Deswegen ist Bestrafung mit Schweigen nicht nur seelische Grausamkeit, sondern Machtmissbrauch!


Bestrafung mit Schweigen. „Silent Treatment“. Wer von euch kennt die Situation aus der Kindheit:

Dass ein Elternteil droht, mit einem nicht mehr zu reden? Oder dass sich ein Elternteil hinter einer geschlossenen Tür verbarrikadierte und nichts, aber gar nichts mehr sagte, egal wie sehr wir uns die Seele aus dem Leib geheult haben?

Selbst ich, über alles geliebte Super-Prinzessin meines Vaters (na gut, meine Halbschwester auch, aber sie war schon aus dem Haus), kenne es und habe es in besonders unangenehmer Erinnerung. Eine Umfrage über Twitter zeigte, dass es bei vielen Menschen mehr als unangenehmer Erinnerungen entlockt – eher richtig traumatische Empfindungen.

Warum wenden so viele Menschen das „silent treatment“ an?
Warum bestrafen so viele immer noch mit Schweigen? Kinder und auch andere Erwachsene?
Warum vermitteln sie, dass das Ende ihrer Sprache das Ende ihrer Zuneigung ist?
Und was für eine (Langzeit-)Wirkung hat das?

Wer hier länger liest, weiß, dass mein Vater ein cholerischer Pazifist war. Sprich: Er hatte Grundsätze. Keine Schimpfworte, keine physische Gewalt. Nie hat er mich geschlagen. Aber brüllen was geht, wenn er sauer wurde! Er wurde so ca. 3-4 Mal am Tag sauer. Ich habe euch schon mal erzählt, das hat mich auch abgehärtet, so dass mir später brüllende Chefs oder andere Machtgestalten nicht mehr so imponiert haben.

Allerdings die eher wenigen Male, wo mein Papa still wurde, wenn er einfach die Tür zugeknallt und abgeschlossen hat und sich dahinter in Schweigen gehüllt hat…. das tat weh. Gerade wenn meine Ma nicht da war, um mich aufzufangen.

Ich habe mich verunsichert und verlassen gefühlt. Allein.
Abgeschnitten von dem Menschen, dem ich vertraute.

Je älter und je herzkranker mein Vater wurde kamen bei mir auch Sorgen dazu: Hat er hinter der verschlossenen Tür ein Herzinfarkt und ich bin Schuld? Ab wie vielen flehentliche Fragen, dass er bitte nur ein Wort sagt, dass er wenigstens OK ist, muss ich eigentlich Bud-Spencer-mäßig die Tür eintreten und Erste Hilfe leisten?

Zum Glück passierte so etwas nicht oft. Und da in der anderen Waagschale ganz viel Liebe und Bewunderung und Stärkung meines Selbst war, hat das bei mir keine Schäden hinterlassen – oder sagen wir keine, derer ich mir bewußt bin.

Ganz anders bei anderen. Ich habe bei Twitter gefragt und der Schmerz sitzt tief wegen „Silent Treatment“ – hier nur 3 Beispiele:

Psychologen sind einig: Bestrafen mit Schweigen ist – vor allem gegenüber Kindern – mehr als grausam. Es ist Missbrauch.

Eine Person, die das Ziel des Schweigens ist, kann sehr intensive negative Gefühle erleben. Eine Person zu ignorieren bedeutet, dass sie nichts wert ist, dass sie keine Rolle spielt. Die Dinge werden noch krankhafter, wenn all dies in einer grausamen und kalten Stille geschieht, die das Opfer nicht zu deuten weiß.

Opfer dieser Art von Verhalten neigen dazu, sich extrem verzweifelt zu fühlen. Sie können nicht verstehen, was sie falsch tun, oder warum genau die andere Person sie auf diese Art behandelt. Es ist, als würden sie die Kontrolle verlieren und dies verursacht eine Menge Stress. Deswegen wird es als eine Form von Missbrauch betrachtet. Es gibt kein Geschrei oder Schlagen, aber Gewalt gibt es genug.“ (Aus Gedankenwelt)

Das ganze große Problem ist, dass Menschen, die in der Kindheit zu viel und zu lange Formen von „silent treatment“ erleben mussten, später dies auch in ihren Beziehungen – bewußt oder unbewußt – anwenden. Manchmal können diese Menschen sich nicht helfen. Es ist die einzige Art, die sie kennen, auf Ärger und Unzufriedenheit zu reagieren. Das sogenannte „stone-wallig“ wird zum Automatismus. Sie können nicht mehr kommunizieren. Sie verschließen sich und sind sprach- und handlungsunfähig.

Übrigens, mein Vater hat mir noch bevor er starb, erklärt, warum er sich in solchen Momenten so verhielt:

Dass er ein cholerisches Naturell hatte, war ihm zu bewußt. Wenn sein Ärger ganz dicke war, hat er Angst gehabt, dass er auch inhaltlich nicht mehr seine Prinzipien einhalten kann (z.B. keine Schimpfworte) bzw. dass er womöglich auch körperlich aggressiv wird. Er hatte Angst vor sich selbst. Und, dass er uns Schlimmes antut. Dann hat er sich rausgenommen. Warum er nicht kurz den Mund aufbekommen konnte, um mir das so zu sagen, verstehe ich bis heute nicht.

Ein: „Ich brauche kurz Ruhe!“ hätte mir damals sehr viel Sorgen und Kummer erspart.

Ich halte kompletten Kommunikationsabbruch für eine extrem fiese und respektlose Form der menschlichen Interaktion.

Meinem Kind gegenüber habe ich das nie angewendet. Meinem Partner und Freunde selbstverständlich auch nicht, ich will es ja auch nicht. Bei meiner Twitter-Umfrage war ein einziger Mann dabei, der gar nicht so unfroh war über eine solche Behandlung seitens seiner Frau:

Ich akzeptiere Schweigen auch nicht im Gegenzug. In der Pubertät gab es schon mal die eine oder andere Tür, die ich mit „Mama, du NERVST!“-Gebrüll vor die Nase geknallt bekommen habe. Das habe ich schlichtweg nicht toleriert, was natürlich zu längeren Diskussion geführt hat. Gut so. Das war im EHJ, im Ekeligen Halben Jahr

Meine Devise:

Lieber auf Streitwellen surfen als im Ozean des Kommunikationsentzugs ersaufen.
Lieber einmal mehr erklären und kommunizieren als Schwiegen und Bestrafen.
Und letzten Endes: Lieber einmal mehr in Arm nehmen und vertragen, als beziehungsunfähige und kommunikationsgestörte Erwachsene großziehen…

Wie steht ihr zu dem Thema Silent Treatment / Bestrafung mit Schweigen?
Bzw. Schweigen aus Unfähigkeit zu kommunizieren?

Liebe Grüße,

Béa

P.S. Noch mal zur Präzisierung: Was ich hier meine ist nicht das „Ich brauche bitte kurz Zeit für mich, um mich zu beruhigen!“ oder „Ich kann gerade nicht, aber wir reden später!“. Kurz mal aufs Klo, Wasser ins Gesicht, raus um einmal zu atmen… das sollte sich jeder rausnehmen können.

Ich meine das Schweigen auf unbestimmte Zeit und jemand in der schwächeren Position seelisch aushungern zu lassen. Eben: Machtmissbrauch und psychische Qual.

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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8 Kommentare

Schachtierchen
Antworten 30. Juni 2019

Oh und wie ich das kenne. Durch beide Eltern ... tagelang. "Schlechte" Noten - also keine 1 oder wenigstens 2+, Nägelkauen, "patzige" Antworten, vor Angst verheimlichte Mathearbeiten ... Gründe gabs viele. Ganz besonders übel: am Tisch sitzen bleiben müssen, während Muttern abräumte und abwusch. Nicht helfen dürfen und nicht gehen. Sehen, wie sie sich müht, aber sogar dafür als zu nutzlos erklärt werden, oder als nicht vorhanden. Ich weine bis heute, wenn mich die Erinnerung überkommt ...

    Béa Beste
    Antworten 30. Juni 2019

    Ja, das hinterlässt tiefe Wunden, das glaube ich dir. Danke für dein Kommentar! Ganz viele liebe Grüße, Béa

Kari
Antworten 30. Juni 2019

Bei diesem Thema steigen mir sofort die Tränen in die Augen. Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen und meine Oma war ebenfalls ein so cholerischer Drachen, die das oft als Strafe angewendet hat, ganz oft auch gepaart mit tagelanger Ignoranz. Dieser Schmerz sitzt bis heute, denn so manches mal hätte ich mir eher ein kurzes Gewitter und ja, sogar auch Schläge gewünscht, statt dem Gefühl ausgesetzt zu sein, Luft zu sein. Ich muss nicht erwähnen, dass niemals ein "ENtschuldigung" von ihr kam, denn sie war ja immer im Recht. Oder auch ein "Ich hab dich trotzdem lieb" weil, eine Aussprache gab es ja nie. Irgendwann kamen halt wieder Worte und ich war einfach nur froh und glücklich, wieder in ihrem Blickfeld zu sein. Das war das Schlimmste, was ich in meiner Erziehung erleben musste.

    Béa Beste
    Antworten 30. Juni 2019

    Liebe Kari, Danke dir, dass du diese Erfahrungen teilst. Je mehr Leute darüber erzählen, wie es ihnen ergangen ist, desto mehr mehr bewegt sich im Bewusstsein aller! Liebe Grüße, Béa

    Debora
    Antworten 13. Juli 2019

    Ich habe das gleiche in meiner Kindheit erlebt mit meiner Mutter. Schlechte Note und ich hatte Liebesentzug. Man hat einfach nicht mehr exzestiert - wie Luft behandelt und musste irgendwie versuchen wieder “gesehen zu werden” . Das war meist Tagelang, manchmal sogar Wochenlang. Die anderen Personen im Haus wurden normal behandelt nur man selbst war Luft.
    Man fühlt sich alsob die eigene Mutter einen nicht mehr liebt und man nichts Wert ist und dann wenn sie wieder mit einem spricht ist man so erleichtert daa man ALLES tun wird damit es so bleibt. Manchmal wollt ich sogar die Hauswände waschen nur um gesehen zu werden oder um zu zeigen das ich geliebt werden darf....und das alles wegen schlechten Schulnoten....

Martina
Antworten 30. Juni 2019

Ich kenne das leider zu genau und leide bis heute darunter, auch wenn ich es so garnicht mehr erlebe.
Meine Mutter hat dies oft angewendet - wie ich heute vermute, eher unbewußt oder besser: unreflektiert. Sie kannte es selber so von meiner Großmutter. Leider konnte ich es mit ihr nicht mehr klären, da sie vor 20 Jahren gestorben ist und bis dahin für solche Klärungsgespräche nicht offen war.
Ich selber kann noch heute ganz schlecht mit solchen Situationen umgehen. Schon alleine deswegen war mein Grundsatz im Umgang mit meinen Kindern, das zu vermeiden. Und selbst wenn ihr Vater dies tat, habe ich den Ausgleich dazu geschaffen. Und so kann ich bei meinen fast erwachsenen Kindern seit Jahren beobachten, dass sie durch solche Situationen keine Probleme mit anderen in vergleichbaren Situationen haben. Im Gegenteil, sie suchen das Gespräch mit dem anderen und haben nicht mit Minderwertigkeitsgefühlen zu tun. Sie sind beide selbstbewußt und fair und ich bin sehr stolz und sie.

    Béa Beste
    Antworten 30. Juni 2019

    Liebe Martina, Danke, dass du deine Erfahrungen hier teilst! Und wunderbar, dass du mit deinen Kindern eine ganz andere Kommumikationskultur hast! Liebe Grüße, Béa

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