Thema Inklusion oder warum eine Mutter sagt: „Ich habe die Schnauze voll!“


Ihr Lieben, ich gebe es zu, der Titel ist etwas provokativ. Der Mutter, die mir den Beitrag als Frage an euch geschrieben hat, wäre es wichtig, dass ihr zu Ende lest und versteht, warum sie das sagt. Das ist nicht pauschal gemeint!

Denn die Frage ist: Wie kann Inklusion gelingen, ohne die Kinder zu gefährden? Was braucht es?

Vielleicht wollt ihr das Ganze lesen und schauen, ob ihr Erfahrungen und Ideen habt? Ich würde euch um respektvolle Diskussion bitten mit Rücksicht auf alle. Ja?


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Und hier geht es los:

„Thema Inklusion oder: Ich habe die Schnauze voll!“

Gestern bekam ich einen Anruf von der Schule. Ich möchte meinen Sohn abholen, er habe sich mit einem Mitschüler gestritten und eine kleine Verletzung am Hals. Alles nicht dramatisch, er könne auch selber nach Hause gehen. „Nein, ich hole ihn ab. Es ist niemand zu Hause und einen Schlüssel hat er auch nicht dabei.“

Also fahre ich zur Schule. Dort angekommen übergibt mir die Lehrerin meinen Sohn und erzählt mir, dass es einen Streit mit einem Mitschüler gegeben habe, es daraufhin zu einer Rangelei kam und mein Sohn eine kleine Verletzung am Hals habe. Das sei aber mit beiden Streithähnen geklärt worden.

Kaum aus der Schule fing mein Sohn bitterlich an zu weinen und schilderte man was passiert ist. Dass Jungs sich mal streiten und dann auch schubsen, hauen oder treten, finde ich in dem Alter ja normal. Zu Hause angekommen habe ich das Pflaster an seinem Hals abgemacht, um mir die Verletzung anzuschauen.

Ich habe mich erschrocken! In seinem Hals war ein Loch!

Aus dem lief permanent Wundwasser heraus und man konnte sehen, dass es eine kleine, aber tiefe Stichwunde war.

Der Mitschüler hat sich im Streit sich ein Geodreieck genommen und es meinem Sohn in den Hals gerammt.

Die Verletzung war offensichtlich kein oberflächlicher Kratzer, sodass ich mit ihm zum Kinderarzt gefahren bin. Auch er fand die Verletzung für einen Streit unter Jungs erheblich und mehr als eine Stufe „drüber“. Er hat die Wunde chirurgisch versorgt, d. h. geklebt und geklammert.

Wir sind entsetzt ob eines solchen Vorfalls! Die Aussage der Eltern, ihr Sohn habe das Geodreieck im Streit nur nach unserem Sohn geworfen, lässt sich durch die Art und Heftigkeit der Verletzung widerlegen.

Die Aussage der Klassenlehrerin, normalerweise wäre der Mitschüler nicht aggressiv und auch nicht dermaßen übergriffig, erinnert mich ein wenig an Martin Rütter: „Der tut nix!“.

Letztendlich hat dieser Vorfall bei uns das Fass zum Überlaufen gebracht, denn eine Reihe verhaltensauffälliger Schüler (lt. Definition mit „sonderpädagogischem Förderbedarf“) machen es vielen Kindern an der Schule schwer.

Ein Kind z. B. schlägt und spuckt permanent nach anderen Kindern. Sein Verhalten ist mehr als auffällig: Er hat in der Klasse einen eigenen Sitzplatz zwischen Regalen gebaut bekommen und stört z. B. durch ständiges Trommeln.

Gestern hielt er die Kinder vom Sportunterricht ab, weil er die Fußballtore hochgeklettert ist und alle anderen warten mussten, bis er wieder herunterkam.

Ob die Geschichte wahr ist, dass er nach dem Sportunterricht im Umkleideraum seine Hose heruntergezogen hat, um mit seinem Penis einem anderen Kind am Kopf zu streicheln, kann ich nicht bezeugen.

Meine Tochter hat es erzählt, war aber natürlich nicht dabei. Vielleicht trotzdem etwas, wo man mal genauer hinschauen oder -hören sollte.

Ein anderes Kind ist eigentlich in eine andere Stadt gezogen, kam nach zwei Monaten aber wieder zurück, weil da „irgendein Vorfall mit Rasiermessern und dem Freund der Mutter war und es auch kurz ins Kinderheim musste“. Das Kind mobbt jetzt eine Mitschülerin, zieht ihr den Stuhl weg und schubst es die Treppe herunter.


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Ein weiteres Kind war schon im Kindergarten auffällig: Es hatte ein anderes Kind gewürgt. An der Schule läuft es erwartungsgemäß nicht besser. Er fällt auch durch aggressives Verhalten auf, hat schon das Auto der Schulleitung mit Steinen beworfen. Letztens hat er alle Türen im Jungs-Klo abgeschlossen, indem er oben über die Trennwände geklettert ist. Kann man witzig finden und auch als dummer-Jungen-Streich abtun. Die Kinder, die vor den verschlossenen Türen standen und sich in die Hose gemacht haben, dürften das anders empfinden.

Toiletten ist ebenfalls ein spezielles Thema: nicht selten sind diese unbrauchbar, weil jemand einen Haufen ins Pissoir gesetzt hat, die Toiletten mit Sand, Laub oder Pullis verstopft und natürlich gibt es auch hier Kinder, denen der sachgemäße Gebrauch einer Klobürste bis dato nicht erklärt wurde.

Dabei zahlen wir für jedes Kind ca. 20 Euro Toilettengeld pro Jahr, damit ein vernünftiger Klogang für die Schüler gewährleistet werden kann. Könnte. Oder sollte…

Es ist auch schon kein Aufreger mehr, wenn wir wieder neue Hausschuhe kaufen müssen, weil ein Kind die Hausschuhe den Hausflur hinunter in den Keller schmeißt, versteckt oder auf das Dach der Schule wirft.
Konsequenzen? „Mama, die gibt es nicht!“

Ich frage die Klassenlehrerin und die Schulleitung, wo man denn hier eine Handhabe hätte.

„Frau B., da sind uns die Hände gebunden. Die Kinder haben ein Recht darauf an einer Regelschule beschult zu werden und vom Unterricht kann man sie auch nicht ausschließen, weil es ja auch ein Recht, sogar eine Pflicht, auf Schule gibt.“

Okay, dass die meisten Lehrer nicht dazu ausgebildet sind, Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu beschulen, das haben viele Lehrer gesagt, als das Recht auf Inklusion beschlossen wurde.

Auch der Leiter des Schulamtes bestätigte mir, dass es immer mehr verhaltensauffällige Schüler gebe und auch die Förderschulen aus allen Nähten platzten.

Doch was tun? Müssen 20 Kinder einer Klasse darunter leiden, wenn es ein schwieriges Kind gibt, welches die anderen schlägt, bespuckt, vom Unterricht abhält, sich nicht an die Regeln halten kann?

Gespräche mit den Eltern gab es mehr als eines. Mit der Lehrerin auch. Alle sind machtlos und ich hoffe, dass das Geodreieck beim nächsten Mal nicht die Halsschlagader oder das Auge trifft…

Ich wünsche mir Erfahrungsberichte anderer Eltern: Ist das inzwischen normal? Wie kann ich mein Kind schützten oder ihm Rüstzeug mit auf den Weg geben? Wie kann man Lehrer oder Eltern sensibilisieren? Bringt es etwas das Kind wegen Körperverletzung anzuzeigen oder sich an das Schulamt zu wenden? Wer hat Anregungen, Ideen, Tipps?

Und damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin absolut für ein Miteinander.

Für das Rücksichtnehmen und integrieren Aller. Ich bin in der Flüchtlingshilfe aktiv und habe schwerbehinderte Eltern. Ich weiß schon, wovon ich spreche.

Doch Integration bzw. Inklusion geht doch nur dann, wenn sie nicht das Wohl der Kinder gefährdet.

Oder sehe ich das falsch?

___

Daher, Ihr Lieben, zusammen mit der Frage von mir: Wie kann sie gut klappen? Habt ihr Beispiele für gelungen Inklusion ohne Kindeswohlgefährdung?

Und noch mal die Bitte: Eure Kommentare sind sehr gewünscht! Nur lasst uns gerade untereinander und bei dem Thema wohlwollend und wertschätzend kommunizieren. Ich habe lang überlegt, ob ich den Titel mit „Schanuze voll“ lasse oder verändere. Ich wollte nur das Verzweiflungsgefühl der Mama abbilden… Aber eigentlich ist die Frage wirklich:

Wie geht gute Inklusion? Was braucht sie, von uns allen?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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14 Kommentare

Conny
Antworten 14. Februar 2022

Ohje, wie schlimm. Wir hatten mit meiner Tochter das gleiche. 21 Kinder inkl. 5 sehr Verhaltensauffällige Kinder. Eine Lehrerin die zwar bemüht ist, aber alleine keine Chance hat. Ende vom Lied, nach zwei nervenaufreibenden Jahren sind wir als Familie umgezogen. Seitens der Schule oder Schulamt oder des Bildungsministeriums keinerlei Unterstützung. Immer nur Aussagen, wie „uns sind die Hände gebunden“. Eine Anwältin für Schulrecht empfahl mir mein Kind mit sofortiger Wirkung aus der Schule zu nehmen. Leider geht das alles zu Lasten der lernwilligen Schüler. Da hat die Politik das Pferd mal wieder von hinten aufgezäumt. Wir mussten für unsere Familie einen Schlussstrich ziehen und meine beiden Kinder sind jetzt endlich glücklich in der Schule.

Xy
Antworten 14. Februar 2022

Das hat nichts mit Inklusion zu tun. Was wäre denn, wenn "diese" Kinder nicht an der Regelschule wären? Dann wären sie an einer Förderschule. Und dann...würden sie dort das Gleiche machen, denn auch die Förderschullehrer*innen können nicht hexen. Die wissen meistens genauso wenig was sie da machen sollen, denn, große Überraschung, es handelt sich hierbei um psychische Probleme, die durch gesellschaftliche, soziale und finanzielle Missstände verursacht werden. Kinder die seit Geburt misshandelt und terrorisiert werden von ihren Bezugspersonen, denen Gewalt angetan wird, die in Armut und unter Lebensgefahr groß werden...wie sollen die sich denn verhalten? Kleine Engel sein, wo sie selbst zu Hause immer eins "in die Fresse kriegen"? Gedemütigt werden, verspottet, bedroht, ausgelacht, vielleicht auch angespuckt?
Die Kinder benötigen teilstationäre oder vollstationäre psychotherapeutische Hilfe, dann ambulante Nachsorge mit ambulanter Psychotherapie, sollten sie bei den vorherigen Bezugspersonen bleiben am besten nur mit ambulanter Jugendhilfe und oder Tagesgruppe nach der Schule, Wochengruppe oder doch vollstationäre Jugendhilfe. Außerdem müssen die Bezugspersonen psychotherapeutische Auflagen bekommen. In der Schule braucht es dann ein Team an Integrationshelfern, am besten mit Ausbildung, festangestellt und mit klarer Perspektive für die Beziehungsgestaltung zu den betroffenen Kindern.

So wie es sich anhört hat das nichts mit Inklusion zu tun, nur mit "Schuld abschieben", "keine Verantwortung übernehmen" und immer "der andere wars" rufen. Und letztlich bricht die Kette am schwächsten Glied... Den Kind ohne fürsprechende Person.

    Letter, Kat5harina
    Antworten 17. Februar 2022

    Das ist so nicht ganz richtig. Ich arbeite als Teilhabeassistentin an einer solchen Förderschule. Grundsätzlich sind an Förderschulen die Klassenkleiner, der DRuck auf ein einzelnes Kind also kleiner. Es sind Lehrer als auch Helfer in der Klasse und wir können jederzeit eine Pause machen, um einem Kind aus einre schwierigen Situation zu helfen. Wir haben mehr Zeit und nicht nur 60 sec in denen ein Schüler antworten muss wie an den Regelschulen. Auch das erzeugt bei Kindern mit Auffälligkeiten einen hohen Druck. Wir haben Zeit. Die Lehrkräfte sind ausgebildet und die Helfer fest für ein Kind engagiert... (in der Regel) Das Thema Inklusion war zwar gut gemeint, war aber bei weitem zu kurz gedacht. es gab nicht umsonst früher einen Studiengang Förderschullehrer... Soetwas gibt es heute nicht mehr... Früher lernten es "normale" Lehrer nicht, weil es die anderen gab und heutzutage wurde dieses Thema aus welchen Gründen auch immer an den Rand der Ausbildung gedrückt. Also haben auch die "neuen" Lehrer wenig bis keine Ahnung. Es sei denn sie interessieren sich persönlich dafür. DAS ist das Problem.... Mein eigenes Kind war an einer Regelschule, obwohl es Einschränkungen hat.

Silke
Antworten 14. Februar 2022

Sind diese Kinder wirklich, offiziell „Inklusionskinder“? Oder einfach nur, schwierig oder verhaltensauffällig und es wurde nie durch die Eltern oder die Schule ein Inklusionsantrag gestellt? Denn dann könnte man ja auch für das Kind eine Schulbegleitung beantragen. D.h. Es ist eine Person zusätzlich zur Lehrkraft in der Klasse, die sich um dieses Kind kümmert und ein Auge darauf hat. Allerdings denke ich müsste es dann eine offizielle Diagnose haben. Ansonsten ist das wirklich eine schwierige Situation. Gibt es an der Schule Streitschlichter oder evtl. Kann man im Rahmen einer Projektwoche das Thema Gewalt und Mobbing mit einem entsprechenden Trainer und Voträgen anbringen? Alles nur Ideen… wir sind an einer Montessori Schule mit vielen verschiedenen Inklusionskindern und irgendwie funktioniert es bei uns ganz gut…

Anne
Antworten 14. Februar 2022

Puh, ich bin Mama eines Kindes, welches in der 1. Klasse, bis die Therapie angeschlagen hat und wir die richtige Medikation gefunden hatten, bestimmt auch das ein oder andere Kind geschlagen, gebissen oder getreten hat. Jedoch gab es da immer Konsequenzen und mehr wie einmal sind mein Mann und ich mit ihm zu dem betreffenden Kind und den Eltern und haben es erklärt und uns entschuldigt.
Jilft.dir jetzt nicht, aber auch uns Eltern ist das nicht einfach egal oder sonst was, aber auch wir können nicht wirklich viel machen. Oft gibt es keine passende Schule in der Nähe und man ist gezwungen sein Kind auf die regelschule zu schicken. Unser Schulsystem ist für unsere Kinder leider absolute Katastrophe.

Ich würde dies aber auf jeden Fall anzeigen. Dann kommt das Jugendamt mit ins Boot. Vielleicht haben diese Eltern auch schon lange (so wie wir auch, doch jetzt brauchen wir es auch nicht mehr) eine schulbegleitung beantragt. Und damit kommt es dann doch mal ins Rollen. Dann hätte das Kind eine 1 zu 1 Betreuung während der Schule und wäre somit immer "unter Kontrolle"
Alles Gute euch

Erzieherin_Berlin
Antworten 15. Februar 2022

Danke für diesen Bericht. Ich arbeite an einer Grundschule und fühle täglich den Druck, allen gerecht zu werden, was schlicht nicht möglich ist. Sogenannte auffällige Kinder in unterschiedlichsten Problematiken werden für 8 Stunden zusammengepfercht und mit geringster Ausstattung und Leistungsdruck herumkommandiert. Keine Toiletten, schlechtes Essen, leere Versprechugen, kein Entkommen, keine Hilfen. Die letzten Jahre haben die Situation verschärft und der Druck der Erwachsenen ist längst bei den Kindern angekommen. Wir brauchen mehr! Personal! Geld! Ausstattung! Fortbildungen! apropo Schulhelfer - der Antrag ist nicht einfach, und dann wird er bewilligt, aber es gibt einfach niemanden, keineR macht den Job. In Berlin gibte es wohl hunderte unbesetzte Schulhelferstellen. Viele PädagogInnen werden durch die aktuelle Überforderung in den kommenden Jahren verhärten, verbittern oder aufgeben. Was tun? Wir brauchen Öffentlichkeit und Informationen von allen Seiten. Eltern und PädagogInnen, Kinder und Träger müssen laut werden und Forderungen stellen! Schulen brauchen Hilfe! Jetzt! Danke

Inga
Antworten 15. Februar 2022

Ich bin selbst Mutter eines Kindes mit Förderbedarf. Mein Sohn wurde geboren mit einer Autismus-Spektrum-Störung und hat zusätzlich Adhs bei einer überdurchschnittlichen Intelligenz. Auch wir hatten bereits im Kindergarten Probleme weil das Personal mit ihm überfordert war, ebenso wie er mit den vielen anderen Kindern, ständigem Personalwechsel etc. Wir sind durch die Hölle gegangen, weil man uns wegen seines aggressiven Verhaltens Misshandlung unterstellte und uns beim Jugendamt meldete. Das erste Schuljahr und die Grundschulzeit waren für alle eine Herausforderung. Lehrkräfte, Mitschüler und für uns Eltern, die wir jederzeit mit Hiobsbotschaften aus der Schulee rechnen mussten. Dank Medikation und der engagierten Klassenlehrerin sowie einer Inklusionsassistentin, die sein Potenzial erkannten und die so viel Fingerspitzengefühl besaßen, dass sie auch seine Mitschüler entsprechend einbinden konnten, gelang es, ihn in einer Regelschule zu beschulen. Ich habe meinen Sohn nie auf einer Förderschule gesehen. Dort hätte er eben zu viel Kontakt mit den absoluten Härtefällen gehabt und weit unter seinen Möglichkeiten geblieben, hätte es wohl auch nie aus dieser Schublade heraus geschafft.
Mein Sohn ist nun 12, besucht eine weiterführende Regelschule mit Montessori Pädagogik und ist einer der stärksten Schüler seiner Klasse.
Wegen seiner autistischen Störung fällt es ihm Zeit seines Lebens schwer, andere Menschen und deren Gefühle zu verstehen und sein Adhs lässt ihn impulsiv handeln, was öfter zu Konflikten führt.
Ich bin und bleibe Verfechterin der Inklusion, denn er hätte wegen seiner Störungen sonst nie die gleichen Chancen gehabt wie ein Kind ohne die Störungen.

Christine
Antworten 15. Februar 2022

Ich habe den Eindruck, dass hier Sachen vermengt werden, Inklusion ist die Integration eines Kindes mit Einschränkungen in einer normalen Regelschule.
Bei diesen Kindern wurde der eine oder andere Förderbedarf festgestellt und die Kinder werden von einer Förderlehrerin und ggf einer Teilhabe begleitet.
Die "einfach nur Verhaltensauffälligen" kommen noch on the top.
Also Kinder, die einfach nur von der Rolle sind, aus den unterschiedlichsten Gründen. Die da sein können: Trennung der Eltern, Tod der Oma, Eltern, die einfach nie für ihre Kinder da sind.......
Diese Kinder können normale und gute Leistungen erbringen, sind nur(oft befristet) einfach ganz extrem.
So, dann gibt es in der Klasse noch die, die sich langweilen, weil sie einfach oben raus sind.
Und dann kommen wir zum Rest, unauffällige Kinder, die einfach machen, was sie sollen und die leider absolut untergehen. Als Lehrer, Förderlehrer, Betreuerin was auch immer ist man einfach froh, dass diese Kinder ihr Ding machen.
Was aber auch nicht schön ist, denn alle Kinder haben Anspruch auf Aufmerksamkeit und Zeit.
Ich fände gut, wenn zumindest in der Grundschule in Klasse 1 und 2 mindestens 2 Lahrer auf 20 Kindern kämen und mehr dürften es auch nicht in einer Klasse sein.
Aber das ist wohl Wunschdenken.

Katrin
Antworten 15. Februar 2022

Ich überlege zur Zeit, in Zukunft als Teilhabeassistentin zu arbeiten. Wenn ich den Bericht lese, wird mir Angst und Bange. Aber genau deswegen, möchte ich an meinem Plan festhalten. Allerdings bekomme ich auch ständig gesagt, dass ich in dem Job nicht viel verdienen werde! Es wäre schön, wenn Berufe im sozialen Bereich wertschätzend bezahlt werden.
Auch der Mangel an Psychotherapeuten und Fachkräften ist eine Katastrophe!
An der Frankfurter Uni wird ein Hilfeprogramm angeboten. Dort werden Kinder professionell pädagogisch-psychologisch beraten. Leider erst ab Klasse 9. Das finde ich sehr schade. Mein Sohn hatte, jetzt in der 3. Klasse, bisher nur ein gutes halbes Jahr "normale" Schule. Er hatte gar nicht die Chance ein gutes Verhältnis zum Lernen und zur Schule aufzubauen. Geschweige denn ein gutes Miteinander im Klassenverbund.

Sandra
Antworten 16. Februar 2022

Das ist alles schön und gut, aber als Mutter eines verhaltensauffälligen Kindes kann ich euch sagen, man wird im Stich gelassen. Man geht von Arzt zur Beratung, erstellt Gutachten, schreibt Anträge, erkundigt sich nach Alternativschulen... Mein Sohn besucht jetzt eine Regelschule, die einen Sozialarbeiter hat(zum Gl<ck) aber die Begleitung bekommt er eventuell irgendwann in einem Jahr, sagte man mir. Ich habe sie trotzdem beantragt... Er ist in Behandlung, medikamentös eingestellt und hat zu Hause ein sehr liebevolles Umfeld mit Oma, Freunden.... Trotzdem:ein blaues Auge bei einem Mädchen, ein Bluterguss am Schienbein eines Viertkläsdlers, er spuckt, tritt, schmeißt Gegenstände im Unterricht, baut Feuerlöscher auseinander.... Man wird damit alleingelassen, er ist eins von drei auffälligen Kindern, die Lehrerin tröstet mich, er komme mit dem Lernstoff mit und sei das am wenigsten auffällige Kind von den dreien. Im Kindergarten hatte er eine wunderbare Integratiknshilfe, Vorkommnisse null. Warum müssen wir in der Grundschule über ein Jahr auf Hilfe warten? Obwohl wir alle Anträge frühstmöglich abgeschickt haben?

Diana
Antworten 16. Februar 2022

Bei der Inklusion wird meist immer nur an die paar Kinder mit einer leichten/mittelschweren körperlichen Behinderung gedacht.
Klar, dass eine oder andere Kind aus dem Bereich ESE (emotionale und soziale Entwicklung) und dem Bereich Lernen ist auch mal gut zur Regelschule zurückschulbar. Viele Kinder sind aber doch erst nach einem langen Leidensweg auf die Förderschule gekommen. Haben aufgrund ihres Verhaltens Zurückweisung, Ausgrenzung und ständige Sanktionen erlebt. In der Förderschule arbeiten andere Professionen, Förderschullehrer, die Bedingen sind anders. Und trotzdem ist es auch hier oft extrem grenzwertig.
Im Studium habe ich noch gelernt; hole dein Klientel dort ab wo es steht.
Das ist doch im Regelschulbetrieb doch fast nicht möglich. Das dies Frustration auf allen Seiten schafft ist meiner Ansicht vorhersehbar.

Die meisten meiner SchülerInnen benötigen enge Betreuung, sehr viel Beziehungsarbeit im sie auf ihrem Weg zu begleiten und sie zu unterstützen.
Meiner Ansicht nach ist diese Art der Förderung auf einer entsprechenden Förderschule eher umsetzbar.
(meine subjektive Erkenntnis aus 10 Jahren Arbeit, an einer zum Glück bestehenden Förderschule für emotionale und sozialen Entwicklung)

Anna B.
Antworten 16. Februar 2022

Mein Jahrgang ist 1995 als Inklusionsklasse in die Grundschule gestartet. - Damals gab es diesen Modebegriff noch nicht, dafür war sie aber für alle Beteiligten gut und förderlich umgesetzt.

Wir waren ca. 2/3 Schüler ohne und 1/3 Schüler mit Handycap. - Sowohl geistige als auch körperliche Handycaps.

Wir hatten quasi 2 Lehrkräfte. Alles, was zusammen möglich war, haben wir zusammen erlebt. Sport, Kunst, Musik etc... In den Hauptfächern hat ein getrennter Unterricht stattgefunden, sodass jeder optimal nach seinen Bedürfnissen gefördert wurde, durch eine Lehrkraft, die für diese Bedürfnisse ausgebildet worden ist.

Zusätzlich haben wir viele gemeinsame Veranstaltungen mit einer örtlichen sonderpädagogischen Einrichtung und deren Teilnehmer gehabt.
Aus heutiger Sicht bin ich als Erwachsene froh, diese Erfahrung in dieser Art Inklusionsklasse gemacht zu haben. Sie hat uns frühkindlich dafür sensibilisiert, dass nicht alle Menschen gleich geboren werden, es aber dennoch wichtig und möglich ist, jeden so zu akzeptieren, wie er ist.

Mit der Erfahrung, dass Inklusion gut umgesetzt werden kann, bin ich aber auch empört darüber, wie pseudo das heute alles ist. Wie schlecht umgesetzt und wie wenig zu Ende finanziert.

Es fängt schon mit Kindern aus bildungsfernen Haushalten. Diese haben in den vergangenen Jahren extrem zugenommen. Der generelle Bedarf an pädagogischer Zuwendung ist also eher gestiegen. Konsequenz müsste sein, dass Klassen kleiner werden. Einzelne Lehrer sich also um weniger Kinder kümmern müssten.

Ebenfalls finde ich, dass die Defizite und Verhaltensauffälligkeiten einzelner Kinder eine Zumutung für alle Beteiligten sind. Klassen- und Lernklima wird runter gezogen.
Lehrer werden nervlich in den Wahnsinn getrieben. - Weil sie rechtlich keine Handhabe haben. - Weil sie teils keine Ausbildung haben für Kinder mit sonderpädagogischen Bedürfnissen. - Weil sie einfach so viele Kinder aufgebrummt kriegen, dass sie es gar nicht schaffen können, ihnen gerecht zu werden.

Man darf sich aufregen. Weil alle leiden. Die eigenen Kinder, die Lehrer und auch die Kinder, deren Eltern einfach nicht begreifen wollen, dass ihr Kind nicht auf eine Regelschule gehört.

Im Grunde genommen ist das nicht nur eine Belastung für andere, sondern meiner Meinung nach auch Körperverletzung am eigenen Kind.

Warum müssen alle intelligent sein, alle einen möglichst hohen Bildungsabschluss erzielen? Ist ein Mensch, der anders ist, denn weniger wert? - Nein!
Aber dennoch ist es fahrlässig dieses anders auszublenden und zu meinen jemand wird "normal" weil man so tut als wäre er "normal".

Die Förderung die diese Kinder an der richtigen Schulform bekommen könnten, die ihnen eine gute soziale und bildungsmäßige Entwicklung ermöglichte, wird verwehrt.

Was haben sie uns da vorgeworfen mit dieser Inklusion?
Sicherlich haben sie sich dabei was gedacht. Raus gekommen ist allerdings mehr ein 》Was haben sie sich dabei nur gedacht?!《

Maria
Antworten 17. Februar 2022

Wir hatten auch große Probleme mit einem Mitschüler.
Das ging eines Tages sogar soweit, dass bei meinem Kind zwei Wirbel gebrochen wurden. Davor sind solche Dinge wie Schubsen, Hauen etc. passiert. Wir hatten schon mit der Schule einige Male gesprochen. Es wurde der Schulsozialarbeiter eingeschaltet usw. Ich hatte mich vor dem Wirbelbruch bereits von einem Anwalt beraten lassen. Mein Kind klagte regelmäßig über Bauchschmerzen um nicht zur Schule zu müssen.
An dem Tag des Wirbelbruches hat mich die Schule wieder hingehalten - sie haben ja gerade nur Aussage gegen Aussage (klar! Mein Kind hat sich die Wirbel selbst gebrochen), mit den Kindern wird das Gespräch gesucht. Da ist mir der Kragen geplatzt und ich hab den Anwalt eingeschaltet. Dieser hat die Schule auf ihre Versäumnisse und Pflichten hingewiesen. Plötzlich hat alles super funktioniert. Das Kind wurde vom Unterricht/von der Schule ausgeschlossen. Es wurde endlich mit den Eltern gesprochen. Das Kind durfte das restliche Schuljahr nicht mit den anderen Kindern in die Pause.
Letztendlich hat mein Kind die Klasse gewechselt - seitdem ist Gott sei Dank Ruhe.

Es ist echt traurig, dass man erst mit einem Anwalt kommen muss, damit die Schule entsprechende Konsequenzen zieht und „richtig“ reagiert.

Randa Kristy
Antworten 3. März 2022

Ich bin selbst eines dieser auffälligen Kinder gewesen. Klasse 1 und 2 ging ich Polen in die Schule wo ein strenges Regiement geführt worden ist. Da es außerdem eine polnische Schule war, hatte ich genug damit zu tun lesen, schreiben und rechnen in einer Fremdsprache zu lernen. Natürlich habe ich nicht immer "gespurt", das hat dann aber instant eingeschlagen, auch bei anderen die sich nicht benommen haben. Trotzdem war es nicht immer leicht. Einem Jungen habe ich einen Träger vom Ranzen abgeschnitten. Dessen Eltern haben das Nähen lassen obwohl mein Vater selbstverständlich einen neuen Ranzen gekauft hätte. Ich habe mich dann sogar gut mit dem verstanden, eigentlich mit allen und das obwohl ich oft Probleme verursacht habe und während der 1. Klasse sogar meine Mama de ganzen Tag über in der Aula saß und hoffte dass ich keinen Ärger mache. Ein paar Mal wurde ich "zu Mama" geschickt, danach auch nicht mehr. In der 2. Klasse war sie dann nicht mehr da.
Das Schulessen musste ich nicht essen, wenn die ihren Zeug gegessen haben, habe ich mitgebrachte Brote gegessen. Ich mochte es nicht und habe es mehrfach stehen lassen.
Klasse 3, back in Germany, machte mir dann nochmals große Probleme. Alles war anders. Umzug in ein anderes Land, mein Bruder ist in dem Sommer geboren usw. Ich habe die Klassentür geschrottet. Jedoch nie was von anderen Kindern. 1x haben 2 Mitschülerinnen in Absprache mit der Lehrerin als Aprilscherz die Schuhe durcheinander gebracht. Meine standen noch an ihrem Platz und ich wurde verdächtigt. Da bin ich dann auch mal auf einen los gegangen. Da merkte man der Lehrerin im Elterngespräch an dass sie das eigentlich verstehen kann, jetzt aber dieses Gespräch führen muss. Einzelne Vorfälle gab es bis Klasse 6.
Ab Klasse 7 hatte mein Vater eine Schulbegleiterin organisiert, die vollkommen überflüssig war und dann ein Ansprechpartner für alle in der Klasse war. Mein Vater hätte sie auch wieder abbestellen können, hat er nicht. Daher war sie das ganze Schuljahr da. Ab Klasse 8 gab es keine Schulbegleiter etc. mehr und auch keine Vorfälle.

Ein anderer intressanter Fakt: Gymnasium Oberstufe hatte auch eine Mitschülerin krasse Probleme. Es stellte sich heraus dass sie Autistin ist und mit dem Kurssystem ohne echten Klassenverband nicht zurecht kommt. Sie hatte dann auch eine Schulbegleiterin und hat den Abschluss mit Bravour bestanden. Nur auf die Abschlussfahrt ist sie nicht mitgekommen. Ohne Engagement der Schule wäre sie unter ihren Möglichkeiten geblieben.

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