Vom inquisitorischen Warum zu verbindenden Gesprächen


Mein heutiges Thema sind gefühlt inquisitorische „Warum“ Fragen. Ich schreibe nicht von Fragen wie: „Warum ist die Banane krumm?“, sondern von:

„Warum hast du deine Hausaufgaben nicht gemacht?“
„Warum ist dein Zimmer noch nicht aufgeräumt?“
„Warum hast du den Müll wieder nicht raus gebracht?“
„Warum hast du (wieder) vergessen, deine Bücher für die Schule einzupacken?“
„Warum hast du deine Schwester geschubst?“
„Warum hörst du nicht zu, wenn ich etwas sage?“


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Wie fühlt sich das für euch beim Lesen an? Ich fühle mich beim Schreiben damit schon so:

Scheinwerfer werden auf mich gerichtet und das Verhör beginnt. Ich bin angespannt und suche verzweifelt nach Rechtfertigungen. Oder ich beginne zu mauern, weil ich ängstlich bin.

Durch die Therapie und die Gewaltfreie Kommunikation habe ich einen anderen Umgang mit diesen Fragen erlernt. Vielleicht möchte auch der eine oder andere dazu reflektieren.
Selbst als erwachsener Mensch fühle ich mich unwohl mit solchen Fragen. Und doch habe ich sie oft genug selbst gestellt, auch meinen Söhnen.
Gerade zu meinen Kindern möchte ich eine Verbindung, wo die Bedürfnisse und Gefühle von uns allen gleich wichtig sind. Dennoch habe ich oft genug weiter gebohrt, wenn auf meine „Warum“ Fragen keine Antworten kamen oder ein „Ich weiß es nicht.“

Selbst habe ich es als Kind so erlebt:
„Warum hast du das gemacht?“
„Ich weiß es nicht.“
„Doch! Du musst doch wissen, warum du das gemacht hast. Hör auf zu lügen!“

Ich war ängstlich und ich habe mich geschämt und schuldig gefühlt.
Entweder haben meine Eltern das nicht gemerkt oder sie sind darauf nicht eingegangen. Das möchte ich nicht beurteilen. Solche Fragerunden endeten nie so, das es zufriedenstellende Antworten für meine Eltern gab und ich war meistens erschöpft und verzweifelt.

In der Therapie habe ich gelernt: Nicht in die Vergangenheit gehen beim Fragen, sondern sagen, wie ich mich jetzt damit fühle.

Wenn ich das also mal auf eine Frage von oben beziehe, um es anschaulich zu machen:

„Warum hast du deine Hausaufgaben noch nicht gemacht?“

„Ich sehe, du hast noch nicht mit deinen Hausaufgaben begonnen. Wir hatten besprochen, dass du 14 Uhr anfängst. Brauchst du vielleicht Hilfe?“

Das ist für mich verbindend. Ich drücke aus, wie ich mich fühle und zeige nicht mit dem Finger auf mein Kind. Aus gefühlten Schuldvorwürfen und einem Verhör wird eine Einladung zu einem verbindenden Gespräch und gleichzeitig biete ich meine Hilfe an. Statt also „Warum“ – „Was brauchst du?“
Die Hausaufgaben: Sind in der letzten Stunde nicht gemacht. Das Wasser ist längst den Fluss runter gelaufen. Das liegt in der Vergangenheit. Wichtig ist mir doch, dass sie jetzt erledigt werden. Und darauf setze ich den Fokus.

Ich möchte auch nicht, dass sich mein Kind in einer Position der Verteidigung findet oder sich schämt und schuldig fühlt.

Wenn ich weiter auf eine Antwort nach dem „Warum“ bohre, ist uns beiden nicht geholfen und unserer Beziehung zueinander auch nicht.
Bei „Warum“ Fragen bleiben wir im Kopf. Möchte ich wirklich, dass sich jemand irgendwas ausdenkt, was er in diesem Moment gedacht hat? Wichtiger ist mir doch, wie sich der andere  Mensch fühlt und was seine Bedürfnisse sind. Weg vom: Was hast du dir gedacht? Hin zu: Wie fühlst du dich jetzt?“


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Was ich also tun kann, statt „Warum“ zu fragen:

1. In Ich-Botschaften ausdrücken, wie ich mich damit fühle. Und mein Gegenüber fragen, wie er sich fühlt.

2. Empathisches Vermuten: „Kann es sein, dass…

Hier geht es nicht darum, meine Analysen und Interpretationen zu äußern! (Du bist doch sicher zu faul…) Weg vom Kopf, mit dem Herzen auf den anderen Menschen zugehen. Was bewegt ihn?
Zum Beispiel mit den Hausaufgaben wäre eine empathische Vermutung: „Kann es sein, dass du vielleicht müde bist und erst mal etwas Ruhe brauchst?

3. Ein Angebot zum Zuhören machen:

Statt: „Warum bist du erst jetzt zu Hause?“

Vielleicht ein: „Ich bin erleichtert, dass du jetzt zu Hause bist. Ich war besorgt, weil wir abgesprochen haben, du bist um 15 Uhr wieder hier und mir ist wichtig, dass ich mich auf dich verlassen kann. Magst du mir erzählen, wie es dazu gekommen ist?“

„Warum hast du deine Schwester geschubst?“

„Ich bin ängstlich, wenn ich sehe wie du deinen Bruder geschubst. Mir ist wichtig, dass wir uns hier alle sicher fühlen können. Magst du mir erzählen, was passiert ist?“

Das sind Beispiele. Denn jeder drückt ja aus, was er gerade fühlt und welches Bedürfnis nicht erfüllt ist. Das kann ich hier nicht anderen Menschen in den Mund legen.

Fazit: Ich möchte eine verbindende Kommunikation, ohne dass sich mein Gegenüber rechtfertigt oder verteidigt. Vor allem ist mir wichtig, dass jemand in sich rein hört und mir von Herzen antwortet.

Warum“ Fragen zielen oft auf Logik und was da so zurückkommt, zeigt wenig davon, was einen Menschen wirklich bewegt. Die Kommunikation von Gefühlen und Bedürfnissen hingegen schafft Vertrauen und gerade mit meinen Söhnen ist mir Vertrauen sehr wichtig.

Inquisitorische „Warum“ Fragen sind für mich nicht auf Augenhöhe und schaffen kein gutes Gefühl.

Abschließend noch etwas, was mir selbst noch sehr, sehr schwerfällt: Manchmal gibt es keine Antworten und auch nicht in dem Moment, wo ich sie gern möchte. Das ist etwas, wo ich mich noch in Akzeptanz übe. Und Gespräche – auch mit meinen Jungs – laufen nicht zu meinen Bedingungen und zu dem Zeitpunkt, wo ich das will. Manchmal braucht es Zeit für Antworten und Raum. Je mehr ich das verinnerliche, desto mehr erlebe ich:

Vertrauensvolle Gespräche, wo sich jeder wohlfühlt und auch öffnen kann.

In den Kommentaren möchte ich euch gern einladen, eine der „Warum“ Fragen zu nehmen und einen kleinen verbindenden Dialog daraus zu machen. Ich würde mich auch sehr freuen, wenn euch eigene „Warum“ Beispiele einfallen und ihr das vom Herzen umformuliert.

eure mindfulsun

PS: Falls jetzt vielleicht jemand denkt: Das dauert dann lange, ich will doch nur eine kurze Antwort!
Kurzfristig gesehen, ja es dauert. Langfristig gesehen stärke ich die Beziehung zu anderen Menschen.

mindfulsun
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