Abschied von der Peinlichkeit – kann man Scham überwinden?


Übertriebene Peinlichkeit, oder besser gesagt die Neigung, dass wir uns ständig fragen, wie wir negativ in den Augen anderer auffallen könnten, hemmt. Es hemmt uns, Dinge im Leben zu tun, die wir eigentlich machen wollen. Kann man das ablegen? 

Ich habe meinem Vater vor allem zu danken, dass er in meiner Erziehung starken Wert darauf gelegt hat, mich zu einem Menschen zu erziehen, der sich nicht zu sehr von der Meinung anderer bremsen lässt. Mein Vater war ein Freidenker und er wollte, dass auch ich einer werde. Er war recht alt, als ich auf die Welt kam, da er der Professor meiner Mutter an der Uni war, und ich eine recht späte Schwangerschaft. Er hat mir den Rücken gestärkt, mich nicht zu schämen oder zu verstecken, wenn andere Kinder oder Eltern aus dem Kindergarten und Schule ihn für meinen Opa gehalten haben. Er hat mich gewarnt, dass es so sein könnte und hat mir beigebracht, dass daran nichts Peinliches ist. Er hat sogar mit mir Antworten eingeübt:

„Ist das dein Opa?“ – „Nein, das ist mein Vater, aber es stimmt, er ist im Opa-Alter. Kommt selten vor, aber es kommt vor.“

„Waaah, ist dein Vater alt!“ – „Stimmt, er ist alt. Und weise. Meistens.“

„Dein Vater ist so viel älter als deine Mutter!“ – „Genau. Es sind 27 Jahre Altersunterschied. So alt bist du noch nicht mal.“

„Dein Vater kann nicht mehr so toben wie meiner!“ – „Stimmt. Aber er kann wunderbare Geschichten erzählen. Wir können zuerst mit deinem Vater toben und dann erzählt uns meiner eine Geschichte.“

Ihm war es wichtig, dass ich nicht zickig rüberkam, sondern mit der Realität versöhnt war.

Und ihm war es wichtig, dass ich nicht über andere lästere, sondern Verständnis aufbringe. Ich kann mich noch erinnern, wie ich, bei einem Spaziergang mit ihm am Meer zum ersten Mal ein schwules Pärchen gesehen habe. Zwei Männer, Hand in Hand. Er hat mir erklärt, dass viele Menschen damit ein Problem haben – aber „wir nicht“. Ich sollte hinschauen und sehen, dass es nichts anderes als Liebe und Zuneigung zwischen zwei Menschen ist – „total ok, sie sollten dazu stehen“. Ich kann mich nur diffus erinnern, was er noch gesagt hat, denn er war Professor um kam leicht ins Dozieren – aber bei mir ist hängen geblieben:

Was du bist und was du liebst solltest du nicht verstecken, schon gar nicht aus Angst vor der Meinung anderer.

Als meine Großmutter einmal bei irgendeinem Vorfall argumentierte mit den Worten: „Was sollen die Nachbarn denken?“ sagte er gelassen mit einem Schulterzucken: „Das, was sie denken können und wollen.“ Ich habe von ihm gelernt, dass die Gedanken oder gar das Geläster der anderen nicht weh tut. Aber er hat mir auch eingebläut, wo die Grenze ist: Wenn wir etwas machen, dass nur uns selbst, unsere Lebensweise betrifft, kann uns das herzlich egal sein. Wenn wir etwas tun, was die anderen dabei stört, ihr Leben zu leben, ist das nicht mehr ok. Also: Laute Musik bis tief in der Nacht oder Müll aus dem Fernster werfen wäre asozial. Da ginge es nicht mehr darum, was sie DENKEN, sondern wie sie SCHLAFEN. Und bei uns damals in Rumänien gab es noch eine zusätzliche Vorsichtsmassnahme beim Ausplaudern von Dingen, nämlich die allgegenwärtige Securitate – aber das tut jetzt gerade nichts zur Sache.

Wichtig ist, dass ich einen Vater hatte, der mir eingebläut hat, zu mir und meinen Wünschen zu stehen. Und wer mich heute erlebt ist überzeugt, dass ihm das vollends gelungen ist. Mein Mann Oliver schaut manchmal vorwurfsvoll hoch zu ihm in den Himmel, wenn ich stets öffentlich laut und offen heraus das sage, was ich gerade denke…

Aber genauso wie alle anderen Eltern nicht alle ihre Erziehungsziele erreichen, musste ich auch erst viele Erfahrungen machen, bis ich weitgehend frei von Peinlichkeit sein konnte – wie er sich das für mich gewünscht hat.

So habe ich mich nicht geschämt, dass mein Vater alt war, da war ich ja trainiert. Aber ein wenig war es mir schon peinlich, wenn andere von tollen Autos, coolen Hippie-Campingorten oder mutigen Bergsteiger-Urlauben erzählten, während wir nur einen ganz alten Dacia (Rumänische Automarke) hatten und mein Ferien-Dasein sich bei Restaurationsstätten von historischen Monumenten, meisten Kirchen und Klöstern, abspielte. Dann kam ich in die Präpubertät und trotz gutem Papa-Training war mir alters- und hormongerecht ALLES peinlich.

Das relativierte sich recht schnell – die Story vom Tod meiner Eltern und meiner Flucht nach Deutschland habt ihr vielleicht gelesen. Doch in Deutschland angekommen mit 15 Jahren, war erst mal alles faszinierend für mich. Aber ich war auch das arme osteuropäische Kind mit den komischen Klamotten und den wuseligen Haaren – auch wenn meine Schwester und ihre Freundinnen sich bemühten, mich einzukleiden und mir einen anständigen Haarschnitt zu verpassen, war es mir schon peinlich, weil ich nicht so hip und so cool war wie die anderen. Und klar war es mir auch peinlich, wie ich in Erkunde Mailand auf der Karte zeigen sollte und ich irgend einen Kleinstaat in der Nähe von Finnland und Estland suchte… von wegen: Land. Wie hätte ich wissen können, dass wir über Milano reden? Meine abstehende Ohren waren mir peinlich. Meine krummen Fußzehen waren mir peinlich. Meine Grammatikfehler waren mir peinlich. Manchmal sagte ich und tat ich Dinge und fragte mich, ob das gut war oder wie das angekommen ist – manchmal tat das richtig im Herzen oder im Bauch weh. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern aber ich konnte das physisch spüren. Peinlichkeit ist das Gegenteil von Schmetterlingen im Bauch.

Hatte mein Papa sein Erziehungsziel verfehlt?

Ganz und gar nicht. Denn genau in diesen Momenten habe ich mich an ihn erinnert, habe tief durchgeatmet und habe einmal kurz nach oben gewunken: „Alles klar, Tati.“ (so nannte ich ihn – die rumänische Variante von Papa, obwohl wir Französisch sprachen). Und dann habe ich bewußt innerlich gegengesteuert und mich über mein Peinlichkeitsgefühl hinweggesetzt. Es hat Energie gekostet – aber ich weiß, dass ich es geschafft hatte, mich nicht mehr dafür zu schämen, wer ich bin und woher ich komme. Oder was gerade vorgefallen ist. Und vor allem habe ich mich auch dazu gezwungen, deutlich zu reden und nicht zu nuscheln, damit mich die Leute korrigieren können und ich die Sprache richtig lerne.

Dass ich Unternehmerin geworden bin, hat auch etwas damit zu tun, dass es mir leicht fällt, Peinlichkeit zu überwinden. Ich kann Menschen anquatschen, bequatschen, ihnen Dinge verkaufen und Wichtiges für mich in Erfahrung bringen. Dass ich mit dem Mann verheiratet bin, den ich wirklich haben wollte, hat auch viel damit zu tun, dass mir nicht peinlich ist, Initiative zu ergreifen oder mich über gesellschaftliche Konventionen hinweg zu setzen. Und letztlich hat mir diese Einstellung auch geholfen, selbst eine Insolvenz unbeschadet zu überwinden und jetzt neue Ideen und Geschäftsmodelle anzugehen.

Ich habe versucht, meinem Kind Ähnliches mitzugeben: Du darfst dir nicht peinlich sein!

Und ich glaube, bis auf die Pubertätsphase meiner Tochter, in der auch ihr ALLES peinlich war, inklusive ich als Mama, ist mir das ganz gut gelungen. Wenn ich mir meine Tochter so anschaue, ist sie ein kompetentes soziales Wesen mit einem guten Selbstbewusstsein.

Wer mich zum Thema Peinlichkeit und Scham enorm beeindruckt hat, ist die US-amerikanische Soziologin Brené Brown. Ich habe sie selbst auf der Bühne und in einem Gespräch erlebt, und ihr TED Talk ist augenöffnend – hier ist er für euch mit deutschen Untertiteln:

oder ihr lest ihr Buch:

Verletzlichkeit macht stark: Wie wir unsere Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden (affiliate Link, also Mini-Werbung)

Ich glaube wirklich, dass es möglich ist, Peinlichkeit zu verjagen. Und dann mutiger und unbeschwerter so zu sein, wie man ist!

Und ihr?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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13 Kommentare

Wiebke (Verflixter Alltag)
Antworten 18. August 2016

Dein Vater war ein weißer Mann ;-)
Leider war meiner Mutter auch viel peinlich. Bis heute denke ich viel zu viel darüber nach, was andere von mir halten.
LG Wiebke

    Wiebke (verflixte Alltag)
    Antworten 18. August 2016

    "weise" sollte es heißen!

Tafjora, einmal Frankreich und zurück
Antworten 19. August 2016

Welch weiser Mann, Dein Papa!
Bei mir war das eher umgekehrt. Meiner Mama (und sie war für mich die beste Mutter die ich haben konnte) war es schon sehr wichtig, was andere über sie/uns denken und reden. Nie wäre sie mit Küchenschürze zum Briefkasten raus, das Haus war immer blitzblank und ordentlich (könnte ja sein, es kommt unangekündigt jmd vorbei). Sie hat sich oft viel zu viele Gedanken gemacht. Das fand ich damals oft "nervig" und wollte es unbedingt anders machen. Rebellisch sagte ich: "mir doch egal, was andere darüber denken"
Heute ertappe ich mich manchmal dabei, dass ich doch bei vielen Dingen ihr dabei ähnel. "Das kannste jetzt nicht so machen, was sollen denn die anderen denken?"
Meinen Söhnen versuche ich trotzdem beizubringen, dass sie sich für bestimmte Dinge nicht schämen müssen und andere nicht zu verurteilen, nur weil sie etwas anderes machen/denken/fühlen.
Ich hoffe, einen gesunden Mittelweg zu finden.
Tanja

Sonnenshyn
Antworten 19. August 2016

Ein wunderbarer Text. Ein wunderbarer Vater. Ganz toll. Ich bin wirklich sehr gerührt.
Er hatte auf jeden Fall recht. :)))

Sonnige Grüße.

Lena
Antworten 19. August 2016

Liebe Bea,
großartiger Text, großartiger Tati und großartige Einstellung :)
Ich denke, wichtig ist da dann auch die Begleitung der Kinder - denn mein Vater hatte sie in Vielem auch, ich hatte mich jedoch zwischendurch da komplett von abgewandt, weil ich mich alleine fühlte.
Herzlichen Gruß
Lena

Anita
Antworten 19. August 2016

Mein Tati (und Mami) sind anders und ich habe das Gefühl, dass es meine Aufgabe ist, die Peinlichkeit aus unserer Familie zu verbannen. Das ist echt peinlich! Haha - und mutig und wichtig und gut. Wenn ich Zweifel habe, wie ich eine Situation ohne Peinlichkeit überstehen kann, schaue ich meiner Tochter zu und denke "Ah so geht das. Das probiere ich auch."
Anita

Patricia
Antworten 12. September 2016

Liebe Bea,

danke für den tollen Beitrag und den Link zu Brené Brown - ich kannte sie noch gar nicht und bin ganz begeistert von ihrem Vortrag. Sehr inspirierend! :-) (Nur die deutschen Untertitel konnte ich nicht finden).

Liebe Grüße,
Patricia

Bettina
Antworten 13. März 2017

Toll geschrieben.
Ich musste ein paar mal schmunzeln ?
Der Text hat mich sehr berührt.
Danke

Herr Bock
Antworten 7. Dezember 2017

Chapeau für dich und deinen Vater. Ich musste 35 werden, damit ich selbst rausfinden konnte, dass ich zu mir stehen darf und ich mehr kann, als ich glaube. Mut ist ein entscheidender Faktor. Neugier kommt dazu. Und der Wille, sich auszuprobieren. Dann kann das Eis zwischen Scham und offenem Entdecken gebrochen werden. Ich bin vor 1 1/2 Jahren aufgebrochen, um eine wundervolle Reise zu mir zu machen. Ich kann vor Menschen reden. Ich bin nicht peinlich. Es ist nicht blöd, was ich mache. Und vor allem: ich muss mich nicht dafür schämen, wer ich bin.

Danke für deinen Text.

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