Entgleiste Jugendliche – ein kraftvoller Erfahrungsbericht mit Anregungen zum Aufbau von Resilienz


Wir haben neulich hier die Frage einer Mutter publiziert und nach Tipps und Erfahrungen gesucht: Was tun, wenn Jugendliche einem entgleiten? – war das Thema. Mounia hat schon bereits die meisten Tipps aus der Community zusammengetragen, wir bekamen aber eine ganz besondere Nachricht, bei der ich Gänsehaut bekam.

Sie kommt von einer Leserin, die trotz extrem widrigen Umständen in der Kindheit und Jugend es geschafft hat, einen guten Lebensweg zu finden.

Diese Frau hat eine unglaubliche Resilienz entwickelt – hier beschriebt sie, wie:

<< Du hast nach Menschen gesucht, die einen Rat oder eine Hilfestellung bei entgleisten Jugendlichen anbieten können. Hier schreibe ich jetzt aus der Perspektive der Jugendlichen, die ich selbst einst gewesen bin und darüber, was ich mir gewünscht hätte.

Ich komme aus einem Elternhaus, in dem es viel Verwahrlosung, Missbrauch und Gewalt gab.

Meine Mutter kümmerte sich nicht um mich und mein Vater war schwerer Alkoholiker. Kurzerhand übernahm ich im Alter von fünf Jahren bereits die komplette Erziehung meines kleinen Bruders, tröstete meine Mutter in Zeiten der Depression, hielt den Haushalt in Schuss und versuchte zwischen meinen Eltern zu vermitteln, wenn die Gewaltausbrüche wieder zu heftig wurden. Auch ich selbst blieb davon nicht verschont.

Als ich 14 Jahre alt war, wurde mein Vater umgebracht.

Klingt schlimm, war es auch. Und mehr mag ich dazu gerade auch nicht schreiben. Meine Mutter ignorierte das alles und setzte mich, weil ich aufmüpfig wurde, kurzerhand auf die Straße. Da blieb ich dann auch erst einmal. Schwänzte die Schule und sah keinen Sinn mehr im Leben. Irgendwann rappelte ich mich wieder und suchte mir selbstständig eine Wohnung, machte meine Schulabschlüsse und sogar das Abitur nach. Vor zwei Jahren habe ich mit 1,3 mein Studium abgeschlossen.

Mit 19 Jahren erkrankte ich dann sehr schwer an einer Essstörung und hätte es fast nicht überlebt.

Diagnostiziert hatte man mir bis dato bereits mehrfach eine leichte bzw. passive Form der Borderlinestörung. Störte mich irgendwann aber nicht mehr.

Diagnosen sind ein Teil von uns. Du bist aber nicht die Diagnose.
Ich wollte leben. <3

Nur das von mir, damit Du überhaupt weißt, aus welcher Perspektive ich schreibe.

Ich selbst hätte mir damals jede Hilfe und Unterstützung gewünscht, weiß aber auch, dass es Menschen gibt, die diese in dieser Phase des Lebens tatsächlich ablehnen. In Kliniken und Schulen usw. sprach man natürlich darüber untereinander. Was immer wichtig ist, und das meine ich keinesfalls überheblich, belehrend oder sonst etwas, sondern weil es sich wirklich bewährt hat: Die innere Einstellung von Euch Eltern selbst.

Wenn dieser junge Mensch nur als „Problemkind“ gesehen wird, wird er sich nie aus der Rolle befreien können.

Mit 15 Jahren sucht er nach einem Weg. Seinem Weg. Und das ist auch gut so. Auch, wenn man von außen so viele Gefahren und auch die Folgen sieht. Jeder Mensch darf und sollte auch seine Erfahrungen und Fehler machen dürfen. So furchtbar das von außen auch sein mag. Es ist sein Weg, sein Leben und seine Zukunft.

Es gibt viele Dokumentationen bspw. von ehemaligen Häftlingen, die während und nach ihrer Haftzeit eine Art neuen Lebensentwurf für sich entwickelten. Haft bedeutet für einige scheinbare Metamorphose. Bei einigen wird sogar ein Schmetterling daraus. 🙂

Aber soweit muss es ja nicht kommen.

Als Eltern kann man die Rolle der Begleitung wählen.

Da sein, wenn Kinder wirklich Hilfe bei der Neugestaltung brauchen: Auswahl der weiterführenden Schule, Hilfestellung bei Behördengängen, Umzug usw. Dinge, die er selbst entscheidet, aber wofür ihm jetzt noch die Kraft und das Wissen fehlt. Beziehung statt Erziehung oder Bevormundung.

Es geht bei Menschen, die oft schon in jungen Jahren einen vollen Rucksack auf die Schulter gepackt bekommen haben nicht darum, schnellstmöglich zu reparieren/repariert zu werden.

So sehr man sich das als Elternteil auch wünscht. Wir sprechen hier nicht von einem gebrochenen Bein. (Meine Mutter kann mich und all das bis heute nicht verstehen und der Kontakt zwischen uns besteht seit nunmehr acht Jahren nicht mehr.) Mit diesen Geschichten bleibt oft ein Leben lang die Suche nach Anerkennung, Liebe usw. verbunden. Nicht als Stigma oder Kreuz, welches da durch die Gegend getragen werden muss, sondern als ganz eigenen Lebensplan.

Dennoch ist es bei der Begleitung wichtig zu zeigen, dass das Leben schön ist. Die positiven Seiten aufzeigen.

Liebe geben! Immer wieder. Auch wenn das ganz, ganz viel Geduld erfordert. Aber auch, und das ist wichtig, wenn ich an die beiden kleinen Mäuse im Hintergrund denke: Grenzen aufzeigen. Konsequenzen ziehen, auch, wenn es weh tut und hart ist.

Dennoch, und das ist wirklich eine große Bitte: Sieh ihn bitte, auch wenn das angesichts der Verhaltensweisen bestimmt nicht immer leicht ist, nicht als Eindringling oder Störenfried. Zeigt ihm, dass ihr ihn trotzdem liebt! Dass er ein Teil von Eurer kleinen Familie ist und auch immer sein wird. Glaubt an seine Fähigkeiten! Er weiß, dass ihr nicht die „richtige“ Familie seid. Das tut sehr weh, besonders als Teeny, der sowieso schon große Schwierigkeiten mit der eigenen Identität hat und wirklich alles in Frage stellt. Vor allem dann wenn er sieht, wie „anders“, und er wird so empfinden (, weil er es nicht anders kennt), wie anders die Beziehung zwischen richtiger Mutter und „richtigem“ Kind sein kann. Dass das eigentlich Quatsch ist, brauche ich nicht zu erzählen. Er will aber anscheinend gerade in diesem Denken „Ich werde abgelehnt“ bestätigt werden und scheint das in allen Bereichen seines Lebens geradezu auszuweiten, ja zu provozieren. Lass das bitte nicht zu! Nun ist Dir damit noch nicht wirklich geholfen und all das hat auch Deinen Weg beeinflusst, Kräfte genommen. Ja, es ist schlimm und ich kann nachvollziehen, wie es Dir gerade gehen mag.

Bitte halte durch!

Was kann man also in der Zwischenzeit machen: Ich kann natürlich, ohne den Fall zu kennen, wenig konkrete Tipps geben, weil ich nicht einschätzen kann, was bisher schon alles unternommen wurde und wo der junge Mann da jetzt auch steht. Deshalb habe ich mich jetzt komplett auf Euer „Gefühlskorsett“ konzentriert, was ja auch Dein Wunsch gewesen ist.

Zeigt ihm Perspektiven auf! Das hilft immer.

Spielt er Musik? Ok, dann im musischen Bereich fördern. Computer? Japanische Kampfkunst? Graffiti? Astrophysik? Reisen? Knopfsammlung? Es wird etwas geben, wofür er brennt. Das sollte wirklich gefördert werden! Dann fühlt er sich ernst genommen, bestätigt. Das wird ihm später, Depressionen melden sich gern einige Jahre später noch einmal zurück, viel, viel Kraft geben.

In der Psychologie nennt man das die Arbeit mit der Urquelle bzw. Aufbau/Stärkung von Resilienz.

Dann natürlich Sport! ADHS hat viel mit überschüssiger Energie zu tun hat. Dann ist Kampfsport eine gute Möglichkeit, weil er das Selbstbewusstsein stärkt und ein bisschen das Gefühl von„Ich kann mich wehren, wenn ich angegriffen werde“ vermittelt. Zudem sind die Jungs und Mädels in der Kampfsportszene oftmals insgeheim kleine PhilosophInnen und EthikerInnen, haben enorm viel Disziplin und nehmen ihre Leute gern unter die Fittiche. Manchmal ziemlich raue Gestalten, die aber oftmals ein ganz, ganz großes Herz haben.

All diese Punkte habe auch ich in meine Leben integriert und sie haben enorm geholfen.

Klar, es gibt immer wieder mal Schwierigkeiten, Rückschläge, aber es lohnt sich.
Ihr persönlich solltet bitte darauf achten, dass die Selbstachtung nicht schwindet, Selbstfürsorge (genügend Schlaf, gesundes Essen, Sport, Meditation, Seelsorge usw.) betrieben wird und es auch schöne Familienmomente mit den anderen beiden Mäusen gibt. Die können nämlich nichts für seinen Weg. Die haben ihren eigenen. Aber alle „Selbst“ Pakete in Summe geben Kraft und füllt die Speicher für diesen ganzen Prozess immer wieder auf. Sonst ist irgendwann niemandem mehr geholfen.

Dir und Deiner Familie wünsche ich wirklich von ganzen Herzen alles, alles Liebe, ganz viel Kraft, Mut und einen positiven Ausgang. Es gibt so unendlich viele positive Geschichten, trotz schiefer und krummer Lebensentwürfe.

Habt bitte Vertrauen! Er schafft das. Glaub an ihn!

Ich tue es auch.>>

Die ehemals entgleiste Jugendliche

____________

Ist das nicht eine unglaubliche Geschichte? Teilt sie in die Welt, bitte. Ich finde sie so unglaublich stark und Hoffnung machend! Und die Tipps sind wunderbar. Danke, liebe Schreiberin, dass du uns das hast zukommen lassen.

Liebe Grüße,

Béa

Ihr habt auch eine starke Geschichte? Wir bringen sie gern!
Schickt uns am besten eine PN über den Messenger: https://m.me/tollabea 

(übrigens, dann fragt euch das Ding, ob ihr News von uns erhalten wollt… Ein „Ja, geht klar, würde uns freuen!)

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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