Spätzünder: Wenn Kinder etwas länger brauchen… gebt ihnen Zeit!


Es gibt viele Kinder, die Dinge spät machen. Die sich Zeit lassen, bis sie etwas machen oder können. Für die Eltern ist es manchmal schwer, Spätzündern die Zeit zu geben, die sie brauchen. Unsere Botschaft ist: Geduld!

Denn „das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht“! Wir haben Beispiele:


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Spätzünder bei Sprache können auch in sehr sprachgewandten Familien vorkommen

Stellt euch eine bilinguale Familie mit drei Kindern vor. Mama spricht Französisch, der Papa Deutsch. Beide älteren Töchter reden beide Sprachen sehr früh, erste Worte schon im ersten Jahr, jeweils ab dem zweiten Lebensjahr plappern sie unentwegt – untereinander, mit den Eltern, mit anderen Kindern und wenn es sein muss, auch mit den Kuscheltieren, weil sonst keiner zuhören kann.

Nesthäkchen Max ist ein stilles Kind, um nicht zu sagen, schweigsam. Er hört zu. Alle Erwachsenen haben den Eindruck, er versteht alles, was er verstehen will. Er selbst sagt nur „Mama“, „Papa“, „Da!“, „Nein!“ und kommt im Extremfall mit lautem Geheul, Stampfen und Gegenstände durch die Gegend schleudern zurecht. Als Max seinen zweiten Geburtstag erreicht und sein Vokabular nur um die Worte „Auto“ und „Ball“ erweitert hat, machen sich alle Sorgen. Die Kinderärzte, die die älteren Schwestern kennen, raten zum Abwarten und versuchen, die Mädchen zu überzeugen, mal eine Redepause zu machen. Die Familie wartet ab, die Mädchen lernen „die stillen 3 Minuten“. Max schweigt weiter.

Erst rund um den dritten Geburtstag von Max, morgens am Frühstückstisch, macht sich eine bislang unbekannte Stimme bemerkbar: „Papa, ich hätte gern ein Brot mit der salzigen Butter und Marmelade. Aber bitte die rote Marmelade, nicht die gelbe.“

Allen fällt die Kinnlade auf den Tisch. Max strahlt. Er hat gesprochen, und zwar mit Hauptsatz und Nebensatz. Dann sagt er noch etwas auf Französisch, zu seiner Mama.

Also: Max hat erst gesprochen, als er sich sicher fühlte, dass er auch was Vernünftiges von sich gibt. Und die Geschichte ist 20 Jahre her. Max ist inzwischen ein sprachgewandter junger Mann, der ganze fünf Sprachen fließend spricht – auch im angeregten Gespräch mit beiden älteren Schwestern!


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Ähnliche Erfahrungen hat Leserin Stefanie J. gemacht: „Meine Tochter hat bis zu ihrem 2. Geburtstag nicht geredet (kein Wort außer Mama), dann waren wir zur U 7, auch da hat sie kein Wort gesagt. Wir haben die Kinderarztpraxis verlassen und keine 5 Minuten später fing sie das Reden an, aber nicht nur einzelne Wörter sondern gleich 2-Wort-Sätze und das recht deutlich und gut verständlich. Und seit diesem Tag quasselt sie ohne Unterlass 😅 Wir brauchten bis jetzt keinen Logopäden und sie hat einen sehr großen Wortschatz. Meine Tochter ist jetzt 5 Jahre alt.“

Kinder, die spät laufen, werden auf keinen Fall faul oder unsportlich!

Valeska S, schreibt: „Unser Sohn hat erst mit 17 Monaten angefangen frei zu laufen. Dafür rennt er jetzt mit 20 Monaten so als hätte er vorher nie etwas anderes getan.“

In einer anderen befreundetet Familie war das älteste Kind auch erst mit ca. 20 Monaten auf den Beinen, ganz zaghaft und vorsichtig. Jetzt ist sie 12 Jahre alt und eine der besten in ihrer Klasse in Leichtathletik und Basketball, auch wenn ihre Sportleidenschaft Schwimmen ist…

Und für alle, die das Thema Windeln und Sauberwerden haben: Auch hier ist Geduld angesagt.

Als Schulbetreiberin kann ich euch sagen: Spätestens zur 1. Klasse gehen so gut wie alle brav aufs Klo.

Das Problem mit den Spätzündern ist eigentlich die Konkurrenzdenke der Eltern.
Die Vergleichsfalle. 

Das meist gesprochene Wort auf Spielplätzen, Kindercafés und sonstigen Orten, an denen sich Eltern begegnen, ist: SCHON. „Mein Kind kann schon…“, „Mein Sohn sagt schon….“, „Meine Tochter ist schon…“, ich kann es oft gar nicht mehr hören, selbst wenn ich selbst kein kleines Kind mehr habe. Viele sehen in ihren Kindern eine Art Zeugnis für ihren eigenen Stellenwert. Klar spielt da elterlicher Stolz mit, und das ist etwas schönes für unsere Kinder. Aber die Begeisterung soll die Kinder erreichen und nicht andere Mütter verunsichern oder gar verletzen…

Oder? Was meint ihr, wie man am besten aus dem SCHON-Wettbewerb aussteigt? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht mit Spätzündern?

Noch was: Klar gibt es auch Entwicklungsverzögerungen, die ganz klar mit einem Kinderarzt abgeklärt gehören. Eben: Mit einem richtigen Kinderarzt. Wenn euch das Gefühl beschleicht, dass etwas nicht OK bei eurem Kind ist, ist ein Mediziner die richtige Wahl.  Nicht die Spielplatz-Gang. 

Liebe Grüße,

Béa

 

Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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8 Kommentare

Saskia
Antworten 10. September 2018

Ich kann dem nur zustimmen. Unser Sohn ist erst zwei Wochen vor seinem 2. Geburtstag frei gelaufen. Wir haben abchecken lassen, dass es nicht irgendwelche orthopädischen Probleme gibt und dann einfach abgewartet. Und siehe da, irgendwann lief auch er! Und wen kümmert’s jetzt, 9 Jahre später, ob er mit 13 oder 23 Monaten anfing zu laufen... VG Saskia

Katharina von hyperaktiv.rocks
Antworten 19. April 2019

Unser Sohn war (und ist) in allem ein Latebloomer (ich mag das englische Wort viel lieber!). Aber nicht andere Eltern haben ein Problem daraus gemacht, sondern all die "Profis", die ihn in seinem Alltag umgeben: Erzieherinnen in der Kita, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen der Unterstufe, auch der (im übrigen sehr kompetente und erfahrene) Kinderarzt, Ergo- und Psychomotoriktherapeutin. Nur zwei Fachpersonen hat uns darin bestärkt einfach abzuwarten und unseren Jungen "wachsen" zu lassen, ohne an ihm herumzufördern: Der Neuropädiater und die Neuropsychologin, die seinen nicht existierenden "Entwicklungsrückstand" abgeklärt haben. Von diesen Beiden bekamen wir dann den Auftrag, ihm all die gut meinenden Fachleute vom Hals zu halten, damit er sich in Ruhe Entwickeln kann, ohne ständig den Eindruck vermittelt zu bekommen, er sei defizitär.

    Béa Beste
    Antworten 19. April 2019

    Stimmt: Blühen statt Brennen finde ich gut! Danke für deine Erfahrungen! Liebe Grüße, Béa

Gudrun
Antworten 19. August 2020

So etwas habe ich auch mit meinen Zwillingen erlebt. Beide verstanden sich untereinander, ihr Vokabular mit 2 1/2 Jahren sehr dürftig. Auf einer Fahrt in den Urlaub auf einmal eine Stimme aus dem Hintergrund "Ich will nicht zum Ur-Opa gehen , ich will zu Hause in meinem Bett schlafen"............

Martina König
Antworten 19. August 2020

Das Problem dabei ist, wenn man abwartet und abwartet - und sich nicht eben alles zur Einschulung in Wohlgefallen auflöst. Die Eltern stehen da und erhalten als Rat: Hab Geduld. Das "verwächst" sich. Und haben dann später mit dem Selbstvorwurf zu kämpfen, nicht schon früher mal was unternommen zu haben.

Ich habe drei wunderbare Kinder. Sie haben ihr eigenes ganz individuelles Entwicklungstempo. Das ist nicht schlimm. Sie sollen und können die Zeit haben, die sie brauchen - aber bitte auch das Verständnis und die notwendige Unterstützung.

Die Große sprach früh. Sie ist mit 10 Monaten ihre ersten freie Schritte gelaufen, mit 2,4 Jahren ging sie zur Toilette und war fast unfallfrei trocken. Mit 3 hat sie ein bisschen entwicklungs-gestottert, ein bisschen gelispelt (Kinderarzt: Abwarten, das ist normal). Mit 3,5 hatte sie dann nachts und tags wieder öfter Unfälle (Kinderarzt: Abwarten, das ist normal). Jetzt ist sie 9 Jahre. Das Stottern ist tatsächlich meistens weg, ein paar andere Baustellen sind dazu gekommen (Kinderarzt: Abwarten, manche Kinder sind halt "Spätzünder"). Erst seit letztem Jahr bekommt sie Logopädie, hat inzwischen Pflegegrad II. Sie kommt nächste Woche in die 4. Klasse und möchte gerne aufs Gymnasium. Sie hat gute Noten - aber Probleme mit dem Sprechen Lesen und Schreiben. (Kinderarzt: Abwarten - nicht jedes Kind "muss" aufs Gymnasium).

Die Schwester nahm nach der Geburt nicht vernünftig zu (Kinderärzte in totaler Panik: das liegt alles nur am Stillen!!), lief ihre ersten freien Schritte erst mit 20 Monaten, sprach etwas später als die Schwester (Kinderarzt: Oh, sie hat in ihrer Entwicklung gut aufgeholt, sieht man am Gewicht!). Für uns Eltern sprach sie ausreichend verständlich - aber andere haben sich "beklagt": Man versteht das Kind nicht. Es spricht wenig und das Wenige spricht sie undeutlich. Die Nestgruppe in der Kita meinte, das Kind sei sprachlich unterentwickelt, der Kindergarten nach unserem Umzug stimmte dem zu. Der Kinderarzt meinte dazu: Abwarten, alles normal - manche Kinder sind Spätzünder. Mit fast 5 haben wir sie einem Pädaudiologen vorgestellt und sie bekam Logopädie verordnet. Jetzt mit fast 6 Jahren (eigentlich wäre sie dieses Jahr eingeschult worden) wechselt sie in den Sprachheilkindergarten. Sie hat einen großen Wortschatz, sie spricht viel und gerne - aber sie braucht mehr Zeit (und auch fachliche Unterstützung) bei der Lautbildung.

Das dritte Kind hat in den ersten zwei Lebensjahren eine Dauer-Antibiose gebraucht. Er lief zwar mit einem Jahr frei, lautierte früh und plapperte viel. Aber er lief nicht "altersgemäß" (sehr breitbeinig, schwankende), lernte nicht "altersgemäß", spielte nicht "altersgemäß", sprach nicht "altersgemäß". Er sprach bis nach seinem 2. Geburtstag keine richtigen Worte (nur aneinander gereihte Laute - das allerdings gerne und ausgiebig). - Kinderarzt: Abwarten, er hat soviel durchgemacht. Das kommt alles noch. Manche Kinder haben mit 3 Jahren eine Sprachexplosion. Im Mai wurde er 3 Jahre alt und hat ca. 20 Worte gesprochen. Seit ein paar Wochen sind wir so bei 80 Worten und den allerersten zaghaften Zwei-Wort-Sätzen. Und er redet viel, er redet den ganzen Tag. Auto, Drache, Blume, Wasser usw. Nachplappern ging schon immer, jetzt werden Worte auch richtig "verwendet", Gegenstände "benannt". Das ist also die angekündigte Sprachexplosion. Aber auch die läuft halt in seinem eigenen Tempo ab. Und seine sonstige Entwicklung eben auch. Er braucht Verständnis und er braucht bei vielen Dingen auch mehr Zeit und mehr Unterstützung.

Manchmal reicht "Abwarten" nicht alleine. Und nicht jedes Elternteil ist von Ehrgeiz beseelt, wenn es sich Verständnis, Unterstützung und Förderung für sein Kind wünscht.

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