Strafen in der Kindererziehung: nachhaltig schädlich!


Ihr Lieben, aus Recherchegründen habe ich neulich in einigen Social Media Kanälen die Frage gestellt, wie ihr früher als Kinder bestraft wurdet, was es mit euch gemacht hat und wie ihr das Thema mit euren Kindern wiederum handhabt. Ich wurde von den Antworten dazu überwältigt.

Wahnsinn, wie viele Menschen, die jetzt Eltern sind, krasse Strafen in ihrer Kindheit über sich ergehen lassen musste.
Und bewundernswert, wie viele davon sich bewusst entschieden haben, ihre Kinder ganz anders zu behandelt.

Aber zunächst einmal zu dem, was einige von euch durchgemacht haben. Es hat mich traurig und wütend gemacht zu lesen, dass so viele von euch von ihren Eltern schlichtweg unwürdig und gegen die Menschenrechte behandelt wurden. Eine Antwort lautete: „Das möchtest du nicht wissen!“. Und jetzt weiß ich es. Ich kann nicht alle, die geschrieben haben, hier zu Wort kommen lassen – und ich würde sie am liebsten alle umarmen, trösten, sie sehen in alle dem, was sie durchgemacht haben.

Denn: Hausarrest und der berühmte „Klaps auf den Po“ waren die mildere Version. Ich habe von Schlägen und Essensentzug gelesen, von mutwilliger Zerstörung von Sachen oder komplettem Entzug von Kommunikation und Zuwendung, von psychischer und physischer Gewalt… es hat mich sehr berührt und bewegt. Zum Beispiel:

Alice Preslmaier: Schläge mit Hand, Faust, Gürtel, Kochlöffel, etc, mit dem Kopf gegen die Wand… einsperren ohne Licht, Essensentzug, Strafarbeiten, etwas 1000mal schreiben. Das Wenige, das man selber hatte und wo das Herz dran hing, Teddybär, wegnehmen und verstecken, da gab s so viel Fieses und Gemeines noch und nöcher… das war halt damals normal 🥺 . Ich fand es schrecklich und hab öfters gesagt, ich war’s, um es meinen jüngeren Geschwister zu ersparen 🙈

„Ignorieren“ war auch eine harte Strafe, von der ich überzeugt bin, dass sie ganz tiefe Furchen in der Kinderseele hinterlässt. Wir sind als Herdenmenschen darauf angewiesen, dass wir in der Gemeinschaft leben – und von den Bezugspersonen umsorgt werden. Das „Zurückgelassenwerden“ ist mir Urängsten verbunden.

Einige haben „Liebesentzug“ geschrieben.

Dazu verzeiht mir bitte die spontane Vermutung: Ich habe mich gefragt, ob bei einer solchen Behandlung noch überhaupt Liebe im Spiel sein konnte. Und doch! Ich glaube, dass viele dieser Eltern all das im Glauben gemacht haben, dass es sich um Liebe und Fürsorge handelte. Sie sind als Kinder ebenso, oder noch viel härter, behandelt worden, und wussten es nicht besser…

Cindy Kleinschmidt: Ich arbeite mit positiver Bestärkung, Strafen gar nicht. Ich selbst bekam ewig keine Geschenke, wurde ausgesperrt, Prügel quer über den Flur, Stubenarrest… noch viel mehr. Aber das aller aller schlimmste ist und bleibt Liebesentzug, nichts davon hat zu Besserung geführt, aber zu einer gebrochenen Seele. Sie ist Narzisstin.

Kein Wunder, dass sich manche von ihren Eltern völlig abgewendet haben, mitunter auch um ihre eigenen Kinder vor den Großeltern zu schützen – wir haben eine ganze Serie dazu hier im Blog, ich verlinke euch das am Ende des Beitrags.

Vielen hat allerdings die Einsicht gutgetan, dass ihre Eltern selbst hilflos und nicht besser/anders wussten.


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Saskia Kaypoint: Leider einiges erleben müssen und mir schon damals geschworen, dass meine Kinder davon verschont bleiben. Hab es später als Hilflosigkeit der Eltern aufarbeiten können.

Wie auch immer, auch dieser Beitrag ist ein Plädoyer gegen Strafen! Warum?

Weil sie sinnlos sind. Es gibt inzwischen Forschungsergebnisse und Studien, die zeigen, dass Kinder, die bestraft werden, mit geringerer Wahrscheinlichkeit positive moralische bzw. wertebasierte Entscheidungen treffen. Das liegt daran, dass:

1. Bestrafung fokussiert die Aufmerksamkeit des Kindes auf die „Konsequenzen“, die es selbst erleidet, anstatt auf die Konsequenzen seines Verhaltens für jemand anderes – was zu einer eher egozentrischen und weniger empathischen Sichtweise führt.

2. Strafen kann dem Kind vermitteln, ein schlechter Mensch zu sein – was oft eine selbsterfüllende Prophezeiung ist, sodass sich das schlechte Verhalten eher wiederholt.

3. Die wichtigste Lektion einer Strafe entwickelt sich automatisch in: Sie in Zukunft zu vermeiden, indem man heimlich lügt, um der Entdeckung zu entgehen. Also fördert die Bestrafung die Unehrlichkeit.

Noch krasser ausgedrückt: Bestrafung führt dazu, dass Kinder sich eher um selbst kümmern und anderen die Schuld geben, anstatt die Verantwortung dafür zu übernehmen, wie ihr Verhalten andere beeinflusst. Siehe auch Punkt 1.

4. Weil Kinder Strafen meistens als ungerecht empfinden, lernen sie, dass Macht Recht schafft und Machtmissbrauch in Ordnung ist – was die Wahrscheinlichkeit verringert, dass Kinder wertebasierte Entscheidungen treffen.

5. Strafen – mitunter auch „Auszeiten“ (=Timeouts) inklusive – untergraben unsere eigene Beziehung zum Kind, sodass es nicht mehr liebevoll an uns denkt. Es koppelt sich ab, und dann ist es ihm egal, was es uns antut und was es mit uns Eltern oder Lehrkräften macht.

6. Bestrafung hilft den wenigsten Kindern, mit den Gefühlen umzugehen, die es zu seinem Verhalten geführt haben. Im Gegenteil: Diese Gefühle kehren immer wieder zurück, oft mit dem gleichen Verhalten verbunden. Und dann: Siehe Punkt 3. Versucht, sich nicht erwischen zu lassen.

7. Strafen basieren immer auf eine externe Kontrollinstanz: die Autoritätsperson, die diese verhängt. Das hilft den Kindern also nicht dabei, die Verantwortung für ihr Verhalten als ihre eigene Entscheidung zu übernehmen.

Eine Studie hat gezeigt, dass Siebtklässler, deren Eltern sie mit Strafen, einschließlich Konsequenzen und Auszeiten, erzogen haben, moralisch weniger entwickelt waren als ihre Altersgenossen. „Da sie gelernt haben, genau das zu tun, was man ihnen sagt, um die Liebe ihrer Eltern nicht zu verlieren, neigen sie dazu, Regeln starr und pauschal anzuwenden“, kommentiert der US-amerikanischeErziehungsexperte Alfie Kohn die Studie.

Von ihm stammt auch ein Zitat, das ich sehr mag:

Children learn how to make good decisions by making decisions, not by following directions.

Auf Deutsch: „Kinder lernen, gute Entscheidungen zu treffen, indem sie Entscheidungen treffen, nicht indem sie Anweisungen befolgen.“

Na gut, was ist aber die Alternative zu Strafen? – werden sich viele fragen.

Ich habe schon vor ganz vielen Jahren mein Prinzip der Wiedergutmachungen bei Scoyo gebloggt:

Was bei uns in der Familie immer funktioniert hat, ist eher das Prinzip Wiedergutmachung statt Strafe  inklusive der Konsequenzen. Das erfordert Gespräche und Erklärungen. Es erfordert, dass klar wird, wer unter einem bestimmten Verhalten zu leiden hatte. Und womit man denjenigen dann wieder glücklich machen könnte.

Im verlinkten Artikel könnt ihr die Beispiele ja auch lesen. Was ich viel spannender fände, sind eure Beispiele!

Erzählt mal, bitte: Welche Situation habt ihr gut für euch und euer Kind gemeistert, ohne Strafe?

Liebe Grüße,

Béa

P.S. Hier sind die versprochenen Beiträge:

 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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