„Die enge Familie kann die wichtigste Ressource sein“: Ganzheitliche Therapie bei Brustkrebs – Interview mit Dr. Friederike Siedentopf, meine Ärztin


Ihr Lieben, vielen Dank, ich hatte so viel positive Resonanz auf die Erwähnung meiner betreuenden Ärztin in Sache Brustkrebs in einem Update über meine Gesundheit: Dr. Friederike Siedentopf. 

Nun habe ich sie interviewt. Hier kommt in Videoform und unten auch mit ganzen Sätzen das Wesentliche daraus, eine umfassende Information zu ihrem ganzheitlichen Ansatz zum Heilen von Brustkrebs:


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Starten wir mit einer Selbstvorstellung von Dr. Friederike Siedentopf:
Die Brustkrebsbehandlung aus einer Hand in Berlin.

Sie sagt: Ich bin Frauenärztin und Psychotherapeutin und habe mich sehr früh nach meiner Facharztausbildung auf das Thema Brustkrebsbehandlungen spezialisiert. Ich kann die medizinischen Aspekte und die psychischen hervorragend verbinden in der Betreuung meiner Patientinnen.

Ich war dann lange nach der Facharztausbildung Oberärztin im Brustzentrum der DRK Kliniken. Danach habe ich das Brust-Zentrum im Martin Luther Krankenhaus in Berlin geleitet. 2019 habe ich mich dann entschlossen, mich mit meiner eigenen Praxis für Brustkrebs niederzulassen.

Dadurch habe ich die Möglichkeit, meine Patientinnen von der Diagnosestellung, die ich auch zum Teil selber durchführe, über die Behandlung bis hin zur Nachsorge und Nachbehandlung betreuen zu können. Ich operiere  wieder in meiner angestammten Klinik in Berlin Westend. Mit allem, was für die Brustkrebsbehandlung erforderlich ist, kann ich die Patientinnen aus einer Hand in meiner Praxis in der Platanenallee versorgen. Das ist hilfreich und beruhigend für die Frauen, weil sie immer die gleiche Ansprechpartnerin haben während der Behandlung.

Das heißt nicht, dass ich alles alleine entscheide. Die Tumorkonferenz des DRK-Zentrums, die Radiologen, Pathologen – wir sind alle ein Team, aber die primäre Ansprechpartnerin bin ich. Dabei ist mir wichtig, dass ich auch für meine Patientinnen verfügbar bin, dass sie mich auch erreichen können und dass sie auch gerade in der akuten Phase der Behandlung eine Möglichkeit haben, mit mir Kontakt aufzunehmen. In großen Kliniken ist das auch möglich. Aber es kann viel schwieriger sein, wenn man jedes Mal jemand anders trifft in der Sprechstunde und Informationen verloren gehen …

Welche Belastungsmomente gibt es bei Ihren Brustkrebs-Patientinnen?

Das Erste und Wichtigste ist natürlich die Diagnosestellung an sich und die Unsicherheit, die damit verbunden ist. Was kommt auf mich zu? Was für eine Behandlung wird gemacht werden? Da tun sich riesig viele Fragen auf! Und dann, wenn sozusagen die Behandlung am Laufen ist, erlebe ich die Frauen oft als sehr stabil. Dann wird ja auch was gemacht.

Letztendlich hat aber diese Behandlung irgendwann ein Ende. Sie kommt zum Abschluss. Dieser Moment ist oft noch mal kritisch. Wenn jetzt vielleicht die Umgebung von den Frauen erwartet, sie sollen wieder funktionieren. Es soll alles wieder sein wie vorher. Aber das wird es nicht sein nach dem Erleben einer großen Krebsdiagnose.

Diese Punkte vorher schon zu thematisieren und zu wissen, was kommen kann, ist vielleicht auch eine Art der Prophylaxe. Man fällt weniger tief, wenn man weiß, wann es so kritisch werden kann.

Dazu braucht es natürlich ein bisschen Verbindung zur Patientin. Auch in das soziale Netz.

Wir wissen eigentlich ziemlich genau, auch aus der psychologischen Forschung, dass die enge Familie die wichtigste Ressource sein kann.

Also das kann der Partner, die Partnerin sein, können auch gute Freunde sein. Das soziale Netz ist total wichtig, ich versuche heraus zu spüren oder heraus zu bekommen, ob das auch trägt. Das ist so eine Sache, die quasi nebenbei läuft. Also mit der Frage: „Was machen Sie beruflich? Was machen Sie in Ihrer Freizeit? Wie sind Sie in Ihrem Leben eingebettet?“

Und da kann es eben auch manchmal sein, dass auch das Umfeld überfordert ist. Es sind auch nur Menschen, und die müssen mit einer schwierigen und kritischen Lebenssituation zurecht kommen!

Dazu gibt es eine psychoonkologische zusätzliche Betreuung. Braucht nicht jede Patientin, aber da gilt es, das herauszuspüren. Wichtig ist, dann auch im Rahmen der Nachsorge zu merken, wenn es Situationen gibt, in denen dann doch mehr Betreuung gewünscht oder gebraucht wird. Dazu scheint mir wichtig, von Anfang an die Partner oder Partnerinnen mit ins Boot zu holen. Also mitzubeteiligen am Aufklärungsprozess und an der Behandlung, sodass sie möglichst auch verstehen, was da vor sich geht.

Und die Kinder auch mit aufzuklären. Das muss natürlich altersgerecht passieren. Ein Kleinkind versteht trotzdem, dass die Mama krank ist. Auch wenn die medizinischen Fakten natürlich nicht verstanden werden. Ein Teenie in der Pubertät, mitten im Ablösungsprozess von der Mutter, hat vielleicht ganz andere Ängste… Und das mitzuberücksichtigen ist wichtig und hilft, das familiäre System zu stabilisieren und zu erhalten.

Wie ändert eine Krebsdiagnose bzw. die Krebserkrankung die Menschen?

Die Frauen werden oft kritischer während der Verarbeitung ihrer Brustkrebserkrankung. Sie stellen vielleicht auch Dinge in Frage, die sie vorher klaglos akzeptiert haben. Also die PartnerInnen müssen sich manchmal warm anziehen und dem auch stellen.

Es kann sein, dass eine Partnerschaft durch die Diagnosestellung reift und sich weiterentwickelt.

Das ist in jeder kritischen Lebenssituation so. Es gibt immer die Möglichkeiten der Entwicklung da drin. Stichpunkt: Krise als Wendepunkt – auch zum Positiven. Aber es gibt natürlich auch Partnerschaften, die mit dieser Aufgabe überfordert sind und scheitern. Und dann scheint mir ein ganz herausragender Punkt zu sein, dass sie einfach im Gespräch bleiben müssen miteinander. Je besser Partner und Partnerinnen Bescheid wissen über den Verlauf der Erkrankung, auch über Nebenwirkungen von Medikamenten, auch bei Aufklärungsgesprächen mit dabei sind, umso eher können sie dann auch nachvollziehen, was mit dem geliebten Menschen ist und was vielleicht jetzt eine Rolle spielen kann. Also das Gespräch nicht aufgeben!


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Was ich häufig beobachtet habe im Laufe der Jahre ist, dass die Frauen tatsächlich durch die Auseinandersetzung mit ihrer Erkrankung kompromissloser werden. Dass sie bestimmte Dinge auch nicht mehr bereit sind, so mitzutragen. Das bezieht sich jetzt nicht unbedingt auf die Partnerschaft. Das kann auch den Beruf betreffen oder andere Aspekte der gesamten Lebenssituation.

Ein gesunder Egoismus. Mein Gefühl ist, dass wenn jemand eine gravierende Diagnose erhält, dass alles auf den Prüfstand gestellt wird.

Das muss nicht so sein. Es gibt bestimmt Menschen, bei denen das nicht so ist. Ich glaube, ich würde es tun. Ich würde Dinge, die mich schon immer geärgert haben, glaube ich, über Bord werfen, wenn das möglich ist. Und das ist das, was mir manchmal noch Jahre später auch Frauen erzählen, dass sie sagen: Eigentlich war es damals gut, dass ich krank gewesen bin. Das war der Schuss vor den Bug, den ich in der Lebenssituation gebraucht habe, um Dinge für mich zu verändern. Und es hat mir eigentlich gutgetan.

Was ist mit der ganz großen Angst vor Krebs?

Ich glaube, auch in unserer Gesellschaft, dass Krebs sehr mythisch behaftet ist. Die Fantasie von einem schlechten Sterben. Nicht alle im Umfeld einer Patientin können gleich gut mit der Diagnose umgehen… Praktisch sortiert sich für die Frauen manchmal der Freundeskreis tatsächlich neu: Nämlich diejenigen, die irgendwie unterstützend sein können und die, die vielleicht selber zu viel Angst haben.

Da möchte ich auch die Frauen unterstützen, dass sie schauen: Wer tut ihnen jetzt gut und was tut ihnen gut?

Da wäre auch das Thema Arbeit und Brustkrebserkrankung.

Wer damit zufrieden ist und glücklich, wird die Arbeit wahrscheinlich eher als etwas Unterstützendes annehmen und eventuell nur ein wenig Pause machen. Ich habe so viele Patientinnen, die selbstständig sind und die einmal natürlich wirtschaftlich arbeiten müssen. Aber auch arbeiten wollen, weil sie daraus ganz viel positive Energie ziehen. Aber es gibt natürlich Arbeit, die nicht so ist und bei der ich denke, das Herausnehmen aus einem belastenden Arbeitsumfeld etwas total Wichtiges ist. Die Möglichkeit gibt es ja.

Also wir können Menschen krankschreiben, aber wir können sie auch gesundschreiben.

Für die Arbeitgeber ist es tatsächlich oft so: „Oh je, meine Mitarbeiterin hat Brustkrebs!“ Was bedeutet das für die Anstellung oder für die Weiterbeschäftigung?

Eine gut behandelbare Erkrankung schmälert nicht die Arbeitskraft. Das finde ich einen ganz wichtigen, unterstützenden Aspekt. Und gleichzeitig sieht ja unser Gesundheitssystem auch Möglichkeiten vor, wie eben betroffene Frauen auch einen geschützten Raum bekommen können. Die Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell beispielsweise. Oder auch im Anschluss an Heilbehandlung und Reha vielleicht auch die Anpassung der Wochenstunden. Das sind Möglichkeiten, die man als Arbeitgeber hat.

Reden wir noch mal kurz über Brustkrebs und Früherkennung…

Je früher Brustkrebs entdeckt wird, umso besser ist er behandelbar. Wenn ich Frauen erlebe, die quasi die Diagnose sehr weit herauszögern, dann habe ich ganz oft das Gefühl: Eigentlich wussten sie, dass was nicht in Ordnung ist. Aber der Schritt, sozusagen dann doch zur Ärztin zu gehen, zum Arzt zu gehen und das abklären zu lassen, ist angstbesetzt. Und wird öfter verdrängt. Nach dem Motto: „Wird es schon nicht sein.“

Und das möchte ich einfach loswerden als Appell: Geht zu eurer Früherkennung! Das macht einfach die Heilungschancen größer! Alle zwei Jahre dann zur Mammografie ab 50.

Dadurch wird nicht jede Brustkrebserkrankung früh erkannt oder verhindert. Aber die meisten!

Früherkennung bezieht sich nicht nur auf Brustkrebs, sondern auch auf andere Erkrankungen: Je früher sie erkannt werden, umso besser ist die Behandlung. Es ist sinnvoll, das von vornherein oft mit in die Erziehung zu integrieren. Also, dass beispielsweise Impfen nichts Schlimmes ist. Und dass es beim Besuch der Kinderärzte mit zum Alltag gehört.

Bei den Kindern nicht das Bild entstehen lassen, dass der Gang zum Arzt, zur Ärztin etwas ist, vor dem man Angst haben muss!

Um den Bogen wieder auf Sie zu bekommen, Sie sind mit Ärzten aufgewachsen?

Ich komme aus einer Medizinerfamilie. Mein Vater war selber Frauenarzt, mein Großvater und mein Urgroßvater auch. Meine Mutter war Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin. Ich denke, ich habe mir dann sozusagen von beiden Seiten die Dinge gesucht, die mich geprägt haben.

Und ich habe das auch an meine Kinder weitergegeben: Ich habe drei Töchter. Die älteste studiert jetzt auch Medizin. Die hat gerade ihr Physikum bestanden. Die zweite macht gerade ihr Freiwilliges Soziales Jahr in Costa Rica und ich denke, dass sie wie die Älteste auch Medizin studiert. Das hat uns als Eltern gefreut… Wir haben gesagt: Gerne kannst du was anderes machen, aber sie hat selber gewählt.

Und ja, mein Vater hat mich unheimlich geprägt. Der war an der Uni in Frankfurt, hat viel Lehre gemacht. Er hat das sehr geliebt, den Studierenden das weiterzugeben, was er wichtig fand fürs Arztsein. Und da bekomme ich immer wieder, nach seinem Tod, Rückmeldungen von Kollegen, von Studenten… Das ist etwas ganz Schönes. Und eigentlich lebt er dadurch auch weiter…

Vielen Dank, Dr. Friederike Siedentopf, für das Interview – und auch für die beste Betreuung und Behandlung bei meinem Brustkrebs. Ich fühle mich perfekt aufgehoben auf dem Weg der Gesundung. Und die Erreichbarkeit und der Austausch unter uns sind absolut außergewöhnlich! 

Liebe Grüße,

a

P.S. Für alle, die gerade denken: „Mensch, schade, da können nur PrivatpatientInnen hin!“, das ist nicht mehr lange der Fall. Frau Dr. Siedentopf ist gerade im Prozess für die kassenärztliche Anerkennung und voraussichtlich ab 2022 für alle PatientInnen da. 

Und noch was: Danke an Dr. Peikert von Temedos, mein Hausarzt, für die Empfehlung, zu Dr. Siedentopf zu gehen.

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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