Verletzter Stolz und bis zum Ende stur? Aber was hat man am Ende davon?


Würde und Stolz sind so eine Sache. Wir alle tragen sie mit uns – die einen mehr, die anderen weniger. Aber was bringt es eigentlich, wenn wir wegen verletztem Stolz stur bleiben?

Früher hatte ich ein ganz großes Problem mit meinem verletzten Stolz. Viele, die mich kennen, würden jetzt lachen und sich denken „Früher? Du bist immer noch total stur!“…
Und sie haben recht. Ja, ich bin ein Sturkopf, und nicht sonderlich stolz darauf.
Stur zu sein hat in der Vergangenheit nicht nur andere, sondern in erster Linie auch mich belastet.


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Bis es das irgendwann nicht mehr tat, weil ich lernte, die Sturheit beiseitezulegen, über meinen Stolz zu springen, und zu lernen, nachzugeben. Mein Vergangenheits-Ich würde über mich den Kopf schütteln, dabei lebt es sich ohne diesen lächerlichen Stolz so viel besser.

Ich glaube, dass der Stolz etwas sehr Veraltetes ist, das nicht mehr so richtig zur heutigen Gesellschaft passt. Immerhin reden wir hier von Ehre und Würde. Der Stolz ist wie eine Bremse, der dann in Erscheinung tritt, wenn es darum geht, einen Schritt zu machen. Doch statt in Aktion zu treten, hält er uns zurück – weil wir zu stolz sind. Er sperrt uns ein, und lässt uns vielleicht sogar tief leiden, nur um unseren Stolz zu wahren. Vielleicht macht er uns auch ein kleines bisschen zu Prinzipienreitern.

Zu stolz, um nachzugeben.
Zu stolz, um sich zuerst zu melden.
Zu stolz, um der Person hinterherzurennen.
Zu stolz, um zu verzeihen.

Was genau tut weh beim verletzten Stolz?

Ist es das Ego? Oder das Ehrgefühl? Die Würde? Oder alles zusammen? Fest steht, dass beim verletzten Stolz Frust, aber auch sehr viel Scham aufkommen, zumindest ist das bei mir so. Und Scham ist eine Emotion, die so heftig sticht, dass ich sie oft kaum ertrage und am liebsten wegschiebe.

In meinem Leben habe ich schon oft aus Stolz gehandelt. Wurde mir Unrecht getan, bin ich der Person nicht hinterhergerannt, weil ich zu stolz war. Habe ich Unrecht getan, war ich manchmal (vor allem in jüngeren Jahren) zu stolz, um es zuzugeben.

Das Absurde war, dass es mir trotzdem nie gut dabei ging, denn meistens stand ein Konflikt im Raum. Gab ich also nicht nach und bewahrte meinen Stolz, litt ich innerlich trotzdem. Aber immerhin hatte ich ja meinen Stolz.

Aber was brachte mir der Stolz?

Konnte ich mir davon irgendwas kaufen? Gibt mir jemand ein extra Sternchen, weil ich so stur geblieben bin?

Mein Vater und ich sind beide sehr stur, und je älter wir beide wurden, desto mehr gerieten wir beiden wegen Kleinigkeiten aneinander. Aber da wir beide glaubten, im Recht zu sein, gab natürlich niemand nach. Die Konsequenz war Funkstille.

Um es euch anhand eines Beispiels zu äußern:

Mein Papa wollte mich besuchen, aber mir ging es nicht gut, und ich wollte einfach nur allein sein. Also sagte ich ihm, dass ich keinen Besuch wünsche. Er kam aber trotzdem und brachte sogar Kleinigkeiten mit, die mich aufmuntern sollten. Ich wusste, dass er es nur gut meinte, aber ich hatte doch klipp und klar nein gesagt (Ihr erinnert euch an den Beitrag mit den unangekündigten Besuchen?).


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Danach war er eingeschnappt, weil ich ihn so grob empfangen hatte, obwohl er doch extra den weiten Weg zurückgelegt und mir Essen etc. gebracht hatte. Und ich war sauer, weil er den Spieß umdrehte, und mein Nein offenbar nicht respektierte. Niemand von uns meldete sich. Er blieb stur und ich blieb stur. So ging das tagelang. Doch dann dachte ich mir:

Was, wenn er nicht nachgibt? Werden wir dann nie wieder miteinander reden? Ich glaubte zwar immer noch daran, dass ich im Recht war, aber war ich deshalb bereit, ewig weiter zu streiten?

Also gab ich nach und hüpfte über den Stolz. Das Gefühl war unangenehm und schmerzhaft, und ich sah es trotzdem nicht ein. Aber ich wollte mich wegen einer solchen Kleinigkeit nicht ewig mit meinem Papa streiten. Er war halt so, und würde sich nicht ändern. Lieber gab ich mal nach, als ewig weiterzudiskutieren.

Nachgeben ist nicht schwach, sondern stark.

Wer die Courage besitzt, trotz Widerwillen auf die andere Person zuzugehen, zeigt meiner Meinung nach ganz viel (Charakter)Stärke. Wer bereit ist, nachzugeben, stellt sich der Scham und den ganzen anderen unangenehmen Gefühlen.

Aber versteht mich nicht falsch.

Nachgeben bedeutet nicht, Entschuldigungen vorzuheucheln.

Ich entschuldige mich nicht für etwas, das ich nicht einsehe, nur, damit alles wieder gut ist. Ich lasse die Person auch nicht in dem Glauben, dass ich ihr zustimme. Ich mache nur den ersten Schritt auf sie zu und hoffe, in einen friedlichen Dialog zu gehen.

Papa, wir kommen hier offenbar nicht auf einen gemeinsamen Nenner. Ich glaube, du verstehst nicht, worauf ich hinaus will, aber im Grunde ist das auch nicht so wichtig. Ich habe mich über das Essen sehr gefreut, aber würde mir trotzdem wünschen, wenn du das nächste Mal nicht kommst, wenn es mir nicht gut geht. Lass uns die Geschichte am besten hinter uns lassen, okay?

Stolz rettet uns vor einem Korb, aber raubt uns auch Chancen.

Ein weiterer Grund, gelegentlich über seinen Stolz zu springen, ist die Tatsache, dass uns auf der anderen Seite wunderbare Dinge erwarten können.

Neulich zum Beispiel habe ich meinen Schulschwarm auf einen Kaffee wiedergetroffen. Er wusste natürlich nicht, dass ich ihn damals mochte, und nach zehn Jahren dachte ich mir: Ach, sag es ihm einfach. Das ist ewig her und darüber freut er sich bestimmt.

Und das tat er. Doch nicht nur das – er gab zu, dass er mich damals auch mochte, aber Angst vor einem Korb hatte. Genau wie ich! Wir lachten darüber, ärgerten uns aber auch, dass wir beide zu stur und stolz waren, um den ersten Schritt zu tun. Niemand wollte einen Korb, aber dadurch bekam auch niemand eine Chance.

So ist das mit dem Stolz. Er bewahrt uns davor, verletzt zu werden, aber durch ihn gehen wir auch keine Risiken ein.

Zusammengefasst glaube ich, dass uns verletzter Stolz uns letztendlich mehr schadet, als weiterbringt.

In bestimmten Momenten kann er uns zwar schützen, aber in erster Linie bremst er uns. Und das Leben ist zu kurz, um immerzu stur durch die Welt zu gehen, und darauf zu warten, dass die andere Person den ersten Schritt macht.

Was haltet ihr vom Stolz? Könnt ihr gut über euren eigenen Schatten springen? Erzählt mal…

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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