ist nur, den Fokus nicht aus den Augen zu lassen. Betrug ist falsch. Aber ist es wirklich das Schlimmste, was man tun kann?


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Betrug ist NICHT das Schlimmste!

Meiner Meinung nach ist Betrug definitiv falsch, aber weitaus nicht das Schlimmste, was in einer Beziehung passieren kann. Ich kenne eine Person, deren Partner innerhalb der Beziehung sehr gewalttätig und manipulativ war. Ein wirklich schlechter Mensch, der sie psychisch an ihre Nerven brachte und körperliche sowie seelische Narben hinterließ. Doch sie konnte sie auch nicht so leicht trennen, weil er sie dermaßen emotional erpresste, dass sie keinen Ausweg aus der Beziehung fand. Eines Tages traf sie einen Menschen, der das genaue Gegenteil von ihrem Partner war – sanft, herzlich und friedlich. Sie verliebte sich in diesen Menschen und betrog ihren Partner. Leider hetzte dieser ihre Kinder auf die Mutter und plötzlich war sie die Böse, die etwas Unverzeihliches gemacht hatte.

Heute weiß ich, dass sich „schlechte Taten“ wie Betrug nicht einfach generalisiert werden können. Moral ist wichtig, aber nicht eindimensional.

Ja, den Partner betrügen ist falsch, aber ihn innerhalb der Beziehung zu belügen oder gar zu misshandeln, auch. Moralvorstellungen sind wichtig, aber ich denke, wir sollten den Dingen immer auf den Grund gehen, als die Tür komplett zu schließen. Außerdem können wir gar nicht wissen, wie es ist, in der Haut eines anderen zu stecken.

Haltet Kinder aus Betrug raus.

Ja, Betrug kann dazu führen, dass das gesamte Familienleben durcheinandergewirbelt ist. Doch wenn es plötzlich einen „Buh-Man“ gibt, auf den die ganze Wut und der Hass abgeladen wird, ist das einfach unfair. Ein Betrüger kann trotz allem ein gutes Elternteil sein. Ein Betrüger kann trotz allem seine Familie lieben. Ein Mensch besteht nicht nur aus gut und böse – er ist facettenreich. Ich fände es schön, wenn Kinder aus den Elternkonflikten halbwegs ausgeschlossen werden. Kinder sollten sich nicht für eine entscheiden – im Grunde ist doch auch das unmoralisch, oder?

Was ist eure Meinung zu Betrug? Erwischt ihr euch auch manchmal, wie ihr ihn generalisiert? Habt ihr erlebt, wie Kinder darauf reagieren?

Falls ihr noch mehr zum Thema Moral lesen wollt – hier auch ein sehr diskutiertes Thema:

Das Tagebuch des Kindes lesen – Auch moralisch verwerflich, wenn es um seine Gesundheit geht?

Abschließend noch zwei Videos, die ich euch gern ans Herz legen würde. In diesem Video wird das Thema Betrug aus einem sehr sensiblen Punkt behandelt!

Auch dieses Video kann ich euch sehr ans Herz legen, zumindest die ersten fünf Minuten:

Liebe Grüße
Mounia


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Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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9 Kommentare

Christina
Antworten 6. Juli 2020

Da sieht man mal, dass da jemand keinen Betrug erlebt hat.

Als eine Betroffene, kann ich dir sagen, dass Betrug von jemandem, den du liebst, den Boden unter den Füßen wegzieht. Betrug hat viele Gesichter, aber bleiben wir Mal beim Körperlichen: es ist ein klares und deutliches Zeichen dafür, dass DU als PARTNER nicht ausreichend bist. Und ungenügend sein ist ein schlimmes Gefühl. Selbst wenn du selbst nicht mehr viele Gefühle für den Partner hast, ist es noch schlimm. Ein direkter Angriff auf dein Selbstbild, auf deine Selbstwahrnehmung.

Was haben die Leute immer nur dagegen, zu reden? Betrug ist der Weg des Feiglings, desjenigen, der nicht den Hintern in der Hose hat, zu seinen Bedürfnissen zu stehen und darüber zu reden. Und wenn die Beziehung am Ende ist, dann muss man das sagen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende - den Partner hinhalten und dann ggf zu betrügen, ist noch deutlich schlimmer als die Beziehung zu beenden.
Auch für Kinder ist es schlimm, wenn die Kinder eine zerrüttete Ehe beobachten. Welches Bild sollen die Kinder denn von Mama und Papa haben ? Welche anderen Werte sollen sie leben, als die, die man ihnen vorlebt?

Rechtfertigung für Betrug gibt es in meinen Augen auch nicht. Die Frau im Beispiel hätte auch mit dem Neu gewonnenen Mut durch die neue Liebe in ein Frauenhaus gehen können. Kinder schnappen, Hartz iv beantragen und weg. Warum Betrug? Warum nicht der "toten" Beziehung ein echtes Ende verpassen, indem man 1x alles ausspricht - im Zweifel mit Begleitung - und dann geht?
Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Beziehung zu einem Narzissten extrem schwer zu beenden ist. Aber es gibt immer Möglichkeiten, sich Hilfe zu holen. Freunde, Bekannte, der Hausarzt, caritative Einrichtungen, psychologische Hilfe - man muss nur fragen.

Den Menschen, den man betrügt, den hat man mal geliebt, oder? Wie selbstsüchtig muss man sein, um diesen einstmals geliebten Menschen zu hintergehen?

Betrug geht in meinen Augen gar nicht. Es ist ein Symptom für etwas kaputtes, zerstörtes. Im schlimmsten Fall will man den Partner einfach nur möglichst tief verletzten.
Und Betrug steht für ein Leben ohne klare Kommunikation. Und das ist einfach nur traurig.

    Mounia
    Antworten 10. Juli 2020

    Danke für deinen Kommentar.Ich kann deine Meinung sehr nachvollziehen, wollte aber mit meinen Worten weder Betrug rechtfertigen noch von einer Außenposition sprechen. Als ebenfalls Betroffene kann ich sagen, dass Betrug sehr schmerzhaft, erniedrigend und zerstörerisch ist, aber meiner Meinung nach weniger mit einem selbst, als mit der Person, die den "Fehler" gemacht hat, zu tun hat. Ich will damit auch nicht sagen, dass Betrug nicht schlimm ist, sondern lediglich nicht (immer) das absolut Schlimmste sein muss, das man sich in einer Beziehung gegenseitig antun kann (so wird es aber in Medien etc. ständig dargestellt, und anderes, wie z. B häusliche Gewalt ignoriert). In meinem Beitrag ging es weniger um Betrug als mehr um die Hinterfragung der eigenen Moralvorstellungen.

    Liebe Grüße, Mouunia

Gabi
Antworten 8. Juli 2020

Ich finde auch das Betrug gar nicht geht egal in welcher Form.
Mein Partner hat mich während ich im Krankenhaus mit unserem ersten Kind lag, betrogen. Als wir Zuhause waren hat er sich weiterhin mit ihr getroffen.
Das war die größte Erniedrigung in meinem Leben, so gedemütigt hat mich noch keiner.

Meine Mutter kam als junge Frau nach Österreich, kannte keinen und sprach die Sprache nicht. Bald darauf wurde sie schwanger und es folgten noch sieben weitere Kinder. Mein Vater war jähzornig und gewaltbereit. Liebe und Verständnis gab es nicht, wenn dann eine auf die ausgestreckte Hand. Mit 7 Jahren dachte ich daran mich einfach die Stufen runter fallen zu lassen.
Durch meine Erfahrungen aus der Kindheit, konnte mein erster richtiger Freund nicht anders sein. Nach anfänglicher großer Liebe kam der erste Betrug. Ich war dermaßen geblendet das ich mir alles gefallen ließ und nach jedem Betrug und den vielen schönen Worten die er mir schrieb zurück ging. Die Beteuerungen das er es nie wieder tut und er ohne mich nicht Leben kann, waren Balsam für meine kranke, kaputte Seele.
Er hatte mich da wo er mich wollte.
Seine Mutter redete auf mich ein ich solle mich nicht trennen "Ein Sohn braucht seinen Vater". Ich hatte niemanden, von meiner Familie konnte ich keine hilfe erwarten. Ich wusste nicht wohin, Frauenhäuser usw habe ich nicht gekannt und war dazu noch zu unerfahren. Somit blieb ich wo ich war.
Die Jahre waren eine Katastrophe. Für ihn ergab sich durch das Kind ein weiterer Vorteil er wusste ich werde nichts unüberlegtes tun weil mir das wohl des Kindes immer an erster Stelle stand. Man kann es nicht glauben aber ein zweites Kind wurde geboren.
Seit acht Jahren gehe ich in Therapie. Zwar ist der Grund weshalb ich dort gelandet bin scheiße aber ich bin froh das es passiert ist. Mein langer Weg der Heilung begann. Jetzt Jahre später ist es ein Wahnsinn was ich mir alles gefallen ließ und wie wenig Wert ich mir selbst war.
Für mich geht betrügen gar nicht, denn auch wenn ich oft betrogen wurde, so tat ich es kein einziges Mal.
Kommunikation und wenn die nicht möglich ist bleibt immer noch ein Brief. Meiner ist bald fertig und dann ist das Kapitel von und mit C beendet und meines fängt an.

    Mounia
    Antworten 10. Juli 2020

    Wow, danke für diese ehrlichen Worte. Das, was dir immer wieder angetan wurde, klingt wirklich furchtbar. Ich verstehe deine generelle Sicht und bin auch nicht hier, um jemandem meine Sicht aufzuzwingen. Aber wie ich bereits in vielen Kommentaren beantwortet habe, finde ich, dass der Betrug gar nicht viel mit einem selbst als mehr mit der Person, die den Partner betrogen hat, zu tun hat. Sobald man das verinnerlicht hat, schafft man es vielleicht, besser mit den Schuldgefühlen umzugehen.

    Liebe Grüße, Mounia

Mona
Antworten 8. Juli 2020

Vielen Dank für den Kommentar, er spricht mir aus der Seele!

Maus
Antworten 8. Juli 2020

Hallo,
kann deine Meinung nicht teilen, schon mal betrogen worden?
Ich wusste damals nicht, dass ich betrogen wurde, dass die Beziehung auf dünnen Eis war von beiden Seiten her, dass war uns bewusst.
Haben aber erstmal den Entschluss gefasst wir kämpfen weil wir uns lieben. Harte Wochen lagen vor uns. Reden, reden, Partnerwochenende usw. von meiner Seite, habe ich mich an der Nase gefasst und auch an mir gearbeitet. Mein Ex, hat gefleht lass uns zusammen bleiben wir schaffe das.

Was war am Schluss; nochmal ins Bett gestiegen weil er mich ach so liebt, nächsten Tag ausgezogen und bei der nächsten ins Bett, die er schon über Monate hatte.
Da muss ich einfach sagen, geht überhaupt nicht den anderen so hinzuhalten. Auch ich fand unsere Beziehung an einem Punkt nicht gut aber das ich mir nen Neuen suche niemals, ich bin für Kämpfen und dann gehen wenns nicht mehr passt. Alles andere ist feig.

    Mounia
    Antworten 10. Juli 2020

    Danke für deinen Kommentar und das Teilen deiner wirklich ehrlichen Geschichte! Wie bereits gesagt, kann Betrug auch nicht generalisieren. Dein Fall klingt wirklich sehr extrem, wobei ich nicht nur der Betrug, sondern auch der Verrat, die monatelangen Lügen und die Heuchlerei dazugemischt werden. Bei einem solchen Vertrauensbruch kann ich deinen Schmerz sehr nachvollziehen. Mit meinem Beitrag wollte ich auch niemandes Gefühle absprechen, sondern lediglich kein generelles Urteil zu bilden.

    Liebe Grüße!

Momo
Antworten 9. Juli 2020

Hey, klasse Beitrag bin bei der Sache ganz bei dir!
Und zu den ganzen Kommentaren ala "schonmal betrogen worden?".
Ich persönlich denke dass man auch wenn man betrogen wurde die Meinung vertreten kann dass jeder fall differenziert und individuell berrachtet werden sollte!
Ich hatte damals auch einen Freund der mich Betrug, sowohl übers internet mit frauen denen er erzählte ich sei nicht seine partnerin, sondern nur eine freundin, um diese frauen ins bett zu bekommen als auch einmal mit arbeitskollleginnen, seiner besten freundin und ich weis nicht wem noch auf körperliche art.
Ich hab mich damals mehrfach getrennt, war aber verliebt und hab micj durch ne Entschuldigung beschwichtigen lassen.
Aber : auch heute im Nachhinein würde ich nichts anders machen. Ich war verliebt, verletzt, natürlich, aber ich habe diesem Menschen den ich liebte vertraut.
Und nun jahre später sind mir viele Umstände klarer, klar ist das für Lüge und betrug keine Entschuldigung dass er damals psychische probleme hatte und einfach noch nicht bereit für ne ernste beziehung mit Verantwortung. Aber es erklärt das Verhalten und ich verstehe es heute und habe Mitgefühl. Und dennoch bin ich der meinung dass ein "einmaliger Ausrutscher" nicht zwangsläufig ein beziehungskiller sein muss, wenn man ansonsten eine starke beziehunb führt kann man darüber reden und vielleicht eine Lösung finden.
Alles in allem bin ich aber definitiv deiner Meinung dass in Probleme die die Beziehung angehn, die kinder keinesfalls involviert werden sollten!

    Mounia
    Antworten 10. Juli 2020

    Danke für deinen Kommentar. Ich finde es toll, wie reflektiert du trotz des Schmerzes auf die Vergangenheit zurückblickst! Aber wie du bereits sagst, muss man jeden Fall individuell betrachten und nicht unter einen Kamm scheren.

    Liebe Grüße!

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