Traumatisierte Kinder – das gehört ins Netz!


Sollen wir den Austausch über traumatisierte Kinder den Experten überlassen?

Oft kommen bei mir in der Facebook Community Fragen von Eltern, die nicht mehr weiter wissen. Und ich bin froh und stolz, dass ich so viele weise und liebevolle Menschen in dieser Community habe, die sich Zeit und Muße nehmen und helfen. Diese Woche kam eine sehr besondere Frage – und auch, wenn die meisten Antworten gut helfen konnten, gab es auch einige Stimmen, die sagten, dass diese Diskussion den Spezialisten überlassen gehört. 

Zu diesem Thema habe ich einen Gastbeitrag geschenkt bekommen – von Beatrice Lührig (Jahrgang 1976), glückliche Mutter von sechs Kindern, Bloggerin, Buchautorin, Coach und Seminarleitein. Als Autorin widmet sie sich den Themen menschliche Werte, Beziehungen, Kinder, Schule, Familie und auch den ganz dunklen Aspekten des Lebens, wie Traumata, sexuellen Missbrauch und Leben am Rand der Gesellschaft. Ihr Blog ist hier zu finden: http://beatriceluehrig.de/blog/.

Und das meint sie – ich (Béa) bin kein Experte auf dem Gebiet, deswegen mache ich Platz für Beatrices Meinung, die zum Nachdenken anregen soll:

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Wenn Eltern traumatisierter Kinder (Missbrauch, Gewalt) im Netz öffentlich um weitere Hilfe und Rat ersuchen, werden sie oft schwer angegangen.

„Das gehört in professionelle Hände!“
„Das gehört hier nicht her!“
„Es ist verantwortungslos, so etwas zu posten!“

Das sind in Kurzform einige Reaktionen auf solche Hilfe-ich-bin-in-Not-Posts. Oft geht aus so einem Post bereits hervor, welche Hilfe schon in Anspruch genommen wird. Manchmal sogar mit dem Hinweis, dass alle offiziellen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.

Die aktuelle Versorgung durch unser Gesundheitssystem deckt jedoch nicht annähernd den bestehenden Bedarf an Traumatherapieplätzen. Und die vorhandenen Plätze sind nicht an den individuellen Bedarf angepasst.

Es gehört ins Netz und in die Öffentlichkeit, wenn die aktuellen Möglichkeiten in der Traumatherapie bei weitem NICHT den Bedarf decken. Es ist auch erlebte Realität, dass die Begleitung Betroffener viel engmaschiger und bedarfsorientierter ablaufen müsste. Was steht einem außerhalb der Klinik zur Verfügung? Zwei bis drei mal pro Woche 45 Minuten? Das wäre toll, doch selbst das ist nicht drin. Es gibt gar nicht so viele Therapeuten. Bei Kindern kommt vielleicht noch Familienhilfe, Ergotherapie und Körpertherapie dazu.

Mal kurz drüber nachdenken, was so viele Therapiezeiten für den Familienalltag bedeuten …? Vielleicht gibt es noch mehr Kinder? Eventuell müssen beide Eltern arbeiten, weil das Geld nicht reicht?

Verhaltenstherapie sehe ich persönlich als Mogelpackung

Es wird immer noch sehr viel verhaltenstherapeutisch gearbeitet. In der Realität traumatisierter Menschen heißt das, sie werden nicht oder nur unzureichend dabei begleitet, ihre Traumata zu verarbeiten, abgespaltene Erinnerungen gesund zu integrieren und seelisch wieder ganz zu werden. Die Konfrontation mit den abgespaltenen Erfahrungen löst in der Tat heftige emotionale und körperliche Reaktionen aus und kann nur durch sehr gefestigte Traumatherapeuten begleitet werden. Das ist der Grund, warum immer noch viele Therapeuten nicht bereit sind, diesen Weg zu gehen. Aus meiner Sicht als ehemals Betroffene kann ich aber nur integrieren, was ich bewusst fühlen kann. Fühlen kann ich nur, womit ich in Beziehung gehe. Ich muss also mit meinen Trauma- Anteilen in Beziehung gehen.

(Es lohnt sich hier übrigens trotzdem, nach qualifizierten EMDR-Therapeuten Ausschau zu halten. Mit EMDR hat man zumindest eine Chance, einige Traumaanteile gesund zu integrieren.)

Das Ziel sollte ein seelisch und emotional gesundes Leben sein

Auch von betroffenen Kindern wird erwartet, Ersatzhandlungen zu nutzen, um auffälliges Verhalten zu kompensieren und irgendwie alltagstauglich und tragbar zu werden. Wie wenig das funktioniert, wissen Eltern von Kindern, zu deren Geschichte schwerwiegende Gewalterfahrungen gehören. Kinder, die schwer traumatisiert sind durch frühe Trennungen von den Eltern, Gewalt und Missbrauch, sind Alles, nur nicht angepasst und folgsam. Sie fühlen sich ja selbst kaum noch. Betroffene Kinder haben sich von sehr vielen Empfindungen und Wahrnehmungen getrennt.

Der seelische Notfallplan

Bei traumatischen und emotionalen Überforderungssituationen greift eine Art seelischer Notfallmechanismus, der uns dazu bringt, alle schlimmen Erlebnisse (vorübergehend oder auch für Jahrzehnte) auszuklammern aus unserem Bewusstsein. Alles, was wir als Kind nicht bewältigen können (Missbrauch, Gewalterfahrungen, Bindungstraumata) wird so lange verbannt, bis wir unbewusst eine Chance sehen, auch mit diesen Erfahrungen UND Gefühlen wieder in unser Leben zurück zu kommen.


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Betroffene fühlen sich oft taub, gelähmt, gefühllos, leer … Damit beschreiben sie, womit man es hier zu tun hat. Mit einer Abspaltung unverarbeiteter Erfahrungen. Sie haben keine Beziehung zu den schlimmen Erlebnissen.

Kinder trennen sich in solchen Fällen auch von ihren Möglichkeiten, zu den Auswirkungen ihrer aktuellen Handlungen eine emotionale Beziehung aufzubauen. Und das macht es so schwierig, mit ihnen zusammen zu leben. Sie kehren die Zerstörung, die sie im Inneren erfahren haben, nach außen. Manchmal zerstören sie Gegenstände, sie sorgen dafür, keine freundschaftlichen Beziehungen mehr zu haben und isolieren sich im Außen genauso konsequent, wie sie sich im Inneren von den schlimmen Erfahrungen getrennt haben. Auch Selbstverletzungen gehören dazu.

Traumatisierte Menschen geben immer Alles, egal ob Kind oder Erwachsener.

Wenn im Netz so ein Hilferuf erscheint, ist mir jedesmal bewusst, wie wichtig es ist, dass wir darüber reden, was es wirklich bedeutet in so eine seelische Überforderung geraten zu sein. Mit den zwei oder drei Stunden Therapie pro Woche ist es nicht getan. Die Klinikaufenthalte nutzen kaum etwas oder gar nichts, weil erst langsam einige Traumatherapeuten verstehen, was eigentlich an Unterstützung gebraucht wird und es eventuell noch ein langer Weg ist, bis das in unserem Gesundheitssystem ankommt. Es gibt noch viel zu wenige Therapeuten überhaupt. Und wenn einer der seltenen Therapieplätze ergattert werden kann, gibt es nur wenig bedarfsangepasste Möglichkeiten der Unterstützung. Würde die Therapie sich am individuellen Bedarf orientieren, müsste oft von einer täglichen Betreuung und Begleitung ausgegangen werden. Auch wäre wichtig, betroffene Kinder und ihre Eltern von allen anderen gesellschaftlichen Notwendigkeiten zu befreien, denn eine Trauma-Integration ist ungleich schwieriger als ein Trauma zu verursachen.

ICH WAR SELBST EIN TRAUMATISIERTES KIND.

Ich habe ein Buch über meinen Weg geschrieben mit Trauma und frühkindlichem Missbrauch, mit Psychiatrie und meinem Weg zurück in mein MenschSein. Ich finde, es ist an der Zeit, offen und ehrlich über die Zusammenhänge zu diskutieren,

> was in der Therapie von traumatisierten Menschen anders werden darf
> was man ihnen überhaupt in dieser Zeit abverlangen kann und was nicht
> welche Unterstützung sonst noch gebraucht wird
> wie lange es dauern kann und
> wie hoch der tatsächliche Preis ist, den sie für Missbrauch und Misshandlung zahlen müssen.

Es gehört in die Öffentlichkeit, wenn unsere Mitmenschen hinter verschlossenen Türen in Not sind. Und es ist eine Illusion zu glauben, wir hätten ein Gesundheits- und Sozialsystem, das diese Not wirklich auffangen könnte.

„Trauma und MenschSein – Aus Liebe zum Leben“ auf Amazon.

 

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Beatrice Lührig (1976) ist glückliche Mutter von sechs Kindern, Bloggerin, Buchautorin, Coach, und Seminarleiterin. Ihr Motto: „Liebe Dein Leben, sei frei, glücklich und dankbar für das, was Du bist und sein kannst.“

Sie glaubt daran, „dass alle Menschen glücklich werden können, wenn sie sich auf den Weg machen, sich selbst immer besser kennen zu lernen und eine bewusste Verbindung mit den eigenen Empfindungen, Erfahrungen und Gefühlen eingehen. Auf diesem Weg begleitet sie entschlossene Menschen in Coachings und Seminaren.“

Blog http://beatriceluehrig.de/blog/

Multisite http://beatriceluehrig.de, http://freifuerdeinleben.de, http://traumaundmenschsein.de, http://ausliebezumleben-elternsein.de, http://intuitiveliving.de

Facebook https://www.facebook.com/beatriceluehrig/ Xing https://www.xing.com/profile/Beatrice_Luehrig/

Veröffentlichung: „Trauma und MenschSein – Aus Liebe zum Leben“ erschienen April 2015 (E- Book und Softcover)


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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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7 Kommentare

Südmädchen
Antworten 26. April 2016

Diesen Worten stimme ich total zu. Für mich als Opfer ist das Tabu dieses Thema eines des schlimmsten. Mehr Offenheit ist dringend nötig...

    Beatrice
    Antworten 29. April 2016

    Das freut mich sehr, dass Du es genauso erlebst. Ich bin dran, an der Kommunikation.
    Alles Gute zu Dir
    Beatrice

Mondrian v. Lüttichau
Antworten 26. April 2016

Ja! - Traumatisierungen (in diesem Sinne) entstehen meist mitten in der gesellschaftlichen Normalität, in Familien, durch Bekannte, Betreuungspüersonen. Wir alle sollten uns mitverantwortlich fühlen, zumindest indem wir achtsam sind, Informationen verbreiten, mitkriegen, wo jemand (vor allem ein Kind) zeigt, daß er-sie-es Unrterstützung braucht. - Das reflexhafte "Das gehört in die Hände von Fachleuten!" hat oft viel mit Abschieben zu tun, sich um "sowas" nicht kümmern wollen, es verdrängen wollen. - Und noch was: Die Kritik an (konventioneller) Verhaltenstherapie teile ich, aber psychotraumatologische Traumatherapie hat durchaus auch viel von VT gelernt. - Und EMDR gilt bei den Krankenkassen mittlerweile als kostengünstigste Methode für Traumatherapie und ist deshalb sehr beliebt. (Ähnlich wie DBT vor zehn Jahren.) Innerhalb einer fachgerechten Traumatherapie ist EMDR aber auch nur ein Element (und immer ein indiziert.)

    Beatrice
    Antworten 29. April 2016

    Danke für Deinen Beitrag. Ja, EMDR wirkt gut und hat inzwischen einen festen Platz in vielen gutn Therapiezentren und bei Trauma-Therapeuten. Noch ist der Bedarf nicht annähernd gedeckt.

    Ich glaube, der Hinweis auf Fachleute ist auch durch die Hilflosigkeit und die Ahnung davon, was es wirklich für Betroffene und ihr Leben bedeutet. Ein kleiner Einblick hinter die Kulissen reicht oft schon, um das Bedürfniss zu wecken, schnell wieder die Tür zuzuschlagen und sich abzuwenden. Doch wir müssen hinschauen, wenn wir etwas verändern wollen.

    Neben EMDR gibt es viele wirksame Wege, um den Auswirkungen von Traumata konstruktiv zu begegnen. Doch EMDR ist der einzigemir bekannte, der offiziell so große Anerkennung erfährt und der auch finanziell durch die Kassen unterstützt wird. Das ist der Grund, warum ich mich darauf beschränkt habe.

    Natürlich reicht EMDR ohne Hintergrundwissen und entsprechende Rahmenversorgung auch nicht aus.

    Liebe Grüße
    Beatrice

      Mondrian von Lüttichau
      Antworten 29. Juli 2019

      Ich hatte meine Formulieurng allerdings als Einschränkung gemeint. EMDR ist kein Allheilmittel und bei schwersten dissoziativen Störungen oft kontraindiziert.

Elke
Antworten 3. Mai 2016

Ich stimme einigen deiner Aussagen zu, anderen wieder nicht. Ein traumatisierter Mensch muss doch erstmal verhaltenstherapeutisch so stabil "gemacht" werden, dass er in die eigentliche Traumatherapie einsteigen kann. Das halte ich für ausgesprochen wichtig.

Die Buchwerbung hätte ich in diesem Fall weggelassen oder nicht so plakativ angeordnet. Das aber nur am Rande.

Viele Grüße!

    Beatrice
    Antworten 28. August 2016

    Liebe Elke, ja, Stabilität ist wichtig. Doch oft hört genau nach den ersten Anzeichen von Stabilität die Begleitung auf ... Und dann bleibt es reine Dauerkompensation der Traumafolgen. Dies ist extrem anstrengend für Betroffene.
    Liebe Grüße

    PS:leider habe ich Deinen Kommentar eben erst gesehen.

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