Wie Schule voller Strafen kleine Feiglinge produziert


Liebe LeserInnen, in diesem Blog haben wir hin und wieder über Belohnungen und Strafen bzw. Konsequenzen gesprochen – nur meistens im Familienumfeld. Da Stef und ich uns zunehmend mit dem Thema Schule beschäftigen, wollen wir hier auch mehr hinschauen.

Ich starte heute mit einer eigenen Beobachtung und einer Anekdote aus meinem Berufsleben – und freue mich auf eure Meinungen und Geschichten.


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Es ist schon einige Zeit her, dass ich einen Kunden im ehemaligen „Ostblock“ beraten habe, und zwar in einem Land, in dem sich besonders in Sache Schule nur wenig seit kommunistischen Zeiten verändert hatte.

Schon am ersten Tag war ein großes und wichtiges Meeting mit vielen Teilnehmern – ich war die externe Beraterin aus Deutschland, extra eingeflogen. Super vorbereitet stand ich da, zusammen mit einigen Repräsentanten meines Kunden… und wir warteten auf die eingeladenen Teilnehmer. Ohne diese Teilnehmer machte der Termin keinen Sinn.

Zu Beginn des Meetings: keiner da.

Na gut, in der Großstadt herrschte um die Rush Hour Gruselverkehr. Wir warteten die obligatorische akademische Viertelstunde. Nix. Immer noch keiner der geladenen Teilnehmer da.

Nach einer halben Stunde immer noch das Gleiche. Niemand da.

Könnte was schief gegangen sein? Projektleitung und Assistenz waren sich einig: Auf keinen Fall.

Hätten die wir Telefonnummern der Teilnehmer? Projektleitung und Assistenz machten sich auf die Suche. Da war man sich schnell einig, die Telefonnummern waren woanders, datenschutzsicher, in einem Giftschrank. Aha.

Ich erspare euch die weiteren Details und komme direkt auf den Ausgang: Nach Stunden der Recherche wurde es klar, dass Projektleitung und Assistenz zwar alle Teilnehmer eingeladen haben, nur eine andere Mail versprochen hatten, in der auch der Ort mitgeteilt werden sollte. Diese Mail ist nie verschickt worden. Die Leute wussten schlichtweg nicht, wohin. So kamen sie nicht.

Wer diese letzten Mail hätte schicken sollen bzw. nicht geschickt hat – das ging unter in einem Tornado von Schuldzuweisungen und Rechtfertigungen ohne jegliche Produktivität. Wir mussten uns vertagen.

Was war passiert?

Genau: Ein Fehler. Ein menschlicher Fehler.

Das sehe ich auch nicht als wirkliches Problem an.


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Was ich allerdings beobachtet habe ist, wie viel Zeit und Energie verschwendet wurde …

… zunächst mit Negieren („Neeein, es kann gar nicht sein, dass die Teilnehmer nicht da sind!“),

… dann mit Vertuschen („Wir wissen auch nicht, was da schief gelaufen ist!“)

… und schließlich mit Zuschieben der Schuld von einem zum anderen (hier habe ich rein sprachlich die O-Töne nicht mehr verstanden).

Mit einem Kulturexperten von meinem Team haben wir nachträglich das ganze analysiert. Er meinte, es läge stark an am Schulsystem, das mit drakonischen Strafen Fehler sanktioniert.

So sind die meisten darauf konditioniert, Fehler zu vermeiden – und wenn sich die Fehler nicht vermeiden lassen, sie zu vertuschen. Und wenn das nicht gelingt, sie anderen in die Schuhe zu schieben. Das resultiert schlichtweg in Feigheit:

Wenn ein Fehler aufpoppt, will es keiner gewesen sein.

In so einem Fall verlieren alle Zeit, Ressourcen, Vertrauen und Teamgeist. Hätten wir die Teilnehmer an dem Tag kurzfristig erreicht, hätten wir das Meeting mit leichter Verspätung stattfinden lassen können.

Was heißt das für dem Umgang mit Fehlern in der Schule?

Ich hätte spontan zwei Ideen, die darauf abzielen, Courage und Verantwortung bei jungen Menschen wachzurufen – und freue mich auf eure Ergänzungen dazu:

1. Fehler als Bestandteil des Lernens anzusehen und willkommen zu heißen

Wie wäre es mit dem „Fehler der Woche“ – aus dem die meisten am meisten gelernt haben. Könnten wir ihn suchen und feiern? Und wie wäre es, wenn Lehrer selbst von ihren Fehlern, die vielleicht noch passieren – oder ihnen früher passiert sind – erzählen?

2. Die Übernahme von Verantwortung anzuerkennen und zu unterstützen

Wer Bockmist fabriziert hat, sollte sich dazu straflos bekennen können – wenn er bereit ist, damit umzugehen. Und ist es auch schön, wenn es darum geht, alles wieder gut zu machen, wenn alle helfen – anstatt mit Schadenfreude nur zuzuschauen.

Und was fällt euch noch ein? Wie erreichen wir eine bessere Kultur in Sache Umgang mit Fehlern – ohne Strafen?

Wir lassen das in unser Buch einfließen – das Nachfolgeprojekt zu „Gemeinsam schlau statt einsam büffeln“: https://amzn.to/37xdCes

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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3 Kommentare

Karin-Irina Willberg
Antworten 1. Dezember 2020

Ja, gar nicht so einfach, sich zu Fehlern zu bekennen, sie gar als solche zu erkennen, auch noch zu verantworten, wenn der Spruch: "Allet jut" wie ein ein Zauberspruch Fehler verwandeln und auflösen kann, in Luft, scheinbar.
Man kann sich (vielleicht) anpirschen, wie ein Detektiv:
Was ist ein Fehler? Wie erkenne ich also einen Fehler? Wen interessiert (m)ein Fehler? Was habe ich davon, (m)einen Fehler zu erkennen? Wozu ist ein Fehler gut? Nenne Beispiele für Fehler. Nenne Folgen von Fehlern. Kennst du Leute, die zu ihren Fehlern stehen? Was sind das für Typen? Hast du selber schon mal....???
Ein richtig schönes Thema, sehr facettenreich, es lädt ein, kreativ und künstlerisch betrachtet und sichtbar werden zu wollen, als Teil der Lebenskunst.

    Béa Beste
    Antworten 1. Dezember 2020

    Tolle Fragen, herzlichen Dank! Dürfen wir dich im Buch zitieren? Liebe Grüße, Béa

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