Wenn Kinder ausziehen und Eltern noch nicht so schnell loslassen können


Irgendwann ziehen alle Kinder mal aus. Und obwohl man (= die Eltern) es weiß, wundert man sich trotzdem, dass der Tag so schnell angebrochen ist. Ich möchte mit euch meine Erfahrung teilen:

Wenn Kinder (= ich) ausziehen und Eltern (= s.o. „man“) noch nicht so schnell loslassen können

Seit meinem Auszug hat sich zwischen der Beziehung meiner Eltern und etwas Essenzielles verändert. Es ist zwar nicht ungewöhnlich, dass sich Eltern und Kinder in getrennten Dächern oft besser verstehen, als in geteilten, aber es ist viel mehr als das: Meine Eltern kümmern sich um mich, als wäre ich ein Kind.

„Mama ist für dich da!“

Neulich rief ich meine Mutter an und erzählte ihr von meinem Magendarm-Infekt. Mama zögerte nicht lange, holte mich nach der Arbeit von mir zu Hause ab und fuhr mich zu sich, damit sie sich um mich kümmern konnte. Etwas perplex beobachtete ich, wie sie mich mit allen möglichen Medikamenten und Nahrungsmitteln eindeckte, mir eine gemütliche Atmosphäre auf dem Sofa einrichtete und mich rundum versorgte. Ich hatte sogar den Eindruck, dass es ihr gefiel, ihre Tagesplanung über Bord zu werfen, um mir alles hinterherzuräumen.

Noch dazu schenkte sie mir ihre Leggings! Ihre Leggings!

Das hätte sie nie gemacht, als ich noch zu Hause war, im Gegenteil – sie wurde immer wütend, wenn ich ungefragt ihre Sachen trug. Auch machte sie kein solches Tamtam, wenn ich mal wieder krank war. Und hinterhergeräumt hätte sie mir auch niemals!

Es kommt mir so vor, als wäre ich in eine idyllischere Vergangenheit zurückgerudert.

Wann immer ich jetzt bei meinen Eltern bin, werde ich verhätschelt und rundum versorgt. Meine Mutter, die sehr darauf bedacht war, meine Schwester und mich selbstständig zu erziehen, kümmert sich nun um mich, als wäre ich ein Kind, dass ganz dringend seine Mama bräuchte. Und auch mein Vater sieht es als seine Aufgabe mir bei seinem Wocheneinkauf auch etwas mitzukaufen und mir die heiß ersehnten Energiesparlampen zu bringen, die ich jedes Mal vergesse selbst zu kaufen.

Versteht mich nicht falsch, ich schätze ihre Fürsorge und Liebe sehr, aber gleichermaßen protestiere ich immer wieder. „Ich bin erwachsen“, sage ich „und ich bin ausgezogen, um auf eigenen Beinen zu stehen.“ Natürlich genieße ich es auch. Ich spare Arbeit, Zeit und Geld. Aber gerade deshalb wollte ich ja ausziehen. Ich wollte es allein hinkriegen. Vor allem aber fühlt es sich komisch an, noch immer so viel von meinen Eltern anzunehmen. Sie unterstützen mich wegen meines lausigen Studenteneinkommens mit der Miete, daher finde ich es gar nicht nötig, dass sie mir auch noch den Haushalt schmeißen.

Als ich meine Mutter fragte, warum sie das tat, antwortete sie mir mit dem folgenden Satz:

„Ich will das Gefühl haben, dass ich noch deine Mutter bin.“

Jetzt, da ich und neuerdings auch meine Schwester ausgezogen sind, fühlt sie sich oft nicht mehr als Mutter, die ihren Aufgaben gerecht werden kann. Die Kinder sind aus dem Haus und kommen nur noch ein Mal in der Woche zu Besuch. Aber sie kauft trotzdem noch immer all die Lebensmittel, die wir gerne essen, damit wir sie zu uns mitnehmen.

Meine Eltern brauchen das Gefühl, Eltern zu sein.

Inzwischen ist mir klar, dass dieser Auszug so viel schwerer für meine Eltern war, als für mich. Nach 23 Jahren musste ein zweites Mal die Nabelschnur durchtrennt werden. Wir sind zwar erwachsen und ausgezogen, aber sie sind noch immer Mama und Papa. Das ist ein Job, den sie für immer haben. Ihre Elternsensoren sind in höchster Alarmbereitschaft und außerdem jederzeit zur Stelle, um ihren Kids bei Seite zu stehen. Ich weiß, dass ich mit ihnen unendliches Glück habe, weil dieses Verhalten bestimmt nicht selbstverständlich ist.

Wenn Kinder ausziehen, ist das für beide Parteien schwer. Manchmal können Eltern noch nicht so schnell loslassen können und ich denke, dass das auch völlig in Ordnung ist.

Wie ist eure Erfahrung dabei? Habt ihr Kinder, die schon ausgezogen sind oder demnächst ausziehen werden? Und wie ist das mit euren Eltern? 

Liebe Grüße, Mounia

Mounia
About me

Ich - 24 Jahre alt, Studentin, Kinderanimateurin, begeisterte Hobbyköchin und abenteuerlustig! Meine absolute Leidenschaft ist das Schreiben und Festhalten von Momenten. Und durch ein Praktikum bin ich nun bei Tollabea gelandet und werde hoffentlich weiterhin viel lernen und den Blog damit erweitern. :)

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