Tschuldigung, wer waren Sie noch mal? Ich habe Prosopagnosie, kann mir keine Gesichter merken! – Gastbeitrag


Hat euch schon mal jemand völlig irritiert, genervt oder gar beleidigt, weil er oder sie euch nicht erkannt hat? Schon mal was von Prosopagnosie, zu Deutsch: Gesichtsblindheit gehört? Ja, das ist eine Teilleistungsschwäche des Gehirns, und damit zu leben ist schon ganz schön problematisch!

Ich habe einen lehrreichen, informativen und auch locker humorvollen Gastbeitrag dazu bekommen. Unsere anonyme Gastautorin ist Grundschullehrerin und ihre lebensfrohe Schreibe wird euch auch bezaubern, da bin ich sicher:

Prosopwas?!?

Irgendwie war schon immer etwas komisch mit mir: Auf Partys „meine Leute“ finden? Hat bei mir (wenn überhaupt) immer ewig gedauert, deshalb bin ich gerne als eine der Ersten auf jeder Party erschienen. Freunde im Schwimmbad wiedererkennen? Eher nicht. Den Flirt aus der Kneipe beim ersten Date im Café wiederfinden? Ja, schon, an den Schuhen erkannt.

Ja, ich kann mir halt schwer Gesichter merken…

… das verstärkt sich sicherlich noch dadurch, dass ich ganz schlechte Augen habe – so die Theorie.

Irgendwie bin ich durchs Leben gekommen, mal besser, mal schlechter, mal gekoppelt mit richtig peinlichen Erlebnissen, bei denen ich gerne im Erdboden versunken wäre. Immerhin, ich habe durchaus Humor, bin recht schlagfertig, um keine Ausrede verlegen und kann über mich selbst lachen, aber in stillen Momenten habe ich oft überlegt, was bei mir anders ist.

Warum können sich alle anderen Gesichter merken, nur ich bin immer wieder der Depp, der keine Ahnung hat, mit wem er redet.

Mit Anfang 20, ich studierte Grundschullehramt, konfrontierte mich meine Mitbewohnerin im Studium mit einem Artikel überPropsagnosie“ – Prosopwas? Gesichtsblindheit. So ein Blödsinn, ich kann doch Gesichter sehen, mir nur eben nicht merken. Betroffene sollen selbst ihre engsten Angehörigen mitunter nicht erkennen? Stimmt nicht, meine Familie erkenne ich doch!

Was ich damals abtat als „völliger Blödsinn“ nagte über die Jahre doch an mir. Ich wurde Lehrerin, bekam meine erste eigene Klasse, alles lief meistens rund. Kleinere Fauxpas nahm ich nicht so ernst. Der Junge, dem ich nach sechs Wochen Sommerferien sagte, dass er nicht in unsere Klasse geht?

Meine Kollegin wies mich darauf hin, dass sie ihn schon einmal bei mir in der Klasse gesehen hat. Erst der Blick auf sein Heft verriet mir allerdings seine Identität, aber er sah so anders aus… Tja, Haare wachsen. Der Vater, der das Zeugnis seines Kindes abholen wollte, weil dieses (und ein anderes) krank war. Die Trefferquote lag immerhin bei 50%, dass ich dem Vater das richtige Zeugnis mitgab.

Was soll ich sagen? Lotto sollte ich besser nicht spielen. Was mich aber wirklich nervte, war der Fachunterricht. Während meine Kollegen nach kurzer Zeit alle Kinder sicher auseinander bekamen, habe ich auch nach einem Jahr Fachunterricht keine Chance, die Kinder sicher zuzuordnen. Im Klassenraum mit fester (nie wechselnder) Sitzordnung vielleicht nach einiger Zeit. Ich merke mir aber die Plätze, wehe, die Kinder stehen auf, laufen durchs Gebäude oder kommen in der Pause zu mir.

Gruppenarbeit? Ein Graus! Gesprächskreise? Och nö!

Ich bin heilfroh, dass ich in der Grundschule unterrichte. Mit einem blöden Spruch oder einem witzigen Kommentar habe ich bisher jede Situation bei den Kindern retten können, schon schwieriger bei den Eltern. Pubertiere der weiterführenden Schule hätten mich aber vermutlich schnell als ihr nächstes Mobbingopfer auserkoren.

Irgendwann kam mir dieser Artikel aus dem Studium wieder in den Sinn. Ich fing an zu googeln, fand ein Forum, in welchem sich noch mehr Prosopagnostiker tümmelten. Nachdem ich einige Storys aus meinem Leben zum Besten gegeben hatte, wurde ich mit den Worten „Du bist hier richtig, herzlich willkommen!“ begrüßt.

Inzwischen habe ich schwarz auf weiß, dass ich betroffen bin. Die Diagnose ändert jedoch nichts, außer meiner Einstellung dazu.

Ich bin weder zu blöd, noch zu schusselig, meine Augen sind zwar schlecht, hier aber völlig unschuldig. Allerdings habe ich mein „Strategienrepertoire“ erweitert. Kleidung, Frisuren, Schuhe, alles nicht so zuverlässig. Neben der Stimme helfen mir am besten die „eingeweihten“ Mitmenschen, die die Schüler und Eltern auf dem Schulhof mit Namen begrüßen.

Meine Freunde wissen Bescheid, helfen, wo sie können. Schwierig ist es bei Bekannten.

Die Frau im Restaurant, die ein Gespräch mit mir beginnt und mich offensichtlich kennt. Gut, als ich nachgefragt habe, wer sie sei, guckte sie sehr irritiert und erklärte mir, dass sie unsere Nachbarin sei (Erdboden tue dich auf!). Auf der Klassenfeier meiner Tochter zuletzt habe ich die vermeintliche Klassenlehrerin mit Handschlag und „Sie“ begrüßt. Gott sei Dank hatte ich der Mutter des besten Freundes meiner Tochter vor einiger Zeit gesagt, dass es sein könne, dass ich sie auf der Straße nicht erkenne. Sie lachte und gab sich zu erkennen.

Mein Mann hat rote Haare. Mit etwas Abstand betrachtet und dem heutigen Wissen bin ich mir sicher, dass mein Unterbewusstsein diese Entscheidung mitgetragen hat.

Wenn ich in die Vergangenheit gucke, hatten die Leute, die mir nahe standen oft „besondere“ Erkennenungsmerkmale: Korkenzieherlocken, besonders dünn, eine asiatische Freundin, ein Muttermal auf der Stirn, auffällige Kleidung,…

Tattoos sind übrigens eine tolle Erfindung!

Als die Hebamme im Kreissaal sagte: „Man kann schon den Kopf sehen“, war meine erste Frage: „Welche Haarfarbe?“ Obwohl rote Haare ja nicht wirklich dominant sind, hat es unsere Genkombination gut mit mir gemeint:

Beide Kinder haben rote Haare. Das erleichtert mir den Alltag sehr!

Vor einiger Zeit hatte ich mit meiner Tochter ausgemacht, dass sie mir nach ihrem Sportkurs entgegenkommen solle, ich würde ihr mit dem Auto entgegenkommen, damit wir dann schnell zusammen weiterfahren können. Ich fuhr langsam durch die 30er Zone, schaute überall nach rechts und links. Irgendwann Sackgasse, keine Tochter war mir entgegengekommen. Also drehte ich wieder um. An der nächsten Ecke stand lachend und winkend meine Tochter. Sie hatte nicht die Jacke an, die ich erwartet hatte und dazu trug sie eine Mütze. Ihre roten Haare, auf die ich scheinbar sonst immer achte, konnte ich nicht sehen. Soviel zum Thema „Ich erkenne doch meine engsten Familienangehörigen“!

Warum mir das Ganze wichtig ist? Aufklärung!

Die wenigsten, denen ich von meiner Prosopagnosie, erzähle, haben das Wort schon einmal gehört oder können sich etwas darunter vorstellen. Auch eine Freundin, die ich seit 25 Jahren kenne, sagte zuletzt zu mir, ich solle doch noch einmal zum Augenarzt gehen. Gerade bei ihr hätte ich gedacht, dass sie die Problematik nach all den Jahren verstanden hat.

Dazu kommt, dass etwa 1-2% der Menschheit betroffen ist. Viele Prosopagnostiker haben im Laufe der Jahre Strategien entwickelt, die aber nicht immer wirken, geschweige denn zuverlässig sind. Zudem ist das Ganze (wenn es nicht durch einen Unfall o.ä. erworben ist) angeboren und ggf. vererbbar. Zwar bin ich die Einzige in der Familie, die die „offizielle Diagnose“ hat, allerdings bin ich mir nach allen Erzählungen meiner Schwester und meiner Mutter sicher, dass auch sie betroffen sind. Meine Tochter ist mir im Kindergarten des kleinen Bruders oder beim Einkaufen im Dorf oft eine große Hilfe. Bei meinem Vierjährigen bin ich gespannt, wo es hingeht. Die Tage hat er seinen besten Freund auf einem Foto im zweiten Anlauf zwar erkannt. Als ich hinterfragte, woher er das weiß, begründete er das allerdings mit den Möbeln im Hintergrund.

Hört sich nach mir an!

____

Vielen lieben Dank für den Beitrag, liebe anonyme Mutter und Lehrerin!

Frage an euch: Kanntet ihr diese neurologische Ausprägung schon? Also: Schon mal was von Prosopagnosie, zu Deutsch: Gesichtsblindheit gehört?

Liebe Grüße,

Béa

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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