Unangekündigte Besuche? – Andere Kulturen, andere Sitten


Da der Ramadan vor der Tür steht, stehen demnächst ein paar Familienbesuche an. Ungewöhnlich, denn eigentlich ist sowas in arabischen Kulturen selten geplant. Da heißt es eher: Unangekündigte Besuche!

Stellt euch vor: Jemand klingelt urplötzlich an eurer Tür, und dann steht eine entfernte Verwandte auf der Fußmatte. In Filmen wird sowas immer romantisiert. „Überraschungsbesuche“, bei denen sich die Familien mit einem glücklichen „Was machst du denn hier?“ in die Arme fallen. Oder der Geliebte steht eines Tages vor der Fußmatte, und natürlich ist die Frau top geschminkt, die Wohnung sauber, und auch sonst alles an seinem rechten Platz.


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In der Realität hingegen … nun ja, ich bin wahrhaft kein Fan davon. Warum? Weil ich nicht darauf vorbereitet bin. Weil ich nicht aufgeräumt habe, weil ich nicht weiß, in welcher Stimmung ich bin, und ob ich überhaupt Lust auf Besuch habe. Es gibt Tage, da will ich nur für mich sein, umringt von meinem üblichen Chaos.

Ich kenne es aber auch anders. In Marokko gehst du einfach unangekündigt zu der Person nach Hause, und dann bist du halt da. Zumindest habe ich das so erlebt, und es überrascht mich immer wieder, wie reibungslos das funktioniert.

Immer aufräumen, denn man weiß nie, wann Besuch kommt

Jeden Morgen nach dem Aufwachen wird gefrühstückt, und anschließend die Wohnung grob geputzt, d.h. die Betten gemacht, gestaubsaugt etc. Die Wohnung muss immer so aussehen, als ob jederzeit jemand vorbeischauen könnte. Und das passiert häufiger als erwartet. Manchmal war jemand zufällig in der Nähe, manchmal hat dieser Jemand aber auch einen weiten Weg zurückgelegt, nur um uns einen Besuch abzustatten. Vorher anrufen? Nein, denn es gehört ja irgendwie dazu, dass es eine Überraschung ist.

Immer Süßes parat haben, denn man weiß ja nie, wann Besuch kommt

Was mich ebenfalls erstaunt, ist, dass die Menschen sofort in den Gastgeber:innenmodus schalten, und Naschereien rauskramen, die sie für den Fall, dass Besuch kommt, parat haben. Dann sitzen wir zusammen, trinken viel zu süßen Minztee, und naschen marokkanische Kekse.

Bräuche übernehmen

Ich sagte ja bereits, dass man mich gewaltig damit ärgern kann, wenn man einfach unangekündigt zu Besuch kommt, aber absurderweise habe ich viele Bräuche trotzdem übernommen. An den meisten Tagen mache ich mein Bett, und putze über die wichtigsten Stellen, denn man weiß ja nie, ob jemand vorbeikommen könnte. Nicht, dass das häufig passiert, aber es hat sich in meiner Erziehung derart eingebrannt, dass ich es ganz automatisch tue. Genau wie die Tatsache, dass ich fast immer einen Snack zu Hause habe, den ich meinen Gästen anbieten kann.

Das eigene Aussehen? Egal!

Lustigerweise gibt es eine Sache, die bei Besuch nicht so wichtig ist, und zwar die Tatsache, wie man aussieht. Trägt man am Nachmittag noch seine Schlafsachen? Kein Problem! Ist man verschlafen und ungeschminkt? Auch kein Problem! Das einzige Hindernis ist das Kopftuch, aber die Person setzt es sich meist auf, bevor sie aufmacht, oder wird von anderen vorgewarnt.

Da bin ich wiederum anders. Mir ist es sehr wichtig, dass ich meinem Besuch nicht im Schlafanzug die Tür öffne, auch, wenn es die andere Person vermutlich egal ist. Aber ich würde zumindest gern die Zeit haben, um kurz unter die Dusche zu schlüpfen.


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Bräuche ablegen

Neulich hat mir meine Mutter erzählt, wie sehr es sie überrumpelt hat, als eine Freundin, die gerade in der Nähe war, einfach so bei meiner Mutter klingelte, um zu schauen, ob sie da war. Meine Mutter war ziemlich fertig von der Arbeit, wollte einfach nur ihre Ruhe, lud sie aber trotzdem kurz ein, um nicht unhöflich zu sein. Zum Abschied sagte sie ihr aber, dass sie beim nächsten Mal bitte vorher anrufen sollte … und ich musste daraufhin lachen. Einige Bräuche legt man mit der Zeit wohl doch ab.

NIEMALS fragen, wann der Besuch wieder abzieht.

Eine Sache finde ich auch sehr amüsant. In der marokkanischen Kultur schickt es sich nicht, seinen Buch zu fragen, wie lange er oder sie vorhat zu bleiben. Neulich hat meine Mutter mir einen finsteren Blick zugeworfen, als mir die Frage vor meiner Familie rausgerutscht ist. Der Besuch ist immer willkommen und darf so lange bleiben, wie er will. Eine „Wann gehst du wieder“-Aussage impliziert, dass man die Person wieder weghaben will. Dabei war es überhaupt nicht böse gemeint – ich wollte nur wissen, ob wir uns vorher nochmal sehen …

Soo, dieser Beitrag war natürlich sehr pauschalisiert. Ich kann nicht meine persönliche Erfahrung auf die gesamte Kultur projizieren. Aber im Allgemeinen lassen sich doch noch immer deutliche Unterschiede im Vergleich zur marokkanischen Kultur beziehen. Und auf irgendeine Weise finde ich es sogar charmant. Nur nicht, wenn ich Gastgeberin bin.

Jetzt würde mich interessieren, wie es bei euch ist.

Wie steht ihr zu unangekündigten Besuchen? Wie reagiert ihr darauf? Und habt ihr vielleicht eine kulturellen Hintergrund, in dem das ganz ähnlich gehandhabt wird?

Mehr zu kulturellen Unterschieden findet ihr hier:

Nein heißt nein? Oder doch ja? Andere Esskulturen, andere Ess-Sitten

Warum die Türen bei mir zu Hause immer offen blieben

Liebe Grüße
Mounia

Mounia
About me

Ich - 25 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten.

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3 Kommentare

Katrin
Antworten 14. April 2022

Die Idee, bzw. diese kulturelle Angewohnheit gefällt mir. Leider ist es bei mir nicht immer so ordentlich, wie ich es mir (für mich) wünsche. Andererseits kommen bei uns oft spontan Nachbarn vorbei, da ist es halt nicht immer picobello. Bisher ist noch keiner vor Schreck umgefallen ;)
Aber mir gefällt trotzdem die Routine, so hat man allgemein weniger Stress im Alltag und es ist auch alles schneller erledigt wenn man mal geplanten Besuch kriegt, wo man extra vorher aufräumt.
Viele Grüße Katrin

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