Integration braucht keine sonderpädagogische Zusatzausbildung – meine Aussage noch einmal aus Sicht als Integrationshelferin


Schon vor langer Zeit habe ich das Thema Inklusion zu einer persönlichen Herzensangelegenheit gemacht, lange bevor daraus eine große politische Sache wurde. Mein Traumberuf war Heilpädagogin, mindestens aber Erzieherin oder Grundschullehrerin.

Als ich jung war, haben meine Eltern mir diesen Weg allerdings nicht erlaubt. Ein zweiter Anlauf scheiterte schließlich an ungeplanten, familiären Umständen.

Und so bin ich am Ende immer wieder im Büro gelandet, dort, wo meine Eltern mich sehen wollten. Glücklich hat mich das nie gemacht und schon gar nicht zufrieden. Tagtäglich habe ich den Spagat zwischen Großfamilie und Vollzeitjob versucht und mir dafür den Allerwertesten aufgerissen. Gut getan hat das niemandem von uns. Zu viel Zeit ist mir dabei für meine Kinder verloren gegangen.

Meinen Wunsch, mit und für Kinder zu arbeiten, habe ich nie losgelassen und nun war es plötzlich soweit:

Durch einen Bekannten hatte ich von einem kleinen Mädchen erfahren, das dringend eine Schulbegleitung brauchte, um die ganz normale Regelschule besuchen zu können. Das Mädchen ist an Diabetes Typ 1 erkrankt – genauso wie mein Sohn – und braucht jemanden an seiner Seite, der sich auskennt und es im Schulalltag begleitet.

Kurzerhand habe ich mich mit der Mutter des Mädchens in Verbindung gesetzt. Und weil ich den Alltag mit dieser Erkrankung besser als jede pädagogische oder medizinische Fachkraft in- und auswendig kenne, war die Entscheidung schnell gefallen:

Ich habe den Sprung ins kalte Wasser gewagt und noch einmal ganz von vorn angefangen.

Weit weg vom Büroalltag arbeite ich nun als Integrationshelferin an einer Grundschule, an der Inklusion schon ganz ordentlich umgesetzt wird:

Es gibt Therapieräume, die auch während der Unterrichtszeiten genutzt werden können. Kinder mit verschiedenen körperlichen, seelischen oder Lernbehinderungen verbringen ihren Tag hier ganz selbstverständlich gemeinsam. Unterstützt werden sie dabei von einem Team aus derzeit 4 Integrationshelfern. Als einzige von ihnen bleibe ich als Eins-zu-Eins-Betreuung immer in der Klasse des von mir betreuten Mädchens.

Aber wozu braucht ein Kind mit Diabetes überhaupt eine Integrationshelferin? Die Meinungen gehen da weit auseinander.

Sollten Grundschulkinder nicht in der Lage sein, ihre Therapie während des Schulalltags selbst in die Hand zu nehmen?

Es soll Kinder geben, die mit 6 oder 7 Jahren schon selbstständig genug sind, um ohne Hilfe durch den Schulalltag zu kommen. Mein Sohn schafft das mit seinen 10 Jahren auch noch nicht. Noch weniger schaffen es die meisten Schulanfänger. Sie haben alles mögliche im Kopf, vor allem spielen – und vielleicht auch Schule. Aber gewiss nicht zuverlässig Blutzucker messen, nach Vorgabe essen und sich ihr Insulin dafür geben. Da unterscheiden sich Diabeteskinder kein bisschen von gesunden Kindern.

Sollen Lehrer die Verantwortung übernehmen?

Grundsätzlich bin ich dafür, dass so eine Entscheidung zuerst einmal reiflich überlegt und besprochen wird, bevor man sich dafür oder dagegen ausspricht.

Es gibt Lehrer, die sich mit der Autoimmunerkrankung Diabetes Typ 1 gut auskennen. Die haben dann auch kein Problem damit, die Verantwortung zu übernehmen.

Unsere Klasse aus 22 lebhaften Erstklässlern gleicht zuweilen einem Ameisennest. Vor allem, sobald eine Pause angesagt ist. Eine Lehrkraft, die sich in dieser Zeit um die Belange aller kümmert, kann sich in dem Moment nicht gleichzeitig auf die erfolgreiche Therapie eines einzelnen Kindes konzentrieren. Spätestens da ist der Einsatz eines Integrationshelfers ein riesen Gewinn für alle.

Bekommt das Kind einen Sonderstatus in der Klasse, wenn es einen eigenen »Aufpasser« dabei hat?

In erster Linie bin ich natürlich für „mein“ Kind da. Ich beobachte es im Unterricht, kümmere mich in den Pausen um die Diabetestherapie, treffe Entscheidungen und halte, wenn nötig, Rücksprache mit der Mutter. Ich begleite beim Sportunterricht, bei Projekten, Wanderungen und Ausflügen.

Das hört sich erst einmal doch sehr nach Sonderstellung an. Und die Kinder wissen auch, warum ich in der Klasse bin. Genauso bin ich aber auch für alle anderen Kinder da. Ich bin für sie Ansprechpartner, gebe Hilfestellung und Anleitung – nicht nur in den Pausen, sondern auch im Unterricht. Die Kinder nehmen das gerne an.

Ob das funktioniert, hängt davon ab, wie Lehrer und Integrationshelfer miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten.

An unserer Schule funktioniert das auch klassenübergreifend weitestgehend sehr gut. Ich persönlich habe noch dazu das Glück, einer jungen und offenen Lehrerin gegenüberzustehen. Sie nimmt die Unterstützung gerne an, hört zu und sieht sich mit einer Integrationshelferin an ihrer Seite nicht gleich in ihrer Kompetenz beschnitten.

„Integration braucht keine sonderpädagogische Zusatzausbildung. Offen und unbefangen mit unseren Kindern umgehen zu können, beginnt im Kopf.“

Vor ein paar Wochen wurde meine Aussage zur Integration von behinderten Kindern von einigen unserer Leserinnen stark kritisiert. Und ganz klar ist Respekt vor dieser Aufgabe nicht verkehrt. Nun arbeite ich selbst als Integrationshelferin und erlebe täglich, wie gut es funktionieren kann. Das bestärkt mich noch mehr in meiner Ansicht, dass Offenheit und Unbefangenheit unseren Kindern gegenüber der Schlüssel sind.

Liebe Grüße

Eure Doro

Doro
About me

Vom Stadtkind zur Landmama. Heimwerkerin und Basteltante, Bücherratte und Bilderdenkerin. Gnadenloser Optimist. Nachteule und Langschläfer. Immer neue Flausen im Kopf. Single-Mom in einem 4-Kinder-Haus und Vollzeit im Beruf. Büroflüchtling, wann immer ich kann. Verliebt in den Himmel und die Magie von Büchern ... Und irgendwann schreibe ich selbst ein Buch.

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2 Kommentare

Gwenni
Antworten 22. September 2018

Liebe Doro,
das hast du schön geschrieben.
„Integration braucht nicht immer eine sonderpädagogische Zusatzausbildung" fände ich aber passender.
Viele Kinder bekommen keinen Integrationshelfer. Viele Lehrer stehen alleine vor einer Klasse, in der mehrere Kinder Einzelbetreuung bräuchten.
Viele Förderschwerpunkte sind vielfältiger.
Oftmals müssen Gutachten gelesen und geschrieben, muss Kontakt zu Ärzten und Therapeuten aufgenommen werden. Das erfordert eine sehr umfassende Ausbildung.
Vielleicht recherchierst du mal die wirklichen Aufgaben der Sonderpädagogik. Inklusion funktioniert nämlich nur, wenn ALLE zusammenarbeiten: Lehrer, Sonderpädagogen, Inklusionshelfer und Eltern.
Liebe Grüße von jemanden, der an solch einer Schule arbeiten darf. ;)
Gwenni

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