„Ich habe es nicht so gemeint“ – oder doch?


Wer kennt das nicht: Einer tut oder sagt was, was den anderen verletzt und dann kommt: „Ich habe es nicht so gemeint“? Unsere Kolumnistin mindfulsun hat einiges dazu reflektiert und auch gute Vorschläge, wie wir damit umgehen können. Auf beiden Seiten.

Für mich ist Reflexion mittlerweile ein wichtiges Werkzeug geworden. Manchmal nutze ich das auch gezielt als Achtsamkeitsübung und nehme mir vor, auf bestimmte Dinge mehr zu achten. Meine Ausdrucksweise hat sich verändert, weil ich bestimmte Aussagen einfach nicht mehr mit meinen Werten verbinde. Und manches Gesprochene auch eher alten Mustern und Denkweisen entspricht, die sich über Generationen festgesetzt haben. Wenn ich mich also entwickeln möchte, muss ich auch auf meine Sprache achten.

Die Aussagen „Das habe ich nicht so gemeint. Das habe ich nicht gewollt.“ sind ein Beispiel dafür.

Ich denke, fast jeder von uns kennt sie – auch die Kinder schon. Ich kann mich erinnern, dass ich das in der Kindheit auch schon ausgesprochen habe. Weil ich es so gelernt und in meinem Umfeld auch oft gehört hatte.

„Das habe ich nicht so gemeint.“

Ich schreibe hier nicht von Sender-Empfänger Störungen – also wenn etwas unverständlich bleibt oder verloren geht.
Ich schreibe von dieser Aussage als Entschuldigung* für etwas, was ich gesagt oder getan habe und es hat in der Konsequenz einen anderen Menschen verletzt.

„Es tut mir leid, ich habe es nicht so gemeint.“

Damit war für mich das Thema vorbei. Ich habe es bereut und bedauert und das auch zum Ausdruck gebracht. Was ich heute weiß und dazu gehört es eben, mal wirklich in den Spiegel zu schauen: Für eine winzige Sekunde, für einen Augenblick habe ich es eben genauso gemeint! Ich habe diese Worte ausgesprochen, ich habe verletzend gehandelt. Weil ich in dem Moment verärgert war. Das war der erste Impuls.

„Ich habe es nicht so gemeint. Ich habe das nicht gewollt.“

Ja, wer denn dann? Natürlich bin ich dafür verantwortlich.

Und nur wenn ich das sehen kann, kann ich mich entwickeln und daran arbeiten.

Ich schreibe hier nicht davon, dass es nicht menschlich ist, verärgert zu sein. Emotionen kochen hoch. Wichtig ist für mich hier die Selbstregulation geworden und das Erkennen: Jetzt bitte achtsam sein! Durchatmen, mich zurücknehmen und erst DANN handeln, sprechen oder schreiben.

Und vor allem ist es mir wichtig, jetzt erst für mich selbst zu erkennen:

Was steckt hinter dem Ärger? Ist es Enttäuschung oder Schmerz? Bin ich traurig?

Diese Reflexion ist für mich hilfreich und natürlich auch für die Kommunikation mit dem betreffenden Menschen. Denn auch ein „Ich habe es nicht so gemeint, ich war wütend.“ ist eben noch lange nicht der wahre Punkt. Hinter Wut steckt einiges, was ich im ersten Moment manchmal nicht sofort erkennen kann.

Was ich für mich also herausgefunden habe: Wenn ich mich verletzt fühlte, habe ich auch manchmal mit Verletzungen reagiert.

Manchmal war das auch ein unbewusstes Programm und erst durch Achtsamkeit und Meditation kann ich das wirklich regulieren. Ich habe die Wahl zwischen Impuls und Reaktion eine Pause zu machen. Ich möchte niemanden verletzen und nicht auf Verletzungen genauso reagieren. „Auge um Auge“ entspricht nicht meinen Werten.

Wo früher dieses „ausholen“ eigentlich ein Zeichen meines Schmerzes und der Hilflosigkeit war, kann ich diesen heute meistens achtsam kommunizieren.

(Ich schreibe „meistens“ sehr bewusst. Denn ich habe eine Posttraumatische Belastungsstörung und damit ist es besonders schwer. Hier spielen Kampf-Flucht-Reaktionen eine große Rolle und ich arbeite sehr hart an mir.)

Wie oft geben wir Menschen eigentlich Schmerzen und Verletzungen an andere Menschen weiter?

Manchmal auch an unbeteiligte Personen. Und dann kommt oft „Ich habe es nicht so gemeint.“
Nach einem „Es tut mir leid, war nicht so gemeint“ einfach weiter zu machen, als wäre nichts passiert, tut niemandem gut.


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Mir nicht:
– wenn ich mich nicht damit auseinandersetze, warum ich es getan oder gesagt habe,
– wenn ich nicht lerne, mich besser zu regulieren,
– wenn ich nicht lerne, Verletzungen angemessen zu kommunizieren:

Dann wird dieser Satz „Das habe ich nicht so gemeint“ öfter fallen und es werden Menschen verletzt und zwischenmenschliche Beziehungen belastet. Es ändert sich nichts.

Meinem Gegenüber nicht:
– Weil ich es eben – in diesem Moment – genauso gemeint habe und die Verletzung passiert ist.
– Weil ein „Es war nicht so gemeint“ eben nicht stimmig ist.
– Weil ich es zwar bedaure: Aber die Schmerzen des anderen Menschen und was es ausgelöst
hat, damit nicht richtig anerkenne. Mir tut es leid, ja.

Wichtiger ist doch: Wie geht es dem anderen Menschen damit?

Solange ich nicht reflektieren konnte, sind immer wieder die gleichen Verletzungen geschehen, habe ich immer wieder gleich gehandelt. Diesen giftigen Kreislauf konnte ich erst mit Achtsamkeit, gewaltfreier Kommunikation und Selbstreflexion durchbrechen.

Sobald ich also herausgefunden habe, was in mir ausgelöst wurde, setze ich mich damit auseinander. Und erst dann reagiere ich und gehe in eine Kommunikation.

Manchmal brauche ich einfach Selbstmitgefühl. Manchmal ist es wichtig mitzuteilen, warum ich verletzt bin.

Eine wertschätzende und respektvolle Kommunikation auf Augenhöhe zu Bedürfnissen: Das ist für mich essenziell geworden und sehr heilsam im Umgang mit anderen Menschen.

Jedes Mal also, wenn ich mich bewusst mit meinen Emotionen auseinandersetze, wachse ich ein Stück und entwickle mich weiter. Jedes Mal wenn ich mit Mitgefühl reagiere und meine Bedürfnisse und Gefühle gewaltfrei kommuniziere, wachsen in zwischenmenschlichen Beziehungen Nähe und Vertrauen.

Auch für Kinder empfinde ich es als sehr wertvoll, auf ein „Ich habe es nicht so gemeint“ zu achten und nachzuforschen: Was steckt eigentlich dahinter?

Sollte es mir doch noch passieren, ist auf ein jeden Fall ein „Es tut mir leid“ für mich wichtig. Gefolgt von einer wahren Aussage: „Ich habe unangemessen aus einem Impuls heraus reagiert. Ich sehe, ich habe dich damit verletzt/beschämt/gedemütigt etc.“

Die nächsten Schritte eines für mich wertvollen und heilsamen „Es tut mir leid“* stelle ich euch in einem anderen Artikel vor. Denn ein einfaches „Es tut mir leid“ ist eben nicht in jedem Fall ausreichend.

Ich möchte euch einladen, für euch eine Situation zu reflektieren, in der ihr „Ich habe das nicht gemeint“ ausgesprochen habt und ehrlich in euch zu gehen: Ist das wirklich so? Habt ihr es in diesem Moment nicht genauso gemeint?

Vielleicht findet ihr es auch wertvoll, in der kommenden Woche darauf zu achten.

Eure mindfulsun

*Ich mag das Wort Entschuldigung nicht. Weil ich nicht die „Schuld“ (Verantwortung) von mir weisen und auf jemanden anderen übertragen möchte. Es bleibt meine Verantwortung, wenn ich jemanden verletze. Hier gibt es in der deutschen Sprache für mich kein anderes gutes Wort.

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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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