Wutanfälle bei Kindern: Kylo Ren muß zur Therapie!


Kennt ihr Wutanfälle bei Kindern? Die liebe Mutterseelesonnig gehört zu meinen Blogentdeckungen des letzten Jahres! Ich mag ihre Schreibe sehr – jetzt hat sie mir einen Gastbeitrag geschrieben… über Kinder und ihre Wutanfälle. Mehr über sie am Ende des meiner Meinung nach mega witzig geschriebenen Textes  – so wie immer die Texte von Mutterseelesonnig sind

Die Kunst- und Kulturmanagerin aus der Schwabenmetropole hat ein gute Schreibe – und hier habt ihr bei mir eine Kostprobe. 

Wie sollen Jungs eigentlich lernen, ihr Wut zu kontrollieren, wenn es für fehlgeleitete Jedis normal ist, in einem Wutanfall das eigene Raumschiff kurz und klein zu schlagen?

Dass Jungs (und ihre Umgebung) ab dem Alter von ca. 5 mit infernalischen Wutanfällen zu kämpfen haben, ist nicht neu und trotzdem immer wieder ein Problem. Für alle Beteiligten. Es wird gebrüllt, gewütet, gewürgt, geschlagen, verzweifelt und geheult. Der Testosteron-Gehalt steigt ab dem Vorschulalter auf ein Vielfaches an, und so haben die fast schulreifen Knilche immer die eine Hand am Sack und die andere an der Waffe. Das muss man nicht mögen, aber man kann sich mit dem Gedanken trösten, dass es bis zu einem gewissen Grad normal ist. Als meine Kinder noch putzig in der Sandkiste saßen und mir niedliche Kuchen mit Blümchen gebacken haben, habe ich mich immer gefragt, wer eigentlich diese 5-7jährigen Asis sind, die grölend den Spielplatz unsicher machen, Banden bilden, im Gebüsch verschwinden und wahre Kriege gegen andere Horden anzetteln. Inzwischen weiß ich es, denn mein Sohn ist ganz vorne mit dabei.

Jetzt ist er 9 und wut-technisch schon wieder einigermaßen abgeklärt.

Er hat gelernt, die noch lauteren Gröhler einfach dumm stehen zu lassen, indem er sie ignoriert und sich abwendet („Mama da brauch ich nicht viel zu machen, der ist ja schon so dumm!“).

Bis dahin war es ein weiter Weg, denn die emotionalen Ausbrüche gingen bei ihm sehr weit und nicht nur in Richtung Wut: Wenn er sich bestimmten Situationen ohnmächtig ausgeliefert fühlte, wurde er so abgrundtief traurig und verzweifelt, dass ich mir ernsthaft Sorgen gemacht habe. Sonst ein echter Sonnenschein, charmant, fantasievoll, kreativ, temperamentvoll und fröhlich, und dann auf einmal: „Ich wär lieber tot, als dass hier erleben zu müssen!“ und „Ich will nicht mehr leben, mein Leben ist so schrecklich!“ und ähnlich furchtbar Aussagen. Das fand ich eine Spur zu heftig für einen 7jährigen, zumal sich zeitgleich die Berichte aus dem Hort und von Freunden mehrten, dass er außer sich vor Wut war, er seine besten Freunde würgte und in regelrechte Raserei geriet. So schlimm, dass andere Kinder alarmiert ausriefen „der bringt den um!“. Traurigkeit, Verzweifelung und Wut, und schließlich gipfelte alles in einem epileptischen Anfall: da waren dann sämtliche Sicherungen durchgebrannt, physisch und psychisch.


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Ich habe Gottseidank sehr schnell einen sehr fähigen Therapeuten für ihn gefunden

… und ein Jahr lang hat er bei seinem geliebten Bernd (Name geändert)  gelernt, dass alle seine Gefühle wichtig und richtig sind, er sie aber erkennen, kontrollieren und steuern kann. Die bodenlose Verzweiflung und Traurigkeit sind gewichen, die Wut in lebbare Bahnen gelenkt und er hatte, ganz ohne Medikamente, nie wieder einen epileptischen Anfall. Wenn ich müde von der Arbeit komme und angesichts von Haushalt-Wäsche -Abendessen kurz zusammenbrechen möchte, dazu die vorpubertäre große Schwester zickt, was das Zeug hält, dann ist er hier oft der geerdeste von allen.

Vor allem hat er es tatsächlich geschafft, die gesellschaftliche Legitimation von Wut zu überwinden, auch wenn er es bestimmt nicht so ausdrücken würde. Viele Eltern haben zwar keine Lust auf Wutanfälle, finden aber ein gewisses Maß an Aggression und Hau-drauf-Mentalität bei Jungs durchaus wichtig und angebracht, das habe ich deutlich zu spüren bekommen.

Das geht von Aussagen wie „ist halt ein echter Racker“ bis hin zur Judo-Trainerin, die meinem Sohn nach einem verlorenen Wettkampf bescheinigte „der braucht halt mehr aggressives Angriffspotential“. Schönen Dank auch! Ich bin sehr stolz auf meinen Sohn, dass er sich nach diesem Wettkampf vom Judo abgemeldet hat, weil er keinen Bock hatte, mit Atemnot auf die Matte gedrückt zu werden, geschweige denn, mit derselben Aggression seinen Gegner fertig machen zu müssen.

Er sitzt gemütlich im Kino, schaut sich an wie Kylo Ren in Star Wars 7 vor Wut sein eigenes Raumschiff kurz und klein schlägt und bemerkt trocken:

„Der müsste auch mal zum Bernd zur Therapie!“.

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Annette ist alleinerziehend und  bloggt seit August 2015 weil (O-Ton):

… die Ungerechtigkeiten, denen ich als Alleinerziehende manches Mal ausgesetzt bin, nicht ohnmächtig gegenüber stehen möchte, sondern sie in die Welt hinausschreien will

… das Leben mit Kindern so großartig, faszinierend, anstrengend, urkomisch, bizarr und bereichernd ist, dass ich es einfach teilen muss

… Schreiben schon immer mein Weg, meine Gedanken zu ordnen, war. Ich will mich vernetzen, meine Gedanken austauschen, mich inspirieren lassen und ich erlebe beim bloggen dieses Gefühl von „you’re not alone“

Und hier steht mehr: https://mutterseelesonnig.wordpress.com/%20uber-mich/

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Übrigens, kennt ihr auch meinen Text: „Don’t cry for my Agressina?“


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Béa Beste
About me

Schulgründerin, Mutter, ewiges Kind. Glaubt, dass Kreativität die wichtigsten Fähigkeit des 21. Jahrhunderts ist und setzt sich für mehr Heiterkeit beim Lernen, Leben und Erziehen ein. Liebt Kochen, reisen und DIY und ist immer stets dabei, irgendeine verrückte Idee auszuprobieren, meist mit Kindern zusammen.

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5 Kommentare

Emma
Antworten 10. März 2016

Also normal finde ich das nicht. Ich habe zwei Söhne. Der Große hatte so gut wie nie einen Wutanfall. Der Kleine hatte schon mit 3 Jahren ab und zu einen Wutanfall, aber weder in dem Alter noch später mit so einer Heftigkeit. Auch aus dem Kindergarten kenne ich dieses Verhalten nicht. Klar im Vorschulalter werden sie schon mal etwas frecher und aufmüpfiger, aber solche Anfälle sind doch sehr selten.

Sarah
Antworten 14. September 2017

Ich finde den Text sehr schön und erkenne meinen Sohn auch in einigem wieder. Ich finde es wichtig der Wut Raum zu geben und trotzdem die Grenzen aufzuzeigen wenn andere dabei verletzt werden. Was ich aber eigentlich nur zufügen wollte ist, dass es nicht richtig ist, dass bei Jungs tatsächlich der Testosteron spiegelt steigt. Das ist ein sehr verbreitetes Gerücht jedoch medizinisch widerlegt. Es geht viel mehr weiterhin um Autonomie und auch Kräfte messen, gerade bei den Jungs. Das Testosteron lässt (zum Glück) aber noch ne Weile auf sich warten ;)

Steffi
Antworten 28. Februar 2020

Hallo Bea,
schön zu lesen, dass es noch andere Kinder gibt. Mein Sohn kämpft auch mit seiner Wut.
Was für ein Therapeut ist Bernd? Wie hast Du ihn gefunden und falls Bernd in der Nähe von Köln ist, kannst Du mir seine Adresse mailen?

Vielen Dank
Steffi

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