„Du hast mir weh getan!“ – „Nein, habe ich nicht!“ – Über die Wahrnehmung von Verletzungen


“When a person tells you that you hurt them, you don’t get to decide that you didn‘t.”
Wenn ein Mensch dir sagt, dass du ihn verletzt hast, hast du nicht zu entscheiden, dass du es nicht getan hast.

Das Zitat zur Wahrnehmung von Verletzungen stammt von Louis C.K., bürgerlich Louis Székely, ein US-amerikanisch-mexikanischer Stand-up-Comedian, Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur und Produzent – und ihn zitiert unser Gastautorin mindfulsun, die auch einen eigenen Blog zum Thema Achtsamkeit hat. Sie schildert hier eine Situation, die Menschen untereinander sehr oft haben – die aber Depressive Menschen ganz schön ins Schwanken bringen kann…

Über die Wahrnehmung von Verletzungen

Nehmen wir an, ich trete jemandem versehentlich auf den Fuß und er teilt mir mit: „Aua, das tat weh!“
Ich würde niemals mit „Kann ja überhaupt nicht sein!“ antworten.
Nachvollziehbar, oder?

Bei seelischen Verletzungen verhält es sich gleich. Jemand sagt etwas zu mir, was mich sehr verletzt. Manchmal artikuliere ich es spontan, manchmal muss ich erst lange den Mut suchen: „Du hast mich damit verletzt!“ Was in dieser Situation dann eine völlig absurde Antwort ist: „Nein, habe ich nicht!“

Kann ein Mensch entscheiden, ob er einem anderen mit bestimmten Aussagen weh tut?
Nein, kann er nicht!

Vielleicht steckte nicht die Absicht dahinter, mir weh zu tun aber es ist nun mal geschehen. Emotionen und Gefühle passieren einfach, mich verletzt fühlen, suche ich mir nicht aus!

Wenn ich es dann anspreche, mache ich mich verletzlich, öffne mich für die Reaktion und zwar bewusst. Zuzugeben, dass mich jemand verletzt hat, fällt mir daher oft sehr schwer.

Ein anmaßendes und abwertendes „Das kann überhaupt nicht weh tun / Das sollte überhaupt nicht weh tun / Ich habe dir überhaupt nicht weh getan.“ verletzt nur noch mehr. Es ist respektlos und demütigend.

Jeder Mensch hat eine andere Schmerzgrenze und die ist weder verhandelbar noch herabstufbar.

Was dem einen Menschen irrational vorkommt oder unlogisch, ist es für einen anderen nicht.
Was für den einen Menschen ein Banalität ist, muss es für den anderen noch lange nicht sein.
Aber was niemals geht, ist einem anderen Menschen seine Gefühle zu diktieren. Wenn jemand verletzt ist, ist das so und ich muss das akzeptieren.

Warum jemand auf die Aussage: „Du hast meine Gefühle verletzt“ so defensiv reagiert, erkläre ich mir mit Schuldgefühl. Aber diese Aussage ist keine Schuldzuweisung! Ich bringe damit lediglich meine Emotionen zum Ausdruck. Ein „Das hatte ich nicht beabsichtigt. / Das war mir nicht bewusst“ genügt dann auch völlig. Ich erwarte nicht unbedingt eine Entschuldigung, obwohl sich das natürlich am Besten anfühlen würde.

(Hier mehr zu Schuldgefühlen, übrigens)

Empathie ist für mich: Akzeptieren und anerkennen, dass sich jemand von meinen Worten verletzt fühlt, ich ihm Schmerzen zufügt habe und diese Emotionen real sind!
Feingefühl ist für mich: Diese Emotionen nicht abwerten, nicht in eine defensive Haltung gehen und mich entschuldigen.

Besonders wichtig ist das im Umgang mit Kindern. Ich erinnere mich noch an ein „Mama, was du eben gesagt hast, war nicht so schön für mich!“ Auch meine initiale Reaktion war damals eine defensive. ‚Ich habe doch nichts Schlimmes gesagt. Das kann überhaupt nicht sein!‘ Darüber musste ich nachdenken und bin zu dem Schluss gekommen: Es tut meinem Kind weh, also ist das so! Daran gibt es nichts zu rütteln! Ich achte seitdem mehr darauf, wie ich auch vermeintliche Kleinigkeiten formuliere. Meinen Sohn habe ich damals in den Arm genommen, ihm einen Kuss gegeben und mich entschuldigt.

Ein: „Ich wollte dir nicht weh tun, das war nicht meine Absicht!“ und eine feste Umarmung können tatsächlich helfen.

Liebe Grüße,

mindfulsun

P.S. von Béa: Ich habe oft beobachtet, dass Menschen oft aufgrund ihrer Erziehung schlecht damit umgehen, wenn ihnen jemand so etwas mitteilt wie: „Du hast mir weh getan!“. Sie interpretieren dies als Schuldzuweisung, und fühlen sich gleich angegriffen.

Meine Erfahrung ist, dass die sogenannten Ich-Botschaften auch in solchen Fällen leichter zu platzieren sind. Ein: „Ich fühle mich durch das, was du gesagt hat, verletzt.“ ist oft leichter anzunehmen…

Doch merke: Ein verletzter Mensch ist vielleicht dann auch nicht in der Lage, sich diplomatisch auszudrücken, und ein Kind schon zwei Mal nicht!

Deswegen habe ich den Appell an alle:

Wenn es um Schmerzen und die Wahrnehmung von Verletzungen geht, lieber einmal eine Portion mehr Güte und Geduld in jedem Austausch versuchen reinzubringen, das hilft eine Menge!

Sehr ihr das auch so?

Liebe Grüße,

auch von Béa

Titelbild: Photo by Jordan Whitt on Unsplash

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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