Über das Tabu, kein gutes Verhältnis zu seiner Mutter zu haben – Gastbeitrag von Marie Steinb


„Ich arbeite gerade therapeutisch das Verhältnis zu meiner Mutter auf und würde gerne etwas teilen, dass ich dadurch als Erkenntnis gewonnen habe. Vielleicht hilft es anderen die ähnlich fühlen sich besser zu verstehen.“

– schreibt uns Marie Steinb, bei der ich mich zunächst entschuldigen möchte, dass es so lange gedauert hat bis ich den Beitrag endlich gebracht habe.  Nun habe ich ihn editiert, und bin sehr gerührt und bewegt… und ihr hoffentlich auch! Gerade im Nachgang an den Muttertag finde ich diese Gedanken sehr gut:

Ab hier schreibt Marie:

Eltern sagen sie wünschen sich ein Kind. Und da es so ziemlich das teuerste selbst bezahlte Geschenk ist, was man sich wünscht im Leben, macht man sich vorher viele Gedanken und freut sind drauf.

Doch wie ein weiser Mensch mal gesagt hat, wie sind hier nicht bei „Wünsch dir was“, wir sind hier bei „So isses!“

Und wenn dann das heiß ersehnte und hart ersparte Geschenk endlich da ist, dann ist es wie es ist.

Hat man sich zu sehr darauf versteift eine Kaffeemaschine zu bekommen, ist man unweigerlich vom Staubsauger enttäuscht. Da Kinder aber keine Haushaltswaren sind, kann man sie nicht einfach umtauschen, weiter verschenken oder im Keller vergessen.

Und noch viel schlimmer: Kinder merken dass sie nicht das sind, was ihre Eltern sich gewünscht haben und reagieren aktiv darauf. Dann hast du einen Staubsauger, der verzweifelt versucht eine Kaffeemaschine zu sein, aber es natürlich nie so richtig hinbekommt, mit der Crema. Der beschissene Kaffee macht auf Dauer keine Laune, aber was anderes gibt’s halt nicht.

Nur zahlt das Kind dadurch, dass es versucht etwas zu sein dass es nicht ist, den höheren Preis: Es nimmt Schaden.

Und irgendwann haut es entweder ständig die Sicherung raus oder gibt ganz den Geist auf. Wenn man dann, nach all den Jahren, vielleicht endlich akzeptiert, dass man einen super Staubsauger hatte, der jetzt aber ein Haufen Schrott ist weil er unsachgemäß benutzt wurde, tja, dann ist die Garantie hin. Und entweder man zahlt die Reparatur oder akzeptiert den Totalschaden. Viel schlimmer noch, die rauchenden Trümmer liegen in der Wohnung und sehen Scheiße aus wenn Gäste kommen…


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Die Hausgeräte Analogie lässt sich irgendwie sehr gut weiterdenken, während man nachts um 3 versucht zu verstehen, warum man so ist wie man ist.

Es vereinfacht diese unendlich komplexen Beziehungen ein wenig, macht sie geistig fassbarer. Aber man darf nicht vergessen, dass man kein kaputter Staubsauger ist, sondern ein Mensch, der nicht auf das reduziert werden kann was Familie und Umwelt von einem Erwarten. Und man kann, wenn man sich endlich davon trennt irgendwas sein zu wollen was andere von einem erwarten, immer noch damit anfangen mehr der zu sein, der man wirklich ist.

Eltern wünschen sich ein Kind, und bekommen es geschenkt.

Und wenn sie bereit sind, es einfach anzunehmen wie es kommt, dann haben sie die Chance sich überraschen zu lassen von etwas, von dem sie nie hätten träumen können.

Der Anlass für den Text ist dass ich mich (gemeinsam mit meiner Mutter) derzeit mit professioneller Hilfe mit dem Verhältnis zwischen mir und meiner Mutter beschäftige. Das ist harte Arbeit für uns beide, und was dabei rauskommt wissen wir jetzt noch nicht. Dennoch ist es ein Tabu kein gutes Verhältnis zu seiner Mutter zu haben, wenn diese nicht gerade destruktiv genug war dass es nach außen auffällt.

Mütter und Kinder sind und bleiben ein Leben lang verbunden.

Für die meisten ist es das Natürlichste von der Welt, ein Kind zu kriegen und es von Herzen zu lieben.
Und Mama ist und bleibt für so viele Menschen ihr Leben lang die Beste.

Es gibt aber auch andere, die sich als Kind irgendwie nie so richtig geborgen gefühlt haben und mit der Geburt der eigenen Kinder feststellen, dass die eigene Mutter keine schlechte Mutter war. Aber halt auch keine besonders Gute.

Daraus ist irgendwie dieser Text geworden, den ich mir nachts von der Seele geschrieben habe. Auch wenn der Text mir gerade vorkommt wie aus einer anderen Dimension (was hatten wir vor einigen Wochen noch für herrliche andere Sorgen…) ist er nicht weniger wichtig für mich..

Liebe Grüße,

Marie

Von Béa: Vielen Dank, liebe Marie, dass du diese Überlegungen hier geteilt hast!


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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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12 Kommentare

Melanie
Antworten 11. Mai 2020

Liebe Marie,
auch ich versuche krampfhaft ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter zu erzwingen. Es ist aber nicht so leicht wie ich mir das vorstelle. Meine Mutter hat mir nie das Gefühl gegeben, dass ich gut so bin wie ich halt bin. Seit ich selbst vier Kinder habe, versuche ich alles richtig zu machen. Und dabei komme ich schnell an meine Grenzen. Ich liebe meine Kinder und bin auf alle sehr stolz. Ein gutes Verhältnis zur Oma haben sie aber alle nicht. Auch hier fehlte die Herzlichkeit bei der " Übergabe " des Geldscheins zu den Feiertagen...
Es ist nicht leicht, Harmonie kann man nicht erzwingen, aber mein Ziel ist es, es besser zu machen, bedingungslos.

Melanie
Antworten 11. Mai 2020

Hallo,
Ich kenne die Situation keine schlechte Mutter gehabt zu haben, aber auch keine gute Mutter. Ich kann es gar nicht so genau "erfassen" wo es falsch lief oder warum es so ist wie es ist. Ich bin 36, meine Kinder 12 u 14, meine Mutter 59.
Ich bin mit 18 ausgezogen bin quasi geflüchtet. Als ich 22 war, meine Tochter ein Baby, kam dann die Trennung meiner Eltern. Und seidher hab ich den Eindruck das es eher Schlimmer statt besser wird. Wenn ich nicht mit ihr Verwand wäre...hätte ich keinerlei Kontakt mit ihr! Und ich hab oft den Eindruck das es auf Gegenseitigkeit beruht.
Zu meinem Vater habe ich zwar wenig aber guten Kontakt!
...und mein Bruder (2 Jahre älter) ist Mamas Liebling und ihr auch sehr ähnlich. Zu ihm ist das Verhältnis immer besser wenn er mal weniger Kontakt mit unserer Mutter hat.

    Melanie
    Antworten 12. Mai 2020

    Hallo Melanie,
    bei meiner Mutter spielt mein Bruder auch eine ganz andere Rolle. Meine Schwester und ich spürten das schon lange. Das fühlt sich nicht gut an. Und auch mit 40 ist dieses Gefühl sehr belastend.

Corinna
Antworten 11. Mai 2020

Hallo Marie!
Danke für deinen treffenden Text. Auch ich habe kein gutes Verhältnis zu meiner Mutter. Es ist, als wäre sie einfach eine Verwandte, ohne näheren Bezug zu mir. Ich beschäftige mich mit meinem inneren Kind mit Hilfe von "Das Kind in dir muss Heimat finden", um es irgendwie für mich selbst aufzuarbeiten und meine Last zu verringern. So kann ich mittlerweile schon unbeschwerter meine Bindung zu meinen Kindern genießen!
Respekt für deine Mutter, dass sie es mitmacht und mit dir zusammen aufarbeitet. Und ich wünsche euch alle Kraft, die es braucht, um zueinander zu finden und euren Frieden zu machen! 🌻
Alles Gute und viele Grüße, Corinna!

    Trexler Roswitha
    Antworten 12. Mai 2020

    hallo!
    Auch ich hatte kein gutes Verhältnis zu meiner Mutter, sie wollte nur schwanger werden, damit sie aus pol. Gründen (Nationalsozialimus) nicht eingesperrt wird

    Béa Beste
    Antworten 12. Mai 2020

    Liebe Corinna, erst mal Béa hier: Das Buch ist wirklich großartig, ich hatte auch schon mal einige Eindrücke!

Nina
Antworten 12. Mai 2020

Bei mir ist es ähnlich. Ich habe bereits viel aufgearbeitet und fühle mich frei. Aber erst seit ich es mir zugestehe, dass ich eigentlich keine Mutter habe. Sie kann es einfach nicht, hat selbst wohl zu viele Schäden in ihrer Kindheit erfahren. Auch ich hätte wohl kein Kontakt zu ihr, wenn wir nicht verwandt wären oder ich meinem Kind keine Oma wünschen würde. Ich habe erst erfahren, was Liebe und "Mutter" bedeutet, als ich selbst Mutter wurde. Und ja meine Mutter war und ist keine gute Mutter, das wurde mir immer klarer. Mutterliebe ist nicht immer angeboren.

sonaholic
Antworten 12. Mai 2020

Lieben Dank für den Beitrag, die "Dunkelziffer" wird größer sein als gedacht, denn ja, irgenwie ist es ein Tabu - gerade wenn es nicht offensichtlich ist, warum es kein gutes Verhältnis ist. Auch ich habe es mit therapeutischer Hilfe und einem wahnsinnig krassen Familienstellen aufgearbeitet, meinen Frieden und vor allem Abstand gefunden, kann sie jetzt so nehmen wie sie ist. Ich hab das Gespräch gesucht, bin äußerlich betrachtet kläglich gescheitert, hab aber Emotionen daraus mitgenommen, die mich den Abstand haben finden lassen. Denn das Wissen ist immer das eine, wir Menschen brauchen das Gefühl dazu, um etwas verarbeiten zu können. Ich finde es bewundernswert, dass ihr gemeinsam die Therapie macht. Ich glaube das ist das einzige, was das Fünkchen HOffnung aufrecht erhält, dass sich für die gemeinsame Zukunft etwas tut. Unserer Generation fällt es leichter, mit "so einem Thema" zu einem Therapeuten zu gehen. Unsere Elterngeneration kann das deutlich seltener. Denn ja, wir Kinder müssen verstehen, dass auch unsere Eltern zur damaligen Zeit ihr bestes gegeben haben - das aus ihrer und vor allem damaliger Sicht beste. Meine Mutter lag vor ein paar Wochen auf der ITS und es stand sehr schlimm um sie. Trotz unserer Distanz (natürlich auch der zu meinen Kindern) habe ich gespürt - wie meine Schutzmauer zu bröckeln begann. Ich hatte meine Therapeutin gefühlt schon auf Kurzwahl. Denn ich ahnte, was es mit mir machen würde, sie trotzdem zu verlieren. Denn trotzdem ist sie meine Mutter und ich liebe sie. Auf unsere für andere verschrobene und unverständliche Art und Weise. Die Ärzte bezeichnen es als Wunder, dass sie es überlebt hat. Und ich hatte einige Tage zu tun mit mir, da ich abgeschlossen hatte, ihr nochmal das mir wichtige gesagt hatte und nun lebt sie weiter. Und ist bislang noch immer dieselbe. Fazit: Jeder muss mit jedem Menschen des eigenen Umfelds seinen Weg finden umzugehen. Leben und leben lassen. Jeder ist wie er ist. So abgedroschen das klingen mag. Wie gesagt, danke für den Beitrag!

    Béa Beste
    Antworten 12. Mai 2020

    Vielen lieben Dank für deine Erfahrungen, es ist schön, diese ergänzende Sicht hier lesen zu können!

    Tina2612
    Antworten 15. Mai 2020

    Eine sehr einfühlende Sicht auf das Verhältnis mit deiner Mutter.
    Auch bei mir ist es so, es geht nicht ganz mit Mutter und nicht ganz ohne. Wir Kinder müssen auch akzeptieren, dass unsere Eltern nicht vollkommen sind .Vielleicht ist das unsere Aufgabe in unserem Leben. Ich selbst habe 4 Kinder und Liebe sie aus vollem Herzen. Aber auch ich bin nicht ohne Fehler. Diese Einsicht kann einen ein Stück näher an das "Verzeihen" bringen. Schön wenn Eltern die emotionale Reife besitzen und eine gesunde Beziehung im Erwachsenen Alter aufbauen können. Alle haben diese Reife jedoch nicht. Es gilt mit dem Unvollkommenen einen Weg zu finden und für seine Bedürfnisse Worte und Wege zu finden.

Nadja Berger
Antworten 16. Juli 2020

Heute weiß ich: Mein Vater und große Teile der Familie waren Narzissten oder sogar Psychopathen. Anzisozial auf jedenfall. Nur meine Mutter war anders, wärme, liebe. Ich möchte keine Kinder haben, das Risiko so einen üblen Genpool weiterzutragen und eigene Kinder zu haben - die sich später gegen mich wenden. Sorry - kein Bedarf. Es ist daher wichtig bei der Partnerwahl schon zu schauen: wie ist die Familie des Partners? Bleibt Gesund!

Heike Oehler
Antworten 18. Juli 2020

Ich habe meine Mutter mit 25 durch eine Krebserkrankung verloren. Heute habe ich immer nochmals Gefühl das ich sie nie richtig verstanden habe. Sie war streng mit mir, ich habe es als lieblos empfunden, das sie mich zu einer selbstbewusste Frau Erzogen hat war ihr gar nicht bewusst aber aus der gelebtenOpposition habe ich viel Kraft und Widerstandskraft entwickelt. Jetzt mit 61 könnte ich ihr sagen „alles richtig gemacht, wenn vielleicht nicht bewusst?!?!

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