„Danke Angst, ich habe deine Botschaft verstanden…“ – über meinen Umgang der Angst


Ich glaube, jeder von euch kennt Angst. Mehr oder weniger davon. Nachdem ich den Beitrag über „Fluffy“ geschrieben habe (den verlinke ich euch noch mal am Ende des Beitrags), wollte ich euch noch etwas von meinem Umgang mit Angst erzählen.

Vorab ein Disclaimer: Ich bin keine Psychologin. Ich habe Kommunikation studiert, und deswegen sind das keine Psycho-Tipps für euch. Sondern Inspiration, wie ich mit mir selbst kommuniziere, wenn ich die Buchse voll habe. Der einzige echte Tipp, den ich euch gebe: Wenn ihr den Eindruck habt, dass ihr unter krankhaften Angst- und Panikzuständen leidet, redet bitte schnellstmöglich mit einem Arzt darüber.


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So, und jetzt geht es los: Béa und Ängste. Wir sind Frennemies.

Frennemies ist ein Mix aus den englischen Worten „friends“= Freunde und „ennemies“ = Feinde. Da auf Deutsch das Wort „Freinde“ nur so klingt wie ein missglückter Versuch, das Wort „Freunde“ mit österreichischem Akzent auszusprechen, mag ich lieber: Frennemies.

Also eigentlich Feinde, mit denen ich mich angefreundet habe, irgendwie.

Auch schon früher, als ich ohne Eltern mit 15 alleine nach Deutschland kam. Oder als ich mit nur 21 Jahren Mutter wurde, am Anfang des Studiums. Und als mir eine Scheidung bevorstand. Als meine Firma die Tollabox insolvent ging. Und jetzt mit meiner Krebsdiagnose.

Ich erspare euch die ganze Theorie um das Thema Angst. Ja, sie ist eine der 8 Basisemotionen nach Robert Plutchik – und de facto überlebenswichtig. Sonst wären schon die Neandertaler sorglos tänzelnd den Säbelzahntigern vor die Nase spaziert und …haps! Ihr versteht. Bißl‘ umschauen! Achtung! – das hat ihnen die Angst bereits gesagt. Und sie haben zugehört, sich bewaffnet, und zum Schluss waren sie diejenigen, die sich die durchaus größeren Tiere am Lagerfeuer mit irgendwelchen Gewürzpflanzen schmecken ließen. Die Angst hat ihnen Vorteile erbracht.

Genau darauf fokussiere ich, wenn ich Angst habe: Wo ist mein Vorteil? Was will mir die Angst sagen? Worauf soll ich achten?

Sprich: Ich lasse die Angst zu. Ich sage ihr bzw. mir: „Danke, liebe Angst, dass du mich warnst. Was genau ist dein Problem? Worauf willst du mich besonders aufmerksam machen?“
Dann HÖRE ich ihr zu. Oder besser: In mich hinein. Unsere Achtsamkeitskolumnistin mindfulsun würde dazu wahrscheinlich Selbstreflexion sagen.

Natürlich war die Brustkrebsdiagnose ein ziemlicher Hammer! Auch in Sachen Angst.

Und auch hier habe ich mich als allererstes bei meinen Ängsten ganz dolle bedankt. Ihr wisst ja alle, wie schlimm meine Mutter an Plasmozytom-Krebs erkrankte und daran starb. Einer meiner behandelnden Ärzte meinte, ein Mammakarzinom mit Plasmozytom zu vergleichen sei wie Erbsen mit Kürbissen gleichzusetzen. Wie auch immer: Ich hatte und habe immer noch Angst vor Krebs. Deswegen war ich so auf Zack, das Thema zu klären.

Und Bähm: Danke liebe Angst, dass du mich so früh zu den Ärzten getrieben hast, als der Tumor nur 5mm klein war. Raus ist er!

Wenn weitere Ängste hinzukamen, habe ich es für nützlich gehalten, sie im Zaum zu halten.

Der Bammel beim Warten auf das Histologie-Ergebnis ließ sich gut mit dem Spruch beruhigen: Was in den Händen der Pathologen ist, kann keinen Schaden mehr im Körper anrichten. Dann kam zum Glück früh genug die Entwarnung: Der zuständige Lymphknoten in der Achsel war nicht befallen, der Krebs hat nicht gestreut.

Weiteren diffusen Bammel nach der OP bis zur Bestrahlung hatte ich gut im Griff in dem ich mir und der Angst sagte: „Ich schaue zu, dass es so schnell wie möglich los geht.“ Ging auch: vier Wochen nach der OP ging die Bestrahlung an der Charité los. Um das Risiko zu vermeiden, wegen einer Infektion abbrechen zu müssen, habe ich vor zwei Wochen meine COVID-Booster-Impfung erhalten – nicht ohne alle meine Ärzte eingehend zu konsultieren.


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Jetzt aktuell recherchiere ich zum Thema Hormonunterdrückung mit dem Medikament Tamoxifen.
Da habe ich große Angst vor Nebenwirkungen.

Ich habe mich mit der Angst, meinem Mann und auch mit meiner besten Freundin hingesetzt und wir haben ein Set von Fragen entwickelt, die ich derzeit kläre: Wie und wo wirkt das Tamoxifen und wie lassen sich Nebenwirkungen beseitigen? Wie groß ist die Risikosenkung eines Wiederauftretens des Krebses in meinem speziellen Fall? Und mit welcher Statistik bzw. individuelle Analyse können wir meinen persönlichen Nutzen vs. des möglichen Schadens durch die Nebenwirkungen abwägen?

Ich sage dann der Angst mal wieder: Danke, dass du mich warnst.

Ich gehe den Themen nach, eins nach dem anderen. Ich schaue hin. Ich nehme dich ernst UND (nicht aber!) du wirst mich nicht beherrschen. Setz dich hin, pluster dich nicht auf, schau einfach zu, wie ich es mache. Ich kümmere mich drum, und du darfst erst wieder maulen, wenn du Schlamperei bei der Recherche feststellst!

Und ha! Ich war so gründlich bei der Recherche, dass ich die Angst selbst als Treiber für Nebenwirkungen entdeckt habe.

Kennt ihr den Nocebo Effekt? Ist wie Placebo, nur halt anders herum: Wenn ich Angst vor Nebenwirkungen habe, kann ich sie schon dadurch bekommen, dass ich Angst vor ihnen habe.

Das lässt sich durch Gehirnchemie erklären. In einem Beitrag in GEO ist das ganz gut zu lesen – gerade, was Schmerzen anbelangt:

Angst vor Schmerzen hemmen Botenstoffe: Die Ursachen für diesen Negativ-Effekt sind ebenfalls im Gehirn zu beobachten: „Wenn Menschen Schmerzen erwarten, aktivieren sich die Schmerzzentren im Gehirn“, erklärt Rief. „Evolutionär gesehen war das ein Vorteil: Wenn man davon ausgeht, dass eine Gefahr droht, stellt sich der Körper schon vorab darauf ein.“

Studien weisen darauf hin, dass im zentralen Nervensystem durch negative Erwartungen körperliche Veränderungen angestoßen werden können. „Angst vor Schmerzen kann zum Beispiel Opioide blockieren und den Botenstoff Dopamin hemmen“, sagt Ulrike Bingel. „So wird die Schmerzwahrnehmung verstärkt anstatt herunterreguliert.“

Und nun? Soll ich jetzt Angst vor der Angst vor Nebenwirkungen habe? Nein, sagen dazu die Ärzte: Alleine die Aufklärung, dass es so etwas wie ein Nocebo Effekt gibt, hilft mir. Denn die Angst selbst infrage zu stellen, hilft angeblich, dem eigenen Bewusstsein eine neue Perspektive zu geben. Das ist ein wenig wie Kniffelspiele: Wenn ich die Lösung kenne, sehe ich sie dann auch sofort.

Solche Erkenntnisse helfen mir. Und das Dazulernen sowieso. Ihr erinnert euch: Béa der Lern-Junkie. 

Und wenn in Sache Angst-Beherrschung mental gar nichts geht: Ich renne davon.
Buchstäblich. Ne‘ Runde Sport hilft bei Angst immer super.

Und reden. Kuscheln. Sex. Kochen. Zeichnen… Gibt viel zu tun.

Welche Angst habt ihr gerade und geht ihr mit ihr um?

Liebe Grüße,

Béa

P.S. Wenn jemand von euch Tamoxifen gut vertragen hat, freue ich mich ganz besonders über Kommentare. Und auch sonst: Erzählt mir gern, wie ihr mit euren Ängsten umgeht…

Und hier ist: Fluffy

Fluffy! Wie ich mir das Leben leichter mache – auch mit der Brustkrebs-Erkrankung. Und Novemberwetter.

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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