Ey, das wäre schön blöd nicht an Wunder zu glauben – Gastbeitrag von Evelyn Meißner


Heute kommt ein Gastbeitrag von Mutter, die beim dritten Kind gleichzeitig durch den Himmel und durch die Hölle ging: Evelyn – kurz Evy – Meissner. Die so zart empfindet und einen feinen Humor hat! Mich ha ihre Geschichte so tief bewegt, dass ich beim Lesen einige Tränchen drücken musste.

Mein Name ist Evy. Ich bin 34 Jahre alt und Mama von drei wundervollen Söhnen. Zwei an meiner Hand und ein ganz besonderer Engel bei den Schmetterlingen.

Schon sehr früh standen zwei Sachen für mich fest, nämlich dass ich Mutter sein werde und dass ich definitiv in der Medizin arbeiten möchte. Lachen Sie nicht, aber (ganz 90er Kind!!!) ist George Clooney daran schuld. Wenn Dr. Doug Ross jeden Nachmittag bei Emergency Room für seine Patienten gekämpft hat, schmolz mein Herz nur so dahin.
Ja, ich weiß. Die heutige Jugend würde natürlich sagen: „George wer?“.
Ich verstehe das. Der Sauerstoffmangel in den Kinderzimmern sorgt natürlich für „Geschmacksverirrungen“ à la „Grey’s Anatomy“.


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Mit dem Krankenhausalltag kam dann auch die Ernüchterung, dass es eben in deutschen Krankenhäusern keinen Dr. Ross und keinen Dr. Carter gibt.

Die Realität zeigt eine andere Seite. Das Wort „Palliativmedizin“ ist quasi der Lord-Voldemort unter den Chirurgen. Mehr als einmal habe ich es gewagt, Chirurgen nach dem Sinn einer OP zu fragen. Böser Fehler. Machen Sie das bloß nie nach.

Ich habe jedenfalls sehr schnell gemerkt, dass ich ein Fan der Palliativmedizin bin. Denn der traurige Alltag zeigt, die Würde des Menschen hört meist am Krankenbett auf. Und das nicht nur, weil vielen Patienten und Angehörigen das Loslassen schwerfällt, sondern auch, weil viel zu wenig Ärzte den Tod als würdevollen Teil des Lebens betrachten. Die vielen Intensivstation-Patienten, die sich quälend in den Tod kämpfen, haben jedenfalls mein absolutes Mitgefühl.

Von diesem Punkt erfolgt ein kurzer, aber großer Zeitsprung in das Jetzt zu einem Gespräch mit dem Chefarzt der Kinderklinik eines großen Krankenhauses:

„Wissen Sie. Ich fand es schon immer schrecklich, wenn Patienten qualvoll auf der Intensivstation verstorben sind. Wenn ich das schon immer bei fremden Menschen furchtbar finde – warum soll ich das dann meinem eigenen Kind antun?“

Ja, ich bin mit Leib und Seele gerne Mutter.

Es gibt nichts in meinem Leben, dass ich mehr liebe als meine Kinder. Sorry, George Clooney. Mein 10-jähriges Fanherz hat einen neuen Club gefunden. Wahrscheinlich haben meine Eltern den Grundstein dafür gelegt. Mein Papa wollte mich unbedingt Eva nennen. Meine Mama fand den Namen viel zu hart. Als dann die Variante Evelyn fiel, stand mein Name fest. Wobei es seit Geburt immer nur „Evy“ hieß. Falls es doch einmal E-V-E-L-Y-N! hieß, blätterte mein inneres Ich sofort im Sündenkatalog, was meine Eltern wohl rausbekommen haben könnten.

Als Jugendliche bekam ich eine Karte geschenkt, auf der die Bedeutung meines Namens erklärt war: Die das Leben schenkt.

Mein Bruder las es und meinte nur ganz trocken: „An deiner Stelle würde ich unseren Eltern was husten, dass sie dich lebende Gebärmaschine genannt haben.“ Seit dieser Zeit war immer klar, dass ich definitiv Kinder haben werde.

Mein erstes phantastisches Kind kam dann auch kurze Zeit später, als ich 18 Jahre alt war. Ungeplant. Trotzdem abgrundtief geliebt. Genau ein Jahr und zwei Wochen später nachdem mein einer Opa verstorben war. Eine Seele geht, eine Seele kommt. Witzigerweise sind sich die beiden gar nicht so unähnlich im Charakter. Fragen Sie mich nicht, wie ich es mit 18 Jahren geschafft habe, so schnell zu reifen, dass ich für meinen Sohn eine gute Mutter sein konnte.

Ich behaupte immer noch, dass es an ein Wunder grenzt, dass er das erste Jahr irgendwie überlebt hat. Da die Schwangerschaft nicht leicht war, alleinerziehend zu sein sowieso nicht, habe ich immer gesagt, dass mein Sohn Einzelkind bleibt.

Genau achteinhalb Jahre war dem auch so. Bis mit einem wundervollen neuen Partner und wieder ein Jahr und zwei Wochen nach dem Tod meines anderen Opas, mein zweiter Sohn diese Welt betrat. Mit einem lauten Protest und vom Charakter her meinem zweiten Opa ähnlich. In der Schwangerschaft hatte ich mich immer gefragt, ob ich zwei Kinder genauso lieben kann wie ein Kind. Spoiler-Alarm: Man kann es und man tut es definitiv. Selbst wenn Kind Zwei ein charakterstarker Quadratwidder ist, der scheinbar ohne Schlaf auskommt.

Egal, ob man es Liebe nennt oder die Kunst des Verdrängens, meine biologische Uhr meldete sich sechs Jahre später bei mir. Lautstark, nicht zu überhören und leider auch ohne Snooze-Funktion. Vielen Dank auch Mutter Natur!

Nach zwei gesunden Kindern denkt der naive mütterliche Verstand natürlich: „Super, Pille absetzen und los gehts. War ja beim Quadratwidder auch so.“ Tja, die Natur sah das aber diesmal ganz anders und irgendjemand hätte meiner Eizelle sagen sollen, dass ich für solche Späße nicht zu haben bin…..

2020. Anfang des Jahres. Nach einer Fehlgeburt in der sechsten Woche versuche ich mich emotional zu erholen.

Ich hatte meinem Körper die Entscheidung überlassen und wollte auf keinen Fall zu irgendwelchen Hilfsmitteln greifen. Ende Februar erwartete ich meine Regelblutung. Aber sie kam nicht. Nach der Fehlgeburt traute ich mich nicht, einen Test zu machen. Tat das aber dann doch. Neugier, auch so eine komische Charaktereigenschaft. OK. Jetzt bloß nicht zu früh freuen. Also einen Gynäkologen geschnappt und ab zur Blutentnahme…

Am nächsten Tag blinkte am PC dann dieser wunderschöne hohe HcG-Wert auf. Mein Herz wusste nicht, ob es vor Freude springen sollte oder die Angst überhandnehmen könnte. Also schnappte mich zwei Tage später eine befreundete Kollegin und der Wert hatte sich verdoppelt. Jackpot! Als dann noch die Übelkeit und Erbrechen anfingen, war mein kleines Herz schon etwas beruhigter. Trotzdem wurde ich erstmal krankgeschrieben, mit der Bitte über ein Beschäftigungsverbot nachzudenken.


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Also lag ich im Bett und verfluchte jeden Geruch. Nasen braucht kein Mensch. Und mal ehrlich, Lord Voldemort brauchte auch keine Nase. Eines Morgens kam mein kleiner Quadratwidder zum Kuscheln ins Bett. Er legte seinen Kopf auf meinen Bauch. Nach wenigen Augenblicken sprang er aufgeregt auf und erklärte: „Mama, du hast ja ein Baby im Bauch!“
OK. Wie hat er das gemacht? Verdammt ist der gut.

Dies führte zu folgendem Dialog:
„Nee, Mäuschen. Mama ist einfach nur krank.“
„Tut mir leid, Mama. Da muss ich dich enttäuschen. Du hast ein Baby im Bauch.“
„Wirklich. Mama ist einfach nur krank.“
„Oh nein Mama. Da ist ein Baby.“

Daraufhin rannte er aus dem Zimmer und schrie durch das ganze Haus, dass ich ein Baby im Bauch hätte.

Manchmal ist es fast unheimlich. Jedenfalls hatte ich es irgendwie geschafft, ihn von dem Gedanken erstmal wieder abzubringen. Die folgenden Wochen waren zwar durch den Lockdown sehr merkwürdig, aber die viele Zeit mit der Familie war einfach nur schön. Bei bestem Frühlingswetter und vielen Geburtstagen. Zu meinem Geburtstag bekam ich dann auch die besten Geschenke überhaupt. Klopapier und Nudeln. Quasi der Goldschatz in Zeiten des Lockdowns.

Und: Im Doppler-Ultraschall hörte ich zum ersten Mal den Herzschlag meines Mitbewohners. Ich hatte leichte Tränen in den Augen und freute mich riesig.

Es folgten Ostern, der Geburtstag des Quadratwidders und das Ende des dritten Monats.

Mein Quadratwidder sah mich an einem Abend an und sagte: „Mama, du bist doch schwanger!“ Auf meine Frage wie er denn darauf käme, kam nur ein: „Sonst siehst du nicht so aus.“ Verdammt, er ist wirklich gut. Eines Nachts wachte ich schweißgebadet auf. Ich hatte geträumt, dass ich Blutungen habe und auf dem Weg ins Krankenhaus wäre. Zwei Tage später war es tatsächlich so.

Kurz vor der 12. Woche hatte ich morgens Blut auf dem Klopapier. Was macht Frau in der Situation?

In Formel 1-Manier zum Frauenarzt fahren. Ein Wunder, dass mich Mercedes nicht direkt als Pilotin angeheuert hat. Beim Ultraschall schlug Emils Herz fleißig vor sich hin und zum ersten Mal wurde vorsichtig das Wort „Junge“ in den Mund genommen.

Der Arzt erklärte, dass die Plazenta sehr tief sitzt und es dadurch zu Blutungen kommt. In Ordnung. Das hatte mein Kopf verstanden. Mein Herz natürlich nicht. Und so fuhr ich ständig ins Krankenhaus. Nicht, dass man hätte etwas daran ändern können. Aber das erklären Sie mal dem ängstlichen Mamaherz. Damit ich erstmal zur Ruhe komme, wurde ich am Anfang des vierten Monats stationär aufgenommen. Daraufhin war die Blutung erstmal rückläufig. Das führte zu ein wenig Entspannung. Es war trotzdem irgendwie schräg. Mein Verstand sagte, dass Blutungen und Schwangerschaft nicht zusammenpassen. Mein Unterbewusstsein wusste, dass es dem kleinen Kerl im Bauch gut geht. So war es auch. Bei jedem Ultraschall ging es ihm trotz des Blutverlustes gut.

Bei einer Untersuchung fragte mich die Oberärztin, ob sie meinem Baby zwischen die Beine gucken dürfte.

Sie wäre so neugierig. Ich erlaubte es. Mein Zwerg war da natürlich anderer Meinung und verschränkte die Beine. Seinen Spitznamen „Sturkopf“ hat er definitiv nicht umsonst. Mitte Mai waren dann die Blutungen so stark, dass mir das Blut die Beine herunterlief und das Krankenhaus mein Zweitwohnsitz wurde.

Die Zeit im Krankenhaus war unglaublich irreal. Mir wurde erklärt, dass ich bei jeder Blutung dem Personal Bescheid sagen solle. So wurde mein Intimbereich für den Publikumsbereich frei gegeben. Wenn ich Eintritt verlangt hätte, wäre ich jetzt definitiv reich. Man kennt das ja. Kaum saß ich auf dem Klo, lief das Blut. Also, ganz die vorbildliche Patientin, klingelte ich nach dem Personal. Es kam eine Schwesternschülerin, guckte zwischen meine Beine und verschwand wieder. Kurze Zeit später kam eine Schwester, guckte zwischen meine Beine und forderte eine Ärztin an. Also kam dann noch eine Ärztin mit einem PJler und guckte auch zwischen meine Beine. Das Ganze spielte sich an fast jedem Tag ab.

Unnötig zu erwähnen, dass die Toilette, mein Intimbereich und meine Beine wie ein Schlachtfeld aussahen. Es war alles voller Blut. Da sitzt man nun. Fühlt sich wie in einem schlechten Film und wartet auf die versteckte Kamera. Es wurde jeden Tag ein Vitalitätsultraschall gemacht, und jeden Tag strampelte Emil fleißig im Ultraschall vor sich hin. Ich dachte nur, solange es meinem Zwerg gut geht, kann ich mit jedem Blutverlust leben. Und dann kam Himmelfahrt. Im Nachhinein fast schon die perfekte Metapher.

An diesem Tag brach meine Welt zum ersten Mal zusammen.

Bei einem Ultraschall wurden Auffälligkeiten festgestellt. Der Magen war nicht richtig darstellbar und im Gehirn wurden Plexuszysten festgestellt. Alles Softmarker für einen Gendefekt. Ich sollte mich entscheiden, ob es überhaupt noch sinnvoll sei zu kämpfen und ein Abbruch nicht sinnvoller wäre.

Zack. Boden weg. Es einen Schlag in die Magengrube zu nennen wäre untertrieben.

Ich war in der 16. Woche und mein Sohn strampelte fleißig in jedem Ultraschall und bewies trotz massiver Blutungen, dass er bei mir bleiben möchte…

FORTSETZUNG FOLGT: Morgen lest ihr über:

>>> Emil – Sturkopf, Wunderkind und coolste Socke überhaupt

Emil – Sturkopf, Wunderkind und coolste Socke überhaupt. Gastbeitrag von Evelyn Meißner (2)

Seid ihr bitte so lieb und schickt einige aufmunternde Gedanken an Evy?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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3 Kommentare

Franziskq
Antworten 19. Februar 2021

Liebe Bea,

Schicke bitte Evy ganz viel Kraft in dieser Zeit! Unvorstellbar was sie durchmachen musste und muss. Ich habe selbst in der 9.Woche mein Kind verloren kurz vor Weihnachten 2020:(
Ich musste weinen beim Lesen Ihrer Geschichte, ich finde es so beeindruckend wie sie gekämpft hat. Liebe Grüße, Franzi

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