„Nur wegen ’nem Schnupfen nicht in die Schule?“ – Vom kranken Umgang unserer Gesellschaft mit Krankheiten und Krankmeldungen


Problem: Kind ist krank. Oder ihr selbst… Schon wieder krank melden? Zu Hause bleiben?  Oh je, vielleicht seid ihr gar in der Probezeit und müsst um euer Job bangen? Oder ihr habt einen doofen Chef, der unangenehm werden kann bei zu viel Fehlzeiten? Oder ihr seid selbständig und habt wichtige Termine zugesagt, von denen euer Einkommen in den nächsten Monaten abhängt?

Was dann? Unsere Gastautorin Darksun hat einige wichtige Gedanken dazu aufgeschrieben:

Vom kranken Umgang unserer Gesellschaft mit Krankheiten und Krankmeldungen

Aus gegebenem Anlass, mein Sohn hat die Grippe und mich nun auch angesteckt, mache ich mir schon meine Gedanken über Krankheiten und den Umgang damit in unserer Leistungsgesellschaft.

Kennen Eltern sicher: Morgens im Kindergarten oder in der Schule, völlig verschniefte Kinder, die teilweise kaum noch aus den roten Äuglein sehen können und sich die Lunge aus dem Leib husten. Aber ab in den Kindergarten oder in die Schule, schließlich hat das Kind ja kein Fieber!

Mama und Papa müssen arbeiten! Das Kind wird leiden, den ganzen Tag.

Denn kein Fieber bedeutet nicht: Das Kind ist gesund. Vor allem, machen wir uns nichts vor, das Kind ist eine kleine Bakterien- oder Virenschleuder und verteilt die Krankheiten großzügig weiter an die anderen Kinder, Lehrer und Erzieher.

Dominoeffekt!

Aus einem kranken Kind werden mehrere (dessen Eltern müssen aber auch arbeiten und fallen dann vielleicht aus) und das sowieso schon knappe Betreuungspersonal wird eventuell weiter dezimiert. Was dann zu Betreuungsnotstand führen kann. Das ist eigentlich Wahnsinn!

Genauso im Arbeitsleben: Wie oft schleppt man sich krank zum Job, aus Angst ihn zu verlieren?

Wie oft sitzt man dann im Büro und bekommt eigentlich nichts richtig hin, braucht viel länger als sonst oder macht Fehler? Oft! Aber Hauptsache körperlich anwesend sein. Arbeitgeber sehen immer nur die Ausfallkosten.

Hallo Arbeitgeber: Habt ihr euch schon mal ausgerechnet, was es kostet wenn jemand nicht die volle Leistung bringen kann, doppelt so lange für Tätigkeiten benötigt und andere Kollegen die Fehler ausbügeln müssen? Diese Statistik würde mich mal brennend interessieren. Ach ja, dann bleibt ja immerhin noch die (nicht allzu kleine Möglichkeit) der Arbeitnehmer fällt dann trotzdem irgendwann aus und muss viel länger zu Hause bleiben, weil die Krankheit sich so verschlimmert hat.

So, bevor ich mich hier auf Arbeitgeber „einschieße“ und das möchte ich auch nicht pauschalisieren: Es gibt sogar schon Arbeitgeber, die ihre Angestellten nach Hause schicken! Es gibt bereits die Möglichkeit von Mutter-Kind-Büros, home-office etc. Es ist aber noch nicht ausreichend! So lange sich Menschen krank zur Arbeit schleppen, stimmt etwas nicht mit der kranken Gesellschaft.

Jetzt mal ganz ehrlich und Hand aufs Herz, jeder für sich und einigen wird es bekannt vorkommen.
Der Kollege / Die Kollegin ist krank, vielleicht zum wiederholten Male:
„Jetzt ist er / sie schon wieder krank! Jetzt bleibt die ganze Arbeit an mir hängen! Er / sie tut doch nur so. Eigentlich könnte er / sie arbeiten, so schlimm ist die Diagnose doch nicht. Also meine Tante hatte die gleiche Krankheit und DIE war nicht so lange krank. Meine Güte, er / sie ist überhaupt nicht belastbar!“
Na? Schon ähnliche Gedanken gehabt? Wo kommt so was nur her? Wieso verurteilen, beurteilen wir die Krankheiten anderer Menschen? Wo kommen Gedanken her, wie: „Also ICH würde an ihrer / seiner Stelle arbeiten, das ist doch nur eine Kleinigkeit!“

Von chronischen oder psychischen Krankheiten spreche ich hier nicht, das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Nur eins: Wenn sich dann jemand lange genug immer wieder krank in den Job geschleppt hat, nur um belastbar auszusehen und dem Leistungsdruck gerecht zu werden, winkt ab und an ein Burn-Out. Und dann? Dann ist es zu spät. Man fällt für sehr lange Zeit aus und kommt nur schwer wieder auf die Beine. Oft genug verliert man dann den Job für den man sich lange genug, auch krank, gequält hat. Ironie? Realität!

Es ist an der Zeit, dass sich in den Köpfen etwas bewegt.

Krankheiten gehören zum Leben dazu. Das ist Fakt!
Wie wir damit umgehen, das ist wichtig.

Und wir leben es doch den Kindern schon vor: Kranke Kinder werden in öffentlichen Einrichtungen abgegeben, weil die Eltern arbeiten müssen.

Alle, die derzeit auch die Grippewelle erwischt hat: Gute Besserung und kuriert sie aus!
Alle, die noch gesund sind: Ich hoffe, euch steckt niemand an und bleibt gesund!

Alle, die eine klare Haltung dazu haben:
Erzählt mal! Wie löst ihr das für euch und eure Kinder?

Und noch eine Frage an euch: Vielleicht können wir uns auch mal darüber unterhalten, wie absurd es ist, dass von kranken Kindern immer verlangt wird, Schulaufgaben zu Hause zu erledigen. Ist das sinnvoll? Wie viel davon kommt bei dem Kind tatsächlich an? Warum gibt es nicht die Möglichkeit das in der Schule nachzuholen, wenn das Kind wieder fit ist? Hier beginnt er schon: Der Leistungsdruck…

Liebe Grüße,

Darksun

P.S. Wir sammeln gern Erfahrungen zu dem Thema… in den Kommentaren, oder wenn es euch lieber ist, anonym. Schickt uns am besten eine PN über den Messenger: https://m.me/tollabea 
(übrigens, dann fragt euch das Ding, ob ihr News von uns erhalten wollt… Ein „Ja, geht klar, würde uns freuen!)

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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4 Kommentare

Manuela
Antworten 12. März 2018

Unsere Zwillingsbuben sind seit Mitte Ende Januar zu Hause und gehen momentan nicht in den Kindergarten und das aus gutem Grund!
Das letzte Kindergartenjahr war schon eine Herausforderung und ich hätte meinen Job verloren, wenn ich einen hätte, da meine Kinder "Dauerkrank" waren und das ca. alle 14 Tage und dann natürlich doppelt! So das zweite KIndergartenjahr wird bestimmt anders... sie haben ja im letzten Jahr alles mitgenommen an Krankheiten was nur da war. Tja zu früh gehofft, denn dieses Jahr hat es uns noch schlimmer erwischt, als letztes Jahr! Unsere Buben hatten im Oktober und November ständig fieberhafte Infekte, fieberhafte Bronchitis und durch die ganzen Infekte hat sich jetzt bei einem unserer Buben sogar ein chronisches Asthma entwickelt. Vor Weihnachten habe ich also unsere Jungs daheim gelassen, damit sie wenigstens an Weihnachten gesund sind und mit der Familie feiern und genießen können. Dafür hat es dann Mama und Papa erwischt, die die Wochen davor tapfer durchgehalten haben. Neues Jahr, neues Glück... also nach den Winterferien wieder in den Kindergarten, aber das hielt nicht lange und unsere Kinder hatten schon wieder einen dicken Infekt durch Streptokokken und beide unsere Buben bekamen diesbezüglich eine Lungenentzündung und brauchten Antibiotikum! Auf die erste Lungenentzündung folgte eine zweite Lungenentzündung, da das Antibiotikum nicht ausreichte anscheinend. Tja, dann kam noch ein Pseudokrupp-Anfall obendrauf! Es war so schlimm für uns alle, wir waren so oft in der Kinderklinik und beim Kinderarzt, dass ich die Reißleine gezogen habe und unsere Buben bis nach den Osterferien jetzt nicht in den Kindergarten gehen werden. Es hat mir schon immer gegraust, wenn ich meine endlich gesunden Kinder wieder in den Kindergarten gebracht habe, aber gefühlt 2/3 der anderen Kinder gehustet, gerotzt oder gekotzt haben!!! Da bekomme ich wirklich eine Wut im Bauch und kann es nicht verstehen, warum man seine kranken Kinder nicht zu Hause lasse kann. Aber ja, ich bin eben momentan "nur" Mutter und Hausfrau mit drei Kindern (die große Tochter ist 12 Jahre alt und liegt leider jetzt gerade flach, ihre Sitznachbarin hat sie angesteckt letzte Woche, da sie krank in die Schule musste und jetzt liegt meine Tochter mit Fieber im Bett und konnte heute morgen nicht mit ins Skilager... ist das nicht furchtbar ärgerlich?!), drei Katzen, drei Zwergkaninchen, einem großen Haus und Garten und einem Mann, der Schichtarbeitet im Rettungsdienst. Andere Mütter haben ihren Job und können die kranken Kinder nicht so einfach zu Hause lassen und betreuen... aber trotzdem bin ich momentan sehr verärgert, denn so sollte es halt nicht laufen.
Und der Oberhammer ist ja zudem noch unsere Erzieherin, die das völlig abtut und keinerlei Verständnis dafür hat, dass unsere Kinder jetzt erstmal Viren-Bakterien-Garten frei haben und müssen sogar ein Attest vom Arzt bringen!

Denise BloggerMumOf3Boys
Antworten 12. März 2018

Hi, also wundere mich schon, also generell über die Einstellung, seine Viren munter in der Welt zu verteilen. Es besteht ein Unterschied zwischen etwas laufender Nase oder auf der anderen Seite bellendem Husten und wirklich grippalem Infekt (bei Influenza wird wohl keiner Arbeiten gehen). Ich verstehe es nicht und ich rege mich auf, eben wegen des Dominoeffekts, ein Kranker steckt zig andere an. Würden alle ansteckend Kranken Zuhause bleiben, wären alle weniger krank. Unser KiGa war neulich auf Notgruppe, weil auch mehr als die Hälfte der Erzieherinnen fehlte. Bei der Schule finde ich es schwieriger, also ansteckend geht mein Sohn nicht, mit leichter Schnoddernase schon, wenn er aber stark hustet, sich schlapp fühlt oder Schmerzen hat, bleibt er natürlich Zuhause. In seiner Schule gibt es eine Krankenmappe, die gibt es nach dem krank sein oder sie wird mitgebracht und die Lehrerin schreibt immer eine nette Notiz, "wenn Du Dich gut fühlst..." und ansonsten wird auch geschrieben, dass nicht alles sofort nachgearbeitet werden soll, sondern erst über das nächste Wochenende. Ich hatte mal eine Arbeitskollegin die wirklich nahezu jede Woche einen Tag krank war. Ich glaube nicht, dass sie markiert hat, allerdings habe ich mich schon gefragt, ob man nicht seinen Lebensstil ein wenig ändern könnte, weil mich nicht wunderte, dass der Körper streikte, wenn man sich nahezu von Kaffee und Nikotin ernährt. Mir war es aber deutlich lieber, als wenn jemand krank da sitzt, sich schlecht fühlt und potentiell eventuell auch ansteckend ist. Wer sich schlecht fühlt, gehört nach Hause. Aber ich gebe zu, ich habe auch ein schlechtes Gewissen, wenn ich bei der Arbeit krank fehle. Trotzdem bleibe ich Zuhause, wenn ich mich richtig krank fühle und eben ggf. auch ansteckend bin. Mit leichten Kopfschmerzen gehe ich natürlich arbeiten. Mich ärgert es immer sehr, wenn ich mitbekomme, wie man gedankenlos andere fahrlässig ansteckt. Weiß man, ob die andere Mama nicht vielleicht schwanger ist, ein naher Angehöriger Krebs hat oder eine andere Erkrankung, wo das Immunsystem geschwächt ist? Daher: mit "nem Schnupfen" geht mein Kind in die Schule. Wenn es nur eine etwas laufende Nase ist.

    Béa Beste
    Antworten 12. März 2018

    Lieben Dank für diese Antwort! Ich muss zugeben, das mit "nur einem Schnupfen" habe ich (Béa) auch etwas provozierend geschrieben - aber genau das wollte ich: Wissen, wo euere Grenze ist... Liebe Grüße, Béa

Kleinstadtlöwenmama
Antworten 14. März 2018

Gerade sitze ich hier mit einem kranken Kind zuhause - inzwischen habe ich mich von dem Druck, arbeiten zu müssen, befreit, das hat aber doch seine Zeit gedauert. Wenn nun ein Kind krank ist, bleibt es solange zuhause, bis es wieder richtig gesund ist. Heißt: Mindestens einen Tag fieber- bzw. symptomfrei und auch die Laune muss wieder gut sein (das Löwenmädchen ist oft weinerlich, wenn es nicht richtig fit ist - das ist bei ihr das sicherste Krankheitszeichen).

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