Auszeit als Strafe geht gar nicht – mein Erziehungs- und Beziehungsprinzip ist Wiedergutmachung


Alle reden über einen extrem mißglückten Blog-Artikel eines großen Windelherstellers, bei dem das Prinzip der Auszeit propagiert wurde – irgendwie als Alternative zur Strafe für Kinder… oder gleich als Strafe? Ich fand das Propagierte genauso schlimm wie die meisten anderen Blogger, die sich bereits dazu geäußert haben. Viele. Shitstormartig.

Übrigens:

 

Ich finde Strafen überhaupt kein gutes Prinzip! Und Auszeit auch nicht!

Tja, aber noch funktioniert vieles in unserem Rechtssystem über Strafen. Wenn ich falsch parke, muss ich Strafe zahlen. Wenn ich meine Umsatzsteuereinreichung für’s Finazamt als Unternehmerin verschussele, zack, ein Tag später: Strafe! Und wenn Menschen klauen, schlagen, Dinge kaputt machen oder Schimmeres, würden wir im Traum nicht auf die Idee kommen, dass Strafe nicht angebracht ist. Damit eine Gesellschaft mit Regeln funktionieren kann, bedarf es schon eines Sanktionssystems. Wie früh müssen Kinder das lernen?

Ich meine, sie lernen es früh genug – wenn sie in übergeordneten Gesellschaftssystemen agieren: KiTa, Schule, Straßenverkehr. Dennoch: für mich und meine Tochter habe ich darauf verzichtet, denn die Familie sollte für uns eine Keimzelle der Liebe und des Vertrauens sein.

Über das Thema habe ich bereits für Scoyo gebloggt – mit der Kernaussage:

„Was bei uns in der Familie immer funktioniert hat, ist eher das Prinzip Wiedergutmachung statt Strafe inklusive der Konsequenzen. Das erfordert Gespräche und Erklärungen. Es erfordert, dass klar wird, wer unter einem bestimmten Verhalten zu leiden hatte. Und womit man denjenigen dann wieder glücklich machen könnte.“

Und die Beispiele Verspätung und bei Oma etwas kaputt gemacht führe ich auch dort aus.

Was ich hier noch mal eindeutig sagen möchte ist: Ist finde das Auszeit-Prinzip ganz besonders blöd! Denn Kommunikationsverweigerung ist für mich die liebloseste Form der Auseinandersetzung: Man lässt sein Gegenüber allein, ohne Erklärungen, nur mit Mutmaßung und Groll. Das tut niemandem gut. Strafe und Auszeit sind ein und dasselbe, das ist ein Missbrauch von Macht – weil man als Elternteil größer und kräftiger ist und „das Sagen hat“.

Ich bin für Erklären und gegenseitiges Verstehen

Wenn ein Kind randaliert, soll es merken, dass ich mir das nicht gefallen lassen möchte. Da muss ich um Aufhören klar und eindringlich bitten. Wenn ein Kind mich verletzt, sei physisch oder mit Worten, dann muss ich meinen Schmerz zeigen – und Verständnis einfordern. Das muss sich nicht unbedingt immer super sanft anhören! Ich habe auch als Mutter das Recht, klar und deutlich zu sagen, was nicht OK ist. Aber ich muss nicht zurück verletzen. Was bringt mir das? Nur nachhaltig miese Stimmung.

Wiedergutmachungen sind schöner

Ich finde, gerade in der Familie, eher schön, wenn nach der Einsicht, dass einer (und das bezieht die Eltern mit ein) einen Fehler gemacht hat, eine schöne und sympathische Wiedergutmachung stattfindet. Die sollte sich der „Geschädigte“ am besten nicht einfordern, sondern sie sollten als Vorschläge von demjenigen kommen, der eingesehen hat, dass er sich nicht OK verhalten hat. Als ich in der Beratung gearbeitet habe, wußte ich, dass meine Tochter abendliche Verspätungen haßte, aber Sushi liebte – ich habe bei mehr als 15 Minuten Verspätung immer schön Sushi organisiert, und dann haben wir sie zusammen, japanisch an einem kleinen Bodentisch, auf Kissen sitzend, verspeist. Das wurde zu unserem „Verspätungsritual“ – wovon wir heute noch schwärmen…

Konsequenz ist aber auch extrem wichtig

Es gibt aber Situationen, an denen Eltern Konsequenzen aufzeigen und durchziehen müssen. Meine Tochter war in der 5. Klasse (ca. 11 Jahre alt), wollte unbedingt einen Hausschlüssel haben – obwohl ihn die Nanny, die ich für sie am Nachmittag organisiert hatte, auch gut verwalten hätte können. Aber sie wollte die Selbständigkeit! Dummerweise war unser Schlüssel immer ein Generalschlüssel für alle Türen in den Gemeinschaftsbereichen – und extrem teuer. Sie verlor ihn einmal, ich stöhnte, zahlte, ersetzte. Sie verlor ihn das zweite Mal, ich stöhnte, zahlte, ersetzte. Als es zum dritten Mal passierte, wollte ich ihr keinen Schlüssel mehr geben. Sie wollte ihn aber haben – und ich spürte, dass sie sich selbst über ihre Schusseligkeit tierisch ärgerte, dass sie es wirklich besser machen wollte. Wir einigten uns darauf, dass sie aus ihrem von Oma-, Opa- und Patengeschenken gefütterten Konto ihn bei einem Verlust finanzieren würde. Ich machte ihr klar, dass dies ihr Konto komplett auf Null setzen würde. Sie schlug ein. Und sie verlor den Schlüssel wieder!

Es war keine Strafe, als ich mit ihr das komplette Konto leer räumte und das Geld auf den Tresen des Schlüsseldienstes blätterte. Es war eine natürliche Konsequenz. Oma, Opa und Paten waren entsetzt. Wie konnte ich nur so hart sein? Ich erklärte ihnen den Grundsatz und wir entschieden, dass das Konto sich erst zu den nächsten Anlässen wieder füllen sollte. Carina schmerzte das Ganze – sie sagt aber immer noch heute: „hart, aber fair“. Danach hat sie nie wieder einen Schlüssel verloren. Nie wieder.

Wann ich doch für Auszeit bin

Eines muss ich allerdings noch sagen: Ich bin absolut gegen Auszeit für Kinder. Aber wenn Eltern die Auszeit wirklich brauchen, dann müssen sie sie nehmen. Ich kann mich noch an die Trotzphase  erinnern… Ich schlief schlecht, das Kind war ein (ekeliges) halbes Jahr schlecht drauf… ich kann mich noch erinnern, dass ich einmal so mit den Nerven durch war, dass es mir durch den Kopf schoss: „Ich kann jetzt verstehen, warum Menschen anderen Menschen, in diesem Fall ihren Kindern, Gewalt antun.“ Ich erschrak vor mir selbst und ging für 3 Minuten aus dem Zimmer und lies meine Tochter allein toben. Diese Auszeit brauchte ich in dem Moment. Wer solche Auszeiten in einem solchen Moment braucht, sollte sie sich als Erwachsener nehmen.

Wisst ihr, was ich meine?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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5 Kommentare

Sylvie.voigt@bmx.de
Antworten 23. November 2016

Mein grosser ist 13 und testet mich zu mit unschuldsbeteuerungen, ist total uneinsichtig und wenn dann nach kurzer Zeit es nicht nach seinem Kopf geht dreht er total durch. Schreien, toben, wehtun. Bevor in seinem Inneren der Vorhang fällt und er abdreht muss ich ihn auf sein Zimmer schicken um die Eskalation zu verhindern. Anders kriegen wir das nicht hin.....nach wenigen Minuten hat er sich beruhigt und man kann mit ihm vernünftig diskutieren.

Daniela
Antworten 24. November 2016

Danke für die zugestandene Eltern-Auszeit in der Trotzphase! Meine Tochter (2 Jahre, 3 Monate) treibt mich gerade in den Wahnsinn … :)

Cornelia
Antworten 30. November 2016

danke für die tolle wiedergutmachungsidee. schön, weil manchmal ein bloßes entschuldigung irgendwie nicht reicht.

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