„Ich lebe!“ – es gibt viel Schlimmes in der Welt, aber auch viel Schönes, für das es sich lohnt, Augen und Herz offen zu lassen – Gastbeitrag von Vanessa L.


Heute gibt es einen sehr berührenden Gasbeitrag von der lieben Vanessa L. Es geht um Verluste, ums Kämpfen, auch auf ums immer wieder aufstehen. Und um eine zauberhaft lyrische Weise des Verarbeitens.

Ich möchte gerne meine Geschichte mit Euch teilen, da ich nicht nur Béas Angebot für einen Gastbeitrag nachkommen möchte, sondern auch, weil ich der Meinung bin, dass wir mehr miteinander über das Leben und das, was uns aus der Bahn werfen kann, reden sollten. Es gibt noch so viele Tabuthemen, Themen, die aber enormen Einfluss auf uns haben, die zu richtig schwerem Ballast in unserem Lebensrucksack werden können.


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Da jedoch zu viele Details den hiesigen Rahmen sprengen würden, versuche ich mich möglichst kurzzuhalten und meine Geschichte auf die Erlebnisse zu beschränken, die meine Welt (und mich selbst) am stärksten verändert haben.

„Wie können Sie nur nach allem noch so fröhlich strahlend vor mir sitzen?“

…fragte mich vor einigen Jahren meine Gynäkologin als ich ihr beim normalen Vorsorgetermin von meinen letzten Monaten mit der Diagnose „Hodgkin-Lymphom“ (Lymphdrüsenkrebs) erzählte. Ja, wie konnte es sein, dass ich noch immer lachen und positiv denken konnte? Wenn ich auf mein nicht mal 40-jähriges Leben zurückblicke, hätte ich gute Gründe, um dem Leben verbittert und griesgrämig gegenüberzustehen.

Vielleicht wäre es sogar möglich, dass ich gar nicht mehr die Chance hätte, diese Zeilen zu schreiben …

Doch ich fange am besten von vorne an:

Mein Leben begann schon recht holprig, nachdem ich kurz nach meiner Geburt eine lebensrettende OP überstehen musste.

Heute glaube ich, dass diese Erfahrung und die darauffolgenden Monate in der Kinderklinik mein Leben unbewusst, bzw. meinen Überlebenswillen, enorm geprägt haben. Außer einer sichtbar großen Narbe am Bauch habe ich alles gut überstanden. Doch mit dem Tuscheln hinter meinem Rücken und so manchen Zeigefingern musste ich erst lernen, klarzukommen. Einer der Gründe weshalb ich lange Zeit im Sommer nur Badeanzüge trug. Dennoch wuchs mit jedem Jahr auch mein Selbstbewusstsein und die Liebe zu diesem besonderen Merkmal, denn ohne diese Narbe würde es mich nicht geben, und dafür war ich schon damals dankbar.

Trennung der Eltern

Als ich gerade in der Pubertät war, trennten sich meine Eltern äußerst unschön. Ich war mit der Situation komplett überfordert; machte dicht, ließ keinen mehr an mich ran, was mich am Ende beinahe einige Freundschaften gekostet hätte. Damals war mir nicht klar, wie dumm es war zu glauben, meine Mutter nicht noch zusätzlich mit meinen Teenie-Sorgen zu belasten und dass es andere eh nicht interessiert. Aber ich kann voller Demut sagen, dass ich glücklicherweise die richtigen Freunde hatte, die die Konfrontation mit mir suchten. Dadurch änderte sich auch mein Blick aufs Leben, ich wollte einfach nur noch glücklich sein und hatte die Hoffnung, dass mir dies auch gelingen würde. Dies ging viele Jahre gut und die durch die Scheidung angeknackste Selbstsicherheit konnte wieder heilen.

Bis zu dem Tag, an dem mein erstes Kind geboren werden sollte …

Nach einer Bilderbuchschwangerschaft starb es plötzlich und unerwartet während der Geburt.

Einer kanadischen Studie zufolge liegt das Risiko hierfür bei 0,94 : 1000. Dieses Erlebnis zog mir den Boden unter den Füßen weg und ließ mich in ein tiefes, dunkles Loch fallen, das mich beinahe verschlungen hätte. Die Kälte und Dunkelheit, die mich in diesem Loch umgab, war mir neu – alles schien unerträglich und hoffnungslos. Ich fühlte mich anders einsam als damals bei der Scheidung meiner Eltern. Natürlich war mein Mann an meiner Seite, aber mit all meinen Zweifeln und Gedanken musste ich irgendwie trotzdem selber klarkommen.

Auch mitzuerleben, wie sehr die Familie dadurch mit alten Wunden zu kämpfen hatte, zog mich nur noch weiter ins Dunkel. Lange hatte ich das Gefühl in einer dunklen, tauben Blase zu schweben, zweifelte nicht nur an mir, sondern stellte alles infrage. Ich schlief mit dem Gedanken an mein Kind ein und wachte mit demselben wieder auf. Der Satz der Hebamme: „Sie müssen jetzt sehr stark sein!“, hallte immer wieder in meinem Kopf und ich weiß noch heute, dass ich voller Verletztheit trotzig dachte, dass ich gar nicht stark sein möchte. Ohne den Rückhalt meines Mannes, mit dem ich zum Glück reden und trauern konnte, wäre ich vermutlich komplett zerbrochen.

Die Narben des Notkaiserschnitts verheilten sehr schnell, aber die seelischen brauchten deutlich mehr Zeit.

Rückblickend habe ich keine Ahnung, wie ich es dann doch geschafft habe, weiterzumachen, irgendwie wieder positiv zu denken, weil der Verlust einfach so sehr schmerzte und ich mit dem ganzen Gefühlschaos überfordert war. Suizid klang sehr verlockend, aber die Liebe zu meinem Mann, meiner Familie, auch das herzliche Beistehen von engsten Freunden und die Hoffnung, dass alles wieder gut werden würde, hielten mich dann doch davon ab.

Ich erinnere mich an einen Satz meiner Mutter, den sie mir mal erzählte, als wir über die Zeit in der Kinderklinik sprachen:


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„Du lagst da im Brutkasten, was dir sichtlich nicht gefiel und ich wusste sofort, dass dieses Mädchen eine Kämpferin ist.“

Ja, das bin ich wohl, eine Kämpferin, ein Steh-auf-Frauchen – also stand ich auf, klopfte den Staub ab und ging vorsichtig mit Hilfe von Freunden und Familie wieder vorwärts. Es war alles andere als einfach und jeder noch so kleine Schritt zurück in die „Normalität“ kostete mich unendlich viel Kraft, aber in mir schrie eine Stimme: „Es hat alles einen Sinn, ganz bestimmt, also geh‘ verdammt nochmal weiter!“ Das mag vielleicht hart klingen, aber mit jedem Schritt, den ich mich mehr zurück ins Leben wagte, desto lauter war die Stimme. Nein!, das Leben muss sich schon was anderes einfallen lassen, damit ich am Boden bleibe. An dieser Stelle sei jedoch gesagt: „Be careful what you wish for!“ (Überlege gut, was du dir wünschst). Wie hätte ich auch ahnen können, dass das nicht der letzte „Schicksalsschlag“ sein sollte. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt …

Nun bin ich stolze Mama von zwei Töchtern und so unendlich dankbar, dass ich die Hoffnung niemals aufgab.

Man sagt, dass jeder seinen Weg, sein eigenes Ventil finden muss, um Erlebnisse zu verarbeiten, sofern man bereit dazu ist. Ich entdeckte zum Beispiel, neben meinem Willen zu leben, während der Trennung meiner Eltern wieder die Liebe zur Lyrik.

Alle Gedanken fanden wie durch Zauberhand ihren Weg auf Papier, die ich seit letztem Jahr öffentlich zugänglich gemacht habe.

Hier wäre nun eine schöne Stelle für ein Happy End, gäbe es da nicht noch die anfangs erwähnte Situation, die mein Leben bzw. unser Leben als Familie total auf den Kopf stellte und auch meinen Blick auf das Leben nochmal intensivierte.

Die Diagnose Krebs traf uns aus dem Nichts.

Ich hatte zwar Monate vorher „so ein komisches Bauchgefühl“, tat das aber als Quatsch ab, dabei hätte ich wissen müssen, dass ich mich auf meine Intuition verlassen kann.

Mir war sofort klar, es gibt keine andere Option als wieder gesund zu werden und, vor allem, es auch zu bleiben. Dieses Mal war ich nicht hilflos der Realität ausgeliefert, sondern konnte aktiv etwas ändern. Ich fokussierte mich auf puren Optimismus – alles wird gut! Ob ich diese Einstellung gehabt hätte ohne die bisherigen Herausforderungen und ohne meine Kinder, weiß ich nicht. Mir ist klar, dass ich verdammt viel Glück hatte; nicht nur, dass der Krebs so früh entdeckt wurde, sondern auch, dass es ausgerechnet diese Art von Blutkrebs war (Heilungschancen liegen bei 80 – 90%). Ich weiß, dass andere Krebstherapien deutlich aggressiver und oft weniger erfolgreich sind, dennoch wäre ich ohne Chemo und Bestrahlung vermutlich qualvoll erstickt, da der obere Tumor bereits auf die Luftröhre drückte.

Es war eine harte Zeit, aber auch eine besonders intensive.

Ich spürte mich noch nie so sehr eins mit allem wie seit dieser Zeit. Auch wir als Familie haben uns dadurch verändert, sind noch enger zusammengewachsen und wir wissen, auf wen wir uns verlassen können. Aber das Schönste ist die Erkenntnis, dass wir alles gemeinsam schaffen, als Team. Unser offener Umgang (auch schon als unser erstes Kind starb) stieß auf unerwartet viel Anklang in unserem Umfeld, sodass es mir sehr leicht fiel, immer positiv zu denken. Negative Annäherungen habe ich bewusst abgeblockt, denn unsere Gedanken haben so immense Auswirkungen auf unseren Körper; und diese Einstellung gebe ich meinen Kindern auch mit auf den Weg.

Ich bin unglaublich stolz, wie toll meine Kinder mit der Diagnose umgegangen sind und mir damit unbewusst enorme Kraft gaben.

Natürlich gibt es auch immer wieder schwache Momente, in denen die Angst an die Tür klopft, aber ich lasse diese Tür immer geschlossen (der Selbstschutz hat sich ganz gut in den Alltag integriert). Gewöhnungsbedürftig ist eine Art Gleichgültigkeit, die sich immer mal wieder in aufreibenden Situation einstellt, aber dies ist vermutlich nur eine psychosomatische Schutzfunktion. Oft zwinge ich mich dann, an etwas Positives zu denken, oder laufe eine Runde in der Natur, um die Schönheit des Lebens ganz bewusst zu sehen und die Gedanken loszulassen.

Auf die Frage meiner Gynäkologin konnte ich somit recht kurz und knapp antworten: „Ich lebe!“

Denn auch, wenn es viel Schlimmes in der Welt gibt, gibt es aber auch viel Schönes, und für das lohnt es sich, Augen und Herz offen zu halten. Wir müssen uns nur bewusst dafür entscheiden.

 

Was bleibt?
Wenn du den Boden unter den Füßen verlierst
Wenn du dich nach Lebenswärme sehnst,
während du im Sonnenschein stehst und frierst

Was bleibt ?
Wenn deine einzige Wahl stark zu sein ist
Wenn du mehr als deine eigene Stärke vergisst

Was bleibt?
Wenn alles in Trümmern liegt
Wenn scheinbar das Dunkle siegt

Es bleibt HOFFNUNG –
ein kleines Funkeln, immer da,
schöpft aus der Liebe Kraft,
ein nie versiegender Lebenssaft.
Denn Liebe ist immer da,
ganz nah,
in mir, in dir!

Liebe Grüße
Vanessa L.

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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1 Kommentare

Sabrina B.
Antworten 29. September 2021

Liebe Vanessa!
Unglaublich, wie sehr sich unsere Geschichten ähneln. Und wie sehr ich mich in deinem Optimismus wieder finde.

Ich hatte als vierwöchiger Säugling einen Keuchhusten, der mich ebenfalls beinahe das Leben gekostet hätte. Einige Wochen lang lag ich damals im Krankenhaus und man erzählt mir seither immer wieder, wie schlimm das für alle war.
Im Alter von zwölf Jahren ließen sich meine Eltern scheiden und wir zogen mit meiner Mutter 150km weit weg. Ich kam in einer neuen, zunächst feindlich wirkenden Umgebung an und hatte das Gefühl, völlig allein auf mich gestellt zu sein. Meine Probleme machte ich mit mir selbst aus, meine Mutter litt zu sehr wenn wir Streit mit dem Stiefvater hatten oder es uns nicht gut ging.
Im Alter von einundzwanzig hatte ich eine ganz andere Krise. Mein Vater hatte einen schweren Verkehrsunfall, bei dem über drei Monate lang nicht klar war, ob er überlebt. Zudem fand ich heraus, dass er völlig überschuldet war, keine Krankenversicherung hatte und sein Leben das totale Chaos war. Dank der gerichtlich bestellten Betreuung war nun ich für alles verantwortlich und es war eine sehr harte Zeit. Nichtsdestotrotz mag ich das nicht mit deinem furchtbaren Verlust vergleichen.

Mit dreißig bekam ich- kinderlos- die selbe Diagnose wie du. Allerdings eine Sonderform des Non-Hodgkin-Lymphoms, das nur etwa zwanzig Mal jährlich in Deutschland diagnostiziert wird. Nebenbei bemerkten die Kardiologen ein Problem mit meiner Aorta, das früher oder später ebenfalls lebensbedrohlich sein kann. Auf die erstaunte Frage des Kardiologen, wie ich das so cool aufnehmen könnte meinte ich nur: „Für den Moment sind es genug Katastrophen. Jetzt machen wir erst mal Chemo und dann gucken wir, woran ich eines Tages sterbe.“

Ich habe also 8 Hochdosis-Chemos und wochenlange Bestrahlung erhalten, habe es aber ziemlich gut vertragen und gelte inzwischen als geheilt. Mein Umfeld, mein Mann und jede Menge toller Menschen haben mir geholfen, dieses Jahr der Therapie zu einem „schönen“ Jahr zu machen. Ich konnte mich immer ablenken, habe viele wirklich lustige Begebenheiten erlebt und dank viel Zuversicht, Humor und einem grundlegenden Optimismus habe ich auch die schweren Tage überlebt. Die Angst, dadurch aber nie Mutter werden zu können war lange Zeit ganz elementar.

Im Alter von fünfunddreißig durfte ich das bis dato größte Geschenk in meinem Leben bekommen - gesunde Zwillinge, die mein Leben jeden Tag auf den Kopf stellen. Für sie fürchte ich zwar seither mehr um meine Gesundheit aber ich erlebe den Alltag trotzdem ganz bewusst und versuche jeden Moment des Glücks gedanklich festzuhalten.

Klingt bis jetzt nach einem echten Happy End aber so ist ist das Leben nun mal nicht. Im Moment geht es uns allen gut und dafür bin ich so, so dankbar. Das Leben hält vielleicht noch die ein oder andere Herausforderung für mich bereit aber ich weiß mittlerweile, dass es immer ein Licht am Ende des Tunnels gibt.

Ich wünsche Dir, dass sich dein Alltag auch wie ein Happy ohne End anfühlt und es noch lange so bleibt. Danke, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast!

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